Treibgut

Kurzrezensionen | My Name is Venus Black, The Telling, With Malice

Ich habe in den letzten Wochen einige Bücher gelesen, zu denen ich einfach nicht genug zu sagen habe, um eine lange Rezension zu schreiben. Deshalb möchte ich euch diese drei Bücher heute gern in Kurzform vorstellen. Im Angebot habe ich heute drei YA-Thriller, die verschiedener eigentlich nicht sein könnten. Habt ihr eines von den Büchern auch schon gelesen? Oder interessiert euch eines davon? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!


“THE TELLING” VON ALEXANDRA SIROWY

The Telling | Simon Schuster Books, 2016 | 9781481418898 | 389 Seiten | Englisch

Worum geht’s? Seit dem Tod ihres geliebten Stiefbruders Ben hat sich Lanas Leben verändert: Sie ist nicht mehr die schüchterne Streberin, die sie vorher war. Jetzt ist sie mit dem Kern, der In-Clique ihrer Schule, befreundet, springt von Klippen und kommt ihrem Schwarm Josh näher. Doch als ihre idyllische Inselgemeinde durch grausame Morde erschüttert wird, muss Lana sich ihrer Vergangenheit stellen…

Meine Gedanken: Ich habe “The Telling” im April als Hörbuch “gelesen” und konnte gar nicht mehr aufhören. Normalerweise höre ich Hörbücher im Zug, doch mit “The Telling” habe ich einen ganzen Sonntagnachmittag verbracht, weil ich unbedingt wissen musste, wie die Geschichte ausgehen würde. Dieser YA-Horrorthriller hat alles, was Fans des Genres mögen dürften: Interessante Figuren jenseits von schwarz und weiß, ein düster-atmosphärisches Setting und skurrile Morde, die es aufzuklären gilt. Besonders gefallen haben mir die unheimlichen Märchen, die sich Lana und Ben erzählen, denn sie sorgen für eine sehr makabere, beinahe unwirkliche Stimmung.

Toll fand ich auch das Setting, das Alexandra Sirowy sehr lebendig beschreibt: Die Insel Gant vor der Küste von Washington im Pacific Northwest. Der düstere, stürmische Charme der Insel ist immer deutlich spürbar und spielt eine große Rolle für die Geschichte. Dazu kommt Sirowys Auseinandersetzung mit Themen wie sozialer Ungleichheit, Privilegien und auch Sexismus, die ich sehr gelungen fand, weil sie in die Geschichte eingewoben sind. Die Abgeschiedenheit von Gant und die Ablehnung der Insulaner gegenüber allen Nicht-Insulanern sorgen für eine dunkle, beklemmende Atmosphäre.

Mir hat “The Telling” außerordentlich gut gefallen und ich würde das Buch allen Fans von düsteren Horrorthrillern empfehlen. Ein dunkler Spätsommer an der rauen Küste von Washington, makabere Morde und Märchengeschichten sorgen für viel Spannung, während auch Lanas eigene Geschichte, ihre Identitätssuche und vor allem ihr Umgang mit dem Tod ihres Bruders sehr eindringlich und mitreißend beschrieben werden. Für mich war “The Telling” daher ein kleines Highlight und ich möchte den Roman allen Genrefans wärmstens ans Herz legen. Eine deutsche Ausgabe gibt es leider nicht.


“MY NAME IS VENUS BLACK” VON HEATHER LLOYD

My Name Is Venus Black | Dial Press, 2018 | 9780399592188 | 368 Seiten | Englisch

Worum geht’s? 1980: Venus Black ist eine Einserschülerin mit großen Ambitionen, die von der Astronomie fasziniert ist. Doch dann begeht die Vierzehnjährige ein furchtbares Verbrechen. Kurz darauf verschwindet auch noch ihr kleiner Bruder Leo spurlos. Sechs Jahre später wird Venus aus der Jugendhaft entlassen und findet sich allein und mittellos mitten in Seattle wieder. Leo ist noch immer verschwunden und Venus muss einsehen, dass sie keine Zukunft haben wird, wenn sie sich nicht ihrer Vergangenheit stellt.

