Treibgut

Lieblingsgenre-Tag: Dunkle Zeiten, dunkle Seiten

Es ist unglaublich, wie sehr ich mich gefreut habe, von der lieben Elena von Gedankenfunken für diesen Tag getaggt worden zu sein und wie schwer es mir dann tatsächlich fiel über mein Lieblingsgenre zu schreiben und vor allem die Bücher auszuwählen, die ich empfehlen möchte. Das hier ist sage und schreibe der dritte Anlauf. Deshalb möchte ich jetzt auch gar nicht so lang drumherum reden, sondern einfach die Fragen beantworten. Ob ihr mein Lieblingsgenre auch gern lest oder noch völlig neu im Genre seid, aber mal reinlesen möchtet, ich hoffe, ihr findet hier das ein oder andere Buch, das euch interessiert! Und los:


1. NENNE DEIN LIEBLINGSGENRE

Ich nehme an, einige haben damit gerechnet, dass ich “Historischer Roman” sage, aber aus den Gründen, über die ich vor ein paar Wochen gebloggt habe, sind diese Zeiten leider vorbei. Darüberhinaus gibt es ein anderes Genre, zu dem ich mich eigentlich schon immer hingezogen gefühlt habe und das den Titel “Lieblingsgenre” daher viel eher verdient: Mystery. Also das, was wir im deutschen Sprachraum darunter verstehen. Grusel, Gothic, leichter Horror. Hauptsache schön düster und atmosphärisch und am liebsten mit allen Tropes, die das Genre zu bieten hat: Spukhäuser, Geister, alte Friedhöfe, Herbstwetter, Moore und dunkle Wälder, unheimliche Geschehnisse – dabei ist mir auch eigentlich egal, ob es sich um Phantastik handelt oder um realistische Geschichten mit Gruselfaktor, Mystery und Gothic mag ich in all ihren Formen.

2. DAS BESTE VOM BESTEN: DEIN LIEBLINGSBUCH AUS DIESEM GENRE

Es fällt mir recht schwer, ein Lieblingsbuch zu bestimmen, da sich das bei mir so schnell ändern kann, wie sich der Wind dreht. Ein All-Time-Favorit, der mich schon seit über zehn Jahren begleitet, ist jedoch Oscar Wildes “Das Bildnis des Dorian Gray” von 1890. Der Dorian ist nicht nur ein ganz klassischer viktorianischer Schauerroman, er steckt auch voller Kritik an der zweischneidigen Gesellschaft der Belle Epoque und malt gleichzeitig ein wunderbar düsteres, bildgewaltiges Portrait des fin de siècle. Für mich war Dorian Gray der Beginn einer bis heute anhaltenden Faszination mit dieser Epoche, dem Menschen Oscar Wilde und vor allem mit klassischer Schauerliteratur, die das Mysterygenre bis heute beeinflusst. Ich würde sicherlich nicht für jeden Schriftsteller im Regen über Pariser Friedhöfe irren, um ein Grab zu besuchen, aber für Wilde habe ich das 2010 getan. “Das Bildnis des Dorian Gray” ist also nicht unbedingt nur ein Lieblingsbuch, sondern bedeutet mir auch einfach sehr viel. Lieblingsbücher kommen und gehen, aber manche Bücher sind irgendwie mehr als das.

3. DAS BUCH MIT DEM ALLES BEGANN: WELCHES BUCH HAT DEINE LIEBE ZU DIESEM GENRE ENTFACHT?

Ich lese schon sehr lang Mystery, weshalb es nicht so leicht ist, den Anfang auf ein einziges Buch festzulegen. Es gab jedoch einige Reihen, die mir geholfen haben meine Faszination für das Genre zu entdecken, unter anderem die “Liebe & Geheimnis”-Reihe von Bianka Minte-König, die ich mit knapp 13 Jahren angefangen habe. Die Bücher waren nicht die ersten Mysteryromane, die ich gelesen habe, aber die Mischung aus quirligem Jugendbuch und unheimlicher Geschichte hat bei mir in dem Alter einen Nerv getroffen. Besonders gemocht habe ich “Nebel des Vergessens“, das an der französischen Küste spielt und neben Geistererscheinungen und rauem Seewetter auch eine süße Liebesgeschichte mitbrachte. Davor waren wohl die “Dark Secrets”-Bücher von Elizabeth Chandler sehr wichtig. Die habe ich mit 11 oder 12 Jahren gelesen, was eindeutig zu früh war. Ich habe mich nächtelang gegruselt. Besonders im Kopf geblieben ist mir “The Deep End of Fear”, das es seit 2013 auch endlich als “Es flüstert die Dunkelheit” auf Deutsch gibt. Ich habe meine alten Ausgaben noch und alle paar Jahre macht es mir immer noch Spaß, sie nochmal zu lesen.

