“Bad Girls” von E. Lockhart

Jule Williams ist nicht, wer sie zu sein scheint. Alles an ihr ist falsch: Ihr Akzent, ihre Haare, die Namen, die auf ihrer Kreditkarte stehen. Sie ist ein menschliches Chamäleon, eine begnadete Lügnerin, deren messerscharfer Verstand ihr Ticket ins Leben der Schönen und Reichen wird. Doch wie oft kann sich ein Mensch neu erfinden?

MEINE GEDANKEN

Oh Mann. Gestern hätte ich wohl noch aus vollem Herzen gesagt, dass E. Lockhart eine meiner liebsten AutorInnen ist. „Dramarama“, „Solange wir lügen“ und „Die unrühmliche Geschichte der Frankie Landau-Banks“ gehören geschlossen zu meinen Lieblingsromanen. Jetzt legt Lockhart mit „Bad Girls“ einen Psychothriller vor und ehrlich, ich war so gespannt. Denn ich mag Geschichten über con-artists, ich mag unzuverlässige Erzähler und AntiheldInnen, die nicht immer ethisch handeln. Aber ob ich „Bad Girls“ mag? Einerseits ja, andererseits nein.

FEMINISMUS, GEWALT & ZU VIEL GEWOLLT

Handwerklich ist „Bad Girls“ ein Meisterwerk, wie man es von E. Lockhart auch erwarten darf. Ihr Schreibstil ist knapp und funktioniert gerade deshalb so gut. Er reduziert auf das, was in Jules Augen das Wesentliche ist, und die durchaus guten Botschaften haben Schlagkraft. Es geht um systematische Misogynie, um toxische Männlichkeit, um das Reduzieren von Frauen und Mädchen auf Objekte. Kurz gesagt, es geht um dieselben Themen, die Lockhart in „Frankie Landau-Banks“ auch schon rigoros auseinandergenommen hat, nur geht sie in „Bad Girls“ von einer ganz anderen Seite an sie heran.

Und leider hat das für mich überhaupt nicht funktioniert. In der Theorie ist alles da: Jule und Imogen sprechen über Privilegien, über Feminismus, darüber, was sie vom Leben wollen. Aber in der Praxis ist das hier doch die Geschichte eines weißen, hetero Mädchens, das für das, was sie will über Leichen geht – auch die Leichen von anderen Frauen. Und leider sind das nicht selten mehrfach marginalisierte Frauen. Women of Colour, queere Frauen. Denn anscheinend hört der Feminismus von „Bad Girls“ da auf, wo Mehrfachmarginalisierung anfängt und, so leid mir das tut, das ist kein Feminismus.

Lockhart geht sicher, dass wir wissen, dass eine der Frauen, die Jule im Weg stehen, bisexuell und zum Teil Kubanerin ist. Eine andere ist Jüdin. Die Detektivin, die Jule auf den Fersen ist, ist mexican-american und in Jules Augen ist sie natürlich eine Widersacherin. Jule, die sich als eine Art Superheldin sieht, die für die Rechte von Frauen einsteht, schmeißt marginalisierte Frauen wie am Laufband den Wölfen zum Fraß vor. Und wie zum Hohn erwähnt Lockhart dann noch ständig, dass irgendwelche Nebenfiguren, die nur einmal erwähnt werden, queer oder PoC sind, als könnte so eine Randfigur ausbügeln, dass wichtige marginalisierte Figuren sterben. Das ist keine Repräsentation, Leute.

RIP(LEY) OFF? – DIE TALENTIERTE MISS WILLIAMS

Her life was cinematic. […] She wouldn’t feel guilty. She would follow this action-hero path and power on.

Die Höhe ist für mich aber, dass „Bad Girls“ eigentlich 1:1 den Plot von Patricia Highsmiths „Der talentierte Mr. Ripley“ von 1955 übernimmt, nur eben mit Mädchen in den Hauptrollen. Wer „Mr. Ripley“ kennt, oder die Verfilmung von 1999 mit Jude Law und Matt Damon, kann sich „Bad Girls“ eigentlich sparen, denn dann gibt es keine Überraschungen. Jede Wendung, jeder Plot Twist ist übernommen, manchmal sogar die Schlüsseldetails. Der Gipfel war die Bootszene, die wohl wichtigste Schlüsselszene aus „Mr. Ripley“, die es ebenfalls fast 1:1 in „Bad Girls“ geschafft hat.

Wäre „Bad Girls“ wenigstens als eine Neuerzählung ausgezeichnet gewesen… Aber der einzige Hinweis darauf, woher Lockhart die „Inspiration“ genommen hat, ist ein Nebensatz im Nachwort. Und dabei ist „Bad Girls“ wirklich nicht nur eine Neuerzählung, sondern in einigen Dingen eine glatte Kopie. Ich kann gar nicht erklären, wie ähnlich sich die beiden Geschichten sind, aber Lockhart übernimmt tatsächlich das gesamte Grundgerüst und fügt neue Figuren und Settings ein. Und wenn ich sagen wollen würde: Wenigstens ist der Plot gut, wenigstens ist die Geschichte gut durchdacht, dann würde mir das im Halse stecken bleiben, denn der Plot ist halt von Patricia Highsmith.

