Rezensionen

“Die Nacht ist dunkel ohne Sterne” von Kelley York

Nach ihrem High-School-Abschluss beschließen die Geschwister Hunter und Ashlin den Winter bei ihrem Vater zu verbringen, in der kleinen Stadt in Maine, in der sie seit Jahren nicht waren. Die beiden wünschen sich, dass alles so wird wie früher, als sie jeden Sommer hier verbracht haben. Und am Anfang ist es das auch. Doch Chance, der beste Freund der beiden seit sie Kinder waren, der immer dafür gesorgt hat, dass ihre Sommer großartig waren, hat dunkle Geheimnisse. Geheimnisse, die bald noch dunklere Wahrheiten nach sich ziehen…

MEINE GEDANKEN

Manchmal lese ich Bücher in einer Nacht. Normalerweise mache ich das, wenn ich weiß, dass ich ausschlafen kann und nicht von Freitag auf Samstag, wenn Litcamp ist und ich um sechs aufstehen muss. “Die Nacht ist dunkel ohne Sterne” hat mich jedoch trotzdem bis kurz nach ein Uhr morgens wach gehalten. Und ja, das hier ist an sich auch ein gutes Jugendbuch. Ein ungewöhnliches Buch und ich wünschte, es gäbe mehr von seiner Art. Dann wären die Dinge, in denen es flachfällt, nämlich sehr viel einfacher zu verkraften. Ich würde euch übrigens raten, den deutschen Klappentext nicht zu genau anzusehen, denn er spoilert rund 70% des Romans, auch, wenn meine krude Übersetzung des englischen Klappentexts vielleicht etwas vage ist. Aber das ist Absicht, denn “Die Nacht ist dunkel ohne Sterne” ist vollkommen character-driven, der Plot ist beinahe Nebensache.

Das ist auch okay so. Hunter, Ashlin und Chance sind großartige Figuren, über die ich sehr gern gelesen habe. Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven von Hunter und Ashlin erzählt. Beide Geschwister sind sorgsam charakterisierte, interessante Jugendliche, aber ich muss leider sagen, dass mir Ashlin trotzdem ein bisschen zu kurz kam. Denn eigentlich ist das hier Hunters und Chances Geschichte und während in Ashlins Kapiteln durchaus wichtige Dinge passieren, hat sie für die Geschichte selbst leider kaum Bewandnis. Sie versteht Chance ebenfalls als ihren besten Freund, aber eigentlich ist Ashlin das dritte Rad am Wagen. Das wird auch thematisiert, was mir auch sehr gut gefallen hat, aber leider nicht genug, denn es fällt Ashlin beinahe schon zu leicht, damit umzugehen, als sie sich dessen gewahr wird. Hunter und Chance drängen sie dafür, dass sie eine eigene Perspektive hat, doch ziemlich an den Rand.

FREUNDSCHAFT, FAMILIE & VERANTWORTUNG

Am Ende ist “Die Nacht ist dunkel ohne Sterne” eine Geschichte über Freundschaft, Familie und die Folgen von Missbrauch. Hunter und Ashlin sehen Chance als eine Art Familienmitglied an, doch Chance hat Geheimnisse, die ihre enge Freundschaft zerstören könnten. Welche das sind, hat man relativ schnell erraten, doch das macht gar nichts, denn wichtig ist hier eigentlich, dass Hunter und Ashlin die Zeichen eben nicht sehen oder deuten können – und manchmal vielleicht auch gar nicht wollen, da sie Chance stark idealisieren und seine nicht ganz so perfekten Seiten ignorieren. Hier glänzt der Roman in meinen Augen wirklich, denn im Mittelpunkt steht die Botschaft, dass wir alle einfach besser aufeinander aufpassen müssen und, dass es nicht okay ist, wegzusehen, wenn es einem Menschen, den wir lieben, nicht gut geht. Das ist eine wichtige Botschaft und Kelley York bringt sie mit sehr viel Feingefühl sensibel und eindrücklich rüber.

Auch eindeutig sind von Anfang an Hunters Gefühle für Chance, die Hunter sich jedoch nicht eingestehen möchte. “Die Nacht ist dunkel ohne Sterne” ist keine Coming-Out-Geschichte und dafür bin ich dankbar, denn es muss auch Bücher mit queeren (? Dazu komme ich noch!) ProtagonistInnen geben, deren Lebensinhalt nicht (nur) die Angst um das Coming Out ist. Der Roman ist eigentlich eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Hunter, Chance und Ashlin haben sich ihre eigene Sommerabenteuerwelt erschaffen, doch jetzt ist Winter und sie müssen alle drei erwachsen werden. Und aus mehreren Gründen kann Chance das nicht. Für Hunter gehört eben dazu, sich einzugestehen, dass er sich in Chance verliebt hat, aber auch, dass er nicht weiter einfach in den Tag hineinleben kann und einige andere Dinge. Hier fehlt mir aber eben auch ganz unbedingt Ashlins Entwicklung, denn obwohl sie eine unglaublich sympathische, interessante und gut ausgearbeitete Figur ist – sie hat keine. Sie steht am Rand, verzeiht und opfert sich auf, aber leider bekommt sie am Ende nicht wirklich einen eigenen Abschluss.

