“Die Spionin des Königs” von Heike Eva Schmidt

Europa im 18. Jahrhundert: Die junge Florentine von Rosenberg ist nicht gewillt, das Leben einer Frau zu führen, wenn ihr als Mann so viele Türen offen stehen. Vom Vater als Junge erzogen, virtuos in der Kunst des Fechtkampfes und der Verkleidung, steigt sie als »Florentin« schnell zum Vertrauten des Preußenkönigs Friedrich II. auf und wird dessen Spion am intrigenreichen russischen Zarenhof. Doch als sie sich verliebt, setzt sie nicht nur ihr Herz aufs Spiel, sondern bald auch ihr Leben, denn ihr Geheimnis droht ans Licht zu kommen, als sie Katharina die Große erzürnt und zwischen die Fronten gerät.

MEINE GEDANKEN

Ich habe dieses Buch nach knapp der Hälfte abgebrochen. Dabei fing es eigentlich ganz gut an: Als ihr Vater, der unbedingt einen Stammhalter möchte, erfährt, dass sein zweites Kind ebenfalls ein Mädchen ist, beschließt er kurzerhand Florentine als Florentin, also als Jungen, großzuziehen. Florentin lernt reiten und fechten und vor allem lernt sie, sich und ihre Schwester zu verteidigen. Was hätte man hier alles machen können, wirklich. Es ist nicht so, dass Heike Eva Schmidt, deren Thriller ich übrigens sehr gern lese, Themen wie Feminismus, Gender oder auch Queerness gar nicht anschneidet, aber ich sage euch lieber von vorn herein, dass sie das auf eine sehr…. nennen wir es gefällige Weise tut, die kaum unter die Oberfläche greift. Ich weiß, dass ich von historischen Romanen was das angeht nicht zu viel erwarten darf, aber genau das finde ich ein bisschen schade und ich mag einen Roman nicht nach tieferen Standards bewerten, nur, weil er aus einem konservativen Genre stammt. Das bringt ja auch nichts.

GENDER IM 18. JAHRHUNDERT – SPANNEND, ABER NICHT IN DIESEM BUCH

Der Anfang hat mir gefallen. Sehr gut sogar. Florentin wächst als Junge auf und lernt die Freiheiten kennen, die adelige Jungen im siebzehnten Jahrhundert haben. Florentin selbst ist eine interessante Figur: Sie ist schlagfertig und clever, lässt sich nichts gefallen. Als ihre ältere Schwester sie dann aber zum ersten Mal in ein Kleid steckt und ihr die Haare macht, ist Florentin ebenfalls nicht abgeneigt. Mir hat gut gefallen, dass Heike Eva Schmidt weiblich konnotierte Dinge nicht einfach als schwach und weniger wert abwertet, wie es im historischen Roman ja leider oft vorkommt. Sie zeigt Florentin am Anfang wunderbar zerrissen zwischen der gesellschaftlichen Rolle als Mann, in die ihr Vater sie gedrängt hat, und ihrem Interesse an ihrer Weiblichkeit, das sich langsam entwickelt und das sie erschreckt – was klar ist, denn Florentin wächst in dem Glauben auf, ein Junge zu sein. Als sie die “Wahrheit” erfährt, steht ihre Welt Kopf.

Wieso ist “Wahrheit” jetzt in Anführungszeichen? Weil “Die Spionin des Königs” leider einfach nicht zu wissen scheint, was es wirklich machen will. Zuerst lehnt Florentin rigoros ab, dass sie irgendetwas anderes als ein Junge ist. Ich war hin und her gerissen, wirklich. Einerseits fand ich es interessant mal eine Romanheldin zu lesen, die ihr Gender hinterfragt. Andererseits wird das ganze dadurch problematisiert, dass Florentin eben von klein auf als Junge erzogen wurde und dieses Hinterfragen eben nicht geschieht, weil sie trans oder genderqueer wäre, sondern, weil sie in einer Zeit, die strikte Geschlechterrollen vorgibt, in eine Rolle gezwungen wurde, die nicht ihrem Gender entspricht. Interessant war das, zumindest am Anfang. Auch, wenn ich sehr viel lieber die Geschichte einer trans Person im achtzehnten Jahrhundert gelesen hätte, als das hier, aber das ist mein Problem, nicht das des Romans, denn er gibt ja nicht vor, dieser Roman zu sein. Man bekommt, was im Klappentext steht – leider aber auch das nur lauwarm serviert.

