Teegedanken

Queerness & Young Adult: Was mir noch fehlt

Vor einigen Wochen gab es auf Twitter und auf einigen Blogs eine interessante Diskussion dazu, ob nicht-queere AutorInnen überhaupt queer schreiben sollten, aus der ich viel mitgenommen habe. Darüber möchte ich heute aber nicht noch einmal schreiben, denn für mich hat sich aus der Diskussion eine ganz andere Frage ergeben und die war zumindest für mich so komplex und schwer zu beantworten, dass ich an diesem Post jetzt seit der Diskussion arbeite: Ist die Darstellung von queeren Jugendlichen in der Young-Adult-Literatur eigentlich ausreichend? Machen wir das richtig? Gibt es hier überhaupt ein richtig und ein falsch?

Dass es mittlerweile im Vergleich zu noch vor zwei, drei Jahren so viele queere Hauptfiguren im Jugendbuch gibt, ist natürlich ein Grund sich zu freuen, denn das war bis vor ein paar Jahren noch gar nicht möglich. Mittlerweile gibt es einige Titel, in denen queere Figuren und queere Liebesgeschichten eine große Rolle spielen, hauptsächlich in zeitgenössischen Coming-of-Age-Geschichten. Dass das toll ist, muss ich hoffentlich gar nicht erst dazu sagen. Was mir aber im Magen liegt, ist die Darstellung queerer Figuren in diesen Romanen. Ja, wir sind großteils weg vom Klischee der ewig unglücklichen queeren Figur, deren Leben in einer Tragödie endet. Wir sind aber noch nicht weg von ein paar anderen Dingen, die ich persönlich eher unglücklich finde, die sich aber durch die Romane ziehen.

DAS COMING OUT & DIE SACHE MIT DEN LABELS

Besonders zu Becky Albertallis “Love, Simon” (“Nur drei Worte”) wurden zur Veröffentlichung zwischen den ganzen Hype-Rezensionen auch ein paar Stimmen laut, meistens own-voice-Stimmen, die Albertallis Darstellung des schwulen Helden Simon und vor allem sein Coming Out kritisch sahen. Und während ich zuerst meine Probleme damit hatte, diese Kritik richtig einzuordnen, kann ich sie mittlerweile gut verstehen. Simons Coming Out läuft sehr glatt ab: Er outed sich einmal und dann nie wieder. Für ihn ist sein Outing nichts weiter, als eine einmalige Sache, die nicht mehr bedeutet, als das seine Familie und Mitschüler nun wissen, dass er auf Jungs steht. Albertalli verpackt das in eine zuckersüße Coming-of-Age-Geschichte. Ich habe das gern gelesen – aber ist das authentisch?

Ich denke, dass so viele queere LeserInnen diesen Punkt kritisiert haben, zeigt schon auf, dass es für viele queere Menschen eben nicht authentisch ist. Denn ein Coming Out ist viel mehr als das. Es ist immer damit verbunden, wie das eigene Umfeld einen danach sieht, ein Punkt, den Albertalli in meinen Augen auch gut behandelt. Es ist aber auch mit sozialen Veränderungen verbunden, mit den Erwartungen anderer an einen selbst, damit, sich öffentlich diskriminierenden Mustern in unserer Gesellschaft zu stellen. Und vor allem ist es keine einmalige Sache. Man muss es immer und immer wiederholen, wenn man neue Menschen trifft, man muss sich entscheiden, vor wem man sich sicher outen kann und vor wem nicht – und vor allem ist es auch keine Pflicht.

Was die YA leider oft unterschlägt ist, dass das Coming Out nicht für alle queeren Menschen die richtige Entscheidung ist. Dass es für manche Menschen besser und passender ist, sich nicht zu outen oder kein Label nutzen zu wollen und / oder seine Sexualität einfach zu leben, ohne Outing, Label und Erklärungen. Die Young Adult produziert im Moment einen Haufen Bücher mit queeren HeldInnen in denen das Endziel das Coming Out ist, das die Figuren freier, glücklicher und vor allem erfüllter macht. Und für viele Menschen mag das die Realität sein, keine Frage. Und natürlich sollte es darüber Bücher geben. Es aber als absolutes Muss zu verkaufen, ohne das man als queerer Mensch nicht glücklich werden kann, sehe ich sehr kritisch, denn es drängt junge, queere LeserInnen nur wieder in eine Richtung, die als richtig und gut angepriesen wird, aber längst nicht auf jede Person passt.

