Autorenleben

Writing the Victorians: Klischees, Halbwissen & viktorianische Wahrheiten

Das Beitragsbild stammt von der viktorianischen Fotografin Julia Margaret Cameron, ca. 1860er

Einige von euch wissen vielleicht noch, dass mein Hauptaugenmerk als Bloggerin bis letztes Jahr auf meinem Blog Gaiety Girl lag. Für die intensive Recherche für die Artikel dort, sowie die Einrichtung der Website, die noch immer nicht abgeschlossen ist, fehlt mir im Moment leider vorn und hinten die Zeit, doch das fin de siècle, und eigentlich das gesamte viktorianische Zeitalter, sind mir nach wie vor sehr wichtig und auch die Epoche, in der ich als Historikerin und Autorin großteils unterwegs bin. Umso mehr tut es mir dann natürlich weh, wenn ich ausgerechnet diese Epoche in historischen Romanen immer wieder gelinde gesagt verhunzt dargestellt sehe. Meine “Histo Rant“-Kategorie hier auf dem Blog existiert ja auch nicht umsonst.

Deshalb dachte ich, ich schreibe mal drüber – Welche Klischees nerven VielleserInnen von historischen Romanen am meisten? Welche stören mich als Historikerin besonders? Und wie kann man es vielleicht auch besser machen? Ich hoffe, das interessiert euch, obwohl es nicht das ist, was hier auf Stürmische Seiten für gewöhnlich passiert. Es liegt mir aber am Herzen und ich hoffe, ich kriege das Ganze auch ein bisschen unterhaltsam hin. Vielleicht gelingt es mir ja sogar, einige von euch für Romane über das viktorianische Zeitalter1 zu begeistern, die damit vorher gar nichts anfangen konnten. Oder ihr wollt selbst in dieser Epoche schreiben und wisst nicht wie, dann seid ihr natürlich genau richtig.

TROPES SIND KEIN ERSATZ FÜR RECHERCHE

Das wohl nervigste, das mir in Romanen über diese Epoche immer wieder begegnet, sind die einschlägigen Klischees. Und zwar die von der Sorte, denen man genau anmerkt, dass Recherche durch Halbwissen ersetzt wurde, das mal irgendwo aufgeschnappt wurde. Liest man historische Romane, die im viktorianischen Zeitalter spielen, könnte man annehmen, junge Frauen seien in Scharen heimlich in Männerkleidung herumgelaufen, um sich frei zu fühlen, hätten für die wahre Liebe ständig arrangierte Ehen mit viel älteren Männern verhindert und hätten alle Ärztinnen werden wollen, es aber nicht gedurft. Damit wären die Top Drei, die meine Liste an Nervklischees anführen, auch schon zusammengefasst. Das traurigste ist, dass in all diesen Klischees ein Fünkchen Wahrheit steckt, vergraben unter sehr viel Romantisierung und Verklärung und betrachtet durch eine moderne Linse.

Ich würde allen, die mit dem Gedanken spielen, viktorianisch zu schreiben, raten, sich von diesen Klischees komplett zu lösen. Ihr möchtet eine junge Frau schreiben, die sich in den strikten Geschlechterrollen ihrer Zeit nicht wiederfindet? Recherchiert, welche Möglichkeiten Frauen in dem Jahrzehnt, in dem ihr unterwegs seid, hatten. In den 1860ern könnte sie unter Florence Nightingale Pflege lernen, in den 1890ern sogar studieren. Für nichts davon muss sie sich Männerkleidung anziehen, denn viktorianische Frauenmode mag nicht immer bequem sein, ist aber längst nicht in allen Abschnitten des Jahrhunderts ein stoffgewordenes Gefängnis. Und selbst, wenn eure Heldin mal in bequemer Kleidung raus muss, weil die Geschichte das verlangt, kann sie immer noch ein einfaches Kleid tragen, das hat auch den Vorteil, dass sie nicht sofort auffällt oder sogar festgenommen wird – denn ja, über weite Teile des 19. Jahrhunderts war es illegal, abseits von Theaterbühnen Männerkleidung zu tragen.