Leider verliert Heike Eva Schmidt die Thematik rund um Florentins Hinterfragung ihres Genders bald aus den Augen und führt sie auch sehr gefällig zu Ende, sodass man als LeserIn gar nicht länger darüber nachdenken muss, ob und wie Florentins Erziehung sie überhaupt beeinflusst hat. Man hätte hier einfach so viel rausholen können: Einen genaueren Blick auf Gender und Geschlechterrollen im achtzehnten Jahrhundert. Man hätte sich fragen können, ob Florentin, die die ersten Jahre ihres Lebens als Junge aufwächst, nicht wirklich ein Stück weit einer ist, weil das binäre Gendersystem ein Konstrukt ist und Florentin sich lange zu 100 Prozent so wahrnimmt, auch nachdem sie die “Wahrheit” erfahren hat, und wie es sie beeinflusst, plötzlich doch eine Frau sein zu müssen. Aber, dass Florentin eigentlich eine heterosexuelle cis Frau ist und sich praktisch nur daran gewöhnen muss, steht von Anfang an fest und das hat mich sehr enttäuscht. Heike Eva Schmidt wirft zu Beginn wahnsinnig viele Fragen auf, schafft dutzende Möglichkeiten, verbaut sich diese aber selbst, indem sie Florentin am Ende eben doch in durch und durch hetero- und cisnormative Muster drängt.

KLISCHEES STATT TIEFGANG (CW: Sexuelle Gewalt)

Und ja, mir ist natürlich bewusst, dass ich einen historischen Unterhaltungsroman, dessen Zielgruppe nicht unbedingt queere LeserInnen sind, nicht nach diesen Kriterien bewerten sollte. Mich stört diese als völlig normal erachtete (und moderne) Heteronormativität im historischen Roman aber ganz generell und in einem Roman, dessen Prämisse es ist, mit Gender und Geschlechterrollen zu spielen, stört sie mich dann logischerweise noch viel mehr. Hätte Heike Eva Schmidt wirklich versucht darzulegen, wie ein cis Mädchen, das gezwungen wird als Junge aufzuwachsen, damit umgeht, wie es ihr Leben beeinflusst, hätte mir das ja auch gefallen, das wäre interessant gewesen. Aber nach dem starken Anfang verläuft das alles irgendwie einfach im Sande und es geht mal in diese und dann in jene Richtung, bis sich rauskristallisiert, dass sich die Autorin mit dem Thema vielleicht einfach nicht genug beschäftigt haben könnte.

Leider ist der einzige größere Verweis auf Queerness auch Florentins Angst, als sie sich in einen Jungen verliebt, während sie noch überzeugt ist ein Junge zu sein. Das löst sich natürlich dann auch in Wohlgefallen auf. Sehr schade. Besonders, weil kein geringerer als Friedrich II. hier eine relativ große Rolle spielt. Seine eigene Queerness wird aber nur ganz kurz mal angesprochen. Die Katteaffäre wird erwähnt, aber Katte wird als “bester Freund” bezeichnet und das war es dann auch wieder. Ja, ich weiß, dass die Katteaffäre alles andere als leicht zu durchschauen ist, aber Katte ist ja lange nicht das einzige Indiz für Friedrichs Queerness. Im Roman bleibt diese Queerness aber immer irgendwie negativ konnotiert, wenn sie denn mal angedeutet wird. Queerness muss versteckt werden und wirkt irgendwie verrucht und ich finde diese Darstellung wirklich unglücklich, besonders in einem Roman wie diesem und ganz generell, weil das Histogenre da so ein Problem hat.

Darüber hinaus nimmt “Die Spionin des Königs” auch noch jede Menge Histoklischees mit, die ich nicht gebraucht hätte. So wird Florentins ältere Schwester am Anfang vom jähzornigen Cousin der beiden brutal vergewaltigt – und natürlich schwanger. Ja, ich mochte, dass Florentin aktiv wird und ihre Schwester rächt. Und ich mochte auch, dass die Mutter der beiden so etwas wie einen eigenen Willen entwickelt, sich gegen ihren Mann durchsetzt und mit der Schwester den Hof verlässt. Am Ende bleibt aber trotzdem der bittere Nachgeschmack, dass sexuelle Gewalt hier genutzt wird, um Florentins Geschichte voranzutreiben. Die eigentliche Überlebende der Vergewaltigung, ihre Schwester, spielt danach kaum noch eine Rolle. Sie ist nur Mittel zum Zweck und während Florentin den Degen in die Hand nimmt und etwas tut, wird sie als machtlos gezeigt, während Florentin stark und bestimmt auftreten darf, weil sie für einen Mann gehalten wird. Ich sehe schon irgendwo, was die Botschaft dahinter ist, aber ich bin enttäuscht, dass Überlebenden von sexueller Gewalt in Romanen wie diesem die Agency immer wieder genommen wird.

WANN FAHREN WIR ENDLICH NACH RUSSLAND?

