Teegedanken

Young Adult… und was dann?

Wieso lese ich eigentlich so gern Young Adult? Ich glaube, diese Frage stellt man sich zwingend, wenn man so langsam wirklich der Zielgruppe entwächst, aber weiterhin YA-Bücher bevorzugt. Was hält mich als LeserIn Mitte zwanzig oder älter in diesem Genre? Ich habe mir diese Frage persönlich schon öfter gestellt und, da ich viele Leute kenne, die ebenfalls bei YA bleiben, egal, wie alt sie sind, habe ich versucht, sie zu beantworten. Dafür habe ich in meinem Freundeskreis und auf Twitter nachgefragt, welche Gründe es für oder auch gegen YA gibt und dabei sind mir noch einige interessante Punkte untergekommen und es hat sich eine ganz andere Frage gestellt: Young Adult… und was dann? Aber dazu später mehr.

Vorweg sei natürlich gesagt, dass es absolut egal ist, ob man als Erwachsener gern Jugendbücher liest oder eher auf Literatur für Erwachsene zurückgreift. Ich höre sehr oft das Qualitätsargument: „Aber YA ist eben doch auf Jugendliche zugeschnitten und deshalb nicht so anspruchsvoll“ und ich finde das ehrlich gesagt eher daneben, denn es trifft einfach nicht zu. Ob ein Roman Anspruch hat oder nicht, ob er gut unterhält oder mitreißt, hängt weder von Genre noch von Zielgruppe ab. Dieser Artikel soll also kein „YA / Erwachsene Literatur ist besser, weil…“ sein, sondern einfach eine Frage beantworten, die ich mir schon seit einiger Zeit stelle: Wieso lesen wir YA?

DIVERSITY IST NICHT NUR WICHTIG, BIS MAN 20 WIRD

Der Elefant im Raum ist sicherlich zu aller erst die Frage nach Diversität und inklusiven Geschichten, die die Buchwelt seit einigen Jahren beschäftigt, und hier möchte ich auch gleich einhaken, denn sie ist einer meiner Hauptgründe, warum ich bei YA bleibe: Das Jugendbuch galoppiert der Literatur für Erwachsene, was die Inklusion von Figuren und Themen abseits von weiß, cis und hetero* angeht, in einem Affenzahn davon. Die YA wird immer inklusiver. Sie gibt queeren und nichtweißen Jugendlichen positive Geschichten mit auf den Weg, die Mut machen und helfen, die eigene Identität zu finden und zu verstehen.

Das ist großartig. Aber es fehlt auf dem Buchmarkt für Erwachsene. Es fehlt so sehr. Schaut man sich an, was gerade im Trend liegt – großteils historische Romane, Familiengeschichten und Krimis und Thriller, sind die Geschichten überschwellig die von weißen, heterosexuellen HeldInnen. Ausnahmen gibt es natürlich, aber sie bestätigen eben die Regel. Dazu kommt, dass besonders Queerness in der Welt der Erwachsenenliteratur noch immer ein Stück weit tabuisiert wird. Sie ist das dunkle Geheimnis, der Plottwist oder wird anderweitig eher negativ dargestellt.

Was mir persönlich hier ganz stark fehlt, sind einerseits natürlich Geschichten für Erwachsene mit queeren, nichtweißen HeldInnen – aber auch Geschichten, die ältere LeserInnen auf dieselbe Weise abholen und unterstützen wie es die YA für Jugendliche tut. Ja, Erwachsene brauchen diese Stütze weniger, als Jugendliche, aber oft brauchen sie sie doch. Was ist zum Beispiel mit Menschen, die ihr Coming Out nicht mit siebzehn hatten, weil sie Angst hatten, sich ihrer Sexualität noch unsicher waren oder aus anderen Gründen auch mit Mitte zwanzig oder dreißig oder älter einfach noch nicht out sind? Die Literatur, die für diese Altersgruppen geschrieben wird, holt solche LeserInnen nicht ab.

Und auch für weiße, heterosexuelle LeserInnen ist es in meinen Augen nicht gut, nur über Menschen zu lesen, die so sind, wie sie. Es wird nicht dazu angeregt weiterzudenken oder über den Tellerrand zu schauen und gerade heutzutage fände ich das extrem wichtig. Stattdessen hat die eher negative Darstellung queerer Themen oder aber auch von PoC eher eine gegensätzliche Wirkung: Sind sie immer der Auslöser für Probleme und Tragödien oder dargestellt als etwas Verruchtes, das geheim bleiben muss, setzt sich auch das in den Köpfen fest.

