Rezensionen

“All of This Is True: Ruhm kann tödlich sein” von Lygia Day Peñaflor

Als die Freunde Miri, Soleil, Jonah und Penny sich mit der exzentrischen Bestsellerautorin Fatima Ro anfreunden, glauben sie, dass ihr Leben endlich den ersehnten Kick bekommt. Sie teilen sich gegenseitig ihre tiefsten Geheimnisse mit und gründen sogar einen Fan-Club für die Autorin. Diese wiederum lässt die Clique hautnah an ihrem Leben teilhaben – bis sie plötzlich in ihrem neuen Buch ein skandalträchtiges Geheimnis verrät, das eine tödliche Tragödie auslöst. Die Schülerinnen müssen sich entsetzt eingestehen, dass in dieser Freundschaft niemand ehrlich gespielt hat.

MEINE GEDANKEN

Ich gebe zu, meine Sucht nach Geschichten im Stil von “Pretty Little Liars” wird langsam zum Problem. Reiche Mädchen und die Abgründe ihrer Welt? Immer her damit. An “All of This Is True” hat mich vor allem gereizt, dass im Mittelpunkt eine Autorin steht. Filmstars, Musiker, das alles kennt man ja schon, aber Lygia Day Peñaflor erzählt hier von dem Hype, der auch um AutorInnen entstehen kann und das fand ich ziemlich interessant. Ich hatte “All of This Is True” deshalb sogar vorbestellt, als im Mai die englische Ausgabe herauskam und das bereue ich auch nicht. Das hier ist ein gutes Buch, keine Frage. Es ist aber auch ein sehr schwieriges Buch und ob es sich zum nächsten YA-Hype eignet, wird abzuwarten bleiben.

Peñaflor beschäftigt sich hier mit einer Vielzahl von sehr aktuellen Themen: Vom Hype um YA-AutorInnen über psychologischen Missbrauch durch Bezugspersonen über das Hazingproblem an amerikanischen Eliteschulen über die Verantwortung, die AutorInnen gegenüber ihren LeserInnen haben bis hin zu Kritik an unseren modernen Medien, hier ist eigentlich alles dabei und gerade deshalb ist es vielleicht ein so authentisches Bild dessen, was es bedeutet in den 2010ern ein Teenager zu sein, obwohl die Welt von Penny, Soleil und Miri alles andere als alltäglich ist. Sie gehören zur Upper Class von Long Island, gehen auf eine teure Privatschule und leben in Häusern mit indoor Basketballplätzen und riesigen Swimming Pools. Alle drei sind allerdings mehr als gelangweilt vom rich-girl-Lifestyle, weshalb sie sich praktisch auf die Chance stürzen, mit der Bestsellerautorin Fatima Ro befreundet zu sein.

“All of This Is True” ist sicherlich kein gewöhnliches Jugendbuch, es ist aber auch nicht unbedingt ein Krimi oder Thriller, auch, wenn der deutsche Untertitel das andeutet. Es ist ein bisschen ein psychologisches Hin und Her. Der Roman ist nicht im Fließtext erzählt, sondern in Interviews mit Miri und Penny, nachdem rauskommt, dass Fatima ihr neues Buch sehr dicht an ihr Leben angelehnt hat. Dazu kommen Tagebucheinträge von Soleil und E-Mails zwischen den drei Mädchen und Fatima, sowie Auszüge aus Fatimas neuem Buch, die natürlich beinahe 1:1 wiedergeben, was wirklich passiert ist.