Und Jule funktioniert als Antiheldin nicht einmal. Jule ist eiskalt. Sie kennt keine Zweifel, hat kein Gewissen, bereut nichts. Sie war mir nicht nur unsympathisch, ich habe sie gehasst. Ihr Realitätsverlust ist unheimlich – Jule sieht sich als eine Art feministische Superheldin und ihr Leben als Film, scheint gar nicht zu begreifen, dass alles in Wirklichkeit passiert – und wird nicht reflektiert. Am Ende wird er sogar noch irgendwie romantisiert, denn Jule glaubt, das richtige getan zu haben, will weiterhin die Actionheldin spielen. Und da frage ich mich einfach, was hier jetzt die Botschaft sein soll? Das hier ist schließlich immer noch ein verdammtes Jugendbuch.

HANDWERKLICH GUT, INHALTLICH ÜBERHOLT

Und was bleibt jetzt? Ein handwerklich gut gemachter Psychothriller. Lockharts genialer Schreibstil, wie sie mit Details, Wiederholungen und Worten spielt, das ist großes Kino. Das macht es ja so traurig, dass „Bad Girls“ eigentlich nur ein Rip-Off von „Der talentierte Mr. Ripley“ ist, denn ich weiß, was Emily Lockhart kann. Und ich frage mich auch ehrlich, wie die Reaktionen auf die geplante Verfilmung ausfallen werden. Dass Teenager „Mr. Ripley“ nicht mehr kennen und die Ähnlichkeit nicht sehen, klaro, kann ich nachvollziehen. Aber ältere Kinobesucher? Ich bleibe gespannt.

Bereue ich, „Bad Girls“ gelesen zu haben? Nein. Der Roman hatte durch seinen ungewöhnlichen Aufbau – Lockhart erzählt von hinten nach vorne – durch seine Sprache und die Ereignisse einen spannenden Sog und er war kurz genug, dass ich ihn gemütlich in drei Stunden auslesen konnte. Aber wirklich gefallen hat er mir nicht. Die blatante Ähnlichkeit zu „Mr. Ripley“, die merkwürdig unklare „feministische“ Botschaft und vor allem auch das opfern von Women of Colour und queeren Frauen, die der weißen, heterosexuellen Jule im Weg stehen, liegen mir extrem schwer im Magen.

Das Ding ist, Emily Lockhart hat sich irgendwie selbst überholt. Zwischen anderen Romanen, die marginalisierte Mädchenfiguren HeldInnen sein lassen, und nicht immer nur Opfer, kommt „Bad Girls“ einfach nicht gut weg. Es kommt sogar im Vergleich zu anderen Lockhartromanen nicht gut weg. Und jedem, der eine wirklich feministische Geschichte über ein Mädchen lesen möchte, das mit nicht immer ethisch vertretbaren Mitteln gegen Objektifizierung und toxische Männlichkeit kämpft, würde ich „Die unrühmliche Geschichte der Frankie Landau-Banks“ empfehlen. Wer einen Thriller über einen jugendlichen con-artist lesen will, sollte eher zu „Here Lies Daniel Tate“ von Cristin Terrill greifen. Aber „Bad Girls“? Muss man halt nicht.


ANDERE MEINUNGEN:

Miss Bookiverse | 3 Punkte


BIBLIOGRAPHIE

Bad Girls | Ravensburger, 2018 | 978-3-473-40167-3 | 320 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Franziska Jaekel | Amerikanische OA: Genuine Fraud, 2017

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3 comments

  1. Hui, das ist ein hartes Urteil für Jule. Ich habe es so gelesen, dass sie psychisch gestört ist, was auch ihren Realitätsverlust erklärt und ihr verhalte ein Stück weit verständlicher macht. Was mich aber genauso geärgert hat wie dich ist die Highsmith Kopie bzw. dass nirgendwo darauf hingewiesen wird. Für mich ist das Buch nämlich definitiv auch eine Neuauflage des Romans und keine „Inspiration“. Dass es da noch keine Klage gehagelt hat…

    1. Hi! Ja, ich denke auch, dass Jule psychische Probleme hat. Dass das Buch das aber nicht aufgreift, sondern noch romantisiert mit dieser Superheldinsache fand ich beinahe schon verstörend, da habe ich mir von Lockhart sehr viel mehr erwartet. Ich verlinke deine Rezension mal! Alles Liebe, Kat

      1. Ich fand’s eigentlich ganz okay, mir das selbst aus dem Subtext zu ziehen, aber da es YA ist, hätte es wahrscheinlich schon etwas kritischer und offensichtlicher beleuchtet werden sollen.
        Danke für’s Verlinken, wie nett 🙂

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