Rezensionen

“Das Wunder” von Emma Donoghue

Irland Mitte des 19. Jahrhunderts: In einem kleinen Dorf, dessen Bewohner tief im katholischen Glauben verwurzelt sind, staunt man über ein leibhaftiges Wunder. Seit vier Monaten hat die kleine Anna O’Donnell keine Nahrung zu sich genommen und ist doch durch Gottes Gnade gesund und munter. Die unglaubliche Geschichte lockt viele Gläubige an, aber es gibt auch Zweifler. Schließlich beauftragt man die resolute englische Krankenschwester Lib Wright, das elfjährige Mädchen zu überwachen. Auch ein Journalist reist an, um über den Fall zu berichten. Werden sie Zeugen eines ausgeklügelten Schwindels oder einer Offenbarung göttlicher Macht?

MEINE GEDANKEN

“Das Wunder” ist, was historische Romane angeht, ein Volltreffer. Dass sich hinter einem so simplen (und doch schönem) Cover eine solche Geschichte verbirgt, hätte ich nicht gedacht und während mir das deutsche Cover durchaus gefällt, sind die Cover der diversen englischen Ausgaben treffender: Ein Silberlöffel auf dunklem Untergrund. Ein Wirrwarr aus Blättern, in dem ein Vogel sitzt. Ein Baum, in dessen Äste Stoffreste geknotet sind, wie Lib sie im Roman auch tatsächlich öfter sieht. “Das Wunder” nimmt mit in eine dunkle Gegend: Irland in den 1850ern, ein Land, das sich gerade erst von der großen Hungersnot erholt hat. Hierhin verschlägt es die englische Krankenschwester Lib Wright, die bei der berühmten Florence Nightingale während des Krimkrieges gelernt hat, als ein “Wunder” Schlagzeilen macht: Die elfjährige Anna O’Donnell soll seit vier Monaten nichts gegessen haben und ist trotzdem noch am Leben.

Mich hat der Roman vor allem gereizt, weil Lib eine “Nightingale” ist, eine Schülerin Florence Nightingales. 2015 hat mich eine Freundin überredet, sie in das Florence-Nightingale-Museum in London zu begleiten und ich war sofort fasziniert, nicht nur von Florence selbst, sondern eher von dem, was sie für Frauen in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erreicht hat: Die 1850er sind ein wichtiges Jahrzehnt für Frauen, die in die Medizin wollen. Sie dürfen zwar keine Ärztinnen sein, aber der Beruf der Krankenschwester wird langsam salonfähig. Viktorianischer Sexismus spielt übrigens eine große Rolle in “Das Wunder”: Lib ist ausgebildete Krankenschwester und macht ihre Arbeit gut, muss jedoch immer wieder zurückstecken, wenn männliche Ärzte meinen, es besser zu wissen, obwohl ihre Methoden und Ansichten antiquiert sind. Wie sie mit der dreißigjährigen Lib reden, als wäre sie ein Kind, ihre Theorien und Vermutungen nicht ernst nehmen, das tut weh, aber hier gelingt Emma Donoghue mit wenigen Worten etwas sehr seltenes: Sie zeigt viktorianische Misogynie vollkommen authentisch.

Ich bin es gewohnt, dass AutorInnen viktorianischen Sexismus bis zum Anschlag aufdrehen, sodass sich LeserInnen schön darüber empören können, wie schlimm doch damals alles war. Emma Donoghue aber zeichnet ein authentisches Bild davon, wie machtlos selbst Frauen wie Lib, die sehr viel eigenständiger waren und mehr Macht hatten, als viele andere Frauen, wie Kinder patronisiert wurden und vor allem wie viel von dem, was seinen Ursprung im neunzehnten Jahrhundert hat, bis heute nachhallt: Victim Blaming zum Beispiel ist ein wichtiges Thema in “Das Wunder”, womit ich überhaupt nicht gerechnet hätte, aber auch die Entmenschlichung von Frauen und Mädchen: Die kleine Anna O’Donnell soll ein Engel sein, eine Märtyrerin oder eine Heilige. Wenn sie diese Rolle spielt, wird sie geliebt. Ist sie aber sie selbst, ein Kind, eckt sie an. O’Donnell zeigt die Parallelen zwischen viktorianischem und modernem Sexismus nicht nur, sie unterstreicht sie dick, damit man eigentlich gar nicht auf die Idee kommen könnte, zu denken: “Gut, dass das heute anders ist.” Denn ist es wirklich anders?

