Rezensionen

“And I Darken” von Kiersten White

No one expects a princess to be brutal. And Lada Dragwyla likes it that way. Ever since she and her brother were abandoned by their father to be raised in the Ottoman sultan’s courts, Lada has known that ruthlessness is the key to survival. For the lineage that makes her and her brother special also makes them targets. Lada hones her skills as a warrior as she nurtures plans to wreak revenge on the empire that holds her captive. Then she and Radu meet the sultan’s son, Mehmed, and everything changes. Now Mehmed unwittingly stands between Lada and Radu as they transform from siblings to rivals, and the ties of love and loyalty that bind them together are stretched to breaking point.


MEINE GEDANKEN

Hier stand mal eine sehr lange, sehr konfuse Rezension, die ich geschrieben hatte, nachdem ich „And I Darken“ ausgelesen hatte. Damals war ich sauer und aufgewühlt, weshalb meine Rezension nicht so gut geworden ist, wie sie hätte sein können. Deshalb habe ich heute (14. Dezember 2018) eine neue Rezension geschrieben, auch, weil mir letztens aufgefangen ist, wieso genau Kiersten White und dieser Roman mich so wütend machen. Manchmal dauert es eben ein bisschen, bis es Klick macht, und hier hat es ein bisschen Kontext gebraucht.

Aber anstelle eines wütenden Aufsatzes möchte ich hier gern einfach eine verständliche, sachliche Rezension stehen haben, denn in meinen Augen vereint „And I Darken“ alles, was in der historischen Fiktion im Moment schiefläuft. Das mag hart klingen, aber ich kann es nicht anders ausdrücken. Dass dieser Roman so ein Bestseller geworden ist, ärgert mich, da möchte ich gar nicht so tun, als wäre es anders. Es ärgert mich, nicht nur, weil vieles hier faktisch falsch ist, sondern besonders, weil Kiersten White Geschichte, vor allem queere Geschichte, in diesem Roman bewusst verdreht.

Damit meine ich nicht, dass die Prämisse dieses Romans ist, dass der berühmte Vlad Drăculea in diesem Roman eine Frau ist. Diese Prämisse fand ich sehr spannend, sonst hätte ich das Buch ja gar nicht erst lesen wollen. Was wäre anders gewesen, wäre der berüchtigte Pfähler eine Frau gewesen? White hat sich hier eine sehr interessante Prämisse ausgesucht. Das Potential bleibt leider vollkommen ungenutzt. Und deshalb schreibe ich diese neue Rezension jetzt nicht als wütende, enttäuschte Leserin, sondern vor allem als Historikerin, die auf das, was White hier macht, einen sehr kritischen Blick hat.

LADA, DIE HOLZKISTE, UND ANDERE ÄRGERNISSE

Ich fange mit dem an, was mich noch am wenigsten gestört hat: Den falschen Fakten. Gleich zu Beginn des Romans wird behauptet, die Protagonistin würde Ladislav heißen und das sei die weibliche Form des rumänischen Vornamens Vladislav (Vlad Drăculeas voller Vorname). Und dieser Fakt allein macht deutlich, dass Kiersten White kaum recherchiert haben kann, oder zumindest nicht so, wie sie es hätte tun sollen. Behaltet das mal für später im Kopf.

Ladislav ist natürlich nicht die weibliche Form von Vladislav. Ladislav ist ein tschechicher Vorname. Die weibliche Form von Vladislav wäre Vladislava gewesen. Und der Spitzname „Lada“ ergibt im Rumänischen sehr wenig Sinn. „Lada“ bedeutet „Kiste“ und wird zwar in Tschechien als Name verwendet, aber nicht in Rumänien. Darüber hinaus benutzt White rumänische Titel falsch und scheint für das Sprachliche sowieso kaum ein Auge gehabt zu haben – alles wirkt irgendwie amerikanisiert, was im Rumänien des 15. Jahrhunderts mehr als komisch wirkt.

Was mich jedoch viel eher stört, ist, dass sie darüber hinaus Geschichte verdreht, wie es ihr passt. Und man könnte jetzt sagen: „Es ist alternative Geschichte, Vlad war ja auch in echt keine Frau“. Aber in meinen Augen ist „alternative Geschichte“ kein Freifahrtschein, um alle Fakten zu ändern, die einem nicht gefallen. So wird aus dem moldawischen Prinzen Bogdan im Handumdrehen der Sohn eines rumänischen Dienstmädchens. Die Halbgeschwister Vlad und Radu, sechs Jahre auseinander, werden im Roman ohne guten Grund zu Geschwistern, zwischen denen nur ein Jahr liegt. Und so gehen historische Romane nicht, auch keine alternativ historischen.

