Teegedanken

Der historische Roman im Stillstand

Foto: Darren Coleshill / Unsplash

In letzter Zeit komme ich bei historischen Romanen oft nicht über die Hälfte des Buches hinaus. Ich bin jemand, der Bücher ungern abbricht, aber ich zwinge mich auch nicht Geschichten fertig zu lesen, die für mich keinen Reiz haben. Und leider ist genau das auch das Problem: Das Histo-Genre, das in Deutschland noch immer einen großen Teil des Angebots an Büchern stellt, wird reizloser und reizloser – zumindest für meine Generation, Menschen zwischen 20-35. Denn anscheinend geht das nicht nur mir so: Als ich vor ein paar Wochen auf Twitter gefragt habe, was denn in den Augen der LeserInnen die Probleme des Genres sind, habe ich viele Antworten bekommen, die mir aus der Seele gesprochen haben und die mich haben überlegen lassen, was genau das Genre, das ich einst so geliebt habe, für mich mittlerweile so wenig ansprechend macht – und was es mir überhaupt noch bieten kann.

Eins vorweg: Ich liebe das Genre, zumindest sein Konzept, immer noch und ich lese auch noch viele historische Romane. Allerdings greife ich mittlerweile eher zu amerikanischen und vor allem britischen AutorInnen. Wieso, das wird im Verlauf des Artikels bestimmt deutlich, das möchte ich jetzt nicht vorausgreifen. Ein Problem sehe ich aber unbedingt mit der deutschen historischen Fiktion im Speziellen oder generell auch damit, was auf dem deutschen Buchmarkt an historischen Romanen vertrieben wird. Die historische Fiktion ist wie gesagt ein sehr großer Markt. Kaum ein Buchhandel kommt ohne ein ganzes Regal historischer Romane aus, sie sind zeitlos gefragt, selbst, wenn sich die Trends ändern. Und dass so ein großes Genre, das eigentlich so viel Platz für die verschiedensten Geschichten bietet, zusehends verstaubt, ist schade.

GESCHICHTE IST INKLUSIV, DAS GENRE NICHT

Ein Problem, das nicht nur die deutsche historische Fiktion hat, ist auf jeden Fall die fehlende Diversity und Inklusion. Darüber habe ich mittlerweile mehrmals geschrieben und ich möchte dieses Fass jetzt hier auch gar nicht nochmal groß aufmachen. Wen es interessiert, warum es eigentlich gar keine historische Korrektheit gibt, wieso es keine Ausrede gibt, seine historischen Romane nicht inklusiv zu gestalten und warum “Das war damals aber so” problematische Inhalte im historischen Roman nicht entschuldigt, der findet die Links zu meinen anderen Posts am Ende dieses Artikels.

Erwähnen muss ich es aber trotzdem, denn man kann es nicht oft genug sagen: Dass sich der historische Roman so beständig wehrt, Geschichte abzubilden, die nicht weiß, hetero und meistens christlich1 ist, ist ein Unding. Denn auch PoC haben Geschichte geschrieben. Auch queere Menschen haben Geschichte geschrieben. Auch ohne Leid und Tragödie trotz zeitgenössischer Diskriminierung. Und es ist wichtig, dieser Geschichte auch im Roman Raum zu geben. Nicht nur für Menschen, die selbst nicht weiß oder hetero sind und sich und ihre Geschichte repräsentiert sehen möchten. Es ist auch so wichtig für HistoleserInnen an sich, einmal über den Tellerrand zu blicken, andere Perspektiven auf Geschichte kennenzulernen, als die von weißen, heterosexuellen Frauen und Männern.

