“Gegen die Gezeiten” von Mia Salberg

Ella wird nach Burron geschickt, die winzige Heimatinsel ihrer Mutter vor der Küste Schottlands. Dort soll sie ihr Asthma auskurieren und den Tod der Mutter überwinden. Aber die Burroner sind abweisend und verschwiegen. Ella fühlt sich auf der Insel nicht willkommen. Gut, dass es wenigstens den jungen Schiffer Luke Burns gibt, zu dem sie bald Vertrauen fasst. Doch dann stößt Ella auf ein uraltes Geheimnis und gerät in große Gefahr. Auf einmal will auch Luke nichts mehr von ihr wissen. Ein Sturm zieht auf und wirbelt Ellas Leben durcheinander. Sie muss ins Herz der Insel vorstoßen, um das Mysterium der See und der Silberaugen zu enträtseln.

MEINE GEDANKEN

Dieses Buch ist wahrscheinlich perfekt für alle, die düster-atmosphärische Jugendbücher mögen, voller maritimem Flair, unheimlicher Begebenheiten und ruppigem Nordseecharme. Das alles hat “Gegen die Gezeiten” zu bieten – es muss einem aber eben auch reichen. Ich glaube, ich hätte dieses Buch mit vierzehn sehr geliebt. Nun bin ich nicht mehr vierzehn und somit auch nicht mehr die Zielgruppe dieses Romans, deshalb genießt diese Rezension bitte mit Vorsicht. Ich bin einige Jahre älter als die Zielgruppe und ich denke kritischer, als ich es mit vierzehn oder auch sechzehn getan hätte. Das kann ich nicht abstellen, also wird das hier eine typische “Erwachsene liest Jugendbuch”-Rezension. Nur mal so.

Hätte ich vorher gewusst, dass die Heldin Ella erst vierzehn Jahre alt ist, hätte ich es mir vielleicht auch zweimal überlegt, ob ich “Gegen die Gezeiten” lesen möchte, oder ich wäre einfach anders an den Roman herangegangen, denn seine Zielgruppe sind eindeutig jüngere Jugendliche und eben nicht junge Erwachsene und Erwachsene, wie es bei Young Adult sonst oft ist. Ich mochte Ella sehr, sie ist eine interessante Protagonistin, aber natürlich hatte ich altersbedingt so meine Probleme, mich mit ihr zu identifizieren und das liegt natürlich an mir. Aber mal von vorn, denn mir hat “Gegen die Gezeiten” eigentlich doch gut gefallen.

WANN GEHT’S DENN ENDLICH LOS?

Das Setting ist großartig: Die kleine schottische Nordseeinsel Burron ist nicht nur eine Kulisse für die Geschehnisse, sondern wird atmosphärisch in die Handlung einbezogen. Denn eigentlich steht und fällt alles mit Burron: Von dieser Insel ist Ellas Mutter vor Ellas Geburt geflohen – und Ella kehrt jetzt zurück, weil ihr Vater hofft, dass die Nordseeluft Ellas Asthma heilen kann. Ella wird auf der Insel jedoch von Anfang an als Fremde betrachtet. Selbst ihre Tante Sarah steht ihr feindselig gegenüber und die Inselbewohner scheinen Ellas Mutter Margaret als Verräterin zu betrachten. Ella muss also unbedingt rausfinden, was genau Margaret vor ihrer Flucht von der Insel getan hat – und was es mit den “Silberaugen” auf sich hat, die es angeblich nur auf Burron gibt.

Die Ausgangssituation ist genau nach meinem Geschmack: Ein düsteres Mysteryabenteuer auf einer Nordseeinsel, im stürmischen Herbst… das ist genau meins und deshalb habe ich mir “Gegen die Gezeiten” ohne zweimal nachzudenken ausgeliehen, als ich zufällig über das Buch gestolpert bin. Leider arbeitet Mia Salberg jedoch kaum mit dieser tollen Vorlage. Die eigentliche Handlung geht leider erst um Seite 200 herum los und dann vergehen noch einige Seiten, bis man auch endlich Antworten bekommt. Und das ist wirklich schade. Es ist nicht so, als wären die anderen 200 Seiten nicht spannend, ich habe das gern gelesen, aber die eigentliche Geschichte fängt einfach zu spät an.

Es gibt immer wieder tolle und auch wirklich unheimliche Vorfälle in Ellas ersten Tagen auf der Insel: Die Inselbewohner sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die sie meiden und offen ablehnen und das sorgt für eine beklemmende und düstere Atmosphäre, die immer gut spürbar war und dem Roman eine ganz eigene Stimmung gegeben hat. Dann stolpert Ella immer wieder über mysteriöse Ungereimtheiten und in gruselige Situationen, die mich überrascht haben. Ich hätte nicht gedacht, dass “Gegen die Gezeiten” so unheimlich sein würde, doch manchmal kommt richtige Gruselstimmung auf, was mir gefallen hat.

