Rezensionen

“Schön, schöner, tot” von Roxanne St.Claire

Kenzie ist ein Latein-Nerd, schlau, ehrgeizig – und auf der Liste der zehn heißesten Mädchen der Schule! Sie versteht die Welt nicht mehr. Die Partyeinladungen häufen sich, alle wollen mit ihr befreundet sein und gleich zwei süße Jungs flirten sie an. Doch dann passieren mysteriöse Unfälle. Das erste Mädchen der Liste stirbt … kurz darauf Nummer 2. Alles nur Zufälle? Oder ein düsterer Fluch? Für Kenzie beginnt ein mörderischer Wettkampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Und die Uhr tickt, denn sie ist die Fünfte!


MEINE GEDANKEN

Irgendwie lese ich in letzter Zeit, wenn ich denn mal was lese, ständig so Bücher, die der Inbegriff von ¯\_(ツ)_/¯ sind. “Schön, schöner, tot” ist dabei kein Buch, bei dem man mit den Schultern zuckt, weil es langweilig ist oder einen nicht interessiert, sondern, weil es ab einem bestimmten Punkt so abstrus ist, dass einem gar nichts anderes mehr übrig bleibt. Das muss nichts Schlechtes sein, aber bei “Schön, schöner, tot” bin ich mir einfach nicht sicher, ob ich hinnehmen möchte, wie unlogisch und vor allem unglaubwürdig die Handlung in der zweiten Hälfte des Romans verläuft. Eigentlich müsste ich jetzt eine fette Spoilerwarnung vor die Rezension klatschen und darauf genauer eingehen, aber das werde ich natürlich nicht tun. Vielleicht wünscht ihr euch nachher, wenn ich mich in schlechten Metaphern ergehe, ich hätte es getan, aber fangen wir mal von vorn an.

Denn mir hat “Schön, schöner, tot” im Großen und Ganzen ziemlich gut gefallen. Gut genug, dass ich sofort nachgeschaut habe, ob Roxanne St. Claire noch weitere Bücher dieser Art geschrieben hat, doch leider ist die Autorin eher in anderen Genres unterwegs. Um das mal vorweg zu nehmen, ich würde den Roman LeserInnen von YA-Thrillern auf jeden Fall empfehlen. Wenn ihr die “Pretty Little Liars”-Serie mochtet, dann werdet ihr “Schön, schöner, tot” wahrscheinlich sehr mögen. Und es ist ja so, dass auch bei PLL nicht selten ein ¯\_(ツ)_/¯ von Nöten war, um hinzunehmen, was einem da besonders in den letzteren Staffeln aufgetischt wurde. Aber Thrillerfans, die auch typischen Jugendbuchthemen nicht abgeneigt sind, werden hier sicherlich auf ihre Kosten kommen, denn so verworren das hier alles auch ist, es macht unglaublich viel Spaß, es zu lesen.

DIE HOTLISTE UND ANDERE ÄRGERNISSE

Ich muss ehrlich sagen, dass mir das Thema von Anfang an ein bisschen schwer im Magen lag: Es gibt hier schließlich eine Schultradition, die so durch und durch sexistisch ist, dass es einem Bauchschmerzen machen kann. Alle Jungs der Schule wählen nämlich jedes Jahr anonym die zehn heißesten Mädchen der elften Klasse auf eine Liste und machen sie damit zu einer Art High Society der Schule. Irgendwie abartig, aber etwas, das es an amerikanischen Schulen anscheinend wirklich gibt, wenn man anderen YA-Romanen und Serien glauben schenken darf. (Siobhan Vivians “Nur eine Liste” hat zum Beispiel dasselbe Thema, wenn auch ganz anders behandelt.) Gut fand ich, dass Roxanne St. Claire das Spektakel nicht als harmlosen Teenagerspaß darstellt. Ich-Erzählerin Kenzie findet die Liste objektifizierend und falsch.

Als sie sich dann selbst an fünfter Stelle wiederfindet, versteht sie die Welt nicht mehr, doch plötzlich wollen alle mit ihr befreundet sein, ihr Schwarm, der sie nie zuvor beachtet hat, fragt sie nach einem Date und sie und die anderen neun Mädchen auf der Liste sind plötzlich ein eingeschworener Club. Dass Kenzie nicht dazugehören will, interessiert niemanden. Sie muss mitspielen. Schön fand ich hier, dass St. Claire sehr auf den Mythos des beliebten amerikanischen High-School-Mädchens eingeht und ihn auch ein wenig entschlüsselt. Das klingt jetzt vielleicht hochgestochener, als es am Ende ist: “Schön, schöner, tot” ist pure Unterhaltung und will gar nicht wirklich etwas aussagen. Gefallen hat mir Kenzies Skepsis ihrer neuen Beliebtheit gegenüber, die Sucht ihrer besten Freundin Molly nach der Anerkennung der In-Clique und vor allem auch, wie sich Kenzies Stand an der Schule ändert, nachdem sie auf der Liste auftaucht, trotzdem sehr gut.