Ich hätte den Roman aber bestimmt trotzdem zu Ende gelesen, in der Hoffnung, dass sich das alles noch in eine andere Richtung entwickelt. Vielleicht tut es das ja sogar, ich weiß es nicht, denn der Roman war mir einfach zu trocken. Heike Eva Schmidts Schreibstil, der mir in ihren Thrillern immer gut gefallen hat, leiert hier ziemlich, weil er übertrieben auf historisch getrimmt ist und das macht ihn hölzern. Es ist einfach keine Freude ihn über längere Zeiträume hinweg zu lesen, sodass ich das Buch alle paar Seiten weggelegt habe, es konnte mein Interesse einfach nicht allzu lang halten, was einerseits am Stil liegt, aber auch daran, dass “Die Spionin des Königs” sehr langatmig daherkommt. 608 Seiten sind selbst für einen historischen Roman ein ganz schönes Brett und eigentlich bin ich dicken Büchern nicht abgeneigt, aber wenn man knapp 200 Seiten problemlos hätte streichen können, wird es doch kritisch.

Man bekommt gleich zu Anfang einen viel zu ausgewalzten Einblick in Florentins Kindheit, ihre Beziehungen zu ihren Eltern und Freunden, dem Ort, aus dem sie stammt… Bis man dann endlich zu der Handlung kommt, die im Klappentext versprochen wird – Spionage! Russland! Verwechslungen! Intrigen! – vergeht Seite um Seite und zumindest bei mir verflog auch die Lust auf diese Geschichte. Bis wir gemeinsam mit Florentin überhaupt in Russland ankommen, vergeht über die Hälfte des Romans. Tipp an alle HistoautorInnen: Ich brauche die Vorgeschichte der Protagonistin nicht bis ins kleinste Detail nacherzählt, um der Handlung zu folgen. In diesem Fall hätte mir der Roman vielleicht sogar um Längen besser gefallen, ohne das Herumeiern um Florentins Gender am Anfang, das ja dann eh zu nichts führt. Ja, alles, was am Anfang passiert, ist in gewisser Weise Auslöser dafür, dass Florentin überhaupt dazu kommt, für Friedrich II. zu spionieren. Aber das wäre auch um Längen kürzer gegangen, besonders, weil die angedeutete Verliebtheit in ihren besten Freund, die Storyline um den Cousin und die Schwester, der Konflikt mit ihrem Vater, all das später kaum noch eine Rolle spielt.

Heike Eva Schmidt ist ganz verliebt in ihr Setting und die Epoche, das merkt man deutlich. Leider strecken die vielen Beschreibungen, nicht nur von Settings, sondern auch von historischen Gepflogenheiten und historisch relevanten Ereignissen, den Roman viel zu sehr. Es gibt nicht wirklich einen Spannungsbogen. Wir folgen Florentin durch die Jahre, erst zuhause, dann am Hof von Friedrich II. und dann irgendwann auch in Russland und eine richtige Handlung ist hier nicht zu erkennen, viel eher liest sich das ganze wie die Biographie einer fiktiven Person. Und ja, das ist auch persönlicher Geschmack, dass ich das nicht mag, klar. Aber ich lese historische Geschichten nicht nur für das historische Flair, sondern vor allem, so wie jedes andere Buch auch, für eine gute Geschichte. Und die ist hier einfach nicht vorhanden. Florentin wird hierhin gespült, dahin gespült, Dinge passieren, aber sie ergeben kein stimmiges Gesamtbild. Ich habe mich nach ungefähr der Hälfte des Romans gefragt, wieso ich das Buch eigentlich lese, worauf das jetzt hinausläuft. Als ich vorgeblättert habe, um zu sehen, wann es endlich nach Russland geht und noch etliche Kapitel zwischen mir und Katharina der Großen standen, hatte ich schlicht und einfach keine Lust mehr.

Am Ende wirkt “Die Spionin des Königs” einfach unausgegoren. Man hätte hier viel kürzen können, viel straffen, damit eine interessante Geschichte entstanden wäre. Statt langer Abhandlungen zu politischen Ereignissen und historischen Persönlichkeiten wäre eine besser ausgearbeitete Handlung von Nöten gewesen und vor allem auch eine tiefergreifende Auseinandersetzung mit Gender und Sexualität im achtzehnten Jahrhundert. So wie der Roman jetzt ist, war er mir persönlich schlicht und ergreifend zu platt und langweilig. Ich sage das wirklich nicht gern, denn ich weiß, wie viel Mühe es gekostet haben muss, dieses Setting zu recherchieren und 600 Seiten zu schreiben, wirklich. Aber ich kann es leider nicht ändern. Ein schlechtes Buch ist “Die Spionin des Königs” sicherlich nicht und vielleicht gefällt es LeserInnen, die diesen Stil mögen. Aber mir persönlich war es einfach zu langatmig und mir hat der rote Faden gefehlt. Deshalb glaube ich auch nicht, dass ich das Buch noch einmal in die Hand nehmen werde. Es hat halt nicht gepasst und es gibt hier zu viel, das mir nicht gefällt. Schade.


BIBLIOGRAPHIE

Die Spionin des Königs | Knaur, 2015 | 978-3-426-51469-6 | 608 Seiten | deutsch

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