Rezensionen

“Dein Ende wird dunkel sein” von Michelle Paver

London 1937. Eine Gruppe junger Engländer bricht zu einer Forschungsreise in die Arktis auf. Doch die Expedition steht unter keinem guten Stern: Ein Teilnehmer nach dem anderen fällt aus, der Kapitän weigert sich, sie zu ihrem Bestimmungsort zu bringen. Zu dritt erreichen sie endlich Gruhuken. Die Einheimischen meiden den Ort. Reiner Aberglaube, davon sind Jack und seine Freunde überzeugt. Als einer von ihnen erkrankt und nur Jack zurückbleibt, häufen sich die merkwürdigen Vorfälle. Der arktische Winter naht. Schon bald ist Gruhuken von der Außenwelt abgeschnitten. Doch Jack ist überzeugt, nicht allein auf der Insel zu sein. Vor den Fenstern lauert etwas …

MEINE GEDANKEN

Ich muss ganz ehrlich sein, allein vom deutschen Titel her hätte ich dieses Buch wohl niemals angerührt, denn es klingt nach (0815)-Thriller. “Dein Ende wird dunkel sein” ist jedoch kein Thriller, sondern eine perfide Geistergeschichte mit sehr ungewöhnlichem Setting: Eine Expedition in die Arktis in den 1930er Jahren. Die Insel Svalbard, zu deutsch Spitzbergen, die nach dem Kohleboom zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nun verlassen und gespenstisch daliegt. Die jungen englischen Forscher Jack, Gus und Algie wollen hier ein Jahr verbringen um das Wetter zu erforschen, doch bald müssen Algie und Gus abreisen und Jack bleibt allein zurück mit der ewigen Dunkelheit der Polarnacht…

Ich wusste, dass ich dieses Buch lesen muss, als ich es auf meiner Suche nach historischem Grusel zum ersten Mal gesehen habe, denn Svalbard ist für mich eine endlose Faszination. Ich habe, wie einige von euch vielleicht wissen, ein halbes Jahr in Bergen in Norwegen gelebt, und wäre beinahe selbst für ein paar Wochen nach Svalbard gefahren – in die Stadt Longyearbyen und nicht in die arktische Wildnis natürlich, aber trotzdem. Daraus ist nichts geworden, aber die Faszination bleibt und obwohl Michelle Paver Svalbard so unwirtlich, kalt und einsam darstellt, wie es wohl auch ist, ist sie durch diesen unglaublich gut recherchierten Roman nur noch gewachsen, denn auch die raue Schönheit wird lebendig.

Wirklich überzeugt hat mich das historische Setting. Es bleibt vage, denn für den größten Teil der Handlung befindet sich Ich-Erzähler Jack auf Svalbard, abseits jeglicher Zivilisation, doch die Stimmung in England so kurz vor dem zweiten Weltkrieg kommt trotzdem gut rüber. Dazu kommt der Klassenunterschied zwischen Jack aus der Mittelklasse und Gus und Algie, die beide höher gestellt sind und viele seiner Probleme nicht nachvollziehen können, was bei Jack zu dem Drang führt, sich besonders vor Gus unbedingt beweisen zu wollen, weshalb er in Gruhuken bleibt, als Gus und Algie für ein paar Wochen abreisen müssen. Die 1930er waren nie ein Jahrzehnt, das mich besonders interessiert hat, doch so lebendig und detailreich, wie Michelle Paver es hier beschreibt, habe ich mich gleich in der Epoche angekommen gefühlt.

DUNKLE MATERIE & UNHEIMLICHE GEISTER

“Dein Ende wird dunkel sein” ist eine sehr klassische Geistergeschichte, die besonders Fans von Schauerromanen gefallen dürfte, denn der Grusel ist leise und langsam, aber gerade deshalb so erschreckend. Das fiktive Gruhuken unter dem Eiskapp, wo die Expedition ihr Camp aufschlägt, wird von den norwegischen Trappern gemieden und auch den englischen Forschern wird nahegelegt,  sich einen anderen Ort für ihr Camp zu suchen. Weshalb, das wird Jack bald klar: Etwas Dunkles existiert in Gruhuken, etwas, das nicht lebt, aber auch nicht tot ist. Spukt es in Gruhuken oder spielt die extreme Landschaft der Artkis Jack einen Streich?