White hat es sich sehr einfach gemacht. Was ihr nicht in den Plot gepasst hat, hat sie verändert. Das rumänische Frauenbild des Mittelalters findet überhaupt keine Beachtung, stattdessen überträgt sie moderne, amerikanische Ideen vom Mittelalter auf diese historische Gesellschaft. Und der Grund, weshalb ich den Roman eigentlich lesen wollte, fällt damit dann auch weg. Denn die Frage danach, wie die Geschichte Rumäniens ausgesehen hätte, wäre Vlad der Pfähler eine Frau gewesen, stellt sich gar nicht mehr. Es sind zu viele Fakten verdreht worden und, da das Frauenbild überhaupt nicht greift, ergibt sich auch kein halbwegs authentischer Verlauf dieser Prämisse. Schade.

EINE “HISTORY PERSON” HÄTTE ANDERS GEHANDELT

Und das zieht sich durch diesen Roman einfach von vorn bis hinten durch: Kiersten White verdreht, was ihr nicht in den Plot passt. Und das nimmt gefährliche Dimensionen an, wenn man den Kontext kennt. Aber von vorn. Mein größter Kritikpunkt ist, dass Kiersten White Mehmed II. als durch und durch heterosexuell darstellt. Es gibt einige historische Quellen, die besagen, dass Mehmed II und Vlads Bruder Radu cel Frumos (der später selbst Herrscher über die Walachei war) ein Paar waren. Ich werde hier jetzt nicht lang ausführen, ob das wirklich wahrscheinlich ist und was dafür und was dagegen spricht, aber es gibt diese Quellen und Kiersten White kennt sie.

Hier hat sich ihr eine großartige Chance geboten, queere Geschichte, die noch dazu belegbar ist, zu schreiben. Und ja, ich bin sehr naiv an diesen Roman herangegangen. Ich dachte tatsächlich: „Natürlich wird sich Mehmed in Radu verlieben.“ Aber Fehlanzeige. Radu ist schwul, das halte ich White zugute. Sie hätte ihn schließlich ebenfalls hetero waschen können. Aber ihr Mehmed II. ist nicht nur hyper heterosexuell, er verliebt sich auch ausgerechnet in Lada – ein Mädchen, das es niemals gegeben hat. Und das ist eine Ungeheuerlichkeit. Dass White die Quellen zu Radu und Mehmed kennt, liegt auf der Hand, denn sie hat Radu ja schwul sein lassen. Sie hat sich trotzdem entschieden, Mehmed II. eine tragische, heteronormative Romanze mit einer fiktiven Frau anzudichten.

Warum das nicht geht, habe ich mittlerweile in einem Post erklärt. Was mich in diesem Fall aber ganz besonders aufregt, ist, dass Kiersten White, als sie damit konfrontiert wurde, die Expert.innen-Karte gespielt hat. Auf Twitter bezeichnete sie sich als „history person“ und behauptete, die Quellen zu Mehmed II. und Radu seien alle falsch (bzw., dass sie dazu “disagreements” hätte). Natürlich, ohne selbst Quellen anzugeben, die ihre Behauptung belegen. Und das ist es, was ich so gefährlich finde. Dass sich hier eine Frau gegenüber meist jungen Leser.innen den „Ich bin eine Expertin“-Stempel aufdrückt, um ein Stück queere Geschichte als unwahr hinzustellen, dass sie nicht als unwahr belegen kann, weil nun einmal Quellmaterial dazu existiert.

White hat hier die Chance gehabt, einen historischen Roman zu schreiben, in dem queere Figuren – wichtige Figuren noch zudem, zwei Herrscher – miteinander glücklich werden. Stattdessen wird der eine hetero gewaschen, der andere verkommt zum ewigen leidenden Märtyrer, der für den Mann, den er liebt und nicht haben kann, alles tut und sich aufopfert. Und das ist so oder so ein queerphobes Trope, aber obendrauf einfach absolut nicht in Ordnung, wenn man weiß, dass diese Beziehung sogar historisch belegbar ist. Alles an dieser Situation ist in meinen Augen hässlich und vor allem ist es ein Unding, dass sich hier eine Autorin unter dem Deckmäntelchen eine „echte“ Historikerin zu sein, so ins Zeug legt, zu leugnen, dass an den Quellen etwas dran sein könnte.

