Rezensionen

“Das verborgene Spiel” von M.L. Rio

Oliver Marks bekommt immer nur die Nebenrollen. Trotzdem ist er glücklich am renommierten Dellecher College, wo er mit sechs anderen jungen Schauspielern die Tragödien Shakespeares einübt. Die Typen, die sie auf der Bühne verkörpern, legen sie auch privat nicht ab: Mitläufer, Verführerin, Held. Der charismatische Richard gibt die unberechenbaren Tyrannen. Als er sich eines Tages zur Überraschung aller mit einer kleineren Rolle begnügen muss, gerät das Kräfteverhältnis zwischen den Freunden gefährlich ins Schwanken – bis schließlich einer von ihnen tot im Collegesee treibt. Die anderen stehen vor einer schwierigen Wahl: Sollen sie der Wahrheit ins Auge sehen oder weiter gegen sie anspielen?

MEINE GEDANKEN

Es fällt mir so unglaublich schwer, dieses Buch zu rezensieren. Eigentlich rede ich es mit jedem Wort, das ich hier tippen könnte, nur irgendwie kaputt und die einzige wirklich angemessene Reaktion wäre einfach nicht mehr aufzuhören zu schreien. Vor Begeisterung, versteht sich. Dass ich dieses Buch mögen würde und, dass es mich mitnehmen und ein Stück weit zerstören würde, habe ich bereits nach den ersten paar Seiten geahnt. „Das verborgene Spiel“ ist vor allem eins: Wortgewaltig. Die noch recht junge Autorin M.L. Rio schreibt wunderbar und reißt einen von Anfang an ohne Entkommen in diese Geschichte.

Ein bisschen ist „Das verborgene Spiel“ das Buch, auf das ich gewartet habe, wenn man es so sehen will. Es verbindet hier vieles, das ich sehr mag: Ein abgeschiedenes Elitecollege, Shakespeare und vor allem interessante Figuren, deren Beziehungen zueinander im Fluss sind und eigentlich das sind, was die Spannung und den Sog des Romans ausmacht. Der Vergleich mit Donna Tartts „Die geheime Geschichte“, das ich auch sehr mag, kommt auch nicht von irgendwo, genauso wenig der kleine Hype um das Buch, den ich zumindest auf der englischsprachigen Seite von Goodreads und book tumblr miterleben durfte und über den ich auf das Buch überhaupt erst aufmerksam wurde.

SHAKESPEARE & INTRIGEN

Wirklich, ich weiß gerade nicht, was genau ich jetzt sagen soll, außer: Lest dieses Buch. Schon allein, weil ich dem Plot eigentlich nicht vorgreifen möchte, denn „Das verborgene Spiel“ steckt voller Überraschungen, von denen ich die meisten nicht habe kommen sehen. Und selbst die, die ich erraten habe, hatten etwas an sich, das mich dann doch kalt erwischt hat. Der Klappentext fast es eigentlich ganz gut zusammen: Freundschaft, Shakespeare, Mord. Darum geht es. Im Groben jedenfalls. Ganz besonders auch um Shakespeare.

Am Dellecher College wird nämlich nur Shakespeare gespielt und Proben, sowie ganze Szenen von Aufführungen werden detailliert wiedergegeben. Muss man natürlich mögen. Ich mag es, weil ich Shakespeare mag. Und man merkt dem Roman auch einfach an, dass M.L. Rio selbst Shakespeare nicht nur liebt, sondern auch Erfahrung damit hat, seine Stücke auf die Bühne zu bringen. Oliver, der Ich-Erzähler, und seine Freunde atmen praktisch Shakespeare, lassen Zitate auch oft im Alltag in ihre Gespräche einfließen und denken an kaum etwas anderes. Und das fand ich faszinierend, aber es ist natürlich ziemlich eigenwillig.

Dass der Roman dann auch voller cleverer Parallelen zu verschiedenen Shakespearestücken ist, nicht zuletzt natürlich „Julius Caesar“, das die Studenten aufführen, hat mir sehr gut gefallen. Generell ist „Das verborgene Spiel“ ein sehr intelligenter Roman, der es schafft ohne viel Action und Aufsehen in seinen Bann zu schlagen, der jede Seite spannend macht, auch, wenn Oliver und seine Freunde gerade eigentlich etwas Alltägliches tun. Darüber hinaus fand ich das späte 90er-Jahre-Setting interessant und auch gut umgesetzt. Besonders die Umbrüche in der Theaterwelt hin zu experimentellem Theater spielen durchaus eine Rolle und auch dieses 90er-Lebensgefühl (Partys, Drogen, Exzesse) kommt oft durch.