GUT, SCHLECHT & FEHLENDE GRAUZONEN

Ich muss leider sagen, dass mir bis auf Penny eigentlich keine von den Figuren sympathisch war. Miri wirkt sehr arrogant und besserwisserisch, Soleil ist nicht nur vom Namen her der Sonnenschein der Gruppe, wirkt aber sehr naiv und unbedarft und Fatima… Fatima ist ein Hipster, wie er im Buche steht. Dass sie nicht ist, wer sie zu sein vorgibt, ist natürlich von Anfang an der springende Punkt: Sie freundet sich mit den Mädchen und mit Jonah an, um Inspiration für ihr neues Buch zu bekommen und als das Buch dann veröffentlicht wird und die LeserInnen bemerken, wie viele Parallelen es zum Leben der Freunde und einem Vorfall an einer anderen Eliteschule gibt, kommt es zur Tragödie.

“All of This Is True” ist extrem spannend, obwohl es ein eher leiserer Roman ist. Es gibt nicht viel Action, schon allein, weil die Geschichte großteils über die Interviews, Mails und Tagebucheinträge der Mädchen läuft. Ich habe das Buch trotzdem (mal wieder) in einer Nacht eingeatmet, weil ich wissen wollte, was genau passiert ist und wie die Mädchen damit umgehen werden und ich finde die sehr schweren Themen großteils gut umgesetzt. Aber eben auch nur großteils, denn eins hat mir nicht gefallen: Lygia Day Peñaflor zwingt einem praktisch auf, was man zu denken und zu fühlen hat, anstatt den Leser selbst zu einer Meinung kommen zu lassen. Vielleicht muss das so, weil sie einem später den Boden unter den Füßen wegreißt und man alles, was man bis dahin gelesen hat, hinterfragen muss, aber gefallen hat es mir nicht.

Ein anderes Problem ist in meinen Augen, dass kaum eine der aufgeworfenen Fragen und Thematiken wirklich zu einem Ende gebracht wird und während ich das einerseits verstehen kann, denn auf manche der Fragen gibt es einfach keine Antworten, fand ich es in anderen Instanzen eher schwach und für ein Buch, dass so unglaublich intelligent mit verschiedenen Perspektiven, Blickwinkeln und persönlichen Wahrheiten spielt, einfach unpassend. Das Ende hat mich dann auch leider überhaupt nicht überzeugt. Den großen Twist habe ich vorhergesehen, was allerdings für mich kein Problem war, da ich ja wissen wollte, wie die Figuren damit umgehen. Mein Problem ist eher die sehr simple Botschaft, die dann geliefert wird. Und das packe ich jetzt in einen Spoiler, den ihr bitte wirklich nur lest, falls ihr das Buch schon kennt, oder sowieso kein Interesse habt:

CW: Missbrauch
Die Botschaft des Romans scheint zu sein, dass jeder eine zweite Chance verdient. Das Stichwort “Absolution”, also Lossprechung von dem, was man getan hat, ist sehr wichtig für die Geschichte und Peñaflor wirft die Frage auf, ob gute Menschen, die etwas Böses getan haben, nicht noch eine Chance verdient haben. Ihre Antwort ist “Ja”. Und ganz allgemein stimme ich da auch zu. Was mir aber fehlt, ist eine Auseinandersetzung damit, was gut und böse überhaupt ausmacht und ob es nicht auch Dinge gibt, die unverzeihlich sind. In diesem Roman geht es schließlich um sexuellen Missbrauch. Und da finde ich die Lösung “Er ist ein guter Mensch, der etwas sehr Schlimmes getan hat” zu einfach gedacht und auch sehr kurzsichtig. Was mich interessiert hätte, wäre eine Auseinandersetzung damit, wie das gehen soll, wie man als angeblich guter Mensch weitermachen soll, wenn man sowas abgrundtief Schlimmes getan hat, aber die kommt nicht. Das fand ich leider extrem enttäuschend.

Für alle, die den Spoiler nicht lesen möchten: Was mir hier fehlt, sind die Grauzonen. “All of This Is True” fragt danach, was einen guten Menschen ausmacht oder einen schlechten und ob es nicht gute Menschen geben kann, die schlechte Dinge tun – und anders herum. Das fand ich mehr als interessant, wirklich. Nicht gefallen hat mir die Antwort, die Peñaflor auf diese Frage gibt, denn sie ist extrem schwarzweiß gedacht und viel zu schwach dafür, wie intensiv der Roman sich davor mit menschlichen Abgründen, zwischenmenschlichen Beziehungen und solchen Themen auseinandergesetzt hat.