PROBLEMATIKEN AHOI

Selbst Hunters Freundin Rachael, die nur eine Nebenfigur ist, hat mehr Figurenentwicklung, als Ashlin. Und wo wir schon bei Rachael sind: Ich finde es nicht schön, dass die einzige PoC im Roman, also Rachael, als eine eher unangenehme, sperrige Figur beschrieben wird. Rachael ist zu verantwortungsvoll und deshalb in Ashlins Augen langweilig, sperrt sich gegen alle abenteuerlichen Unternehmungen von Hunter, Chance und Ashlin und wird generell eher als gutes Mädchen von nebenan dargestellt. Das ist einerseits natürlich ein blödes Klischee über Asiatinnen, andererseits ist es auch generell nicht schön, dass ausgerechnet Rachael eine Art Antagonistin sein muss, die dem Spaß der drei Freunde im Weg steht. Es gelingt Kelley York durchaus, dass Rachael einem trotzdem sympathisch ist und man sie auch gut verstehen kann. Echt mal, ich wäre auch diejenige gewesen, die keinen Bock hat mitten im Winter mit einem Schlauchboot aufs Meer zu rudern, da bin ich ganz bei Rachael. Trotzdem ist Hunters und Ashlins Sicht auf sie zunehmend negativ und das fand ich mehr als unglücklich, da sie die einzige PoC im Roman ist.

Mein anderer großer Kritikpunkt ist Yorks Darstellung von Queerness. Sie ist durch die Bank weg eigentlich durchaus gelungen. Ich habe mich gefreut, dass das hier keine Coming-Out-Geschichte ist und ich fand die sich immer weiter entwickelnden Gefühle zwischen Hunter und Chance sehr einfühlsam und authentisch geschildert. Im letzten Drittel des Romans trifft die Autorin aber eine Aussage, die mich richtig wütend gemacht und die guten Aspekte auch irgendwie eingerissen hat: Ashlin fragt Hunter, ob sie jetzt gemeinsam für Männer schwärmen können. Sie geht davon aus, dass Hunter bi ist, obwohl das Wort leider nie fällt. Guter Anfang, wirklich. Anstatt das aber einfach zu bejahen und wertvolle Repräsentation zu liefern (bisexuelle Jungs sind nach wie vor extrem selten in der Literatur), bedient sich York aber diesem alten und in meinen Augen schädlichen Klischee Marke gay for you, indem sie Hunter sagen lässt: Nee, nee, er mag eigentlich Frauen, aber Chance ist so besonders. Es war halb eins in der Nacht, ich war bereits extrem müde und der Frust war real.

Warum dieses Trope so schädlich ist, habe ich in dem verlinkten Post schon geschildert, für den dieses Buch einer der Auslöser war. So geht queere Repräsentation einfach nicht, denn eigentlich lässt Hunter uns ja wissen: Er ist gar nicht queer! Chance ist seine große Ausnahme. Und was soll ein bisexueller Leser, der sich vielleicht in Hunters Entdecken seiner Gefühle für einen Jungen wiedererkannt hat, jetzt damit anfangen? Was soll irgendjemand damit anfangen, was ist hier jetzt die Botschaft? Ich denke, Kelley York wollte hier eine große Message aufziehen nach dem Motto “Man verliebt sich in den Menschen und nicht in das Geschlecht” und bestimmt ist das auch gut gemeint, aber es geht immer auf Kosten von LeserInnen mit polysexuellen Sexualitäten. Ich habe jetzt immer bi geschrieben, aber natürlich könnte Hunter eben auch pan oder polysexuell sein. Beides wäre tolle Repräsentation gewesen. “Ich bin eigentlich straight” aber ist keine. Und das ist verdammt schade, da York so gut vorgelegt hatte – Das Kelley York selbst lgbtq ist, macht das in meinen Augen noch ein bisschen trauriger, denn sie hätte es wirklich besser wissen sollen.