Das ist in meinen Augen eines der größten Probleme der Erwachsenenliteratur im Moment. Sie ist kaum inklusiv und sie holt moderne Erwachsene nicht da ab, wo sie stehen. Sie bietet keinerlei Möglichkeit für zum Beispiel erwachsene queere LeserInnen, die nun mal andere Probleme haben, als jugendliche LGBTQ-LeserInnen, sich selbst und diese Probleme auf positive Weise im Roman repräsentiert zu sehen. Im Gegenteil sind besonders historische Romane und die im Moment so beliebten Familiengeschichten oft durch sehr starre, heteronormative Muster geprägt und mich, und viele andere LeserInnen zwischen 20-35 (und darüber hinaus) stört das. Die YA bricht diese Muster im Moment erfolgreich auf. Und ich hoffe, dass die Erwachsenenliteratur bald folgt.

FIKTION & LEBENSREALITÄT: WENN DIE GRÄBEN ZU BREIT WERDEN

Ein Problem, das ich mit Young-Adult-Literatur immer öfter habe ist, dass ich mich zwar mit den angesprochenen Themen identifizieren kann, nicht aber mit den jugendlichen HeldInnen selbst. Und das ist ja auch normal. Ich bin 26. Schulalltag, erste Liebe, Probleme mit den Eltern und dergleichen sind für mich kein Alltag mehr und es fällt mir immer schwerer, diese Probleme der HeldInnen nachzuvollziehen. Allerdings bietet mir auch die Erwachsenenliteratur zum großen Teil so gut wie keine wirkliche Identifikationsfläche.

Meine Freundin Eva (25) zum Beispiel liest YA, weil sie sich als Studentin mit den Problemen von Teenagern immer noch besser identifizieren kann, als mit denen von Erwachsenen, deren Geschichten von Scheidungen, Eheproblemen und anderen Themen handeln, die für Eva einfach nicht relevant sind. Und während das Themen sind, die sicherlich andere LeserInnen ansprechen, gibt es da natürlich noch die beinahe perfekten Erwachsenen, die mit Ende 20 bereits erfolgreiche AnwältInnen, InspektorInnen oder BestsellerautorInnen und KünstlerInnen sind und Ihre Mitte gefunden haben.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass das für die meisten Menschen zwischen 20-35 ein Traum ist, aber nicht die Realität. Eva und mir fehlen Bücher über Menschen in unserem Alter, die eben auch noch auf der Suche nach der eigenen Identität sind, die noch nicht angekommen sind. Sophia (23) geht noch einen Schritt weiter und spricht in diesem Zusammenhang an, dass ihr im Roman für Erwachsene oft die Figurenentwicklung fehlt. Aber wohin auch entwickeln, wenn eigentlich schon alles erreicht ist und nur der Traumpartner zum Glück fehlt, wie es in beinahe jedem Chick-Lit-Roman der Fall ist?

Lustigerweise haben mir die Romane von Sophie Kinsella zum Beispiel als Jugendliche besser gefallen, als heute, wo ich selbst im Alter ihrer Romanheldinnen bin. Damals war mir noch nicht klar, dass die meisten Menschen mit 29 eben nicht unabhängig und glücklich in einer schönen Wohnung in der Innenstadt einer Metropole leben und ihren Traumjob haben. Heute fühle ich mich von Heldinnen wie Lara (29) aus Kinsellas „Charleston Girl“ (das ich trotzdem sehr liebe) eher entfremdet. Ich kenne niemanden, der wie Lara ist. Und während es solche Menschen sicherlich gibt und hier bestimmt auch eine Portion Wunschdenken und Träumen eine Rolle spielt, was man beim Lesen natürlich dürfen soll, wünsche ich mir von der Literatur für Erwachsene mehr HeldInnen, die eben noch nicht angekommen sind.

YOUNG ADULT: MANCHMAL GEWÜNSCHT, MANCHMAL NOTLÖSUNG

Ein weiterer Punkt, der öfter fiel, war, dass Erwachsenenromane unnötig sexualisiert daherkommen: Sexszenen alle paar Kapitel sind in vielen Genres ein Muss, besonders auch in der Fantasy. Und ich bin nicht die einzige, die darauf gern verzichten könnte, besonders, wenn Sexszenen genutzt werden, um einen Roman “provokant” zu machen. Generell spricht Eva einen wichtigen Punkt an, der meine Probleme mit der Erwachsenenliteratur gut zusammenfasst und auch, warum ich persönlich zurückzucke, wenn ein Buch mal wieder als „provokant“ betitelt wird:

Moderne Literatur will oft besonders sein, deshalb wird alles auf “edgy” getrimmt. YA-Literatur schämt sich nicht dafür, dass sie erstmal Geschichten erzählen will, die unterhalten und spannend sind, deshalb funktioniert YA für mich viel besser. – Eva

Wichtig hierbei finde ich auch, dass “edgy” in diesem Fall oft mit “problematisch” gleichzusetzen ist, dass es als provokant gilt, Grenzen zu überschreiten und “nicht politisch korrekt” zu sein. In der Young Adult hingegen gibt es im Moment viel eher eine Strömung, die auf viel angenehmere Weise “provokant” ist: Sie kreidet soziale Missstände an und liefert positive Geschichten für LeserInnen abseits dessen, was als Norm betrachtet wird. Oft gelingt es der YA auch, wichtige Themen ganz nebenbei in eine spannende Handlung einzubauen und ich gehe davon aus, dass das aus den Gründen geht, die Eva nennt: YA versucht meistens nicht, provokant zu sein. Und deshalb ist sie so unterhaltsam.

