Wieso gruseln wir uns so gern?

Foto: Kira auf der Heide / Unsplash

Auf den ersten Oktober freue ich mich jedes Jahr, denn der Oktober ist mein Lieblingsmonat. Sobald es wieder so weit ist, werden die gemütlichen Pullover aus dem Schrank geholt, noch mehr Tee getrunken als sowieso schon, bei Starbucks nur noch Pumpkin Spice Latte bestellt, der Twittername in etwas für Halloween angemessenes geändert und – haufenweise Grusel- und Horrorromane gelesen.

Ich weiß, dass einige von euch ähnlich ticken. Der Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit. Aber warum gehören für viele von uns Grusel, Horror und Halloween so fest zum Herbst dazu? Wieso gruseln wir uns so gern? Ich persönlich ziehe gemütlichen Grusel oder psychologischen Horror übrigens klassischem Splatterhorror vor. Mir geht es wirklich um den Gruseleffekt, weniger um Ekelszenarien oder Schockmomente. Wir kennen das ja sicherlich alle, wenn uns beim Lesen ein Schauer über den Rücken läuft, wir irgendwann aufstehen, um das Licht anzumachen und dann immer wieder sichergehen müssen, dass wir wirklich noch allein zuhause sind. Ich kenne das. Und ich mag das. Aber warum mag ich das?

HORROR? GERN! ABER IN MAẞEN

Ich glaube, den Reiz von gemütlichem Grusel kann man relativ einfach erklären. Es steckt ja schon in der Beschreibung drin: Es ist gemütlich. Geschichten über alte Herrenhäuser und dunkle Wälder, fremde Dörfer und merkwürdige Vorkommnisse können nicht nur gruselig sein, sondern auch wunderschön. An diesem Untergenre, das ich übrigens am liebsten mag, wenn es um Grusel geht, reizt mich persönlich am meisten diese ganz bestimmte Ästhetik des Grusels: Das alte Herrenhaus liegt verlassen irgendwo in England, Gaslicht beleuchtet die Gänge, draußen tobt ein Herbststurm… ich bin jemand, der dieses Szenario nicht nur unheimlich findet, sondern auch sehr schön.

Ich muss dazu sagen, dass ich mich schon immer eher zur düster-romantischen Ästhetik hingezogen gefühlt habe. Der perfekte Urlaub war für mich nie Spanien im Sommer, sondern immer schon die Moore von England oder die bretonische Küste im Herbst. Raues Wetter, grauer Himmel und Herbststurm sind genau meins und vielleicht flüchte ich mich deshalb so gern in gemütliche Gruselromane, weil das Setting oft dieser Ästhetik entspricht. Aber natürlich ist das nicht alles. Denn ich könnte schließlich auch einfach einen Krimi oder eine Liebesgeschichte in diesem Setting lesen.

Aber es muss dann schon Grusel sein. Warum? Ich denke, es ist eine emotionale Sache. Grusel und Horror, besonders von der psychologischen Sorte, sind sehr emotionale Genres, weil sie mit unseren Gefühlen und Erwartungen spielen. Wir sollen uns fürchten, wir sollen uns um die Helden Sorgen machen, wir sollen uns erschrecken und etwas tragisch finden oder aufatmen, wenn etwas doch noch einmal gut gegangen ist. Wenn er gut gemacht ist, macht Horror uns nicht einfach nur Angst, er nimmt uns auch mit, bringt uns Figuren und Settings näher, als so manch anderes Genre.

Dazu kommt natürlich auch die rein biologische Seite des Ganzen, denn unser Gehirn macht gar nicht so viele Unterschiede zwischen Freude und Angst, wie man meinen mag. Beides sorgt dafür, dass Dopamin ausgeschüttet wird und beides kann als spaßig empfunden werden – besonders, wenn man eigentlich weiß, dass man sicher und gar nicht wirklich in Gefahr ist. Natürlich hat jedoch jeder Mensch eine eigene Schwelle, was Horror und Grusel angeht. Meine Gruseltoleranz ist tatsächlich eher niedrig, obwohl ich das Genre so sehr mag. Subtiler Grusel, psychologischer Horror und eine schaurigschöne Ästhetik – das reicht mir.

Denn Horror kann auch sehr verstörend sein und das würde ich persönlich auch nicht unterschätzen. Wenn wir etwas lesen – oder einen Film sehen – der uns mehr abfordert, als wir spaßig finden, kann uns das lange begleiten. Wird Horror zum Beispiel zu psychologisch, gibt zu tiefe Einblicke in die Abgründe der menschlichen Psyche, fällt es mir oft schwer, das zu verarbeiten oder zu vergessen und ich finde, das muss nicht sein. Man kennt sich selbst am Besten und, wenn man ahnt, dass ein Roman oder ein Film zu viel für einen sein könnte, dann ist nichts dabei, ihn auszulassen.

Ich habe übrigens das Glück gehabt, dass mich meine Freunde als Kind oder Jugendliche nie gezwungen haben, einen Horrorfilm anzusehen. Ich weiß aber, dass es vielen da anders ging und ich höre immer wieder Geschichten, dass jemanden diese Erfahrungen bis heute begleiten und nicht mehr loslassen. Wie oben bereits gesagt: Horror ist eins der emotionalsten Genres, die es gibt und das mag ich einerseits daran. Andererseits kann es aber auch sehr negativ sein, wenn uns diese starken Emotionen negativ beeinflussen. Auf der nächsten Halloweenparty gilt also nicht nur beim Alkohol, sondern auch beim Horrorfilm: Kenn deine Grenzen. Halloween soll gruseln und Spaß machen, aber es soll uns nicht verstört und verängstigt zurücklassen.