Dieser Punkt ist mir besonders wichtig, denn er hängt mit (sehr modernen) misogynen Mustern zusammen, die sich links und rechts in historischen Romanen finden lassen: Alles Weibliche wird als schwach, nichts wert und unwichtig abgewertet. Die Heldinnen in diesen Romanen haben ungefähr alle eine Abneigung gegen Handarbeiten, Mode und soziale Zusammenkünfte wie zum Beispiel Bälle. Sie wollen “richtige” Dinge lernen und “wichtige” Dinge tun: Kurz gesagt, “Männersachen”. Und die Linie ist hier sehr dünn, deshalb passt mit dieser Sache unbedingt auf. Ja, es stimmt, dass Frauen im viktorianischen Zeitalter viel vorenthalten blieb und darüber muss man auch schreiben – aber bitte reflektiert und recherchiert und vor allem ohne Sexismus zu reproduzieren. Weiblich konnotierte Hobbys des viktorianischen Zeitalters sind nicht weniger wert, als männlich konnotierte. Eine Heldin kann gleichzeitig gern sticken, tanzen und mit ihren Brüdern hoch zu Pferde über die Ländereien jagen – in einem Reitkleid, nicht in Hosen, versteht sich.

Frauen und Sport, ca. 1890er & 1900er Jahre

Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden sportliche Aktivitäten für Frauen gesellschaftlich auch immer akzeptierter. Ja, es gab eine Menge Vorurteile und genug “Warnungen”, das zu viel Sport nicht gut für die Gesundheit der Frauen sei. Aber das heißt nicht, dass eine reitende, tennisspielende oder Fahrrad fahrende Frau ein Ding der Unmöglichkeit war – und zwar in passender Sportkleidung für Frauen. Eure freiheitsliebende Heldin muss also nicht gegen alle Hindernisse Ärztin werden wollen oder in Männerkleidung rumlaufen. Viel authentischer, und damit auch interessanter, glaubt mir, sind Heldinnen, die sich im Rahmen ihrer Zeit verselbstständigen. Der Schlüssel ist Recherche: Macht euch die Mühe und recherchiert, was selbstständige Frauen in der Zeit, in der ihr schreibt, tatsächlich getan haben, anstatt euch auf alten Tropes auszuruhen, die wirklich kaum jemand noch aufregend findet.

Ein Roman über eine junge Frau, die selbstständig sein möchte und auf eine der im 19. Jahrhundert neu gegründeten Pflegeschulen für Frauen geht, ist so viel interessanter, als der zehnte Roman über eine Frau, die sich als Mann verkleidet und Arzt wird (BBC Sherlock lässt grüßen, wir haben viel geweint). Und das gilt für alle Tropes, die euch zum viktorianischen Zeitalter jetzt vielleicht einfallen. Verlasst euch nicht auf Genrekonventionen oder Halbwissen. Recherchiert, worüber ihr schreibt und habt auch den Mut Lücken mit euren eigenen Ideen zu füllen, denn am Ende ist “historische Korrektheit” hier nicht das Ziel, sondern Authentizität. Es gibt kein “Das war so!”, aber es kann ein “So wäre das möglich gewesen” abseits von Tropes und Stereotypen geben und je mehr man über die Epoche weiß, umso leichter fällt es einem, Lücken in der Recherche mit eigenen Ideen zu füllen.