4. HYPE! NENNE EIN BUCH, DAS DEN HYPE WERT IST, DEN ES BEKOMMT – UND NENNE EIN BUCH, DAS MEHR HYPE VERDIENT HÄTTE

Hypes sind in diesem Genre zumindest hier in Deutschland relativ selten – und, falls es sie doch gibt, verpasse ich sie regelmäßig. Ein Buch, das den Hype, den es in Großbritannien erfahren hat meiner Meinung nach aber auf jeden Fall verdient hat, ist “Loney” von Andrew Michael Hurley, das ich vor ein paar Monaten gelesen habe. Ich habe selten eine Geschichte gelesen, die so naheging, subtil gruselig war und das düstere Setting so lebendig präsentiert hat, das man das Gefühl bekommt, die Natur selbst hat eine Seele und agiert – gegen die Protagonisten. “Loney” ist klassische britische Gothicliteratur, aber so dicht und ungewöhnlich erzählt, dass sie heraussticht und etwas Neues zum Genre beiträgt. Ich habe mir vor ein paar Tagen endlich den neuen Roman des Autors, “Teufelstag”, gekauft und bin schon sehr gespannt, ob ihm dasselbe in diesem Buch noch einmal gelingt.

Bücher, die mehr Hype verdient hätten, fallen mir jetzt sehr viele ein. Wie gesagt, Hypes sind in diesem Genre selten und viele Bücher bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die sie vielleicht verdient hätten. Ein Buch, das in meinen Augen mehr Hype (und eine neue deutsche Ausgabe) verdient hat, ist der Jugendroman “Hollow Pike” von Juno Dawson. Nicht nur liefert die Autorin eine wunderbar unheimliche Mysterygeschichte, die die Yorkshire Dales und ihre Wälder im Herbst in den Fokus rückt, sie thematisiert auch wichtige Themen wie Mobbing und Diskriminierung von queeren Jugendlichen sehr eindringlich und sensibel. Ähnlich ist es mit “Shallow Graves” von Kali Wallace. “Shallow Graves” ist ein Horrorroman für Jugendliche, doch mich hat selten ein Buch so berührt und mitgenommen. Die Autorin schreibt eindringlich über Tod, Träume und Hoffnung und mir ist das Buch bis heute nicht aus dem Kopf gegangen. Dazu kommt, dass auch sie eine sehr diverse Gruppe an Figuren mitbringt und queere sowie nicht-weiße Teenager sensibel repräsentiert werden. Leider wurde dieses wunderbare Buch nichtmal auf deutsch übersetzt.

5. GRÖSSTER NERVFAKTOR: NENNE EINE SACHE, DIE DICH AN BÜCHERN DIESES GENRE OFT NERVT

Fehlende Diversity. Ich habe nicht umsonst gerade zwei sehr diverse Horror/Mystery-Romane für Jugendliche herausgestellt, da mir das im Genre oft fehlt. Gerade Mystery und Horror sind eigentlich sehr sensible Genres: Sie thematisieren das, was uns Angst macht, aber auch menschliche Abgründe und soziale Missstände und sie leben von gut geschriebenen Figuren und den zwischenmenschlichen Interaktionen dieser. Dass gerade dieses Genre oft noch sehr weiß und cis hetero ist, finde ich extrem schade. Dass, wenn marginalisierte Figuren vorkommen, diese oft die Opfer sind, deren Tod von weißen cis hetero Figuren gerächt oder entschlüsselt werden muss, ist richtig übel. Ich möchte marginalisierte Figuren im Genre öfter in den Hauptrollen sehen, mit Happy End und als HeldInnen ihrer eigenen Abenteuer, nicht als Plot Devices, Opfer oder eben einfach gar nicht.