Was mir nicht so gut gefallen hat, war leider, dass in diesem Buch so einiges an subtilem Slutshaming steckt. Während Kenzie einerseits erkennt, dass die Listentradition sexistisch und objektifizierend ist, steht sie trotzdem nicht darüber, sich selbst als besser und wertvoller wahrzunehmen, als andere Mädchen, weil sie auf Make-Up und kurze Kleidung verzichtet und lieber Latein lernt, als feiern zu gehen. Da ist der Ansatz gut, die Umsetzung aber ein bisschen ein Reinfall. Dass Molly und Kenzie darüber lästern, dass Chloe, zweite auf der Liste, angeblich die “Wähler” mit Sex bestochen hat, fand ich auch mehr als unnötig und generell fand ungefähr ständig eine Abwertung von “oberflächlichen” Mädchen statt, womit ich nicht gut kann. Als Molly zum Beispiel beginnt, Make-Up zu tragen, reagiert Kenzie mit Spott, als hätte Molly ihr Gehirn verkauft, anstatt ein bisschen Lipgloss und Mascara aufzutragen. Musste nicht sein.

Davon ab hat mir Kenzie jedoch sehr gut gefallen. Sie hat sich echt angefühlt, wie jemand, den man selbst noch aus Schulzeiten kennen könnte. Ihr “Streber”-Dasein fand ich nicht übertrieben dargestellt, wie es ja oft ist, sondern relativ authentisch. Sie hat Ambitionen und sie hat ein Ziel: Die Columbia-Universität. Gleichzeitig muss sie jedoch immer noch daran arbeiten, den Tod ihres Bruders Connor vor zwei Jahren zu verkraften und es gibt Konflikte mit ihrer übervorsichtigen Mutter, die Kenzie am liebsten gar nicht aus dem Haus lassen würde. Ich hätte mir gewünscht, dass der Konflikt mit ihrer Mutter, deren Verhalten nicht böse gemeint ist aber trotzdem bei Kenzie psychische Schrammen hinterlässt, besser aufgearbeitet worden wäre, doch darüber hinaus haben mir Kenzie und ihr Leben sehr gut gefallen. Sie fühlte sich an wie jemand mit einer Geschichte und einer Zukunft, was in einem Genre, das oft eher leere Hauptfiguren hervorbringt, immer ein Pluspunkt ist.

BLEIB DOCH LIEBER SINGLE

Nicht so toll fand ich jedoch ihre beiden Love Interests. Es gibt leider natürlich ein Liebesdreieck zwischen Kenzie, dem beliebten Josh, in den sie seit Jahren verliebt ist, und dem jugendlichen Straftäter Levi. Beide fand ich ehrlich gesagt eher ätzend. Josh ist ein arroganter Idiot, der keinen Deut darauf gibt, was Kenzie überhaupt möchte und auch das Wort Consent anscheinend noch nie gehört hat: Als sie ihm sagt, sie ist gerade nicht in der Stimmung, küsst er sie einfach trotzdem. Als er zu schnell Auto fährt und sie Angst bekommt und ihn bittet langsamer zu fahren, lacht er sie aus. Während dieses Verhalten von Kenzie noch einigermaßen als problematisch erkannt wird (leider wird besonders die Sache mit dem Consent aber nicht genügend reflektiert), wird Levi im Gegensatz als der totale Gentleman verkauft, der er aber einfach nicht ist.

Auch Levi gibt nicht viel auf Kenzies Grenzen, auch, wenn er nicht so heftig ist, wie Josh. Trotzdem nennt er sie immer Mack, obwohl sie ihm sagt, dass sie das nicht möchte, und er drängt sich ihr am Anfang total auf und lockt sie unter dem Vorwand, Mathenachhilfe zu brauchen, in ein Café, weil er ein Date mit ihr will. In wessen Wahrnehmung ist das eigentlich okay? Klar, auf einer Idiotenskala von 1-10 ist Levi vielleicht eine 2, während Josh eine 8 ist. Sie sind aber trotzdem beide auf der Skala. Im Verlauf der Geschichte wird Levi etwas umgänglicher und am Ende mochte ich ihn als Figur auch sehr gern. Er bringt eigene Dämonen mit, die auch nicht beschönigt werden, und er hat ein paar mehr Facetten als viele andere der “wilden” Bad Boys aus der Young-Adult-Literatur. Trotzdem ist sein Verhalten besonders am Anfang wirklich nicht toll und ich hätte mir da gewünscht, dass Kenzie das mal anspricht. Macht sie aber nicht. Stattdessen wird geschmachtet, weil lange Haare und so schöne Augen! Naja.

