“We Are Young” von Cat Clarke

31. Mai 2018Katriona

On the same night Evan’s mother marries local radio DJ ‘Breakfast Tim’, Evan’s brand-new step-brother Lewis is found unconscious and terribly injured, the only survivor of a horrific car crash. A media furore erupts, with the finger of blame pointed firmly at stoner, loner Lewis. Everyone else seems to think the crash was drugs-related, but Evan isn’t buying it. With the help of her journalist father, Harry, she decides to find out what really happened that night. As Evan delves deeper into the lives of the three teenagers who died in the crash, she uncovers some disturbing truths and a secret that threatens to tear her family – and the community – apart for ever…


MEINE GEDANKEN

Ich habe noch nie eine Autorin so schnell zur neuen Lieblingsautorin erklärt, wie Cat Clarke. Und ich bin unendlich traurig, dass ich so lang gebraucht habe, um sie für mich zu entdecken, denn Cat Clarke schreibt nicht erst seit gestern Romane wie “We Are Young”. Ich habe überlegt, ob ich “We Are Young” überhaupt ganz normal rezensieren soll, oder ob nicht wirklich eine Liebeserklärung für Clarke fällig wäre, denn seit Jahren schreibt sie Young Adult mit queeren Figuren und über schwierige Themen, die Jugendliche (und Erwachsene) beschäftigen so sensibel und mitreißend wie keine zweite.

Aber am Ende verdient einfach jedes Buch von ihr meiner Meinung nach seine eigene Rave-Rezension und hier sind wir jetzt: “We Are Young” ist das beste Buch, das ich 2018 bisher gelesen habe. Und ja, das habe ich im Januar auch schon über “Here Lies Daniel Tate” gesagt. 2018 ist für mich bisher voller Lesehighlights und ich hoffe, das bleibt so.

Aber zurück zu “We Are Young”. Erwartet habe ich einen Thriller, bekommen habe ich aber einen nachdenklichen Young-Adult-Roman rund um das Thema psychische Gesundheit und wie unsere Gesellschaft damit umgeht. “We Are Young” ist extrem aktuell: Immer mehr Teenager (und natürlich auch ältere Menschen) leiden unter Leistungsdruck und dem Gefühl, nicht genug zu sein, unter Depressionen und anderen psychischen Problemen, die weggeredet und nicht ernst genommen werden.

Aber das ist nicht alles, wovon “We Are Young” handelt: Freundschaft und Familie, aber auch besonders psychischer Missbrauch in der Familie, sind weitere Themen, die Cat Clarke sehr behutsam und wie ich finde intelligent und einfühlsam behandelt. “We Are Young” ist der erste Roman, bei dem ich wirklich auf dem Kindle immer wieder großartige Textpassagen markiert habe, weil ich einfach so sehr zugestimmt habe.

But maybe if people woke up and realised that being a teenager is actually pretty fucking hard and it’s not because we’re always on our phones or don’t know the meaning of hard work or any of those other bullshit things that people say. And maybe things were better in the “good old days” because guess what? The world has gone to fuck and politicians are pissing away our future and no one fucking cares.

“We Are Young” ist aus der Perspektive der siebzehnjährigen Evan erzählt und ihren Frust darüber, dass niemand wirklich zuhört, dass die Probleme von Teenagern belächelt und nicht ernst genommen werden, kann ich sehr gut nachvollziehen. Nicht nur, weil es auch schon so war, als ich selbst noch in dem Alter war, sondern, weil man die Problematik sehr gut auf meine Generation, die Generation Y, beziehungsweise die Millennials, ausweiten kann.

Junge Menschen zwischen 12 und ca. 35 werden einfach nicht ernst genommen. Wenn wir Probleme haben, dann weil wir ja ständig am PC oder Handy hocken, immer online sind. Der Leistungsdruck, der auf unseren Generationen lastet und vor allem die düsteren Zukunftsaussichten dank Rechtsruck und Umweltproblemen, werden weggeredet. Und genau das kreidet Cat Clarke an, in einer Geschichte, die sich aber nicht nur um diese Problematik dreht, sondern sie in eine sehr rohe, sehr authentische Coming-of-Age-Geschichte einbettet.

SCHWERE THEMEN, TOLLE UMSETZUNG

Evan ist genau an diesem Punkt im Leben, an dem ihr bewusst wird, dass die Welt nicht immer freundlich und gut ist und es tut fast weh, zu lesen, wie sie diese Erkenntnisse macht. Aber Evan ist eine starke Figur. Auf den ersten Blick wirkt sie ein bisschen zu “edgy”: Wie die typische Jugendbuchprotagonistin, die “anders” ist, mit blauen Haaren und einer Rockband.

Das ist Evan aber eigentlich gar nicht. Sie fühlte sich für mich ziemlich real an. Ihre Liebe zur Musik, zu ihrem kleinen Bruder Billy und ihren besten Freunden Daze und Sid, und wie sie beginnt, ihren Stiefbruder nach dem Unfall besser kennenzulernen, machen sie trotz ihrer rohen Schale sehr sympathisch. Über Evan bringt Cat Clarke einige gute Botschaften in den Roman, fast wie nebenbei, und sie zeigt vor allem sehr realistisch, wie das Leben von Teenagern im Jahr 2018 aussieht, beschönigt eigentlich nichts.