Stattdessen werden PoC und queere Figuren, wenn sie denn einmal am Rande vorkommen, oft mit dem Fokus auf ihrem “Anderssein” abgebildet. Hier bedient das Genre unter dem Vorwand “historische Korrektheit” nicht selten diskriminierende Muster, die auch oft nicht reflektiert werden. Und das ist nicht nur auf historischer Ebene schade, denn auch die Geschichte von marginalisierten Gruppen geht über Diskriminierung, Leid und Othering weit hinaus, es ist auch gefährlich, denn es beeinflusst stark, wie moderne LeserInnen Marginalisierung und marginalisierte Gruppen wahrnehmen. Besonders schlimm finde ich, dass besonders LGBTQ und PoC in historischer Fiktion oft tabuisiert werden: Es ist ein Schock, wenn sich jemand als queer herausstellt, es muss geheim sein und es wird sogar oft als etwas Schmutziges dargestellt. Der weiße Adelige versucht zu verstecken, dass er in den Kolonien in Ostasien oder Afrika Kinder gezeugt hat und die britische Adelige mit indischer Mutter behandelt diesen Teil ihrer Identität wie ein großes, furchtbares Geheimnis. Marginalisierte Figuren sind Mittel zum Zweck, sie sind der schockierende Twist oder die tragisch leidende Nebenfigur. Und das geht so nicht weiter.

Dass ich über dieses Thema schon so oft geschrieben habe, deutet sicherlich bereits an, wie sehr mich die fehlende Inklusion im historischen Roman frustriert. Das Bild, das historische Fiktion uns von Geschichte vermittelt, ist einseitig. Viel zu einseitig. Es zeigt weiße, heterosexuelle Menschen als HeldInnen, aktiv, die Welt verändernd, und marginalisierte Personen als passiv, unfähig, sich selbst zu helfen. Und ja, das beeinflusst stark, wie wir Geschichte sehen, auch, wenn es “nur” Fiktion ist, wen wir als die HeldInnen der Geschichte wahrnehmen und wen als Nebenakteure – oder sogar gar nicht. Ich hatte gehofft, dass der Hype und der Erfolg von Mackenzi Lees “Cavaliersreise” das Genre zumindest im englischsprachigen Raum in die richtige Richtung schubst, aber bisher scheint das nicht geschehen zu sein und leider glaube ich, dass wir auf die große Revolution des Histo-Genres noch lange warten werden. Dabei wäre sie so nötig.

EIN GENRE VOLLER KLISCHEES UND PROBLEME

Denn wessen Geschichten lesen wir, wenn wir historische Romane lesen? Und sind es nicht fast immer dieselben Blickwinkel? Es gibt den historischen Roman “für Frauen”, auf dessen Cover meist eine junge Frau im altmodischen, ungefähr zur Epoche passenden Gewand abgebildet ist. Hier steht in 99% der Fälle eine junge Frau im Fokus, meist privilegiert und aus gutem Hause, manchmal bitterarm, sodass man schön mitleiden kann, die ein Abenteuer erlebt – und sich natürlich verliebt. Und am Ende kommen dann natürlich auch die armen Mädchen meist über den neuen Ehemann oder durch ein unverhofftes Erbe zu Geld und Ansehen, darauf kann man Wetten abschließen.

Dann gibt es noch den historischen Roman “für Männer”: Geschichten mit schön viel Blut, Dreck und derber Sprache (und ach so “historisch korrekter” Gewalt gegen Frauen), die mit coolen historischen Helden aufwarten, die entweder harte Ermittler sind, Freiheitskämpfer, oder ganz einfach irgendwelche Rebellen, die nichts auf die Gepflogenheiten ihrer Zeit geben, obwohl sie natürlich ebenfalls privilegiert sind (Privilegien werden im historischen Roman natürlich auch nie anerkannt. Wenn ich an all die reichen, weißen jungen Damen denke, die als größte Verlierer ihrer Gesellschaft präsentiert werden, während arme Frauen oder WoC gar nicht erst vorkommen…) Während mich diese Art des historischen Romans, in dem unter dem Deckmäntelchen “So war das damals halt” Gewalt und schlechtes Verhalten (ebenfalls großteils gegenüber weiblichen Figuren) gerechtfertigt werden, nur noch nerven, habe ich auch für die “Innen”-Romane keine Geduld mehr.

