Rezensionen

“The Silent Companions” von Laura Purcell | Englisch

Newly married, newly widowed Elsie is sent to see out her pregnancy at her late husband’s crumbling country estate, The Bridge. With her new servants resentful and the local villagers actively hostile, Elsie only has her husband’s awkward cousin for company. Or so she thinks. But inside her new home lies a locked room, and beyond that door lies a two-hundred-year-old diary and a deeply unsettling painted wooden figure – a Silent Companion – that bears a striking resemblance to Elsie herself..

MEINE GEDANKEN

Klassische Gothic-Geschichten findet man heute nicht mehr so oft – umso froher bin ich, Laura Purcell entdeckt zu haben. Die britische Autorin legt mit “The Silent Companions” atmosphärischen Grusel vor, der alles mitbringt, was man von einem Schauerroman nur wollen kann: Ein Herrenhaus, das dem Zerfall nahe ist, mitten in der Einsamkeit des herbstlichen Englands, spannende, vielschichtige Figuren und ein großes Rätsel. Zudem ist Elsie eine ungewöhnliche Histo-Heldin: Sie ist bereits Mitte 30 und sie ist abgebrüht und manchmal auch ein bisschen selbstsüchtig, was mir sehr gefallen hat, da sie mir authentisch vorkam. Gemeinsam mit Elsie konnte ich das alte Anwesen The Bridge erkunden – und nach und nach an ihm und seinen merkwürdigen Vorkommnissen verzweifeln.

Elsie hätte eigentlich eine Heldin sein sollen, mit der ich mich nur leidlich identifizieren kann, denn nicht nur ist sie zehn Jahre älter als ich, sie ist auch bereits Witwe und obendrauf schwanger. Laura Purcell gelingt es jedoch, Elsie den LeserInnen nahe zu bringen, nicht nur ihre Probleme, die man vielleicht selbst nicht kennt, aber eben auch über die Epochen hinweg. “The Silent Companions” spielt 1865 und ich habe es selten erlebt, dass es einem Roman gelungen ist, eine Epoche so authentisch lebendig werden zu lassen. Das ist meiner Meinung nach auch die große Stärke, die “The Silent Companions” innerhalb des Genres zu etwas Besonderem macht. Die viktorianische Ära ist nicht bloßer Hintergrund, sie ist Hauptkomponente dieser Geschichte und sie ist in “The Silent Companions” wunderbar düster und lebendig.

An sich hat mir die dichte Atmosphäre sehr gefallen. Dieser Roman ist richtiges Kopfkino. Man sieht The Bridge und die interessanten Figuren direkt vor sich und man liest gespannt Seite um Seite, während sich die Ereignisse zuspitzen. Ich hatte Herzklopfen beim Finale, habe das Ende in dieser Form überhaupt nicht erwartet und vor allem denke ich immer noch über den Roman nach. Laura Purcell deutet viel an, das einem erst hinterher klar wird und obwohl der Roman an sich schon wirklich gruselig und erschreckend ist, machen diese kleinen, fiesen Details, die sich erst im Nachhinein zu einem klaren Bild zusammensetzen, ihn noch um einiges erschreckender, sodass die Geschichte einen einfach nicht loslässt.

ICH & MEIN HOLZ? LIEBER NICHT!

Als ich diesen Roman begonnen habe, dachte ich noch: “Was soll denn bitte an ein paar Holzbrettern so gruselig sein?” Jetzt vertraue ich Holz nicht mehr. “The Silent Companions” ist eine klassische Gothic-Geschichte, aber wirklich keine typische, denn wer hier auf Geister oder Dämonen oder andere bekannte Themen hofft, der wird überrascht werden. Im Mittelpunkt stehen die titelgebenden Silent Companions – stille Begleiter: Holzaufsteller, auf die lebensechte Figuren gemalt sind. Diese gab es wirklich: Sie waren im Amsterdam des 17. Jahrhunderts ein Trend. Als Elsie einen Silent Companion hinter einer verschlossenen Tür in The Bridge findet, beschließt sie, die Figur in der Halle auszustellen.

Was dann folgt, ist eine düstere, mitreißende und manchmal blutige Horrorgeschichte voller Wendungen, die man nicht erwartet. Das geradezu Geniale an “The Silent Companions” ist, dass der Horror eben nicht nur aus den übernatürlichen Vorkommnissen entsteht, sondern auch aus den dunklen Wahrheiten der Figuren selbst, die nach und nach ans Licht kommen. Das alte Herrenhaus The Bridge wäre auch ohne Spuk ein bedrückendes Gefängnis für Elsie, und die Vergangenheit, vor der sie wegläuft, ist beinahe unheimlicher, als die scharrenden Geräusche, die sie nachts hört, oder die Geschichten um rätselhafte Todesfälle in The Bridge.

