Rezensionen

“Hazel Wood: Wo alles beginnt” von Melissa Albert

Seit Alice denken kann, wird sie vom Unheil verfolgt. Dann stirbt ihre Großmutter, die mysteriöse Märchenerzählerin Althea Proserpine, und kurz darauf verschwindet Alices Mutter spurlos. Zurück bleiben die Worte „Halt dich fern von Hazel Wood”. Alice spürt, dass sie ihre Mutter erst wiedersehen wird, wenn sie an den Anfang ihrer eigenen Geschichte geht. Schritt für Schritt entdeckt sie eine unheimliche Wahrheit. Um endlich frei zu sein, bleibt Alice nur eine Wahl: Sie muss nach Hazel Wood … Dorthin, wo alles beginnt.

MEINE GEDANKEN

Ach, „Hazel Wood“. We get it, du bist anders. Eigentlich hätte dieses Buch genau meins sein müssen: Düster, märchenhaft und unheimlich kommt es daher, verspricht eine „Alice im Wunderland“-Geschichte, wie man sie noch nicht gelesen hat. Und zum Anfang ist es das auch. Ich habe die erste Hälfte dieses Buches gespannt und verzaubert gelesen, von Melissa Alberts wunderschöner Sprache in die Geschichte gezogen. Die Atmosphäre war dicht, die Figuren interessant, die Märchenwelt düster und voller Geheimnisse… Aber dann.

DÜSTERE MÄRCHEN IN NEW YORK

Ich möchte mit dem Guten anfangen. Melissa Albert spinnt auf den ersten knapp 200 Seiten ihres Debutromans ein Horrormärchen, das sich gewaschen hat: Die siebzehnjährige Alice und ihre Mutter sind auf der Flucht, seit Alice denken kann, denn wenn sie zu lang an einem Ort bleiben, holt das Pech sie immer wieder ein. Als Alice von ihrer Großmutter erfährt, der mysteriösen Althea Proserpine, die einst eine Sammlung mit dunklen Märchen veröffentlicht und sich dann auf ihr Anwesen zurückgezogen hat, möchte Alice alles über sie erfahren, doch Ella lässt das nicht zu.

Ich habe das geliebt: Alice und Ellas Flucht durch die USA und Althea Proserpine, ihr „Geschichten aus dem Hinterland“ und ihr rätselhaftes Herrenhaus Hazel Wood, das niemand finden kann. Alices Suche nach Spuren von Althea und Ellery Finch, ein Mitschüler von Alice, der sie bald unterstützt. Ich mochte die Atmosphäre und auch besonders das Bohème-Flair, das Althea und Ella mitbrachten, die spannende Spurensuche und vor allem auch die düsteren Ereignisse, die Alice heimzusuchen beginnen, als die Märchenwelt langsam ins moderne New York durchblutet. Wunderschön, wirklich, und spannend wie nichts.

Auch das, was man von Altheas Märchen mitbekommt, hat mir richtig gut gefallen. So gut, dass ich gern mehr davon gelesen hätte, als die Nacherzählungen von zwei Märchen, die Finch Alice liefert, die das Buch nie gelesen hat. Aber die Schnipsel, die man von „Geschichten aus dem Hinterland“ bekommt, sind großartig – und ich hätte mir so sehr gewünscht, dass das Hinterland, in das Alice stolpert, genauso düster und erbarmungslos gewesen wäre, wie es in Altheas Märchen wirkt.

HINTERLAND & DER VERFLOGENE ZAUBER

Die Sache ist die, ich hatte ab ungefähr der 60%-Marke irgendwie das Gefühl plötzlich ein anderes Buch zu lesen. Ein komplett anderes Buch. Denn kaum betreten wir Hazel Wood fällt die dunkle Magie, die „Hazel Wood“ ausstrahlt, irgendwie von dem Buch ab und wird ersetzt durch einen merkwürdigen Vorfall, der den nächsten jagt, ohne, dass das noch irgendwie Sinn ergibt. Ja, das wird erklärt, mit einem lapidaren „Ist halt Märchenlogik“, aber ehrlich? Die Kapitel in Hinterland fühlen sich nicht an, als würden sie die Geschichte, die zuvor erzählt wurde, weiterführen – sondern wie eine Pause, die alles unnötig aufhält, denn eigentlich will ich doch was anderes wissen. Das, was über 200 Seiten lang aufgebaut wurde.

Hinterland soll skurril sein, merkwürdig, makaber – eine dunkle Märchenwelt halt, in der selten etwas gutes passiert. Aber Hinterland ist platt. Was in der ersten Hälfte des Buches noch atmosphärisch und spannend war, wird in Hinterland ersetzt durch Märchenhandlungen, die keinen Sinn ergeben, Figuren, die keinen Sinn erfüllen und auch von so einigen Lücken im Plot. Ich will nicht zu viel verraten, aber wie können Figuren, die angeblich in einer Geschichte feststecken, Hinterland verlassen und New York besuchen? Wieso heißt es, niemand kann Hinterland verlassen und dann geht es plötzlich doch? Man hat Fragen.