Denn diese Romane kränkeln beinahe alle in denselben Punkten: Auf historische Frauen übertragene, sehr moderne Schönheitsideale zum Beispiel, denn es kann ja nicht sein, dass unsere historische Heldin nicht schlank, grazil und schneeblass ist. Und eben der (durch und durch weiße) Pseudofeminismus: Eine starke Frau zieht sich ein Paar Hosen über, feiert ihre neue Freiheit und übernimmt eine traditionelle Männerrolle. Frauen, die sich in traditionell weiblichen Rollen wohlfühlen, werden natürlich belächelt oder sind Antagonistinnen. Gerade dieses Hosentragen ist oft albern (besonders in Zeiten, in denen Hosen sehr viel weniger Beinfreiheit boten, als weite Röcke) und ein Symbol dafür, wie vereinfacht, modern gedacht und schwarz und weiß sehr viel historische Fiktion ist.

Einerseits ist vieles davon einfach problematisch. Davon, dass sexuelle Gewalt so oft verharmlost und als “historisch korrekt” und deshalb fast schon ein Muss dargestellt wird, möchte ich eigentlich gar nicht anfangen. Andererseits ist das alles aber einfach nicht mehr interessant. Wie viele Romane nach genau dem gleichen Muster muss ich noch zur Hälfte lesen, bis endlich mal einer dabei ist, der etwas Neues, Frisches, Kreatives versucht? Und wie viele historische Romane, die diesen ausgeleierten Schemen folgen, erscheinen wohl jedes Jahr? Wer liest sie? Wer ist die Zielgruppe für diese immer gleichen Geschichten? Und wieso ist der Histo-Markt voll von diesen Geschichten, die beinahe schon historisches Fast Food2 sind – nicht besonders gut recherchiert, mit immer und immer wieder denselben Geschichten, Mustern und Figuren-Archetypen – während Neuem oft überhaupt keine Chance gegeben wird?

DAS TRAURIGE IST DER STILLSTAND

Das Genre kann mehr. Und hier komme ich wieder zu historischer Fiktion aus den USA und UK. Auch diese ist alles andere als perfekt, aber sie ist nuancierter. Sie bietet mehr. Auf dem deutschen Markt muss man historischen Horror, historische Phantastik, historische Thriller, oder aber auch einfach ganz normale historische Geschichten aber abseits von Klischees und Schemata, lange suchen (auch, wenn es die Ausnahmen, die sich lohnen, natürlich immer gibt3.). Im englischsprachigen Bereich fällt diese Suche leichter, wenn auch hier Inklusion und Diversity oft fehlen. Hier merke ich zumindest, dass das Genre im Umbruch ist, dass Neues ausprobiert wird, dass alte Grenzen aufgesprengt werden und es Raum für die verschiedensten Arten von historischer Fiktion gibt.

Nein, es ist nicht alles perfekt, auch hier nicht. Aber zumindest ist auf dem englischen Markt Besserung zu erkennen: Madeline Miller würdigt mit “Das Lied des Achill” die Queerness der antiken Sagenwelt, die ja gern ignoriert oder tabuisiert wird, Mackenzi Lee schreibt historische Romane in der frühen Neuzeit, in der LGBTQ und PoC glücklich werden dürfen, Sarah Waters’ historische Romane über queere Frauen sind seit Jahren ein fester Bestandteil der englischsprachigen Histoszene, und besonders kommen auch positiv konnotierte Figuren aus marginalisierten Gruppen als wichtige Nebenfiguren immer öfter vor. Nach Deutschland übersetzt werden diese Bücher übrigens oft gar nicht oder eben abseits der großen Histo-Verlage. Neues, Veränderung, Entwicklung sind hier anscheinend nicht gefragt und das finde ich sehr schade.