FAZIT ZWISCHEN DEN STÜHLEN

Alles in allem ist “Die Nacht ist dunkel ohne Sterne” eine wunderbar erzählte, nahegehende Geschichte rund um Freundschaft, Familie und die Verantwortung, die wir gegenüber unseren Lieben haben. Allein für diese Botschaften würde ich den Roman unbedingt empfehlen, aber auch der schöne Schreibstil, die tollen Figuren und die Handlung, die trotz wenig Plot rasant und spannend bleibt, sind es wert, dass “Die Nacht ist dunkel ohne Sterne” gelesen wird. Allerdings muss ich einfach besonders für queere LeserInnen eine eingeschränkte Empfehlung daraus machen. Kelley York schreibt die zarte Romanze zwischen Chance und Hunter sehr einfühlsam und vorsichtig und das hat mir gefallen, doch der Roman fällt leider kurz vor der Zielgraden hin, weil sie Hunter nicht queer labelled, sondern um das Thema herumeiert und am Ende ein schwaches und schädliches Trope bedient, anstatt wirklich queere Repräsentation zu liefern.

Dass mit Rachael einmal mehr die einzige PoC-Figur eine eher negative Rolle ausfüllen muss, ist ebenso unglücklich, sodass man das Ganze wohl mit “Gut gemeint, aber das hilft auch keinem” zusammenfassen kann. Und während mir “Die Nacht ist dunkel ohne Sterne” wirklich Spaß gemacht und mich ein paar Stunden gut unterhalten hat, es bringt seine Problematiken mit, die einem den Lesespaß durchaus mehr oder weniger verderben können.

Es ist absolut kein schlechtes Buch, es ist sogar ein echt gutes, aber es ist sicherlich nicht das beste Buch, das LeserInnen auf der Suche nach queeren Jugendbüchern – oder auch Büchern mit PoC-Figuren – im Moment finden können. Lest diesen Roman für seine packende Geschichte über Familie und Freundschaft. Aber nicht, wenn ihr Repräsentation sucht. Dass der Roman im Original von 2013 ist – also (knapp) vor der großen Diversitywelle entstanden und erschienen – spielt da sicherlich mit rein. Wir sind in den letzten Jahren so viel bewusster geworden in diesen Dingen. Am Ende kann man das positiv sehen, denn es zeigt, was für ein Wandel sich da gerade auf dem Literaturmarkt vollzieht. Aber es ist auch einfach schade, dass ein so guter Roman wie dieser gerade in diesen Punkten, die vielen LeserInnen wichtig sind, nicht überzeugen kann.


BIBLIOGRAPHIE

Die Nacht ist dunkel ohne Sterne | cbj, 2015 |  978-3-641-14680-1 | 320 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Doris Attwood | Amerikanische OA: Made of Stars, 2013

4 Comments

  • Ela

    Hallo Katriona,

    ich habe das Buch damals, als es erschienen ist, gelesen. Ich weiß noch, dass ich die Geschichte auch mochte, weil sie so anders war, nicht so stereotyp. Deine Kritikpunkte kann ich aber durchaus nachvollziehen, weil gerade zum Ende hin und auch charaktermäßig für mich nicht immer alles rund war.

    Aber auf jeden Fall eine schöne Rezension!

    Alles Liebe, Ela
    #litnetzwerk

    • Katriona

      Hallo Ela. Vielen Dank. <3 Ja, je mehr ich über das Ende nachdenke, umso unrunder finde ich es und bin mir auch nicht sicher, was da jetzt bei den LeserInnen hängen bleiben sollte. Schön ist das Buch trotzdem. lG, Kat

  • Sabrina | Lesefreude

    Hallo Kat!

    Wow, das ist ja mal eine richtig ausführliche Rezension. Ich finde es toll, dass Queerness in Büchern (hoffentlich auch in der Gesellschaft) immer normaler wird. Puh, kann man das so schreiben? Da siehst du auch bereits mein größte Herausforderungen bei dem Thema. Ich empfinde es mittlerweile wirklich schwierig öffentlich etwas über Queerness zu sagen, ohne gleich angegriffen zu werden. Denn egal wie man etwas sagt, fühlt sich immer eine Gruppe vernachlässigt oder auf die Füße getreten. Deswegen verhalte ich mich im Normalfall ruhig, was ich im Nachhinein oft schade finde. Schade, dass dich die Darstellung in diesem Buch so aufgebracht hat und die das Lesevergnügen genommen hat.

    Liebe Grüße
    Sabrina
    #litnetzwerk

    • Katriona

      Hi Sabrina! Ich denke, wenn man sich informiert, bereit ist, zu lernen und zuzuhören, wird einen keiner angreifen, wenn man etwas sagt. Angst haben muss man da wirklich nicht. 😊 lG, Kat

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