STARK ANGEFANGEN, STARK NACHGELASSEN?

Auch fand ich schade, dass Fatima als Figur am Ende zu kurz kam. Sie ist so unglaublich interessant: Ein zerbrochenes, junges Mädchen, das mit ihrem Ruhm nicht wirklich umgehen kann. Ich mochte, wie der Personenkult rund um Fatima beschrieben und aufgeschlüsselt wurde und ich mochte, dass ich mich hin- und hergerissen gefühlt habe zwischen Mitleid mit ihr und Ablehnung dessen, was sie getan hat. In Fatimas Charakter habe ich die Grauzonen gesehen, die mir im Hauptplot gefehlt haben und ich wünschte, Lygia Day Peñaflor hätte sich auf Fatima, den Kult um ihre Person und die Frage danach konzentriert, ob Fatima mit dem neuen Buch etwas Falsches getan hat oder nicht. Leider verliert die Autorin Fatima am Ende ein bisschen aus den Augen und sie bekommt eigentlich gar keinen Abschluss. Das fand ich extrem schade.

Ein weiterer Punkt ist, dass ich die Auszüge aus Fatimas Roman eher… nicht so gelungen fand. Interessant waren sie, weil Brady und Sunny ganz klar Jonah und Soleil waren und man über die Romanpassagen erfahren hat, was in Wirklichkeit passiert ist. Aber dafür, dass Fatima Ro eine Bestsellerautorin sein soll, waren die Romanpassagen extrem hölzern geschrieben. Ich nehme an, dass das daran liegt, dass man eben nur Auszüge aus Fatimas Roman bekommt und Lygia Day Peñaflor alles Wichtige, was man sonst über den ganzen Roman verteilen würde, in diese Auszüge stopfen musste, aber es passt einfach nicht zusammen, dass Fatima, die als neues Wunderkind gefeiert wird, schreibt wie eine Anfängerin. Ehrlich gesagt habe ich die Romanauszüge nicht besonders gern gelesen und war froh, dass sie nie länger als vier Seiten waren, auch, wenn wichtige und auch spannende Informationen in ihnen steckten.

Alles in allem ist “All of This Is True” ein sehr cleveres Buch, das mit den Emotionen seiner LeserInnen spielt und so einige Aspekte unserer modernen Gesellschaft intelligent hinterfragt. Was dürfen AutorInnen? Was für Verantwortungen haben sie? Was macht einen guten Menschen aus? All diese Fragen werden aufgeworfen, jedoch leider nicht immer so sensibel und clever beantwortet, wie man es erwarten würde. Wirklich interessant ist der Personenkult rund um Fatima und Fatima als Figur irgendwo zwischen gut und böse, sowie das Format des Romans, der den Fall durch Interviews, Tagebücher, E-mails und dergleichen aufschlüsselt. Ich würde “All of This Is True” schon weiterempfehlen, aber es ist ein schwieriges Buch. Wer ein zweites “One of Us Is Lying” erwartet, wird wohl eher enttäuscht werden, trotz der ähnlichen Titel und Aufmachung. Empfehlen würde ich den Roman eher älteren Jugendlichen und Erwachsenen, da die Thematiken sehr schwer sind und es einiges an Reflektionsvermögen braucht, um zu verstehen, was genau Lygia Day Peñaflor hier macht, da ich die Botschaft am Ende schon beinahe unverantwortlich finde.


BIBLIOGRAPHIE

All of This Is True: Ruhm kann tödlich sein | Arena, 2018 | 978-3-401-60451-0 | 360 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Anne Markus | Amerikanische OA: All of This Is True, 2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Privacy Policy Settings