DIE HELDIN AUS DER ZEITMASCHINE

Ganz wichtig ist auch, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass man aus einer historischen Perspektive schreibt. Einige denken jetzt vielleicht: “Ja klar, ist doch logisch”, aber so oft, wie es moderne Sichtweisen auf die Viktorianer in historische Romane schaffen, scheint das nicht allen AutorInnen so klar zu sein. Hier gilt vor allem: Denk daran, dass dein Recherchematerial vorwiegend von modernen Menschen stammt. Du möchtest über eine viktorianische Frau schreiben, die alle gesellschaftlichen Erwartungen abwirft und hast das intensiv recherchiert? Cool! Aber mach nicht den Fehler, die moderne Sicht auf das viktorianische Zeitalter aus deiner Recherche eins zu eins in den Roman zu übernehmen. Wenn eure feministische Viktorianerin nämlich klingt, als hätte sie ebenfalls hundert Jahre feministische Geschichtsforschung zur Verfügung gehabt, haben wir ein Problem.

Es klingt simpel, aber das ist es eigentlich gar nicht: Behaltet im Kopf, dass eure Heldin, wenn sie im Jahr 1878 in London lebt, nur den Stand der Dinge von 1878 in England kennt. Sie weiß nicht, dass es eine Suffragettenbewegung geben wird. Sie weiß nicht, dass das Wahlrecht für Frauen noch zu ihren Lebzeiten Realität werden wird. Ihr wisst das, und das ist gut. Aber wenn eure Heldin sich benimmt, wie eine moderne Feministin, die am besten noch mit abwertendem Blick auf ihre dummen Zeitgenossen hinabschaut, dann ist was falsch gelaufen. Natürlich schreiben wir für moderne LeserInnen und natürlich ist es nicht möglich unseren modernen Blick auf die Viktorianer komplett auszuschalten. Aber historische Romane sind Rekonstruktion historischer Epochen und sie machen am meisten Spaß, wenn man wirklich in vergangene Zeiten eintauchen kann.

Das ist ein Punkt, der sich durch einen Großteil aller Romane zieht: Held oder Heldin sind generell schlauer, weiter und besser, als ihre Zeitgenossen. Ich verstehe, woher der Drang kommt, seine/n geliebte/n HeldIn so darzustellen, aber es liest sich, als sei HeldIn mit der Zeitmaschine im Roman angekommen und nicht in dieser Epoche aufgewachsen und das macht keinen Spaß. Das bedeutet nicht, dass Held oder Heldin nicht fortschrittlich denken darf, aber man sollte den Rahmen dessen, was authentisch wirkt, nicht überstrapazieren. Wenn der oder die ProtagonistIn nicht mehr wie ein Kind ihrer Zeit wirkt, gibt das einen Bruch. Und nein, damit meine ich nicht, dass ihr jetzt den Rassismus, die Homophobie oder den Sexismus eurer Figur mit “Das war bei den Viktorianern so!” rechtfertigen dürft. Eure Figur darf so feministisch sein, wie ihr möchtet. Sie sollte aber keine Theorien kennen, die erst in den 1970er Jahren aufgekommen sind. Eigentlich doch simpel, oder?

DER TEUFEL STECKT IM DETAIL

Ein weiterer “Fehler”, der mir oft begegnet, sind Aussagen wie: “Ich recherchiere das viktorianische Zeitalter” oder: “Im viktorianischen Zeitalter, war das so.” Macht euch am besten bewusst, dass es das einheitliche viktorianische Zeitalter nicht gibt. Der Begriff bezeichnet einzig und allein die Jahre, in denen Victoria Königin von England war (1837 bis 1901). Das ist eine lange Zeit, fast ein ganzes Jahrhundert, und sie schließt die verschiedensten gesellschaftlichen Entwicklungen, Trends und Weltbilder ein. Ein Roman, der 1840 spielt, erzählt von einer ganz anderen Welt, als einer, der 1890 spielt. Beschäftigt euch also vorrangig mit dem Jahrzehnt, am besten noch dem Jahr, in dem euer Roman spielt und betrachtet das Zeitalter nicht als ein homogenes Ganzes, das es nicht ist, denn so entstehen Tropes und Klischees überhaupt erst und so passiert das, was in “Zeitreisende küsst man nicht2 von Kirsten John passiert ist. Ich möchte 1888 nichts von ausschweifender Krinolinenmode lesen und 1838 nichts von opulentem Trauerkult.