Richtig stark, wenn auch schwer zu lesen, fand ich Laura Purcells Schilderung des Lebens als Frau in den 1860er Jahren. Sie nimmt Abstand von allen Tropes, die einem dazu einfallen könnten, und lässt beinahe schon nebensächlich einfließen, was viele viktorianische Frauen Tag für Tag erlebt haben. Besonders intensiv kam das Gefühl der Machtlosigkeit durch, das sich bei Elsie und bei den LeserInnen langsam in Wut verwandelt. Selbst Elsie als wohlhabende Witwe eines angesehenen Mannes ist nicht Herrin über ihr Leben, wird nicht als erwachsener Mensch wahrgenommen, muss für jede kleine Freiheit kämpfen – und besonders die männlichen Figuren nehmen nicht einmal wahr, wie sie im Stillen leidet. Ganz ohne die typischen Klischees und vor allem ohne den typisch modernen, sensationsgeilen Blick auf diese Epoche lässt Laura Purcell einen mitfühlen, was in Elsie vorgeht und vor allem auch die Mechanismen dahinter verstehen.

“The Silent Companions” bringt viele solcher Momente mit, in denen Purcell nicht nur historische Problematiken authentisch aufarbeitet, sondern ihre LeserInnen auch die Parallelen zu heute ziehen lässt. Es war Zufall, dass ich den Roman jetzt gelesen habe, während der Kavanaughfall für Furore sorgt, aber obwohl dieser Roman 1865 spielt, hat Elsies Schicksal da sofort resoniert: Denn Frauen, denen Furchtbares angetan wird, von dem sie niemandem erzählen können, gibt es leider auch heute noch zur Genüge. Und das macht Laura Purcell so richtig. Sie schaut nicht wie so viele andere Histo-AutorInnen mit erhobenem Zeigefinger auf die Vergangenheit und sagt: “Guck mal, wie schlimm es damals war, sei froh, dass du heute lebst”, sie schildert beinahe nüchtern diese Gesellschaft und die Parallelen entstehen von selbst.

HEXENJAGD IM GRUSELHAUS [CW: Romaphobie]

Gerade, weil das so nah kam, dass es manchmal beinahe wehtat darüber zu lesen, fand ich schade, dass die zweite Perspektive – die einer Anne Bainbridge, die zweihundert Jahre zuvor Herrin von The Bridge war, dann doch ein bisschen im Klischee ertrank. Anne ist kräuterkundig und die Leute im Dorf glauben, sie wäre eine Hexe. Man kennt das. Annes Ich-Perspektive, festgehalten in einem Tagebuch, das Elsie findet, war spannend und wurde zum Ende hin immer düsterer und gruseliger, was mir sehr gefallen hat, aber am Anfang hatte ich meine Probleme mit Anne, weil ihre Geschichte nicht nur ein wenig klischeebelastet war, sondern obendrein Anne selbst extrem unsympathisch.

Der Grund, warum der Roman kein Lieblingsbuch wird, liegt hier, denn Anne ist extrem romaphob. Nicht nur wird ständig das g-Wort benutzt, das auch andere AutorInnen von historischen Romanen bitte gestern aus ihrem Vokabular streichen sollten, Anne spricht andauernd abfällig über die Roma, die in der Nähe von The Bridge leben. Dass Anne damit großes Unrecht tut, macht Laura Purcell sehr deutlich, aber trotzdem reproduziert sie eine ganze Reihe von Rassismen und Stereotypen, bis es soweit ist. Besonders die grausame Geschichte rund um den erst zehnjährigen Roma Merripen liegt mir immer noch schwer im Magen, obwohl deutlich wird, was Laura Purcell hier machen wollte. Man muss PoC nicht immer leiden lassen, um Diskriminierung aufzuzeigen, wirklich nicht.

Alles in allem ist “The Silent Companions” klassischer, aber ungewöhnlicher Gothichorror, der durch seine Figuren und ihre Abgründe glänzt, sowie durch einen authentischen Einblick in das Leben von Frauen im viktorianischen Zeitalter, der gerade so erschreckend wirkt, weil er nicht auf Schocktropes baut, sondern ganz nebensächlich auffächert, dass Elsie trotz ihres hohen Standes eine Gefangene ist. Ein weiterer Pluspunkt sind der dichte Aufbau und die unglaublich düstere Atmosphäre, die immer dunkler und bedrückender wird. Wäre Laura Purcell die Darstellung der Roma besser gelungen, hätte “The Silent Companions” ein neues Lieblingsbuch werden können. So bleibt der Roman zum Zerreißen spannender Gothic-Horror, der neugierig macht, was Purcell in Zukunft schreiben wird. Ich würde ihn Fans von Gothic und viktorianischem Horror empfehlen, aber eben mit dem Hinweis, dass die Darstellung der Roma absolut nicht reflektiert genug erfolgt.


BIBLIOGRAPHIE

The Silent Companions | Bloomsbury, 2017 |  9781408888032 | 384 Seiten | Englisch

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