Rezensionen

20 Jahre später: “Die Mitte der Welt” von Andreas Steinhöfel

Was immer ein normales Leben auch sein mag – der 17-jährige Phil hat es nie kennengelernt. Denn so ungewöhnlich wie das alte Haus ist, in dem er lebt, so ungewöhnlich sind auch die Menschen, die dort ein- und ausgehen – seine chaotische Mutter Glass, seine verschlossene Zwillingsschwester Dianne und all die anderen. Und dann ist da noch Nicholas, der Unerreichbare, in den Phil sich unsterblich verliebt hat … Phil sehnt sich nach Orientierung und Perspektiven. Aber vor allem danach, mehr über sich selbst zu erfahren.

MEINE GEDANKEN

Ich weiß, ihr liebt dieses Buch alle. Und das ist okay, echt. Aber ich liebe es nicht. Ehrlich gesagt mag ich es nicht einmal. Ich habe “Die Mitte der Welt” 2011 schon einmal gelesen und damals war es mir einfach eher egal. Aber heute, 2018? Naja, es gibt jetzt diese neue Hardcoverauflage. Aber der Inhalt ist gleich, 20 Jahre alt jetzt, und man merkt es. Und hey, ich weiß, wie wichtig dieses Buch einigen Leuten ist. Ich weiß, dass es euch vielleicht geholfen hat, als ihr Teenager wart und das ist sowas von toll und wichtig und ich will diesem Roman seine Wichtigkeit auch gar nicht absprechen. Er war verdammt wichtig, 1998. Er war auch 2011 noch wichtig, als ich ihn gelesen habe, als es immer noch so gut wie gar keine queere YA auf dem deutschen Buchmarkt gab.

Das alles ist mir sehr deutlich bewusst und deshalb nehmt diese Warnung bitte ernst: Falls ihr dieses Buch liebt, falls ihr eine emotionale Bindung dazu habt, lest diesen Post bitte mit Vorsicht. Ich habe diese Bindung nicht und es gibt in diesem Buch zu viel, das mir überhaupt nicht gefallen hat, um es zu mögen. Vielleicht stimmt ja einfach mit mir was nicht, weil die meisten Rezensionen so überschwänglich positiv sind, das ich langsam das Gefühl bekomme, das Buch vielleicht einfach nicht verstanden zu haben. Wer weiß? Aber ich denke einfach, dass wir heute, 20 Jahre später, sehr viel weiter sind, als “Die Mitte der Welt” es ist. Und das ist ja auch normal. Das Buch ist eben zwanzig Jahre alt. Aber gerade deshalb ist es schade, dass es immer noch das am meisten gehypte queere Jugendbuch auf dem deutschen Markt ist. Lasst uns mal nach vorn gucken, Leute. Lasst uns mal was neues lesen.

Denn so sehr “Die Mitte der Welt” in den späten 90er Jahren sicherlich einen Nerv getroffen hat, so wenig ich allen LeserInnen, denen es viel bedeutet, das absprechen möchte, dieses Buch ist voller durch und durch problematischer Elemente, die wir in anderen, neueren Büchern so nicht einfach akzeptieren würden. Das geht von der subtilen Misogynie über sexuellen Missbrauch bis hin zur Tochter, die ihre Mutter zur Abtreibung zwingt. Und vielleicht war das 1998 total “edgy” und vielleicht empfinden es auch heute noch Leser so, aber eigentlich ist es das nicht, sondern eben einfach sperrig. “Die Mitte der Welt” gilt als ein Stück wichtige deutsche Jugendliteratur und das kann ich durchaus nachvollziehen. Es ist wunderbar geschrieben in seiner Absurdität, es stellt uns tolle, vielschichtige Figuren vor, es macht nachdenklich, traurig, es nimmt mit. Aber sollten wir es 2018 immer noch so unreflektiert in den Himmel loben? Ich finde nicht.

KLISCHEES UND PROBLEMATISCHES HÄUFEN SICH

Am Ende steckt “Die Mitte der Welt” leider voller Klischees und Stereotypen, die wir in den letzten zwanzig Jahren ein Stück weit hinter uns gelassen haben, und vor allem reflektiert es nicht, wovon es erzählt. So viele Szenen gibt es hier, die mich kopfschüttelnd oder sogar mit Bauchgrimmen zurückgelassen haben. Nimm die Szene, in der Glass und Tereza testen, ob Phil schwul ist, indem sie versuchen, ihn Fußballspielen zu lassen. Kann er nicht, also muss er schwul sein. Was für ein Lacher, richtig? Ergibt doch Sinn, richtig? Die beiden betiteln Phil außerdem nicht nur einmal mit homophoben Schimpfwörtern, was ich besonders von Glass als Phils Mutter sehr schmerzhaft zu lesen empfand. Glass ist keine typische Mutter: Sie ist eine Bohemienne, wie sie im Buche steht. Aber sie wird uns doch als liebende Mutter verkauft – die ihren Sohn dann halt auch mal als T***e bezeichnet. Und diese Normalisierung von homophober Gewalt geht in meinen Augen einfach viel zu weit.

