“Niemand wird sie finden” von Caleb Roehrig

Flynns Freundin January ist verschwunden. Die Polizei vermutet ein Verbrechen und stellt Fragen, die Flynn nicht beantworten kann. Alle Augen sind auf ihn gerichtet, schließlich war – ist – er ihr Freund und sie waren in der Nacht vor ihrem Verschwinden zusammen… Ein grausamer Mord scheint die naheliegende Erklärung zu sein. Doch die Aussagen von Mitschülern und Freunden zeichnen ein völlig fremdes Bild von dem Mädchen, das Flynn so gut zu kennen glaubte. Er muss herausfinden, was mit January geschehen ist, ohne dabei zu verraten, dass er ebenfalls ein Geheimnis hat. Vor seinen Eltern. Vor seinen Freunden. Und vor allem vor sich selbst …

MEINE GEDANKEN

Ein YA-Thriller mit einem queeren Protagonisten? Ja, her damit! “Niemand wird sie finden” will ich schon sehr lange lesen und es ist jetzt auch tatsächlich das Buch, das mich aus meiner Leseflaute gerissen hat. Angelockt hat mich das interessante, düstere Cover und als ich dann noch erfahren habe, dass das große Geheimnis, das im Klappentext erwähnt wird, ist, dass Flynn schwul ist, war ich überzeugt, denn während YA-Romane mit queeren Hauptfiguren immer häufiger werden, ist es leider noch immer schwer, welche zu finden, die sich nicht hauptsächlich um die Coming-Out-Thematik drehen. Diese spielt in “Niemand wird sie finden” auch eine Rolle, denn der fünfzehnjährige Flynn hat Angst seiner Familie und seinen Freunden zu erzählen, dass er schwul ist. Großteils dreht sich der Roman aber um Januarys Verschwinden. Wo ist sie? Was ist ihr passiert? Und wer war das Mädchen, das Flynns beste Freundin war, eigentlich wirklich?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich es schade finde, dass dieses Buch irgendwie nicht auf dem Radar der queeren Buchblogger aufgetaucht zu sein scheint, denn Roehrig macht genau das, was sich so viele immer wünschen: Er schreibt einen tollen, mitreißenden Jugendthriller, der eben einen schwulen Protagonisten hat. Und dabei ignoriert er nicht, welche Probleme der fünfzehnjährige Flynn hat, was sein Coming Out und besonders auch seine Selbstakzeptanz angeht, aber genau wie in YA-Thrillern über hetero Teenager sind Flynns Probleme mit dem Erwachsenwerden die Nebenhandlung, während im Vordergrund die Suche nach January steht. Ich hätte gern mehr solcher Romane über queere HeldInnen und hier hat mir die Umsetzung einfach sehr gut gefallen. Man merkt, dass “Niemand wird sie finden” ein own-voices-Roman ist. Flynns Gedanken und vor allem der Umgang anderer Figuren mit seiner Queerness sind nicht immer angenehm zu lesen, aber sie sind authentisch und vor allem legt Roehrig wie nebenbei sehr anschaulich dar, warum so viele queere Jugendliche Angst vor dem Coming Out haben.

SCHÖNER THRILLER MIT EIN PAAR SCHWÄCHEN…

Es war nicht alles perfekt, aber perfekt gibt es ja eh nicht, was Bücher angeht. Ich hatte zum Beispiel Probleme nachzuvollziehen, warum Flynn überhaupt Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um January zu finden. Ja, sie ist seine Exfreundin und vor allem ist sie seine beste Freundin, aber seine Gefühle bleiben ein bisschen zu undurchsichtig. Niemand weiß, ob January abgehauen ist oder ermordet wurde und dafür, dass Flynn und January sich angeblich so nahe stehen, nimmt er die Neuigkeiten von ihrem Verschwinden sehr gefasst auf und ermittelt auch sehr nüchtern. Flynn ist Ich-Erzähler und mir hat hier einfach ein bisschen Gefühl gefehlt. Was geht in einem Fünfzehnjährigen vor, wenn jemand, der einem so wichtig ist, einfach verschwindet und vielleicht tot ist? Flynn wirkt immer distanziert, macht sich kaum Sorgen und zeigt generell für einen Ich-Erzähler ein bisschen zu wenig Emotionen, sodass mir auch die eher vorhersehbare Liebesgeschichte ein bisschen zu kalt blieb, da sie über die typische “Er ist so heiß”-Instalove nicht hinausging.