Mir macht das Bauchweh. Weil dieses Buch ein Bestseller ist und im Moment das Medium, dass das Verständnis von rumänischer Geschichte für viele Leser.innen am ehesten prägen wird. Weil Kiersten White ihren Bias so durchzusetzen versucht, ohne auch nur die Möglichkeit gelten zu lassen, dass es auch anders gewesen sein könnte. Weil sie Geschichte verdreht, zudem die Geschichte einer Kultur, die nicht ihre eigene ist, und sich als Expertin hinstellt, der man vertrauen kann. Und vor allem, weil sie historische Quellen (und nicht nur eine, sondern verschiedene, zeitgenössische Quellen aus verschiedenen Perspektiven) – aber auch Historiker.innen, die mit ihnen arbeiten und versuchen, queere Geschichte sichtbar zu machen – mit einem einzigen Tweet abwertet.

WIE HISTORISCHE FIKTION NICHT GEHT

Ich könnte noch viel zu diesem Buch schreiben. Zum Beispiel, dass Ladas „Stärke“ nur darin liegt, dass sie skrupellos verletzt und tötet, aber darüber hinaus mehr als misogyn ist. Sie hasst alle anderen Frauen. Oder, dass der Roman sehr islamophobe Tendenzen aufweist, da die Christin Lada nicht nur das osmanische Reich besiegen will, sondern auch den Islam selbst. Oder, dass es einfach nicht geht, dass White hier mit rumänischer Geschichte spielt, als würde sie einen Fantasyroman schreiben.

Am Ende spare ich mir das an dieser Stelle aber, weil der Roman – und Kiersten White als Autorin – für mich in dem Moment verloren haben, in dem sie sich hingestellt hat, als „history person“, um eine historisch belegbare, queere Beziehung zu leugnen. So arbeiten „history people“ nicht. Wenn wir etwas leugnen oder behaupten, dann ist es essenziell Quellen zu liefern, die unseren Standpunkt stützen. Und das ist besonders hässlich, weil queere Geschichte immer noch totgeschwiegen und an allen Ecken und Enden unter den Teppich gekehrt wird (Mittlerweile ist der Beleg für die Beziehung übrigens auch von Wikipedia still und heimlich verschwunden, go figure).

Wer einen Roman wie diesen schreibt, der hat eine Verantwortung inne. Besonders, wenn es ein Buch für Jugendliche ist. Kiersten White ist mit dieser Verantwortung mehr als schlecht umgegangen. Sie hätte ein Stück wahre, queere Geschichte beleuchten können. Stattdessen hat sie einen queeren Mann in die Rolle des leidenden, unglücklich Verliebten gedrängt, um seinem historisch belegbaren Partner die fiktive (!) Heldin an die Seite zu stellen. Vielleicht ist euch ja egal, ob dieser Roman historisch authentisch ist, oder nicht. Das ist okay. Was nicht okay ist, niemals, ist diese Form von Erasure und deshalb macht es mich so wütend, was die Autorin hier gemacht hat.


BIBLIOGRAPHIE

And I Darken | The Conqueror’s Saga #1 | Delacorte Press, 2016 | 9780553522310 | 475 Seiten | Englisch

6 Kommentare

  • Isana Nadeya

    Huch, jetzt war ich kurz verwirrt, weil ich "And I darken" ohne mit der Wimper zu zucken bei Fantasy eingeordnet habe, aber deine Rezension baut ja darauf auf, dass es ein historischer bzw. alternativer, historischer (???) Roman ist. Es gibt einfach zu viele Genres… Aber ich habe nach geschaut und es wird tatsächlich als "alternative history fiction" (Pseudohistorische Fantasy auf deutsch) oder so gelistet und zählt als Sub-Genre zu Fantasy… Na ja. Da konnte sich der Verlag wohl nicht entscheiden.