Die erste Hälfte des Buches habe ich an einem Nachmittag gelesen, weil ich wie verzaubert war, mehr wissen wollte und natürlich auch gespannt war, wie die Geschichte ausgeht. Die zweite Hälfte habe ich so schnell gelesen, weil ich mit dem Buch endlich fertig sein wollte und das macht mich traurig. Es hatte ja so schön angefangen. Dass die Geschichte nach Hinterland dann zu einem so überstürzten und etwas zu bekömmlichen Ende geführt wird, das alle Rätsel, die die ersten 60% des Romans ausmachten, beinahe schon nebensächlich so irgendwie aufgeklärt werden, war dann die letzte Enttäuschung. Dafür, dass Hinterland für das Buch so wichtig ist, erfährt man auch einfach extrem wenig darüber, wie es wirklich aussieht und was dort passiert.

ELLERY FINCH UND DIE GESCHICHTE VOM PLOT DEVICE

Das ist aber leider nicht alles, denn auch Finch und seine Darstellung liegen mir schwer im Magen. Finch ist schwarz und Melissa Albert weiß auch, was sie hier macht. In einer Szene bittet Finch die weiße Alice, einen Polizisten nicht so respektlos zu behandeln, weil er als schwarzer Junge die Konsequenzen tragen könnte, Stichwort Polizeigewalt. Kein schlechter Anfang. Eigentlich. Aber Alice ist überhaupt nicht in der Lage, zu verstehen, was er sagt. Sie wischt seine Erfahrungen mit Rassismus beiseite, weil er ja einen reichen Vater hat und stellt sich selbst in den Mittelpunkt des Gesprächs: Sie ist ohne Geld aufgewachsen, wie kann sie also privilegiert sein? Hier ist Alice wirklich ignorant und sie lernt nichts.

Auch im weiteren Verlauf lässt sie Finch selten aussprechen, fährt ihn an, unterstellt ihm respektlos Dinge und behandelt ihn einfach nicht gut. Sie hat Aggressionsprobleme, was ich auch sehr interessant fand, aber diesen Umgang mit der einzigen nicht-weißen Figur des Romans fand ich trotzdem beinahe schmerzhaft zu lesen, besonders im Hinblick auf Alices Ignoranz, die sie nie ablegt und den Ausgang der Geschichte. Und obwohl Melissa Albert uns relativ stumpf wissen lässt, dass Finch kein Sidekick sein soll, schreibt sie ihn genauso: Finch ist ein Sidekick und nichts als ein Plot Device, das Alices Reise nach Hazel Wood finanzieren darf und nicht viel mehr. Und das ist ein ganz schöner Flop, weil Melissa Albert anscheinend mehr wollte. Ich sage nur so viel: Ellery Finch deserved better. Much much better.

VOM HERBSTMÄRCHEN ZUR PLATTEN ENTTÄUSCHUNG

Am Ende ist „Hazel Wood“ ein sehr durchwachsenes Leseerlebnis gewesen. Die ersten 60% habe ich geliebt. Sie sind ein atmosphärisches Herbstmärchen, New York im Oktober, unheimliche Fremde und mysteriöse Rätsel um eine noch mysteriösere Schriftstellerin. Aber kaum findet Alice Hazel Wood gibt es einen krassen Bruch. Die Atmosphäre geht flöten und das, was vorher war, zählt kaum noch, es ist plötzlich eine komplett andere, irgendwie orientierungslose Geschichte, in der leider auch ein paar Logiklücken stecken, die sich nicht mit „Das ist Märchenlogik und muss keinen Sinn ergeben“ wegerklären lassen.

Alles in allem bereue ich es aber nicht „Hazel Wood“ gelesen zu haben. Allein für den dichten Schreibstil der Autorin und Altheas düstere Märchen hat es sich gelohnt. Aber während der Roman stark anfängt, lässt er leider auch stark nach und vor allem lässt er verwirrt zurück und kann die Versprechen, die der Anfang macht, einfach nicht halten. Ich würde wohl auf jeden Fall noch einmal ein Buch von Melissa Albert lesen, aber ich muss ehrlich sagen, ich hätte lieber „Geschichten aus dem Hinterland“ gelesen, diese schönen, düsteren Horrormärchen, als diesen Roman. Tatsächlich ist “Tales from the Hinterland” für 2020 auch schon angekündigt und ich freue mich sehr darauf.


BIBLIOGRAPHIE

Hazel Wood: Wo alles beginnt | Dressler, 2018 | 978-3-7915-0085-0 | 352 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Fabienne Pfeiffer | Amerikanische OA: Hazel Wood, 2017

2 Comments

  • Kate

    Hallöchen,
    ich habe jetzt schon mehrmals gehört, dass “Hazel Wood” nicht so gut sein soll. Was wirklich schade ist, weil das Cover schon so viel verspricht.
    Deine Rezension ist jedenfalls die erste zu diesem Buch, die ich lese, und ich kann nun ziemlich gut nachvollziehen, warum das Buch nicht so gut ankam. Das klingt alles teils sehr schön und dann doch sehr enttäuschend. Schade, dass dir das Buch nicht so gefallen hat wie erhofft.
    Liebste Grüße, Kate

    • Katriona

      Hi Kate!

      Das Cover ist wirklich ein Schmuckstück! Und für die ersten 2/3 würde ich das Buch auch empfehlen, ich bereue nicht, es gelesen zu haben. Ich wünschte nur, das Ende wäre in dieselbe Richtung gegangen.

      lG, Kat

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