Oft steckt der Teufel, der eure Geschichte atmosphärisch dicht und lebendig macht, wirklich im Detail. In den kleinen Dingen, von denen ihr vielleicht denkt, sie sind nicht so wichtig. Mein Lieblingsbeispiel ist hier immer Mode. Denn natürlich ist auch die über die Jahrzehnte nicht gleich geblieben und was gerade modern ist, sagt viel aus über Weltbilder, Schönheitsideale und sogar Politik: Britischer Kolonialismus zeichnet sich in der Mode seiner Zeit deutlich ab, ebenso wie der Japonismus der 1870er Jahre und das neu erwachte Interesse an historischen Stilen, wie Tudormode oder der griechischen Antike in den 1880ern und 1890ern. Mode ist Zeitgeist und meiner Meinung nach verspielt ihr sehr viel Atmosphäre, wenn ihr nichts weiter schreibt, als “Sie hatte ein blaues Kleid an”, aber das ist Geschmackssache. Trotzdem bietet Mode hier viele Chancen – und leider auch viele Möglichkeiten, wieder in die Klischeefalle zu tappen.

Links: Amerikanisches Kleid, Seide und Baumwolle, 1840er | Mitte: Amerikanisches Kleid, Seide, 1865 | Rechts: Amerikanisches Abendkleid, Herbert Luey, Seide und Leinen, ca. 1890 (Quelle: Met Museum)

Von Korsetts, die Rippen zerquetschen oder einem das Atmen schwer machen, möchte ich genauso wenig lesen, wie von Frauen, die mit ihrer Krinoline in Türen feststecken. Viktorianische Mode hatte ihre Tücken: Die weiten Röcke der 1860er waren gefährlich, weil sie leicht Feuer fangen konnten und die Trägerin das zu spät bemerkte, weil die Röcke durch die Krinoline kaum Körperkontakt hatten. So sind 1871 Oscar Wildes Schwestern Mary und Emily ums Leben gekommen. Aber auch hier gilt: Recherchiert, was wirklich gefährlich, unpraktisch oder einfach unbequem war, und reproduziert nicht einfach alte Klischees von zu engen Korsetts. Meistens basieren die nämlich tatsächlich auf viktorianischem Sexismus und sehr viel weniger auf tatsächlicher Lebensrealität von viktorianischen Frauen. Achtet darauf, von wem eure Quellen zu solchen Dingen stammen.

Und scheut euch nicht davor wirklich jedes kleinste Detail zu recherchieren. Manch spannender Umstand, der für die Menschen dieser Zeit alltäglich war, kommt uns nämlich vor wie ein astreiner Anachronismus, während so einiges, das wir als Fakt betrachten, nichts weiter ist als ein Trope – aber das haben wir ja schon besprochen. Historische Romane über die viktorianischen Jahre sind für mich persönlich am spannendsten, wenn sie die Epoche mit all ihren Merkwürdigkeiten widerspiegeln und auch das eben nicht durch eine moderne Linse filtern. “Totenfotografie? Total makaber und gruselig, meine Heldin mag das nicht!” ist natürlich einfacher, als Verständnis dafür aufzubringen, warum die Viktorianer ihre Toten fotografiert haben, aber letzteres gibt den spannenderen, interessanteren und authentischeren Roman her.

DIVERSITY & VIKTORIANISCHE WELTBILDER

Über Diveristy im historischen Roman habe ich schonmal geschrieben, aber ich finde den Punkt gerade wichtig, wenn wir vom viktorianischen Zeitalter reden, denn es ist kein Geheimnis, dass das viktorianische Großbritannien und Amerika sehr multikulturell waren. Dazu kommen Kolonialismus und Imperialismus, die im 19. Jahrhundert prägend waren. Historische Romane aber kommen sehr oft sehr weiß daher und kehren nicht nur die Existenz von viktorianischen PoC in Europa, Amerika und auch Australien unter den Teppich – wenn PoC überhaupt mitspielen dürfen, werden sie oft als Opfer dargestellt, an denen entweder erklärt wird, wie diskriminierend diese Gesellschaften waren, oder die von weißen HeldInnen gerettet werden müssen. Ebenbürtige ViktorianerInnen sind sie selten und das muss sich ändern. Am besten schon gestern.