Dabei ist sein Love Interest Kaz ein cooler Charakter. Kaz ist Moslem, was ich toll fand, da muslimische Figuren nach wie vor eher selten in Romanen auftreten und noch seltener als wichtige Figuren und Love Interests. Darüber hinaus mochte ich, dass hinter Kaz’ Strahlemannfassade (komplett mit immer perfekter Frisur, teurer Kleidung und natürlich unglaublichen Muskeln schon mit achtzehn, worüber ich dann doch die Augen verdrehen musste) ein eher unsicherer, humorvoller Jugendlicher steckte, den ich nach dem ruppigen, aber witzig zu lesendem Start der beiden bald sehr gemocht habe. Die Chemie war eindeutig da, gefehlt hat einfach die Zeit, denn in den zwei Wochen, über die sich die Handlung von “Niemand wird sie finden” erstreckt, wird die Liebesgeschichte ziemlich rasant abgehandelt, wobei die Glaubwürdigkeit – gerade, weil Flynn seine eigene Homosexualität ja noch gar nicht wirklich akzeptiert hat und gefühlt vorgestern noch gehofft hat, irgendwann Gefühle für January zu entwickeln – flöten ging. Ich hätte da gar nicht so eine riesige Liebesgeschichte gebraucht und wäre mit weniger, das dafür etwas tiefer greift, glücklicher gewesen.

Und dann ist da natürlich January. Einerseits fand ich gelungen, wie Januarys Charakter aufgebaut ist und ich habe sie auch verstanden: Bevor sie verschwindet, ahnt sie, dass Flynn sie nicht liebt und hat deshalb ziemliche Selbstzweifel. Womit sie bei mir aber direkt verloren hat, sind ihre ganzen Lügen, die relativ weit am Anfang schon ans Licht kommen: Sie belügt Flynn, was ihre neuen Freunde angeht, sie belügt Kaz und ihre Freunde, was Flynn angeht und erzählt ihnen, er sei der größte Idiot, sie belügt ihre Eltern und eigentlich jeden und damit macht sie sehr viel kaputt, sodass sich meine anfängliche Sympathie für sie bald in Luft aufgelöst hat. Mich hat weiterhin interessiert, was mit January passiert ist, aber sie war mir sehr unsympathisch. Wieso Flynn unbedingt rausfinden wollte, was passiert ist, konnte ich sehr gut verstehen. Aber wieso er sie weiterhin als seine beste Freundin betrachtet hat, war mir schleierhaft. Bei mir als Leserin wuchs jedenfalls von Seite zu Seite die Wut auf January und ich wollte aus einem einzigen Grund, dass sie wieder auftaucht: Damit sie Flynn Rede und Antwort stehen kann.

…UND VERSTECKTEN STÄRKEN (CW: Sexuelle Gewalt, Missbrauch)

Das soll aber nicht heißen, dass die Thrillerstory für mich nicht funktioniert hätte, denn das hat sie voll und ganz. “Niemand wird sie finden” fängt an wie ein typischer Jugendroman, doch je mehr Zeit vergeht, in der January verschwunden ist, umso düsterer wird es. Der Fall blättert sich immer weiter auf, immer kommt Neues ans Licht, mit dem man nicht gerechnet hätte und bald entwickelt sich der Roman zu einer durchaus komplexen Auseinandersetzung mit Misogynie und rape culture, die ich nicht erwartet habe, aber ziemlich gelungen fand. Hier und da ist das sehr on the nose – aber vielleicht braucht es das bei einem so sensiblen Thema ja auch, um es auch LeserInnen verständlich zu machen, die sich damit noch nicht auseinandergesetzt haben. Es ist mir so auf jeden Fall lieber, als halbgare Botschaften und Herumgeiere um das Thema.

Dazu kommt, dass zumindest ich die Geschichte nicht vorhersehbar fand. Es gab von Anfang an mehrere Verdächtige und Möglichkeiten, doch was und wer nun wirklich hinter Januarys Verschwinden steckt, konnte ich bis zum Schluss nicht erraten. “Niemand wird sie finden” ist rasant und spannend erzählt und, wenn man denkt, man hat jetzt ungefähr ausgeknobelt, was January zugestoßen sein könnte, kommt der Roman mit einer weiteren Enthüllung um die Ecke, mit der man nicht gerechnet hat. Ein paar Wendungen fand ich zwar sehr klischeelastig, doch die Art und Weise, wie Caleb Roehrig diese Klischees verwendet und auflöst, hat mir dennoch gefallen. Trotz dieser Klischees ist “Niemand wird sie finden” ein eher ungewöhnlicher Jugendthriller, da er nicht der Formel “Mord, Ermittlung, Auflösung” folgt, sondern einen etwas verzwickteren Fall vorstellt, der sich immer weiter auffächert und viele Überraschungen bereithält.