Allerdings zieht Mia Salberg Ellas Eingewöhnungsphase dafür, dass “Gegen die Gezeiten” ein Einzelband ist, für meinen Geschmack viel zu sehr in die Länge. 200 Seiten unheimliche Vorkommnisse, gruselige Begegnungen und Entdeckungen und atmosphärische Inselspaziergänge lassen sich gut lesen, es ist nie langweilig… aber man möchte dann doch bald, dass endlich die eigentliche Geschichte rund um Margaret und ihre Flucht von der Insel, die “Silberaugen” und die übernatürlichen Vorkommnisse auf der Insel, die lange nur angedeutet werden, losgeht. Es gibt zwar keine Längen, weil Mia Salberg einfach mitreißend zu erzählen weiß, aber das Pacing ist leider trotzdem nicht ideal. Auf eine lange Einleitung folgt ein kaum existenter Mittelteil und ein gehetzt wirkendes Finale, in dem Antworten, die vorher hätten eingestreut werden können, überstürzt nachgeliefert werden.

Ein großes Problem war für mich auch die Liebesgeschichte zwischen Ella und Luke, die sich von Anfang an abzeichnet. Ich mochte Luke, denn er ist nicht der typische abweisende und hochnäsige Jugendbuchheld. Luke ist als einziger auf der Insel nett zu Ella und verbringt gern Zeit mit ihr, er hilft ihr, wo er kann und er ist ein interessanter Charakter: Luke bedient das kleine Bootenschiff Ginster, mit dem er Pakete und dergleichen vom Festland abholt und er hat diesen typischen Seemannscharme, dem natürlich auch Ella sich nicht verschließen kann. Aber: Ella ist vierzehn. Vierzehn Jahre alt, Leute. In dem Alter haben die meisten Teenager ihre ersten Verliebtheiten und Flirts.

Ella spricht jedoch sofort von der großen Liebe, wenn es um Luke geht. Dass Luke drei Jahre älter ist, fand ich auch ein wenig unschön, denn zwischen vierzehn und siebzehn Jahren liegt in dem Alter doch so ein himmelweiter Unterschied und es fiel mir schwer, nachzuvollziehen, was ein siebzehnjähriger Junge von einem vierzehnjährigen Mädchen, das sich oft auch noch etwas kindisch benimmt (mit Glitzerschnürsenkeln und einigen Trotzphasen zum Beispiel), wollen soll. Dass die beiden nach dem ersten schüchternen Kuss gleich anfangen ziemlich rumzufummeln, habe ich auch eher mit erhobener Augenbraue gelesen. Ella hat null romantische Erfahrungen, ich fand es nicht unbedingt realistisch – oder auch vom Storytelling her überzeugend – dass die beiden sich nicht mehr Zeit lassen mit ihrer Liebesgeschichte.

WUNDERBARES SETTING & WUNDERSAME LOGIKBRÜCHE

Dazu kommen so einige kleine Ungereimtheiten, die mich immer wieder aus der Geschichte gerissen haben. Wäre das einmal vorgekommen, oder auch zweimal, hätte ich nichts gesagt, aber es passierte leider wirklich alle paar Kapitel. Zum Beispiel soll Ella als Londonerin noch nie am Meer gewesen sein, obwohl das Meer von London aus sehr leicht zu erreichen ist – sie erzählt aber vom Urlaub in Südeuropa und von Skiausflügen. Ella weiß außerdem dutzende maritime Begriffe auswendig, die nicht einmal ich als erwachsene Frau, die am Meer aufgewachsen ist, kenne – dann muss ihr aber jemand erklären, was eine Sirene ist. “Der weiße Hai” wird als obskurer Filmklassiker erwähnt, den keiner kennt und in einer Szene bemerkt Ella, dass eine Visitenkarte durchnässt und unlesbar geworden ist, hat die Karte aber in der nächsten Szene wieder gut lesbar in der Tasche.

Das sind nicht alles unbedingt Logiklücken, aber es sind unglaubwürdige Ungereimtheiten, die mich oft haben stutzen lassen und die dadurch, dass sie so oft aufgetreten sind, mein Lesevergnügen auch etwas geschmälert haben, da einiges einfach nicht gut durchdacht oder glaubwürdig daherkam. Das Setting ist auch so ein Punkt. Ja, ich habe oben geschrieben, dass es sehr atmosphärisch und schön zu lesen war und das stimmt auch. Aber es soll eine schottische Insel sein und es hat sich leider für mich zu keinem Zeitpunkt schottisch oder auch nur britisch angefühlt.