Auch Politiker, Gesellschaftsdamen, Bühnenstars oder ganz gewöhnliche Mitglieder von Adel und gehobenem Bürgertum konnten PoC sein. “Aber wieso hört man von denen nie was, wenn es sie angeblich gegeben hat, hä?”, mag jetzt der ein oder andere fragen. Aber behaltet bitte im Kopf, wer Geschichte schreibt und ob diese Person vielleicht ein Interesse daran gehabt haben könnte, nichtweiße Menschen unerwähnt zu lassen – oder zumindest nicht zu erwähnen, dass sie nicht-weiß waren. Du kennst den Autoren Alexandre Dumas mit Sicherheit, er hat “Der Graf von Monte Cristo” und “Die drei Musketiere” geschrieben – aber wusstest du, dass er schwarz war? Die österreich-ungarische Gräfin und Gesellschaftsdame Mitsuko Coudenhove-Kalergi war japanischer Herkunft, genauso wie die Schauspielerin Sada Yakko, deren Name Ende des 19. Jahrhunderts beinahe jeder in Paris kannte. Sara Forbes Bonetta, die Patentochter von Königin Victoria, war schwarz.

Links: Junge Frau mit Diplom, ca. 1900 | Mitte: Australische Gesellschaftsdame Maud Shing, 1907 | Rechts: Amerikanischer Teenager, ca. 1880er

Sicherlich sollte man nicht so tun, als hätten diese Menschen keinen Rassismus erfahren, aber auch hier gilt, was eigentlich immer gilt: Macht eure Recherche. Übertragt nicht einfach moderne Ideen auf das 19. Jahrhundert, sondern schaut euch genau an, wie viktorianische Einstellungen zu diesen Problematiken ausgesehen haben. Aber vergesst nicht, das auch im 19. Jahrhundert in jeder Gesellschaftsschicht PoC zu finden waren: Vom Adel über das Wirtschaftsbürgertum und auch an Orten, wo man es vielleicht gar nicht vermuten würde: Meine eigene asiatisch-stämmige Familie lebte um 1900 als wohlhabende Großbauern im ländlichsten Mitteldeutschland. Sie waren nicht arm oder nur Dienstboten – sie hatten sogar selbst welche. Es gibt also wirklich keine Entschuldigung mehr, wenn euer viktorianisches London komplett weiß ist, oder warum ihr PoC immer nur in Opferrollen drängt und nicht als ebenbürtige Mitglieder der Gesellschaft darstellt.

Dasselbe gilt natürlich auch für queere Menschen. Auch darüber habe ich schon ausführlich geschrieben. Und hier schließt sich der Kreis, denn wir kommen zurück zu den Frauen in Männerhosen vom Anfang des Artikels. Die sind in den Kreisen queerer Frauen gegen Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich authentisch und ein Stück queere Subkultur – aber nur da. Und besonders gegen Ende des Jahrhunderts, zur Zeit der großen Moralpaniken, war das ein extrem gefährliches Statement, das in einer Festnahme enden konnte. Deshalb sehe ich es gleich noch weniger gern, wenn adelige Mädchen im historischen Roman in Hosen rumlaufen, um sich irgendwelche Freiheiten einzufordern. Trotzdem gilt auch hier: Queere Menschen hat es immer und überall gegeben, in allen Gesellschaftsschichten – und sie waren nicht immer nur tragische Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Die Festnahme der “female impersonators” Fanny & Stella im Jahr 1870 endete zum Beispiel auch in einem Freispruch – und beide hatten unterstützende Eltern, die die Queerness und gender identity ihrer Kinder akzeptierten. Klingt viel zu fortschrittlich? Ist aber so.