Als ich meine Freundin Alex (27) gefragt habe, wieso sie lieber Bücher für Erwachsene liest, hat sie angesprochen, dass ihr gefällt, dass Bücher für Erwachsene im Gegensatz zu YA weniger in schwarz und weiß denken. Ethische und moralische Fragen und Probleme haben oft Grautöne, die in der YA fehlen. Und während mir das auch gefällt, sehr sogar, habe ich trotzdem all diese Probleme mit Romanen für Erwachsene. Und das bringt mich zu der Frage, die bei der Vorbereitung für diesen Artikel aufgekommen ist und die ich glatt als Titel übernommen habe: Young Adult… und was dann?

Ich bin an einem Punkt, an dem ich gern mehr Bücher für Erwachsene lesen möchte. Aber ich finde selten welche, die nicht die oben angesprochenen Probleme mitbringen. Natürlich gibt es da tolle Ausnahmen: Celeste Ng, Carol Rifka Brunt, Donna Tartt und andere AutorInnen erzählen auch für Erwachsene inklusive, lebensnahe Geschichten, die abholen und mitnehmen. Aber sie sind am Ende doch Ausnahmen in einem Meer aus Geschichten, die das nicht tun. Und ja, natürlich lese auch ich zur Unterhaltung gern mal einen Chick-Lit-Roman oder eine Geschichte über alte Familiengeheimnisse, wie sie im Moment so im Trend liegen. Aber es macht mich traurig, dass nur das angeboten wird. Denn es mag unterhalten, aber ich finde mich selten darin wieder.

Und ich möchte mich in Büchern wiederfinden können. Ob es Nebenfiguren oder HeldInnen sind, ob die Thematiken im Hintergrund mitlaufen oder im Vordergrund stehen, ich möchte, dass sich die Literatur für Erwachsene umschaut und sagt: „Ja, ich sehe euch, ich weiß, dass es euch gibt.“ Und solang der größte Teil der Erwachsenenliteratur das nicht liefert, werde ich YA lesen. Denn dort finde ich diese Botschaften. Auch, wenn ich mir mit 26 ein wenig im Stich gelassen vorkomme. Denn die Probleme, die Suche nach sich selbst, das alles hört nicht magisch auf, wenn man 20 wird. Bücher darüber aber gibt es kaum. Deshalb lese ich YA. Selbst, wenn mir gerade nicht nach YA ist. Denn ich habe kaum andere Möglichkeiten.

Ist das der Grund, warum so viele LeserInnen zwischen 20-35 und oft auch darüber hinaus eher zu YA greifen, als zu Geschichten für Erwachsene? Weiß ich nicht. Aber es ist der Grund, warum ich es tue. Und nach dem, was ich in meinem Freundeskreis und auf Twitter gehört habe, bin ich damit nicht allein. Es gibt viel an Young Adult, das mich stört: Dreiecksromanzen, konstruierte Probleme, zu viel Drama. Aber für die clever behandelten wichtigen Themen, die in der YA immer prominenter werden, nehme ich das in Kauf. Es ist aber ein Stück weit eine Notlösung. Denn ja, ich möchte solche Geschichten lesen, die von Figuren handeln, die in meinem Alter sind, Probleme haben, die ich kenne – aber das ist leichter gesagt, als getan, denn wo sind diese Geschichten? Am Ende holt die Literatur für Erwachsene mich und meine Generation, Millenials, LeserInnen im Alter 20-35, nicht da ab, wo wir stehen. Und das finde ich sehr schade.

Wie sieht das bei euch aus? Lest ihr gern Young Adult oder bevorzugt ihr Literatur für Erwachsene? Könnt ihr diese Probleme nachvollziehen? Habt ihr noch andere Probleme mit dem momentanen Stand des Literaturmarkts? Lasst mir doch gern einen Kommentar da!


*Ich erwähne in diesem Artikel oft queere Menschen und PoC. Natürlich gelten alle Punkte auch für Menschen mit Beeinträchtigungen, psychischen Problemen oder generell für Lebensrealitäten, die als “abseits der Norm” betrachtet werden und nicht in der Literatur vorkommen.

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