Burron wird beschrieben wie eine ostfriesische Nordseeinsel, komplett mit der Schmuggler- und Seefahrerkultur, die man von der deutschen Nordseeküste kennt. Natürlich gibt es ähnliches in Großbritannien auch. Zum Beispiel Devon und Cornwall in England oder die schottischen Orkneys haben eine ausschweifende Schmuggler- und Piratengeschichte. Aber das Britische, und vor allem das Schottische, kam zumindest bei mir leider gar nicht an, denn das Verhalten der Menschen, die Beziehung zur See und dergleichen waren einfach original norddeutsch. Immer, wenn mal wieder das “typisch schottische” Verhalten der Figuren erwähnt wurde, war ich wieder raus, denn Mia Salberg sagt zwar, dass die Figuren sich so verhalten, man bekommt es aber einfach nicht gezeigt. Sie webt sehr gekonnt keltische Mythologie in die Geschichte, was mir auch gut gefallen hat, aber das passte am Ende alles einfach nicht so zusammen.

Das ist jetzt jammern auf hohem Niveau, denn es gibt dort, wo Burron liegen soll, schlicht und ergreifend keine echten schottischen Inseln. In der Nordsee liegen nur die Orkneys und die Shetlands nördlich von Schottland und die haben bekanntermaßen eine ganz eigene Kultur, also darf auch eine fiktive schottische Nordseeinsel eine eigene Kultur haben. Aber es hätte sich halt nicht so norddeutsch lesen müssen. Und vielleicht fällt mir das nur auf, weil ich Norddeutsche bin und bei Ostfriesland lebe, kann gut sein. Wer sich hier aber auf Schottlandfeeling freut, der wird das leider nicht so wirklich bekommen.

Nichtsdestotrotz wirkt das Setting gut durchdacht und es hat einen ganz eigenen Sog, der für eine ganz eigene Stimmung sorgt. Burron ist ein tolles Setting, wenn man sich auf den maritimen Flair und die merkwürdigen Begebenheiten einlässt. Dank Mia Salbergs ungewöhnlichem, aber sehr gemütlichem und schön zu lesendem Schreibstil, den vielen detaillierten Beschreibungen der Insel und der Herbststürme, des Meeres und der kleinen Stadt auf Burron, hat das Setting für mich aber trotzdem irgendwie funktioniert.

Man muss für “Gegen die Gezeiten” einfach mal suspense of disbelief walten lassen: Ignorieren, dass das alles sehr wenig schottisch wirkt. Ignorieren, dass eine Londonerin noch nie am Meer gewesen sein soll. Ignorieren, dass sie allerlei maritime Terminologie kennt, aber nicht weiß, was eine Sirene ist. Man muss sich auf dieses Buch einfach einlassen, dann entfaltet es einen ganz eigenen düsteren Zauber, der gefangen nimmt. Aber eben auch nur dann. Ich glaube, dass “Gegen die Gezeiten” LeserInnen, die genau diese Art von Geschichte lieben – stürmische Meeratmosphäre, dunkle Geheimnisse, eher klassische Abenteuerjugendbücher – dieses Buch trotz der Probleme mögen werden. Lesenswert fand ich es auf jeden Fall und ich würde trotz meiner Kritikpunkte eine Empfehlung für alle aussprechen, die diese Art von Roman interessiert.

Wie gesagt, wäre ich noch die Zielgruppe, hätte mich das Buch sicherlich eher begeistern können und deshalb war es auch relativ schwer, es überhaupt irgendwie zu rezensieren. Denn ich bin kein Fan von Erwachsenen, die sich beschweren, dass ein Jugendbuch für Jugendliche geschrieben ist. Ich denke aber auch, dass man auch als Erwachsener sagen kann, wenn ein Jugendbuch für Erwachsene vielleicht nicht mehr so geeignet ist, auch, wenn sie gern Jugendbücher lesen. “Gegen die Gezeiten” spricht einfach eine jüngere Zielgruppe an, als ich gedacht hätte und natürlich ist das okay. Eigentlich ein klassischer Fall von It’s not you, it’s me und deshalb bekommt das Buch von mir trotzdem eine vorsichtige Empfehlung.


BIBLIOGRAPHIE

Gegen die Gezeiten | Ueberreuter, 2014 | 9783764170141 | 352 Seiten | deutsch

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