Das Leben als queere Person mag oft nicht einfach gewesen sein, doch es gibt genug Beispiele für queere ViktorianerInnen, die glücklich waren und ihre Identität gelebt haben. Hier gilt jedoch ein weiterer wichtiger Punkt: Wenn ihr über queere ViktorianerInnen schreibt, denkt daran, dass es unsere modernen Bezeichnungen wie “schwul”, “lesbisch” oder “bisexuell” im 19. Jahrhundert noch nicht gab – oder sie ganz andere Bedeutungen hatten. “Bisexuell” zum Beispiel hatte im New York des Jahres 1900 ungefähr die Bedeutung, die transgender heute hat (Quelle ist da trans Frau Jennie June, eine Aktivistin des späten 19. Jahrhunderts). Und ihr jetzt so: “Aktivismus? Damals?” Ja. Auch das ist so ein Punkt: Die späten viktorianischen Jahre läuteten nicht nur die Frauenbewegung ein, sondern waren voller Fortschritt und sich verändernder Gesellschaftsmuster.

Links: Anna Moor & Elsie Dale, ca. 1900 | Mitte: Viktorianisches Paar, 1890er | Rechts: Fanny und Stella, “female impersonators”, 1869

Und übrigens: Queere Szenen, Clubs und Zentren gab es immer, ganz besonders in Metropolen. Auch hier kann ich nur sagen: Macht eure Recherche und macht sie gründlich. Queere Subkultur ist keine Erfindung unserer Zeit und auch sie wandelte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts stetig. Heutzutage gibt es zu queer history, sowie natürlich auch zur Geschichte von PoC in der westlichen Welt des 19. Jahrhunderts und zu feministischer Geschichte, zugängliches Recherchematerial, weshalb es im Jahr 2018 wirklich kein guter Look ist, zu behaupten, ein historischer Roman voller weißer, cis, hetero Heldinnen, die Männerkleider tragen, um sich frei bewegen zu können und ständig in Ohnmacht fallen, weil das Korsett zu eng ist, sei “historisch korrekt”. Und das ist wohl auch die Grundaussage dieses Posts: Ihr wollt viktorianisch schreiben? Cool! Aber macht eure Recherche und verlasst euch nicht auf Halbwissen, Klischees und moderne Perspektiven auf die Vergangenheit.

ABSCHLIESSENDES

Ich habe jetzt natürlich nicht alles gesagt, was ich zum Thema sagen könnte, aber wir nähern uns der 3k-Wortmarke und irgendwann muss auch mal gut sein. Betrachtet diesen Post vielleicht als eine Art Crashkurs zu einer im historischen Roman beliebten, aber stark verklärten und verdrehten Epoche, von einer Historikerin und Leserin, die von historischen Romanen in letzter Zeit immer wieder genervt ist, besonders von welchen, die im viktorianischen Zeitalter spielen. Und natürlich muss ich auch dazu sagen, dass ich zwar behaupten kann, mich in dieser Epoche gut auszukennen, aber auch nicht alles weiß. Also, falls ihr noch Anregungen habt oder auch Fragen, würde ich mich über eure Kommentare sehr freuen.

Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen Hilfestellung geben, falls ihr selbst viktorianisch schreiben möchtet – ob historischer Roman, Fantasy oder Steampunk – und noch gar nicht wisst, wo ihr anfangen sollt, oder vielleicht seid ihr einfach geschichtsinteressiert und konntet hier ein paar neue Sachen mitnehmen. Auf jeden Fall hoffe ich, dass das Experiment hier nicht komplett uninteressant war. Mir hat es zumindest gefallen, mir den Frust nochmal ausführlich von der Seele schreiben zu können und falls das darüber hinaus noch jemand hilfreich oder spannend findet, wäre das natürlich sehr schön.