Dann geht es gut weiter, denn Phils erste sexuelle Erfahrungen macht er mit Annie, einer alten Frau, die ihn praktisch zwingt, sich vor ihr selbst anzufassen. Und ja, das ist sexueller Missbrauch, wirklich. Und, dass Phil diese “Lehrstunde” als schöne Erinnerung im Kopf bleibt, ist in meinen Augen einfach unverantwortlich, wenn nicht sogar romantisierend. Generell sind Consent und dergleichen in “Die Mitte der Welt” etwas sehr Dehnbares. Als ein Mitschüler Phil homophobe Kommentare entgegenknallt, entscheidet Phil, dass die richtige “Rache” ist, ihn gegen seinen Willen zu küssen. Reflektiert wird all das einfach gar nicht. Es passiert, es wird zum Teil sogar als gut und erstrebenswert dargestellt.

Natürlich ist der als bisexuell auslegbare Junge auch das Klischee vom arroganten Kerl, der betrügt und lügt, dem Liebe nicht viel bedeutet. Natürlich ist die allerbeste Freundin eigentlich eine hinterhältige Schlange. Eine Siebzehnjährige ist bockig, weil ihre Mutter wieder schwanger ist, also mischt sie ihr Gift ins Essen, um eine Fehlgeburt zu erzwingen. Ein verdammt traumatisches Erlebnis. Nach ein paar Seiten vergeben und vergessen. Glass wird sowieso an jeder Ecke geslutshamed, auch von Phil. Was fällt ihr ein mit so vielen Männern zu schlafen? Wie kommt sie dazu, Phil nicht sagen zu können, wer sein Vater ist? Wieso ist sie auch so eine Schlampe, die sogar die Frechheit besitzt, ihre Männer zu zählen und auf eine Liste zu schreiben? Die Liste der Dinge, die an “Die Mitte der Welt” im Jahr 2018 sehr übel anecken, ist jedenfalls lang. Und nein, das liegt nicht daran, dass wir alle mittlerweile viel zu sensibel und “politically correct” sind. Wir haben in den letzten 20 Jahren einfach dazugelernt. Als Gesellschaft, meine ich. Und das ist gut. Man merkt es nur so sehr, wenn man Bücher liest, die so sehr Produkte ihrer Zeit sind, wie “Die Mitte der Welt”.

Aber das Enttäuschendste dabei ist eigentlich Phil selbst, der Ich-Erzähler. Denn am Ende ist Phil nichts anderes als eine Vermengung aller Klischees zu schwulen Jungs in einer einzigen Figur. Phil ist leise, hilflos, lässt sich herumschubsen. Alle anderen Figuren behandeln ihn wie einen Spielstein, den man hier oder dahin schieben kann, wie es einem gerade passt, und er lässt das geschehen. Bis zum Ende lässt er andere für sich einstehen, lernt nichts dazu, läuft vor Problemen weg. Dazu kommen Klischees, die wir auch 1998 schon am besten weit hinter uns gelassen hätten: Phil, der eher feminin wirkt, hätte ein Mädchen werden sollen, weil er schwul ist, heißt es. Mir wird ein bisschen anders. Der Höhepunkt des Unangenehmen war die “schöne” Erinnerung Phils an eine extra zum Geburtstag geplante Schiffsreise hin zu einer “exotischen” Insel, wo seine Familie einen (ebenfalls minderjährigen!) nicht-weißen Jungen dafür bezahlt, ihn zu entjungfern, denn da häufen sich alle Probleme, die der Roman mit Klischees, Absurditäten, Consent und dem Zwischenmenschlichen so hat.

SKURRILE TRAUMWELT, HOFFNUNGSLOS ANTIQUIERT

Was “Die Mitte der Welt” sein möchte, ist ein Episodenroman über die Absurditäten des alltäglichen Lebens. Und ein Stück weit ist er das auch, wenn er auch mehr als einmal weit über das Ziel hinausschießt und sowas von unglaubwürdig wird, dass es nicht mehr schön ist. Das Problem ist aber viel eher, dass er viel Problematisches vollkommen unreflektiert stehen lässt, teilweise sogar als gut hinstellt oder schlicht und einfach romantisiert. Und ich kann euch jetzt ehrlich nicht sagen, inwieweit die Dinge, die mir heute, 2018, schwer im Magen liegen und beim Lesen sofort aufgefallen sind, 1998 bereits genauso bewertet wurden, oder nicht, aber das ist auch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, wie weit wir in zwanzig Jahren gekommen sind. Der Punkt ist, dass dieses Buch trotzdem bis heute eins der wenigen Bücher mit queeren Hauptfiguren ist, von einem deutschen Autoren auf dem deutschen Buchmarkt im Großverlag erschienen. Der Punkt ist, dass 2018 ganz unkritisch eine Neuauflage erscheint. Und das finde ich schade.