Evan ist außerdem bisexuell: Daze und Sid sind beide ihre Ex-Partner – eine kleine Liebesgeschichte gibt es hier auch, denn obwohl sie versucht es zu ignorieren, um die Freundschaft nicht zu gefährden, ist Evan über die Trennung von Daze nicht hinweg. Ich liebe Daze übrigens: Sie ist eine loyale Freundin, steht auf Rockabillymode und roten Lippenstift und reißt die besten Witze des Romans. Die Freundschaft zwischen Evan und Daze wirkte sehr organisch auf mich, genauso wie das Dreiergespann Evan-Daze-Sid, das im Verlauf des Romans auf die Probe gestellt wird. Auch die angespannte Beziehung zwischen Evan und ihrem Vater Harry, der gegen seinen Alkoholismus ankämpft, fand ich sehr lesenswert und auch hier und da sehr herzerwärmend.

Was Cat Clarke hier gelingt, ist eine Geschichte über sehr schwere Themen zu schreiben – Psychische Probleme, Depression, psychischer Missbrauch in der Familie – ohne, dass “We Are Young” düster und hoffnungslos wirkt oder einen runterzieht. Ganz im Gegenteil. Ja, einiges ist schwer zu lesen. Und ich würde auch unbedingt sagen, dass Leser.innen, die selbst mit diesen Problemen leben, sich bewusst machen, dass sie in diesem Roman ungeschönt gezeigt werden.

Was Cat Clarke aber macht, ist, immer einen hoffnungsvollen Ausblick zu geben. Sie sagt nicht einfach “So ist es, hört auf, wegzusehen”, obwohl sie auch das sagt. Sie versucht, Lösungsansätze zu zeigen und vor allem will sie nicht belehren oder schocken, wie ich das von “Issue Books” gewohnt bin, sie möchte helfen. Helfen zu verstehen, was in Menschen mit Depressionen vorgeht. Helfen, eine Lösung zu finden. Helfen, ihre Leser.innen ein bisschen aufmerksamer für die Anzeichen zu machen. Und das gelingt ihr, wie ich finde, sehr gut.

But we all say we’re fine when we’re really not. We all slap a smile on our face to avoid an argument or a conversation we don’t want to have or to spare the people we care about.

MITREISSEND & BEWEGEND

Eingebettet ist das alles übrigens dann doch noch in eine Thrillergeschichte: Es gibt einen Unfall, bei dem drei Teenager sterben und einer schwer verletzt wird, doch Evan kann nicht glauben, dass es tatsächlich nur ein Unfall war. Denn der Überlebende ist ihr Stiefbruder Lewis. Deshalb ermitteln Evan und ihr Vater Harry, der für die Tageszeitung arbeitet, und es kommt viel mehr ans Licht, als Evan gedacht hätte.

“Spannend” möchte ich “We Are Young” gar nicht unbedingt nennen. Das Wort wirkt irgendwie so banal für so eine Geschichte. Mitreißend, eher. Ich habe 80% der fast 400 Seiten in einer Nacht gelesen, weil ich wissen musste, was wirklich passiert ist. Ich musste außerdem wissen, was aus Evan, Daze und Sid und ihrer Band wird. Ich musste wissen, ob sich Evans Verdacht bestätigt. Und dann erst die ganzen kleinen Details und Geheimnisse, die nach und nach ans Licht kommen.

Zuletzt ist noch Cat Clarkes Schreibstil zu erwähnen, der den Roman perfekt abrundet: Evans Stimme ist ein bisschen derb und sehr flapsig, wirkt aber niemals übertrieben oder zu viel. Ich habe Clarke abgenommen, dass hier eine Siebzehnjährige erzählt. Irgendwie erfrischend fand ich übrigens auch die “britishness” von “We Are Young”. Der Roman spielt in einem englischen Küstenort (auch das Setting wird übrigens sehr schön beschrieben) und irgendwie war das bei all den amerikanischen Jugendbüchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, einfach mal wieder was anderes. Wer britische YA oder auch britische Thriller mag, sollte sich die Bücher von Cat Clarke allein deshalb auf jeden Fall mal genauer ansehen.

Das ist aber natürlich nur die Kirsche auf dem Eisbecher, denn “We Are Young” besticht und überzeugt vor allem, weil es so authentisch ist, weil es Probleme junger Menschen auf den Tisch bringt, diese ungeschönt zeigt und vor allem auch Lösungsansätze präsentiert, weil es ohne großes Aufsehen mehrere LGBTQ-Figuren vorstellt, weil auch der Thrilleranteil sehr gelungen und mitreißend erzählt ist, weil es von vorn bis hinten einfach ein gutes Buch voller toller Botschaften und Emotionen ist, die mitnehmen.

Ich würde “We Are Young” allen Leser.innen empfehlen, die sich zutrauen, auch über schwierige Themen zu lesen und auf der Suche nach berührenden, realistischen Jugendbüchern sind, die gleichzeitig ans Herz gehen, wachrütteln und Hoffnung geben. Ich habe zuvor schon ein paar Bücher von Cat Clarke gelesen, die mir ebenfalls sehr gut gefallen haben, und ich bin mehr als froh, dass ich diese tolle Autorin endlich so richtig für mich entdeckt habe.

Nicht alle Bücher von Cat Clarke wurden bisher ins Deutsche übersetzt – leider. Ich hoffe aber, dass “We Are Young” eine deutsche Ausgabe bekommen wird, denn die Reichweite hat es allemal verdient. Es ist ein wichtiges Buch und obwohl es in Zeiten, in denen lauter wichtige Bücher auf dem Jugendbuchmarkt auftauchen, unter all den amerikanischen Neuveröffentlichungen ein bisschen untergeht, hoffe ich, dass es seine Leser.innen finden wird.


BIBLIOGRAPHIE

We Are Young | Quercus, 2018 | 9781786540058 | 384 Seiten | Englisch

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