    Jedenfalls, wow! Ich nehme mal an, da du Geschichtsstudentin bist, hast du auch Ahnung wovon du sprichst und bin jetzt erst einmal maßlos enttäuscht, denn um ehrlich zu sein, hat mich dieses Buch ja schon gereizt und ein paar Blogger, denen ich auch vertraue, hat es wirklich super gut gefallen. Aber wenn historischen Fakten einfach so aufploppen, alles verdreht und geändert wird, dann kann man nun wirklich nicht mehr von einem historischen Roman sprechen!
    Und deine anderen Kritikpunkte kann ich auch absolut nachvollziehen, Frauenhass ist kein Feminismus und Schwule auch nicht alle weinerlich. Tja, schade. – Ich werde vielleicht mal rein lesen, um mir selbst ein Urteil zu bilden. Aber deine Rezension schreckt schon ganz schön ab! ^^ Sie ist aber auch sehr ausführlich, verständlich und flüssig zu lesen! Sehr gut geschrieben!

    LG
    Hanna

  • Charlotte

    Danke für den langen Kommentar! Ja, wenn ein Buch mich so ärgert wie "And I Darken" muss ich mir meinen Frust oft einfach von der Seele schreiben. 😡

    "And I Darken" ist "alternative Fantasy", aber es beruht auf einer echten Geschichte und was mich daran so ärgert ist, wie willkürlich Fakten und Veränderungen durcheinander geworfen werden. Einfach ohne Sinn und Verstand halt. Aber falls das Buch dich interessiert, dann bild dir auf jeden Fall eine eigene Meinung! Ich wäre gespannt auf deine Rezension. 😀

  • Dana

    Hi Kat,

    ich muss sagen, ich mochte dieses Buch. Deswegen ist mir beim Lesen deiner Rezension gerade ein bisschen die Kinnlade runtergeklappt und ich weiß auch nicht so ganz, wie ich damit umgehen soll.
    Im Gegensatz zu dir habe ich lange kein so fundiertes historisches Wissen, weshalb ich den Roman als relativ gut recherchiert empfunden habe. Wobei ich auch eine Rezension von einer (durchaus kritischen) Geschichtsstudentin gelesen habe, die die Recherche gelobt hat.
    Ich kann dene Kritikpunkte durchaus nachvollziehen, weiß aber im Endeffekt nicht, ob sie mich so stark stören wie dich.

    Liebe Grüße,
    Dana

  • Kat Charlotte

    Hi Dana! Erstmal danke für diesen Kommentar und auch für deine anderen. <3

    Am Ende sind Bücher trotz allem ja Geschmackssache und falls dir dieses Buch gefallen hat, freut mich das eigentlich echt. Ich bin sehr kritisch, was meine angesprochenen Punkte angeht, und es macht mich einfach immer traurig, wenn mit eher unbekannter Geschichte so umgegangen wird, aber das heißt ja nicht, dass das jedem so wichtig sein muss wie mir.

    Was die Recherche angeht… hm. Ich stand da mit einer rumänischen Leserin im Austausch, die auch sehr enttäuscht war und habe auch selbst Familie aus Rumänien, weshalb das für mich vielleicht nochmal eine andere Sache ist, als für andere Leser, wo gar kein persönlicher Bezug besteht. Ich freue mich aber wie gesagt, wenn Bücher, die ich nicht mag, anderen Freude machen, egal aus welchen Gründen ich sie nicht mochte.

    Falls du den zweiten Teil liest oder schon gelesen hast, kannst du mir ja mal sagen, wie der so ist, da bin ich nämlich schon etwas gespannt!

  • Nenatie

    Hallo,
    so endlich komme ich auch mal dazu hier einen Kommentar zu schreiben. Ich mag deine Rezension sehr und kann deine Kritik absolut nachvollziehen. Und tatsächlich animierst du mich dazu mich mehr mit Geschichte zu befassen.
    Ich gehöre auch zu den Lesern die das Buch gut fanden, allerdings war es für mich auch mehr Fantasy die sich an einem historischen Setting orientiert. Es ist sogar mir aufgefallen das das Buch nicht wirklich als historischer Roman oder "alternative Geschichte" durchgeht.

    LG

  • Kat | Teesalon

    Hi! Mein größtes Problem ist auch tatsächlich einfach, dass Autorin und Verlag das Buch als gut recherchierte (alternative) Geschichte zu verkaufen versuchen. Wäre das hier eine an rumänischer Geschichte angelehnte High Fantasy, hätte ich zwar immer noch Probleme mit Ladas Anti-Feminismus, aber eigentlich würde der Rest ja wegfallen und dann wäre meine Wertung sicherlich ganz anders ausgefallen.

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