“Die Mitte der Welt” hat natürlich seine Daseinsberechtigung. Es war eins der einflussreichsten Jugendbücher der späten 1990er und frühen 2000er. Ich weiß, dass es vielen Menschen geholfen hat, sich selbst zu finden und ich weiß, dass es diesen Menschen viel bedeutet. Das möchte ich auch natürlich nicht kritisieren, das ist gut. Was mich jedoch traurig macht, ist, dass dieses Buch auch heute noch in den Himmel gelobt wird, ohne, dass jemand diese Aspekte auch nur anspricht. “Die Mitte der Welt” ist das Lieblingsbuch vieler LeserInnen in meinem Alter und darüber. Es ist aber einfach unglaublich problematisch. Und nein, nicht auf die “Das hätte man anders lösen sollen, aber geht schon”-Weise, sondern wirklich problematisch. In seiner Darstellung queerer Jungen als zwanghaft feminin, schwach und im Falle von Bisexualität verlogen und hinterhältig. In seinen Problemen, Missbrauch zu erkennen, der dann stattdessen auch noch romantisiert wird, ob es Phil selbst ist, oder der Junge auf der Insel. In seinem tiefsitzenden Sexismus, der sich in der Darstellung seiner drei wichtigsten Frauenfiguren – Glass, Dianne und Kat – immerzu spiegelt.

Also ja, “Die Mitte der Welt” hat natürlich seine Daseinsberechtigung. Diese Neuauflage, und das sage ich jetzt mal ganz verwegen, aber meiner Meinung nach nicht. Wir hätten “Die Mitte der Welt” als das, was es ist, in den frühen 2000ern lassen sollen: Sicherlich ein Stück weit fortschrittlich in seinem Bemühen, eine queere Liebesgeschichte ohne Coming-Out-Drama erzählen zu wollen. Aber es ist 2018. Es ist Zeit für neue, positive, authentische Geschichten über queere Jugendliche, die Klischees in der Kiste lassen und anstelle von absurden Wunschvorstellungen von Lebensrealitäten erzählen. Die nicht auf Homophobie, Misogynie und, ja, Rassismus aufbauen. Der deutsche Buchmarkt ist, was queere Protagonisten im Jugendbuch angeht, noch immer sehr zaghaft. Und anstelle einer Neuauflage dieses Romans hätte ich mir gewünscht, dass er modernen, aktuellen Geschichten eine Bühne gibt, denn diese sind so wichtig für queere – aber auch für nicht-queere – Jugendliche. “Die Mitte der Welt” zeigt eine zutiefst problematische Traumwelt. Aber was wir brauchen, sind Geschichten, die verantwortungsvoll mit Themen wie Missbrauch und Consent umgehen.

Ich bin irgendwie enttäuscht. Nicht unbedingt nur von “Die Mitte der Welt”, sondern viel eher von unserem Umgang mit diesem Roman. Er wird an Schulen von Zwölfjährigen im Unterricht gelesen, ohne, dass auf die problematischen Inhalte eingegangen wird. Er wird noch immer links und rechts empfohlen, wenn es um queere Jugendliteratur geht. Er wird genauso romantisiert, wie er selbst ziemlich unschöne Dinge romantisiert, wie Missbrauch, Klischeedenken und selbst Prostitution von Minderjährigen. Leute, so geht das doch nicht. Und ich weiß, dass einige von euch jetzt vielleicht denken: “Aber das ist Kunst”. Und ja, “Die Mitte der Welt” hat natürlich einen künstlerischen Anspruch. Die vielen Anspielungen auf verschiedene Mythologien, das Verträumte, das Skurrile, das ist alles fine und dandy. Aber es ist keine Entschuldigung für das, was dieser Roman eben macht: Furchtbares, Stigmatisierendes, Traumatisches normalisieren und romantisieren. Und da hört auch auf Kunst auf, denn auch Kunst hat eine Verantwortung, besonders, wenn ihre Zielgruppe so jung ist.

Ich möchte “Die Mitte der Welt” daher nicht empfehlen. Wenn ihr auf der Suche nach queeren HeldInnen im Jugendbuch seid, lasst dieses Buch aus und widmet eure Zeit Büchern, in denen Sexismus, Missbrauch, Homophobie und Stigmatisierung als so verheerend gezeigt werden, wie sie auch sind. “Die Mitte der Welt” hatte seine Zeit, aber es ist Zeit für neue Geschichten für und mit queeren Jugendlichen. Und ich wünschte, der deutsche Buchmarkt würde diese ins Scheinwerferlicht rücken, anstatt so durch und durch unkritisch eine zwanzig Jahre alte Geschichte voller Problematiken.


BIBLIOGRAPHIE

Die Mitte der Welt | Carlsen, 2018 | 9783551583956 | 472 Seiten | deutsch | Originalausgabe: Carlsen, 1998

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