Meine Gedanken: Auch Heather Lloyd nimmt uns in “My Name Is Venus Black” mit nach Washington, allerdings in das Seattle der 1980er Jahre. Ich wollte “Venus Black” lesen, seit ich von dem Roman erfahren habe, denn Bücher wie dieses faszinieren mich irgendwie: Wieso hat Venus dieses Verbrechen begangen? Und ist sie deshalb ein böser Mensch? Das sind Fragen, die sich Heather Lloyd im Roman auch stellt und, wie ich finde, sehr behutsam und sensibel behandelt. Was Venus getan hat, ist lange ein Geheimnis, man kann es sich jedoch denken. Das ist aber gar nicht schlimm, denn es geht wirklich eher um das Warum und vor allem darum, wie Venus damit umgeht.

“My Name Is Venus Black” ist ein eher leiser Roman, der von seinen Figuren lebt und davon, wie die Leben verschiedenster Menschen aufeinander treffen und sich beeinflussen. Er wird als YA verkauft, obwohl ich diese Einschätzung nicht ganz teile, denn neben Venus’ Ich-Perspektive haben auch ihre Mutter eine Perspektive, sowie der kalifornische Tätowierer Tony, deren Storylines Probleme behandeln, die eher Erwachsene haben, als Jugendliche. Hin und wieder waren es mir ehrlich gesagt zu viele Perspektiven. Oft wollte ich endlich erfahren, was mit Venus passiert, musste mich aber durch mehrere Kapitel über Tony kämpfen. Dann wiederum ging es um Leo und ich wollte natürlich wissen, wie es mit ihm weitergeht, doch dann kamen mehrere Kapitel über Venus’ (für mich in dem Moment eher uninteressante) vorsichtige Romanze mit einem jungen Polizisten.

Interessant fand ich jedoch den Einblick in die Welt der 1980er Jahre und besonders das Rechtswesen: Als Leo, der Autist ist, verschwindet, wird nicht sofort nach ihm gesucht. Venus ist vierzehn, als sie ihr Verbrechen begeht, und es gibt Menschen, die ihr wünschen, dass sie hingerichtet wird. Das war gleichzeitig spannend und erschreckend zu lesen und obwohl das Achtzigersetting eher subtil ist und man manchmal vergisst, dass der Roman nicht heute spielt, kommt es in diesen Details gut zur Geltung. Auch im Umgang mit Leo merkt man das Setting stark. Dass man 1980 noch nicht so gut über Autismus Bescheid wusste zum Beispiel, schwingt immer mit.

Trotz kleiner Probleme, wie den Perspektiven, die mir ab einem bestimmten Punkt zu viel wurden, hat mir “My Name Is Venus Black” sehr gut gefallen. Das Buch ist einfach irgendwie anders und geht interessanten Fragen nach, zum Beispiel der, was einen guten und einen bösen Menschen denn nun ausmacht. Auch das 1980er-Setting hat mir gut gefallen, sowie der Einblick in das Rechtssystem dieser Zeit, und natürlich Venus selbst und wie sie versucht, sich ein Leben aufzubauen, nach allem, was passiert ist. Ich würde das Buch LeserInnen von leiseren Romanen und Lebensgeschichten empfehlen, die schwierigen Themen und Fragen nicht abgeneigt sind. Leider gibt es auch hier (noch?) keine deutsche Ausgabe.