Die (deutsche) historische Fiktion ist einfach altbacken und vor allem steht sie still. Sie liefert uns seit knapp zwei Jahrzehnten immer dieselben Geschichten mit denselben Mustern und vor allem denselben Blickwinkeln, die meist weiß und heterosexuell sind. Schaut man sich besonders deutsche historische Fiktion so an, wird gar nicht ersichtlich, was der historische Roman kann, wie kraftvoll er sein kann: Historische Fiktion kann das Bild, das ihre LeserInnen von Geschichte haben, beeinflussen. Sie kann Einblicke in Geschichte geben, die oft totgeschwiegen wird, sie kann neue Perspektiven auf Ereignisse geben, die auch unsere Gegenwart beeinflussen und vor allem kann sie nuancierter sein, als immer wieder alte Klischees und Muster aufzuwärmen, immer wieder dieselben Perspektiven wiederzugeben.

ES WIRD ZEIT FÜR NEUES

Der deutsche historische Buchmarkt ist so groß. Und es wird im Jahr 2018 einfach Zeit, dass er sich neuen Geschichten öffnet, dass er ein bisschen Platz macht für Geschichten, die nicht den alten Genrekonventionen folgen, die die Geschichten von marginalisierten Personen auf positive Weise erzählen, die nicht verschweigen, dass nicht nur weiße, christliche, heterosexuelle Personen Geschichte erlebt und gemacht haben. Darüber hinaus wird es Zeit, die Vielfalt des Genres endlich zu nutzen und Geschichten eine Chance zu geben, die eben nicht nach den gängigen Mustern funktionieren. Ja, hin und wieder bekommen wir Übersetzungen von solchen Geschichten: Mackenzi Lees “Cavaliersreise”, Madeline Millers “Das Lied des Achill”, “Lincoln im Bardo” von George Saunders, “Heimkehren” von Yaa Gyasi. Aber wo bleiben solche Romane von deutschsprachigen AutorInnen? Wann öffnet sich das Histogenre endlich der unglaublichen Vielfalt, die es zu bieten hat?

Der historische Roman steht still. Und mich langweilt das nicht nur, es ärgert mich auch. Denn ich liebe dieses Genre – ich liebe jedoch nicht, was es mir anbietet. Ich liebe nicht, dass es seine problematischen Strukturen nicht nur nicht überdenkt, sondern geradezu zu feiern scheint, indem jeden Monat weitere historische Romane nach denselben alten, ausgetretenen Mustern erscheinen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann halt nur eine gewisse Anzahl an Romanen über schöne weiße Frauen lesen, die hosentragend ein Abenteuer erleben und reich heiraten. Ich habe Romane über harte weiße Kerle, die für die “Freiheit” kämpfen oder anderweitig rebellieren, komplett über. Ich möchte nuancierte historische Romane lesen, die sich etwas trauen, die Geschichte zeigen, die bisher ignoriert wurde, die Geschichten abseits von Klischees und Genrekonventionen erzählen. Ist das wirklich zu viel verlangt? Ich finde nicht.


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1 Das gilt natürlich auch für andere marginalisierte Gruppen. Auch historische Romane mit Figuren mit Beeinträchtigungen gibt es kaum und aus dem LGBTQ-Spektrum sind ganz besonders trans Figuren selten bis überhaupt nicht vorhanden.

Ich habe überhaupt kein Problem mit Büchern, die nur unterhalten sollen und die man zwischendurch schnell weglesen kann. Ich meine das “Fast Food” hier auch gar nicht unbedingt negativ. Ein Problem wird es in meinen Augen jedoch, wenn diese Art Romane den Großteil des Angebots ausmachen, während anderes keine Chance bekommt. 

3 Ich freue mich immer sehr über Empfehlungen, was das angeht. Was ich allerdings nicht mehr hören kann, ist: “Aber es gibt doch da dieses eine Buch, also ist alles, was du schreibst, gar nicht so schlimm”. Eine Handvoll Ausnahmen ist leider nichts gegen die Masse an Büchern, die nach diesen Schemata geschrieben sind. Am Ende bestätigt die Ausnahme eben doch die Regel.

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