Ich fand Jacks Begegnungen mit dem Geist nicht immer unheimlich, wenn ich ehrlich bin, schon allein, weil Jack sofort hinnimmt, dass er einen Geist gesehen hat. Das ist für ihn von Anfang an sonnenklar, was ich nicht immer nachvollziehen konnte. Dafür fand ich jedoch umso atmosphärischer und gruseliger, was in Gruhuken in Jacks Kopf passiert. Die Isolation, die Angst, das extreme Klima, all das verändert Jack. Der Roman ist als Reisetagebuch aufgebaut, in dem Jack beinahe jeden Tag vermerkt, was passiert ist, was wunderbar aufgeht, denn Jacks wachsende Verwirrung, Angst und auch Paranoia schimmern immer deutlicher durch. Außerdem lernt man Jack, der nicht immer sympatisch, aber interessant ist, so sehr gut kennen und obwohl man von Anfang an weiß, dass es hier kein Happy End geben kann, wünscht man sich eines.

Der Grusel entsteht hier also viel weniger durch den Geist, den Jack im Nebel sieht, sondern dadurch, was der Geist verkörpert: Jacks Einsamkeit und seine Angst. Der Originaltitel des Romans ist “Dark Matter”: Dunkle Materie, die da ist, die man aber nicht sehen kann, und genau darum geht es hier. Es gibt etwas in Gruhuken, das man nicht immer sehen kann, aber die Bedrohung ist auf jeder Seite spürbar und macht den Roman hochspannend. Dieses psychologische Spiel mit dem Leser gelingt Michelle Paver sehr gut. Sie baut eine dichte Spannung auf, denn das Etwas ist immer da und man kann sich nie sichern sein, wann es als nächstes auftauchen wird, oder was es tun wird und möchte gleichzeitig wissen, warum es da ist und was es ausgerechnet von Jack will.

DAS ENDE KOMMT LEIDER ZU KURZ

Schade fand ich, dass der Roman am Ende alles etwas überstürzt aufklärt oder in manchen Fällen gar nicht. “Dein Ende wird dunkel sein” hat durchaus Nachhall, man denkt noch darüber nach, was genau in Gruhuken jetzt passiert ist, man fragt sich, was das alles zu bedeuten hat, aber das Ende hat nicht die Wucht, die es hätte haben können. Das Finale, in dem so viel Schockierendes passiert, wird leider auf wenigen Seiten abgehandelt, sodass es hastig wirkt und man kaum die Chance bekommt, wirklich alles, was da passiert, zu verdauen. 30-50 Seiten mehr, für das Finale selbst, aber auch für sein Nachspiel, hätte ich sehr gern gelesen, sie hätten dem Ende mehr Kraft geben können und den Roman somit runder gemacht.

Nichtsdestotrotz ist “Dein Ende wird dunkel sein” ein packender, berührender Gruselroman, der vor allem durch seinen interessanten, hier und da eher sperrigen Helden gewinnt und durch die düster-atmosphärischen Beschreibungen der Arktis, irgendwo zwischen wunderschön und grauenhaft unheimlich. Sehr gut recherchierte historische Details zu den 1930ern und vor allem den Polarexpeditionen dieser Zeit runden den Roman ab, der für alle Fans von schaurigen Gruselromanen das perfekte Lesefutter für einen Nachmittag sein dürfte: Der Roman ist kurz und so spannend, dass man ihn am Stück lesen muss. Das Ende ist nicht ganz rund und zu hastig erzäht, das ist jedoch auch meine einzige Kritik und der einzige Grund, warum ich dem Roman nicht sofort den Lieblingsbuchstatus verleihe. Trotzdem ist “Dein Ende wird dunkel sein” ein besonderer, dicht erzählter Gruselroman, der mir trotz seiner Kürze nahe gegangen ist.

Michelle Paver hat sich großteils als Jugendbuchautorin einen Namen gemacht, doch nach diesem Roman interessiert mich eher ihr noch recht neuer Roman “Thin Air” – ein weiterer historischer Horrorroman, der leider nie auf Deutsch erschienen ist. Ich hoffe sehr, dass die Autorin in diese Richtung noch weitere Bücher veröffentlichen wird.


BIBLIOGRAPHIE

Dein Ende wird dunkel sein | Rowohlt, 2013 |  978-3-644-90141-4 | 228 Seiten | deutsch | Übersetzer: Margarete Längsfeld & Sabine Maier-Längsfeld | Britische OA: Dark Matter: A Ghost Story, 2010

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