“WITH MALICE” VON EILEEN COOK

With Malice | HMH Books, 2016 | 9780544805095 | 320 Seiten | Englisch | Deutsche Ausgabe: Die Wahrheit kennst nur du, Carlsen, 2017

Worum geht’s? Die achtzehnjährige Jill Charron wacht in einem Krankenhaus auf – und neben ihrem Bett stehen nicht nur ihre Eltern, sondern auch ein Anwalt. An den Unfall in Italien, bei dem ihre beste Freundin Simone starb, kann Jill sich nicht erinnern. Auch nicht an die vorangegangenen sechs Wochen. Doch angeblich war der Unfall kein Unfall. Angeblich hat sie Simone umgebracht…

Meine Gedanken: “With Malice” lag schon etwas länger auf meinem SUB. Jetzt habe ich den eher kurzen YA-Thriller endlich gelesen und er war mein Highlight im Mai. “With Malice” ist in Teilen an den Fall von Amanda Knox angelehnt und was mir besonders gefallen hat, ist wie authentisch und vor allem interessant Eileen Cook darstellt, wie eine Medienhetzjagd funktioniert. Aus der schüchternen Jill macht die Presse im Handumdrehen eine kaltblütige Mörderin. Aus einem tragischen Unfall wird ein Mord. Wie Medien, die Polizei, die unbedingt einen Täter haben will, und vor allem auch das Internet dazu beitragen, wie aus einem ganz normalen Mädchen, das eine Tragödie überlebt hat, eine eiskalte Killerin wird, entschlüsselt Eileen Cook hier sehr gekonnt und spannend.

Der Roman ist zum einen aus Jills Ichperspektive erzählt, doch immer wieder wird sie durch Mitschriften von Polizeiinterviews, Nachrichtensendungen und auch Internetkommentaren unterbrochen, sodass man ein gutes Bild davon bekommt, was andere Menschen über Jill denken und vor allem, wie ihre Worte und ihr Verhalten in den Medien verdreht werden. Ein bisschen macht Eileen Cook hier genau das, was ich mir von “One Of Us is Lying” erhofft hatte, nur eben in meinen Augen sehr viel besser und authentischer. Nach und nach kommt man der Wahrheit näher, bis man sich jedoch fragen muss, ob die Wahrheit überhaupt eine Rolle spielt, oder ob der Fall bereits viel zu sehr verdreht wurde, um noch so etwas wie Wahrheit zuzulassen.

Leider war nicht alles so gut. Gefallen hat mir, dass Eileen Cook gekonnt aufzeigt, wie auch Misogynie in so einen Fall reinspielt: Die verstorbene Simone wird von den Medien als unschuldiger Engel gezeigt, während aus Jill eine verruchte “slut” gemacht wird – Slutshaming und wie es von den Medien zur Meinungsmache verwendet wird, wird hier sehr gut angekreidet. Nicht gefallen hat mir daran jedoch, wie Jill selbst ebenfalls Slutshaming gegen ihre tote beste Freundin einsetzt. “Wenn die Medien wüssten, dass Simone in Wirklichkeit die Schlampe war” und derlei Sätze fand ich recht unnötig, weil sie die Botschaft, die Eileen Cook doch eigentlich vermitteln möchte, irgendwie untergraben. Klar ist es spannend, wie Simone nach ihrem Tod dargestellt und verdreht wird, doch das Anklagende hätte einfach nicht sein gemusst und verwischt die gute Message etwas.

It’s got everything a story needs to have legs – two girls, one with money one without, friendship turned dark, sex, and a chance for a bunch of Europeans to hate Americans who seem to get away with everything.

Nichtsdestotrotz war “With Malice” ein zum Zerreißen spannender Roman, der sehr gekonnt zeigt, wie solche für viele Menschen faszinierenden True-Crime-Fälle entstehen und was eine Story braucht, um für die breite Masse interessant zu werden – und wie sowas das Leben der Beteiligten verändern und zerstören kann. Gleichzeitig sucht Jill nach der Wahrheit, an die sie sich nicht erinnern kann, was den Roman nochmal eine Spur spannender macht. Für Fans von True Crime und von etwas anderen Jugendthrillern würde ich “With Malice”, das als “Die Wahrheit kennst nur du” auch auf Deutsch erschienen ist, auf jeden Fall empfehlen. Mir hat der Roman trotz kleiner Ärgernisse sehr gut gefallen und ich habe ihn in einer Nacht ausgelesen.

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