Hier greift auch die berüchtigte Szene aus Becky Albertallis neuem Roman “Leah on the Off-Beat”, in der Leah einem anderen queeren Mädchen bei dessen Coming Out das selbstgewählte Label kaputtredet. Labels können für queere Menschen wichtig sein, besonders für das Zugehörigkeitsgefühl, aber auch sie sind kein Muss. Und vor allem sind sie Privatsache. Welches Label ich benutze und ob ich überhaupt eines benutzen möchte, geht niemanden außer mich selbst etwas an. Es gibt keine falschen Labels. “Low-key bi”, das Label, dass die bisexuelle Leah in “Leah on the Off-Beat” so erzürnt, ist dabei genauso okay, wenn die Person sich damit wohlfühlt, wie alle anderen Labels. Die YA geht im Moment aber leider in die Richtung “Such dir ein Label aus und hab dein Coming Out, dann wird alles gut”. Dass das zu einfach gedacht ist, dass es nicht auf alle Realitäten von queeren Jugendlichen (und älteren Menschen) passt, dass es am Ende auch droht, eine weitere Konvention zu werden, der sich queere Teenager ergeben müssen, finde ich schade.

HETERONORMATIVITÄT & LESERERWARTUNGEN

Deshalb kann ich einigermaßen verstehen, warum viele queere Menschen keine Romane über Coming-Outs und generell Problematiken, die queere Menschen betreffen, von nicht-queeren AutorInnen lesen möchten. “Love, Simon” mag eine schöne Liebesgeschichte sein und es ist absolut kein schlechtes Buch, es stecken viele gute Botschaften zwischen den Seiten. In einigen Dingen ist es aber trotzdem ignorant gegenüber den Lebensrealitäten echter queerer Teenager und sicherlich hängt das damit zusammen, dass Albertalli die Erfahrungen, die Simon macht, nicht richtig nachvollziehen kann. Nein, nicht weil sie selbst kein schwuler Sechzehnjähriger ist. Ich glaube fest daran, dass jeder mit genug Fingerspitzengefühl und Empathie alles schreiben kann. Aber dieses Fingerspitzengefühl muss dann auch da sein. Und besonders die Szene in “Leah on the Off-Beat” zeigt eigentlich, dass es bei Albertalli vielleicht nicht immer ausreichend da war.

Und Becky Albertalli ist am Ende trotzdem eine sehr gute Autorin, die zwei in meinen Augen gute Romane geschrieben hat, die queeren Jugendlichen sicherlich helfen können. Sie schlägt aber in eine Kerbe, in die im Moment viele YA-AutorInnen, auch own-voices-AutorInnen, schlagen. Und da ist noch etwas, das ich kritisch sehe, das damit eng zusammenhängt: Und zwar die sehr heteronormative Darstellung von queeren Figuren in der modernen YA-Literatur. Auch das betrifft “Love, Simon”. (Ich komme immer wieder auf diesen Roman zurück, weil er so beliebt ist und ein gutes Beispiel, nicht, weil ich ihn schlecht oder problematisch finde, das am Rande.)

Queere Teenager in moderner YA sind oft genauso dargestellt, wie ihre nicht-queeren Klassenkameraden und einerseits ist das natürlich gut, denn für viele queere Teenager mag das ihrer Realität durchaus entsprechen. Andererseits ist es aber nicht ganz so gut, denn was beinahe immer unter den Tisch fällt, ist, dass die queer community existiert, dass es eine queere Subkultur gibt, mit der sich viele queere Teenager identifizieren und vor allem, dass es auch okay ist, wenn man queer und eben nicht “so wie alle anderen” ist. Oft ist der Held oder die Heldin zudem auch die einzige LGBTQ-Person an der Schule, hat keine Freunde, die ebenfalls LGBTQ sind und überhaupt keine Berührungspunkte mit queerer Kultur. Und das finde ich ehrlich gesagt einerseits unrealistisch und andererseits beinahe schon gefährlich, denn sehr viel YA klammert das aus, wo queere Jugendliche Halt und Hilfe finden: Queere Communities, die es fast überall gibt.