SKIURLAUB, KARIBIK & WAS DAS MIT DIESEM ROMAN ZU TUN HAT

Darüber hinaus ist “Schön, schöner, tot” aber einfach extrem spannend. Denn kaum ist die Liste veröffentlicht, beginnt Kenzie merkwürdige Unfälle zu haben und kurz darauf stirbt die Nummer Eins auf der Liste bei einem mysteriösen Unfall. Als auch Nummer Zwei einen Unfall hat, ahnen Kenzie und die anderen Mädchen auf der Liste, dass es jemand auf sie abgesehen hat. Hier beginnt eine wirklich spannende Thrillergeschichte, denn die Mädchen spielen gegen die Zeit und das habe ich sehr gern gelesen. Kenzies Ermittlungen und auch ihre Unfälle, die immer nur gerade so gut ausgehen, sorgen dafür, dass man richtig in die Handlung gezogen wird und, obwohl man mitraten kann, sieht man das Ende einfach nicht kommen.

Einerseits hat mir das sehr gefallen. Andererseits ist das Ende, oder eher gesagt die gesamte Auflösung der Unfälle, auch der Grund für mein überzeugtes ¯\_(ツ)_/¯. Denn einerseits ist das Finale aufregend, spannend und man kann das Buch nicht aus der Hand legen. Andererseits… naja, man muss schon bereit sein, sehr viel einfach so hinzunehmen, damit die Auflösung wirken kann. Es ist… weit hergeholt. Das trifft es wohl am besten. Denn ja, in Fiktion kann natürlich alles passieren. Aber bei einem YA-Thriller, der zu 80% eine spannende Ermittlungsgeschichte rund um Oberflächlichkeit, Freundschaft und rätselhafte Unfälle ist, und in den letzten 20% dann nochmal ganz andere Geschütze auffährt, fällt es schwer, nicht zumindest ein bisschen enttäuscht zu sein. Stellt euch vor, ihr habt Urlaub in der Karibik gebucht und freut euch den ganzen Flug darauf, in der Sonne zu liegen und im Meer zu baden und dann landet das Flugzeug und ihr seid in den Alpen. Skiurlaub ist auch toll, aber eben nicht das, worauf ihr eingestellt wart. (Und ja, das war die miese Metapher, die ich am Anfang erwähnt habe.)

Ich finde es generell gut, wenn Romane die ausgetretenen Wege ihres Genre mal verlassen. Aber “Schön, schöner, tot” hat da am Ende wohl einfach zu viel gewollt. Dazu kommen Logikprobleme, die ich sehr schade fand. Zum Beispiel heißt es am Anfang, dass seit dreißig Jahren alle Jungen der Schule gezwungen werden, für die Liste anonym abzustimmen. Es hätte sich mal einer geweigert und das sei ihm nicht gut bekommen. Diese Andeutung wird dann nie wieder aufgegriffen und stattdessen heißt es später, eine einzige Person hätte die Liste gemacht – Josh und Levi haben Kenzie aber beide erzählt, dass sie gewählt und für sie gestimmt haben. Wie beides gleichzeitig funktionieren soll wird nie erwähnt und solche Logiklücken gibt es leider öfter, sodass das eh schon sehr weit hergeholte Ende auch noch nur funktioniert, wenn man ignoriert, welche Fakten vorher etabliert wurden. Es braucht halt einfach ein großzügiges ¯\_(ツ)_/¯, dann macht “Schön, schöner, tot” Spaß.

Ich habe jetzt wieder viel gemeckert, dafür, dass ich durchaus Spaß mit dem Roman hatte. “Schön, schöner, tot” ist ein ungewöhnlicher, spannender YA-Thriller mit einer dreidimensionalen Heldin, der einen interessanten, wenn auch oberflächlichen Blick auf Themen wie Freundschaft, Beliebtheit und Oberflächlichkeit wirft. Der Roman macht Spaß… wenn man bereit ist, darüber hinwegzusehen, dass einiges an den Haaren herbeigezogen ist und anderes einfach keinen Sinn ergibt. Dazu kommen leider zwei eher nicht so tolle Love Interests und eine prise Slutshaming, sodass ich den Roman besonders für jüngere LeserInnen nur eingeschränkt empfehlen mag, obwohl er mir am Ende doch gut gefallen hat. LeserInnen, die YA-Thriller im Stil von “Pretty Little Liars” mögen und mal eine etwas ungewöhnlichere Geschichte suchen, würde ich ihn für zwischendurch aber durchaus ans Herz legen.


BIBLIOGRAPHIE

Schön, schöner, tot | Carlsen, 2015 | 978-3-551-31618-9 | 400 Seiten | Deutsch | Übersetzer: Frank Böhmert | Amerikanische OA: They All Fall Down, 2014

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