Eine große Stärke des Romans ist in meinen Augen der Schreibstil des Autoren. Flynns Ich-Perspektive las sich sehr authentisch, sodass ich das Gefühl hatte, wirklich über einen fünfzehnjährigen Jungen zu lesen, der auch mal Umgangssprache benutzt oder eher flapsig rüberkommt. Seine Eltern sind präsente Figuren und nicht wie so oft im Jugendbuch abwesende Schatten, die ihre Kinder alles machen lassen, und der Kontrast zwischen der Wärme in Flynns Familie und dem kalten Herbstwetter und dem Fall um Januarys Verschwinden sorgt für eine ganz eigene Stimmung, die ich sehr gemocht habe. Roehrig beschwört eine dichte Atmosphäre herauf und das Setting, Ann Arbor in Michigan in den Wochen vor und nach Halloween, wirkt stimmig und echt. Ich hätte sogar gern noch mehr Beschreibungen gelesen, weil sie mir so gut gefallen haben.

Am Ende hat “Niemand wird sie finden” einige Schwächen, über die ich jedoch leicht hinwegsehen konnte, da mir die Geschichte, der Schreibstil und vor allem auch der Umgang mit ernsten Themen wie sexuellem Missbrauch sehr gut gefallen haben. Darüber hinaus habe ich mich auch gefreut, endlich mal einen queeren Jugendroman zu lesen, der keine reine Contemporary ist und fand Flynns Angst sich zu outen realistisch und nachvollziehbar dargestellt, obwohl mir die Liebesgeschichte in Hinblick auf seine Probleme, sich seine Homosexualität selbst einzugestehen, viel zu schnell ging. Darüber hinaus ist “Niemand wird sie finden” generell ein sehr diverser Roman und vor allem ein gelungener YA-Thriller mit toller, düsterer Atmosphäre, den ich allen Genrefans für ein paar spannende Lesestunden empfehlen möchte. Auch LeserInnen auf der Suche nach Literatur mit queeren Figuren, die sich nicht nur um die Coming-Out-Thematik dreht, sollten hier zugreifen.


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Queerbuch | Eher positive Rezension


BIBLIOGRAPHIE

Niemand wird sie finden | cbj, 2017 | 9783570173343 | 416 Seiten | deutsch | Übersetzerinnen: Heide Horn & Christa Prummer-Lehmair | Amerikanische OA: Last Seen Leaving, 2016

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4 comments

  1. Liebe Katriona,

    gestern bin ich zum ersten Mal auf deinen Blog gestoßen und ich habe mich so sehr darüber gefreut! Viele der (queeren) Bücher, die du vorstellst, hatte ich noch gar nicht auf dem Schirm und genau so einen Blog habe ich gesucht, denn ich möchte über queere Charaktere lesen, die Abenteuer erleben genau wie heterosexuelle cis Charaktere. Und gut sollten die Bücher sein. Mir vergeht langsam die Lust daran, über das Xte Coming Out zu lesen. Meine Wunschliste hat sich damit um einige Titel erweitert und ich bleibe liebend gern als Leserin da. Ich freue mich auf viele weitere Anregungen!

    Liebe Grüße, Hannah 🙂

    1. Hallo Hannah!

      Danke. <3 Ich hoffe, du findest hier ein paar Bücher, die dich interessieren. Ich lese dein Blog auch sehr gern und suche mir dort oft Leseinspiration.

      Alles Liebe,

      Kat

  2. Das Buch klingt doch echt gut! Ich habe zwar schon einiges darüber gehört, aber mich noch nicht gross damit auseinander gesetzt. Vielleicht lese ich es ja mal…

    Wenn du YA-Thriller mit queren Charakteren magst, bei denen das nicht ins Zentrum gerückt wird, kann ich dir “Hundert Lügen” von Alice Gabathuler nur empfehlen. So spannend und das die eine Protagonistin lesbisch ist, baut die Autorin ein ohne grosses Aufsehen. So soll es meiner Meinung nach immer sein!

    Liebe Grüsse,

    Josia

    1. Hi Josia! Ich hoffe, das Buch wird dir gefallen, falls du es lesen möchtest. Und vielen Dank für die Empfehlung, ist direkt auf die Wunschliste gewandert. <3 lG, Kat

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