Denn diese eher heteronormative Darstellung queerer Jugendlicher (die sich leider allzu oft auch auf Beziehungsmuster in den Liebesgeschichten auswirkt), untermauert bei vielen LeserInnen die Denkweise, dass queer okay ist, solang sich die Person verhält, wie eine nicht-queere Person. Leider fällt in diesem Zusammenhang auch oft das Wort normal. “Normal”, das ist man, wenn man sich an Geschlechterrollen hält, wenn sich die Queerness darauf beschränkt, dass man eben die Hand eines anderen Mädchens hält und nicht die eines Jungen. Auf den ersten Blick mag das wie eine gute Lösung wirken. “Schau mal, deine queeren MitschülerInnen sind eigentlich genau wie du!” Wenn man das weiterdenkt, ist es am Ende aber sehr stark auf nicht-queere LeserInnen zugeschnitten, die nicht weiter über den eigenen Horizont hinausdenken müssen, um Figuren wie Simon genauso zu akzeptieren, wie nicht-queere RomanheldInnen.

Was mir fehlt, sind queere Jugendliche in der YA, die ihre Sexualität nicht nur tolerieren, sondern wirklich akzeptieren. Figuren, die sich nicht an heteronormative Konventionen anpassen, um akzeptiert zu werden und “normal” zu wirken. Die auf Pride-Feiern gehen, sich mit der queeren Community und Subkultur identifizieren und vor allem auch mal andere queere Jugendliche kennen, ob nun an der Schule oder aus dem Internet, denn das wäre um Längen realistischer. Und würde man pro Buch mehrere queere Figuren einbauen und nicht nur den einsamen queeren Helden könnte man auch zeigen, dass es nicht für alle die eine Patentlösung zum Glück gibt. Vielleicht ist es für Person A wichtig, mit Konventionen zu brechen und die eigene Queerness zu feiern, während Person B zwar queer ist, sich mit der Subkultur aber gar nicht identifizieren kann. Denn beides ist möglich und natürlich völlig legitim. Blöd ist nur das völlige Verschweigen queerer Subkulturen und Communities in der YA.

LIEBE, REPRÄSENTATION & PROBLEME

Damit hängt auch mein letzter Punkt zusammen, denn es stört mich, dass jedes Buch, in dem queere Figuren vorkommen, auch eine Liebesgeschichte haben muss. Einerseits ist es natürlich unbedingt positiv, dass queere Liebesgeschichten Raum in YA bekommen, denn das wurde viel zu lang tabuisiert. Nicht gut finde ich jedoch, wenn heteronormative Beziehungsmuster auf queere Paare übertragen werden, was leider viel zu oft vorkommt. Auch nicht gut finde ich es, weil es oft dazu führt, dass die Queerness der Figuren über ihre Beziehungen definiert wird. Man ist immer queer, ob man gerade einen Partner hat oder nicht, doch leider kommt das in YA oft viel zu kurz. Queerness wird fast rein performativ dargestellt (wenn zum Beispiel die Heldin erst bemerkt, dass sie queer ist, wenn sie sich, oh Schreck,  in ein Mädchen verliebt) und das reicht mir nicht.

Was mir am Ende fehlt, ist denke ich einfach das Verständnis dafür, was es im Jahr 2018 bedeutet, queer zu sein und, dass mehr daran hängt, als der Fakt, in wen man sich nun verliebt. Wir leben in einer Gesellschaft, die in sehr vielem große Schritte nach vorn gemacht hat, in anderen Dingen aber noch immer stark diskriminiert. Deshalb ist Repräsentation ja so wichtig: Sich selbst in Romanen wiederzuerkennen kann helfen, sich selbst zu akzeptieren, zu wachsen und auch Probleme zu lösen, die man allein vielleicht nicht lösen kann. Aber wenn wir queeren Jugendlichen nur eingeschränkte Repräsentation mitgeben (heteronormativ, angepasst an das, was als normal betrachtet wird, mit Endziel Beziehung und Coming Out, was einfach nicht für jeden wichtig ist), reicht das einfach nicht aus. Diese Geschichten zeigen einen Bruchteil dessen, was Queerness sein kann. Aber wir sollten das ganze Spektrum zeigen.