1 . Viktorianisch, das ist übrigens nur bezogen auf Großbritannien im 19. Jahrhundert. Man kann das höchstens noch auf “Victorian America” ausweiten, aber auf dem europäischen Festland gelten andere Zeiteingrenzungen. Die meisten viktorianischen Romane spielen tatsächlich auch in Großbritannien, weshalb die Informationen in diesem Artikel darauf beschränkt sind. Es gibt natürlich einige Überschneidungen, doch vieles sah in Deutschland zu dieser Zeit nochmal anders aus.

2 . Ich erwähne den Roman hier nicht, um mich lustig zu machen, sondern als Fallbeispiel für das, was ich meine. Es mag in diesem Beispiel extrem sein, vor allem, weil der Roman gar nicht in der Epoche spielt, sich aber so liest, aber es passiert tatsächlich in jedem zweiten Roman, der im viktorianischen Zeitalter spielt, wenn auch oft subtiler. 

6 Comments

  • Pink Anemone

    Hallo,
    ich arbeite jetzt erst die Litnetzwerk-Liste ab und ich muss sagen, was bin ich froh es doch noch zu machen, denn sonst hätte ich diesen interessanten Artikel nicht gelesen.
    Ich liebe Thriller, Krimis, Romane, welche im viktorianischen Zeitalter spielen und ich liebe ebenso Sachbücher. Erst vor Kurzem habe ich “How to be a Victorian” von Ruth Goodman gelesen und durfte viel Interessantes erfahren.
    Ich habe nun also Deinen Artikel mit Genuss gelesen und wieder Neues erfahren dürfen.
    Vielen Dank für den tollen Einblick in das viktorianische Zeitalter, den sich so manche Autoren gönnen sollten…vor allem wenn es sich um Zeitreisen handelt.

    Liebe Grüße aus Wien,
    Conny

    • Katriona

      Hallo Conny! Vielen lieben Dank. <3 Ich liebe Bücher, die im viktorianischen Zeitalter spielen auch sehr, gerade deshalb bin ich immer so enttäuscht, wenn die Epoche so klischeelastig behandelt wird. "How to be a Victorian" gucke ich mir gleich mal an! lG, Kat.

  • Konstanze

    Danke für diesen Beitrag! Du zählst viele Punkte auf, die der Grund dafür sind, dass ich keine historischen Romane mehr lese, und gibst einem gleichzeitig wunderbare Argumentationshilfen in die Hand, wenn es um ein Gespräch mit Verfechtern einer “weißen Historie” geht.

    Dass Alexander Dumas schwarz war, habe ich erst vor kurzem erfahren, als eine Biografie angekündigt wurde. Bislang sitzt das Buch nur auf der Wunschliste, aber ich hoffe, dass ich es in den nächsten Monaten in die Finger bekomme.

    • Katriona

      Hallo Konstanze! Ich habe mit Histos ja auch so meine Probleme, aber ich bin relativ gut darin geworden, welche auszusuchen, die mir gefallen. Tatsächlich sind das dann meistens eher Horror- und Gruselromane, irgendwie greifen die gängigen Tropes da viel seltener. Aber es freut mich sehr, dass der Artikel dir gefallen hat. <3 lG, Kat

  • Jacquy

    Danke für deine Mühe! Ich schreibe zwar gar nicht, erst recht nicht historisch, und bin auch nicht übermäßig geschichtsinteressiert, wie ich zugeben muss, aber es schadet eindeutig nicht, mal ein bisschen das aktive Interessengebiet zu verlassen. Ich fand den Artikel wirklich interessant (und nicht zu lang) und konnte einiges mitnehmen.
    Liebe Grüße!

    • Katriona

      Hi Jacquy. <3 Es freut mich sehr, dass du es interessant fandest, obwohl es eigentlich gar nicht dein Thema ist. Da hatte ich ja ein bisschen Angst, dass es zu Nische werden könnte, deshalb freut mich dein Kommentar sehr. lG, Kat.

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