Was mich auch nervt ist, wenn Romane sich nur auf Genre-Tropes stützen und keine eigenen Twists bereithalten. An sich mag ich die Tropes ja, das habe ich ja unter Frage Eins auch schon gesagt, und ohne gewisse Genrekonventionen würden die Bücher ja auch gar nicht in dieses Genre fallen. Aber man kann Tropes als Gerüst für seine Geschichte nutzen und aus ihnen etwas Neues, Interessantes erschaffen, oder man kann Trope an Trope reihen und es dabei belassen. Gerade bei klassischen Mystery- und Gothicgeschichten passiert das oft und ich finde das einfach nicht spannend. Klar, die Atmosphäre ist oft genial gruselig, aber wenn ich immer und immer wieder die alten Plottwists, Auflösungen und Abläufe präsentiert bekomme, reizt mich das nicht. Diese Bücher bleiben mir nicht im Kopf und je mehr ich davon erwische, umso mehr nervt mich das auch, weil ich denke, dass gerade AutorInnen als kreative Personen in der Lage sein sollten, innovative und frische Geschichten zu erzählen, die das Genre bereichern und weiterentwickeln.

6. NENNE AUTOREN UND REIHEN, DIE AUTOMATISCH AUF DEINER “MUSS ICH KAUFEN” LISTE STEHEN

Ich habe nicht viele solcher AutorInnen, weil ich oft nach der Geschichte gehe und nicht nach dem Autor oder der Autorin, aber ein paar habe ich doch zusammenbekommen. An erster Stelle muss wohl Helen Grant stehen, weil mich noch keiner ihrer Romane wirklich enttäuscht hat. Sie schreibt ungewöhnliche Gothicromane mit wunderbar authentischen Settings, die man nicht oft liest. Die Gothic-Thriller-Trilogie “Forbidden Spaces” entführt zum Beispiel nach Belgien. Ich liebe an Helen Grants Büchern vor allem ihren dichten Schreibstil und wie sie mit düsteren Legenden arbeitet. Wenige ihrer Romane haben wirklich übernatürliche Elemente, aber es gelingt ihr immer wieder gerade menschliche Abgründe und Legenden düsterer und gruseliger darzustellen, als so mancher Horrorroman daherkommt. Deshalb kaufe ich für gewöhnlich jeden Roman von ihr, ich liebe einfach, wie sie schreibt.

Eine weitere Autorin, die ich immer auf dem Schirm habe, ist Dawn Kurtagich. Sie hat zwar erst zwei Romane veröffentlicht, “The Dead House” und “And the Trees Crept In“, aber beide haben mich durch ihren dichten psychologischen Grusel, die atmosphärischen Beschreibungen und die eigenwilligen Figuren sehr beeindruckt. Ihr nächster Roman “Teeth in the Mist” wird nächstes Jahr erscheinen und ich kann ihn kaum erwarten. Ähnliches gilt für Sonia Gensler. Ihre beiden historischen Gruselromane “The Revenant” und “The Dark Between” habe ich sehr gern lesen und ich bin gespannt, ob und vor allem was sie in diese Richtung noch veröffentlichen wird. Es gibt noch so einige AutorInnen, die ich im Auge behalte, weil mir ihre Romane so gut gefallen haben, die aber einfach noch zu wenig veröffentlicht haben, als das ich sagen könnte, dass ich alles von ihnen kaufen würde.

7. AN WELCHE ORTE, DIE IN DEN BÜCHERN DEINES LIEBLINGSGENRE VORKOMMEN, WÜRDEST DU GERNE REISEN UND WELCHE CHARAKTERE WÜRDEST DU GERNE TREFFEN?

Mystery-, Grusel- und Gothicromane spielen sehr oft an einsamen Orten in der dunklen Jahreszeit: Englische Moore und Dörfer oder kleine amerikanische Städte voller alter Häuser und Geheimnisse, alte Schlösser, Herrenhäuser, Burgen… Diese Orte reizen mich generell sehr, weil sie auch sehr atmosphärisch und schaurigschön beschrieben werden. Einige habe ich tatsächlich auch schon besucht, besonders in Großbritannien oder im Norden von Frankreich, was mir auch wiederum viel Inspiration für eigene Mysteryromane geliefert hat. Wenn mich in letzter Zeit ein Buch dazu gebracht hat, einen Ort unbedingt besuchen zu wollen, dann war es der Horrorthriller “The Telling” von Alexandra Sirowy. Die Nordwestküste der USA hatte ich gar nicht auf dem Schirm, doch die Autorin beschreibt diese raue Gegend so schön, dass ich richtig Fernweh bekommen habe. Was Figuren angeht… da muss ich leider passen. Ich bin nicht so der Typ, dem Figuren so nahe gehen und mir fällt jetzt auch keine ein, die mich besonders fasziniert hat.