Anstatt queere HeldInnen also immer an heteronormative Muster angepasst zu schreiben, wäre es doch mal was, wenn wir Queerness auch dann normalisieren würden, wenn sie sich nicht anpasst. Und das fehlt mir in der Young Adult im Moment noch ganz stark. Der Trend geht hin zu queeren ProtagonistInnen, die für nicht-queere LeserInnen “genauso wie ich!” sind, wobei diesen nicht-queeren LeserInnen nicht wirklich viel Akzeptanz abverlangt wird. Den Spruch “Also, wenn die sich nicht so schwul/lesbisch verhalten, finde ich das ja auch okay” haben bestimmt viele queere Menschen schon gehört und er schmerzt. Genau diese Denkweise fördern wir aber, wenn wir nur YA schreiben und lesen, in denen queere Jugendliche immer an heteronormative Erwartungen angepasst sind und diese dann auch noch als “normal” und erstrebenswert betitelt werden.

Was der YA im Moment fehlt, ist ganz einfach die Abbildung der verschiedensten queeren Realitäten von Jugendlichen. Sicherlich fühlen sich manche Jugendliche innerhalb der Konventionen wohl und dann ist das auch okay. Das gilt aber nicht für alle. Also schreibt bitte mehr Jugendbücher mit LGBTQ-HeldInnen, die sich tatsächlich auch mit der Community identifizieren, die andere queere Jugendliche kennen, die die Grenzen dessen, was “normal” ist pushen und brechen. Und ja, für nicht-queere LeserInnen ist das dann vielleicht mal befremdlich. Aber erstens können sie nur so lernen, auch mal über den eigenen Tellerrand zu sehen. Und zweitens wäre das für viele LGBTQ-Jugendliche, die sich trotz der vielen YA-Titel mit queeren HeldInnen der letzten Monate immer noch nicht repräsentiert sehen, endlich eine Möglichkeit das eigene Leben in einem Roman widergespiegelt zu sehen.

Und was ist jetzt die Aussage dieses Artikels? Ich weiß es nicht. Das sind einfach Gedanken, die mir in letzter Zeit im Kopf herumgeflogen sind. Über die Richtungen, in die LGBTQ-YA in letzter Zeit geht und wieso ich vieles davon eher kritisch sehe. Darüber, dass es nicht reicht, queere Jugendliche als “genau wie alle anderen!” zu zeigen, weil man eben nicht wie alle anderen sein muss, um Akzeptanz zu verdienen. Dass queere HeldInnen überhaupt in Jugendbüchern vorkommen dürfen, ist jedoch so neu, dass ich hoffe, dass sich das alles noch einspielt. Trotzdem sollten wir vielleicht kritischer sein, was das angeht. Denn Repräsentation ist wichtig, aber nicht jede Repräsentation ist auch gute Repräsentation. Ich kann verstehen, dass man sich über jede queere Figur erstmal freut, weil es so lange so wenig gab. Aber bleibt trotzdem kritisch, denn der Weg ist noch weit.


Lesenswertes:

Wenn Heteros über Homos schreiben | Buechnerwald

LGBTQ+ and Disabled Characters Deserve to Be Single in Literature, Too | Bustle

4 Comments

  • Nicci Trallafitti

    Hey!
    Ich finde, dass es ein guter Anfang ist, LGBTQ Charaktere in Romane zu integrieren, aber ich stimme dir auch zu, dass es da noch Luft nach oben gibt, was die Umsetzung betrifft.

    Was Love, Simon betrifft habe ich es schon so empfunden, dass das Coming-Out mit viel Stress einherging, er auf Abneigungen und sogar öffentliches Mobbing (in der Schulmensa) gestoßen ist, es passierte also nicht mal eben kurz und dann war gut. Auch gibt es in seiner Schule einen weiteren queeren Charakter, mit dem er sich austauscht, ich weiß nur gerade nicht mehr, ob es ihn auch im Buch gegeben hat.

    Danke für den Artikel, er hat mich auf jeden Fall nachdenklich gestimmt.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    • Katriona

      Hi Nicci!

      Den “Love, Simon”-Film habe ich noch nicht gesehen, habe aber schon von vielen gehört, dass er einiges noch ein bisschen besser macht, als das Buch, weshalb ich sehr gespannt auf ihn bin. Ich habe das Buch hier als Beispiel genommen, weil es so beliebt ist und viele was damit anfangen können. Ich finde persönlich auch, dass das Buch eines der besseren ist, was den Umgang mit dem Thema angeht, da gibt es ja echt noch ganz andere Sachen, auch, wenn nicht alles 100% gut gelöst ist. Aber vielleicht geht das am Ende auch gar nicht (und es kommt ja auch immer auf den Leser an, ob er die Lösung gut findet oder nicht.)

      Danke für deinen Kommentar!

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