DUNKLE MOORE, DUNKLE WAHRHEITEN

Darüber hinaus ist “Das Wunder” eine atmosphärische, irische Gothicgeschichte voller düsterer Bilder, die sich aus der kargen Natur der irischen Midlands mit seinen Wäldern und Mooren und dem katholischen Fanatismus seiner Bewohner ergeben. Die Geschichte wird nicht für jeden etwas sein: Sie ist langsam erzählt und sie spielt sich zum großen Teil in der Kate der Familie O’Donnell ab, in Annas Zimmer, in dem Lib das kleine Mädchen überwachen soll, um sicherzugehen, dass sie tatsächlich nicht heimlich isst. Stattdessen kommen Lib jedoch bald Zweifel, ob sie es wirklich mit einem Schwindel zu tun hat, wie sie von Anfang an glaubt, oder ob Annas “Wunder” am Ende nicht einen viel dunkleren Ursprung hat. Die Geschichte entfaltet sich langsam und Spannung entsteht aus den Figuren selbst, aus Annas sich immer weiter verschlechternden Gesundheit und vor allem auch aus den Abgründen, die sich auftun, je weiter man hinter die Wahrheit kommt.

Auch Kindsmissbrauch spielt eine große Rolle in “Das Wunder”. Das fängt an damit, dass die O’Donnells Annas “Wunder” nutzen, um sich selbst zu profilieren und es greift auf den verschiedensten Ebenen noch viel tiefer. Ich hatte mir von “Das Wunder” einen historischen Thriller um einen großen Schwindel erwartet. Tatsächlich ist der Roman aber eine düstere Schauergeschichte, die leise aber nachdrücklich viktorianische Missstände aufzeigt, um Parallelen in unsere heutige Zeit zu ziehen, die uns mit Lib eine authentische viktorianische Frau vorstellt, die aus den starren Konventionen ihrer Zeit ausgebrochen ist und einen hohen Preis dafür zahlen musste, der auch eine etwas unkonventionelle Liebesgeschichte ganz subtil mit einflechtet und am Ende die Art historischer Roman ist, von der ich noch viel mehr lesen möchte: Authentisch, atmosphärisch und vor allem einfach anders. Deshalb liegt jetzt auch Emma Donoghues “Frog Music”, das noch nicht auf deutsch erschienen ist, ganz weit oben auf meinem SUB.

Mit “Das Wunder” legt Emma Donoghue einen historischen Roman vor, der nicht nur authentisch und ohne große Schockmomente von viktorianischer Misogynie, katholischem Fanatismus und natürlich auch der Unterdrückung Irlands erzählt, sondern auch Parallelen in die heutige Zeit aufzeigt und vor allem eine leise, aber spannende Schauergeschichte vor der Kulisse der irischen Moore erzählt. Viel mehr kann ich über dieses wunderbare Buch auch gar nicht sagen. Ich habe hier direkt ein neues Lieblingsbuch gefunden und ich würde den Roman allen LeserInnen von düsteren, nachdenklichen Geschichten, die tief unter die Haut gehen, empfehlen. Auch LeserInnen, die mit historischen Stoffen nicht so viel anfangen können, aber Schauergeschichten nach alter Gothictradition mögen, würde ich “Das Wunder” ans Herz legen.


BIBLIOGRAPHIE

Das Wunder | Wunderraum, 2017 | 978-3-336-54788-3 | 416 Seiten | Deutsch | Übersetzer: Thomas Mohr| Britische OA: The Wonder, 2016

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