TRAGÖDIE IN FÜNF AKTEN

Wenn ich jetzt etwas anmerken müsste, das mir nicht ganz gelungen vorkam, dann würde ich wohl darauf hinweisen, dass das Wörtchen Bisexualität nicht nur in einem Kontext ruhig mal hätte fallen dürfen. Alexander wird als schwul bezeichnet, macht aber hin und wieder deutliche sexuelle Anspielungen auf Frauen. Zum Beispiel. Und da ist noch sehr viel mehr, das ich jetzt dazu sagen könnte, aber nicht werde, weil ich der Geschichte nicht zu weit vorausgreifen möchte. Nur eins: Das Buch kann Alexander als schwul benennen, das kleine Wörtchen bi aber fällt in einem anderen Kontext nie. Schade. Vielleicht war es 1997 noch weniger verbreitet als heute, aber es war nicht völlig unbekannt und in einem Roman für moderne Leser hätte ich es schon begrüßt.

In 99% der Fälle macht „Das verborgene Spiel“ aber alles richtig. Der Aufbau als Tragödie in fünf Akten ist wunderbar intelligent umgesetzt. Und das Buch nimmt mit. Aber so richtig. Wir wissen von Anfang an, dass Oliver für zehn Jahre ins Gefängnis gehen wird, denn das erfahren wir sofort auf Seite eins. Doch M.L. Rio erzählt so packend und vor allem so berührend, dass man Seite um Seite umblättert, in der Hoffnung, dass das alles nur ein Fehler ist und doch ganz anders kommt. Oliver sagt es selbst am besten:

But that is how a tragedy like ours or King Lear breaks your heart – by making you believe that the ending might still be happy, until the very last minute. – If We Were Villains, M.L. Rio

Die Spannung entsteht also nicht dadurch, dass man unbedingt wissen will, was am Ende passiert. Denn das weiß man von Anfang an. Spannend ist, warum es passiert, wie es dazu kommt, und vor allem, was sich zwischen den Figuren entwickelt, bevor es passiert. Und es ist vor allem spannend, weil man diese Figuren so lieb gewinnt, selbst, wenn sie sich nicht immer gut verhalten. Oder vielleicht gerade deshalb. Besonders Oliver, Filippa und Meredith kamen mir gerade wegen ihrer Fehler und Macken so real vor und genau deshalb sind sie mir so schnell ans Herz gewachsen.

„Das verborgene Spiel“ ist für mich ein weiteres Highlight von 2018 und darüber hinaus eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ob ich das Buch noch einmal lesen werde, weiß ich jedoch nicht. Es hat mich emotional mitgenommen und es ist schwer, sich von dem Buch loszureißen, selbst lange nachdem man es ausgelesen hat. Ich würde „Das verborgene Spiel“ allen LeserInnen empfehlen, die leise, komplexe Romane mögen, mit interessanten Figuren, in denen die zwischenmenschlichen Beziehungen im Vordergrund stehen. Und natürlich allen Shakespearefans.


BIBLIOGRAPHIE

Das verborgene Spiel | Penguin, 2017 | 9783328100539 | 464 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Karin Dufner | Amerikanische OA: If We Were Villains, 2017


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2 Kommentare

  • Isabella

    Ich finde, dass dir diese Rezension unglaublich gut gelungen ist – ich hab damals kaum die richtigen Worte gefunden, um dieses Buch zu beschreiben, und auch nach all den Monaten fällt es mir immer noch schwer. Da ich mich weder mit Theater im Allgemeinen noch mit Shakespeare auskenne (okay, an letzterem arbeite ich), ist mir letztlich bestimmt einiges entgangen, daher bin ich dankbar, dass du das in deiner Rezension aufgegriffen hast. (Obwohl mich das Buch dennoch komplett in seinen Bann gezogen hat – die letzten Seiten habe ich wie im Rausch gelesen. Ich meine, WAS FÜR EIN ENDE.)
    Und auch vielen Dank für den Hinweis auf Alexanders Bisexualität – das ist mir beim Lesen tatsächlich entgangen, und ich werde beim nächsten Lesen verstärkt darauf achten. (Ich werde es nämlich unbedingt noch einmal lesen müssen/wollen, wenn ich die angesprochenen Werke auch gelesen habe.)
    Hach. Was für ein Buch. :’)

    P.S.: Ich wollte dir übrigens mal sagen, dass ich dein Design unglaublich schön finde. Ich war von jedem Design, das du bisher hattest, begeistert, und dann erwähnst du auf Twitter, dass du gerade am Basteln bist, und ich besuche den Blog und es sieht irgendwie noch besser aus. Keine Ahnung, wie du das machst, aber … ich bin beeindruckt.

    • Katriona

      Danke. <3 Mir ist es auch ziemlich schwergefallen, in Worte zu fassen, wie ich dieses Buch erlebt habe. Beim Ende hatte ich auch richtiges Herzklopfen, das ist mir lange nicht mehr passiert.

      Auch danke für das Kompliment zum Design. Ich bin leider immer extrem schnell unzufrieden, was das angeht, aber ich glaube mit diesem hier kann ich mich länger anfreunden. 😀

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