8. WAS WÜRDEST DU GERN ÖFTER IN BÜCHERN DEINES LIEBLINGSGENRE SEHEN?

Mehr Diversity, wie ich es oben schon angesprochen habe. Mystery, Grusel, Horror und Gothic mit Figuren in den Hauptrollen, die eben nicht cis, hetero und weiß sind, oder die eine Beeinträchtigung haben oder Krankheiten. Ich wünsche mir einfach mehr Repräsentation in diesem Genre, denn es ist schon manchmal schwer welche zu finden. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass AutorInnen die ausgetretenen Pfade öfter verlassen und sich mehr trauen. Besonders im Jugendbuch scheinen sich AutorInnen oft nicht zu trauen, wirklich gruselig zu schreiben, was ich schade finde, besonders, wenn es richtig gut anfängt, und dann nach dem Motto “Alles doch nicht so schlimm!” zurückgerudert wird. Das gilt aber natürlich auch für Erwachsenenromane. Ich brauche absolut keinen Splatter oder Ekelfaktor, wirklich nicht, aber was ich mir wünsche, sind mehr intelligente, unheimliche und eben tiefer greifende Geschichten über Geister, Hexen, Dämonen oder einfach nur Familiengeheimnisse und die dunklen Seiten des Menschseins. Regenwetter, Spukschlösser und Geisterbegegnungen auf Friedhöfen sind schön und gut, aber die Lösungen und vor allem die Beziehungen der Figuren untereinander dürfen gern mal komplizierter und interessanter sein, als sie es oft sind.

9. EMPFEHLE DREI BÜCHER DEINES GENRES

Oh, das fällt mir jetzt schwer. Ich könnte jetzt natürlich drei tolle Bücher heraussuchen, aber ich glaube nicht, dass ich mich da beschränken kann, besonders, da ich einige Favoriten jetzt auch schon genannt habe. Deshalb würde ich gern drei Jugendbücher nennen, die für mich als Jugendliche als Einstieg ins Genre perfekt waren und die ich bis heute sehr liebe. Das wäre einmal “Haunting Violet” von Alyxandra Harvey, ein Mysteryroman im Stil britischer Schauerliteratur, der atmosphärisch das England des späten neunzehnten Jahrhunderts und das Memento-Mori-Revival dieser Zeit näherbringt und dabei noch eine spannende Geistergeschichte erzählt. Meine zweite Empfehlung wäre die “Ravenwood”-Reihe von Mia James. Wer romantische Urban Fantasy mag, könnte mit dieser Trilogie, die mit “By Midnight” (dt. “Die Schule der Nacht”) beginnt, den Sprung ins Mysterygenre wagen, denn die Romane nehmen mit auf den Friedhof Highgate in London und arbeiten viel mit Londoner Mythen, vor allem natürlich der Legende um den Vampir von Highgate. Darüber hinaus verarbeitet Mia James sehr subtil und atmosphärisch eine Menge Gothic-Elemente, was die Reihe einfach ein bisschen anders macht, als andere Vampirromanzen.

Meine dritte Empfehlung ist die “Darkest Powers”-Reihe von Kelley Armstrong, die mit “Schattenstunde” (OA: “The Summoning”) beginnt. Auch “Darkest Powers” ist genau genommen Urban Fantasy für Jugendliche, kommt aber sehr unheimlich, düster und voller Horrorelemente daher. Eine Protagonistin, die Geister sieht, dunkle Familiengeheimnisse und unheimliche Vorkommnisse unterscheiden diese Reihe von gewöhnlicher Jugendfantasy. Besonders die “Darkest Powers”-Reihe war mir als Jugendliche mit 15/16 sehr wichtig und ich denke, sie hat auch stark beeinflusst, wie ich selbst jetzt das Genre schreibe, weshalb ich sie einfach gern empfehle, besonders für LeserInnen, die neu ins Genre einsteigen und nicht gleich mit richtigem Grusel oder Horror anfangen möchten.


So, da wären wir also. Ich hoffe, euch hat das Lesen des Posts genausoviel Spaß gemacht, wie ich jetzt am Ende doch beim Schreiben hatte und es sind ein paar Bücher dabei, die euch interessieren. Falls das so ist, könnt ihr gleich eine Liste mit Informationen zu allen Büchern, die ich heute erwähnt habe, aufklappen (Edit: Liste ist verloren gegangen, wird bald neu geschrieben!). Viel Spaß beim Stöbern wünsche ich euch. Darüber hinaus würde mich interessieren, welche der von mir erwähnten Bücher ihr gelesen habt und wie ihr sie fandet. Was für Mystery, Grusel oder Horror habt ihr ansonsten gelesen? Lest ihr überhaupt gern Mystery und Horror? Lasst mir ruhig Kommentare da!

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