KATRIONA GOES HORROR

Ist die Faszination vom Gruseligen eigentlich ein neues Phänomen? Wenn ich schon so frage, dann ist die Antwort natürlich: Nein. Ich glaube, dass es sehr menschlich ist, sich gern zu gruseln und vielleicht auch irgendwie mit der Konfrontation der eigenen Angst vor dem Düsteren oder sogar dem Tod zusammenhängt. Die älteste Form der Geschichte ist nicht ohne Grund die Schauergeschichte, die bereits im Mittelalter von reisenden Geschichtenerzählern verbreitet wurde und sich über die Jahrhunderte zur Schauerballade und zum Bänkellied entwickelt hat.

In der frühen Neuzeit können wir die Vanitasbewegung beobachten, die mit düsteren Totentanzbildern auf die eigene Sterblichkeit aufmerksam macht, im späten neunzehnten Jahrhundert wandelt sich das Ganze dann zum sogenannten Sieg über den Tod: Die düstere Romantik hält Einzug, Schauerromane werden beliebter denn je, in Paris eröffnen die makabren Gruselcafés, in denen Skelettkronleuchter von der Decke hängen und Särge als Dekoration herumstehen. Und ich glaube, ganz besonders diese Entwicklung des späten neunzehnten Jahrhunderts hat uns noch immer im Bann: Wenn wir Horror oder Grusel lesen, konfrontieren wir uns unausweichlich selbst mit dunklen Wahrheiten, Tod und den Abgründen der menschlichen Psyche, aber am Ende macht uns das ja nicht nur Angst, sondern auch Spaß.

Und Halloween selbst hat seine Ursprünge ja schließlich auch bereits in der Antike und hat sich über die Jahrhunderte vom religiösen Brauch zum Gruselfest gewandelt. Gerade im Herbst und Winter ist uns das Thema Vergänglichkeit ja besonders nah, weil es die meiste Zeit kalt und dunkel ist und beinahe alles verblüht. Das ist sicherlich ein Grund, warum viele von uns gerade in der dunklen Jahreszeit gern zu Grusel- und Horrorromanen greifen. Es gehört einfach ein Stück weit dazu.

Und deshalb möchte ich diesen Oktober ganz im Zeichen von Grusel und Horror begehen und in den nächsten vier Wochen gezielt Grusel- und Horrorromane vorstellen. Natürlich nicht nur, denn irgendwann wird das Genre selbst mir langweilig, wenn ich zwischendurch nichts anderes lese, aber eben doch im Fokus. Um das ganze übersichtlich zu gestalten, werde ich meine Horror- und Gruselrezensionen mit “Halloween 2017” markieren. Und wer jetzt schonmal geklickt hat, hat auch gesehen, dass ich bereits angefangen habe! Aber worauf könnt ihr euch diesen Oktober einstellen?

Wie gesagt, ich lese am liebsten gemütlichen Grusel. Dazu zähle ich unheimliche cozy mysteries, Schauergeschichten und historischen Gaslichtgrusel. Darüber hinaus könnte sich der ein oder andere klassische Horrorroman dazu gesellen: Auf meinem SUB für diesen Oktober liegt nämlich unter anderem Paige McKenzies “Sunshine Girl: Die Heimsuchung”. Aber auch skurrilem und lustigem Grusel bin ich absolut nicht abgeneigt, weshalb auch düstere Urban Fantasy dabei sein wird, sowie der ein oder andere Gruselthriller.

Mit von der Partie ist natürlich auch eins meiner liebsten Genres schlechthin: Southern Gothic. Klassischer Südstaatengrusel. Ich habe nämlich seit Monaten “Nacht über dem Fluss” von Christopher Buehlmann auf meinem SUB, das unbedingt gelesen werden möchte. In diese Richtungen soll der Gruseloktober also gehen. Ich hoffe, dass ich euch am Ende Gruselliteratur der verschiedensten Art vorstellen kann und die Gruselfans unter euch vielleicht die ein oder andere Anregung mitnehmen können.

Aber natürlich interessiert mich auch, ob ihr Grusel und Horror mögt und welche Untergenres euch am Besten gefallen. Habt ihr vielleicht sogar Lieblingsgruselbücher, die ihr mir empfehlen wollt? Lasst es mich ruhig in den Kommentaren wissen!

About

2 comments

  1. Hallo :)was für ein gelungener Beitrag! Du hast vieles zum Thema Grusel und Horror so treffend auf den Punkt gebracht! Und ich freue mich so auf die kommenden Rezensionen!Ich mag Horror und Grusel jeder Art, wobei ich vor allem gerne Schauergeschichten mit Gesitern in düstere Atmosphäre mag! Splatter muss nicht sein, das ist mir meist zu viel."Nacht über dem Fluss" habe ich vor Jahren gelesen und rezensiert. Es war gut, ich erinnere mich noch an ein bisschen was. Vielleicht lese ich es auch einfach nochmal :)"Sunshine Girl: Die Heimsuchung" liegt noch auf meinem SuB.Ich denke Greythorne von L.M. Merrington wäre was für dich. Eine wirklich tolle schaurige Atmosphäre! Vielleicht auch Das blaue Haus von Rona Walter, das gibt es allerdings nur als eBook.Und kennst du Herr der Moore von Kealan Patrick Burke? Geniales Setting, viel Gruselmomente. Teilweise aber etwas brutal soweit ich mich erinnern kann!LG

  2. Danke! Deine Buchtipps klingen alle richtig gut, die wandern direkt auf die Wunschliste!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.