Straightwashing: Wenn queere Geschichte unsichtbar bleibt

Ich habe über das Problem „Straightwashing“ in historischen Medien schon einmal geschrieben, vor einem knappen Jahr. Ich finde allerdings, dass man dieses Thema nicht oft genug ansprechen kann, denn es ist eine Spielart von queerphober Gewalt, die im Genre so etabliert ist, dass sie von vielen gar nicht als solche erkannt wird. Deshalb möchte ich heute noch einmal darüber sprechen und vor allem auch nochmal genauer darauf eingehen, wo das Problem liegt und was wir als KonsumentInnen tun können, um es zu bekämpfen. Aber was ist dieses „Straightwashing“1 eigentlich? Das ist sicherlich die Frage, die sich bei einigen jetzt erstmal stellt. Das ist recht einfach erklärt. „Straightwashing“, also „hetero waschen“, bedeutet, dass queere historische Persönlichkeiten in historischen Medien in heteronormative Muster gepresst werden. Entweder wird dem Thema Queerness mehr oder minder geschickt ausgewichen, indem die Figur niemals in Situationen gelangt, in der sich die Frage ergibt, oder – und das passiert häufiger – die Person wird von vorn herein einfach als heterosexuell dargestellt. Das passiert auch sehr oft bei Adaptionen von Comics und Romanen für die Kinoleinwand und ist genauso schädlich, doch heute soll es um das Straightwashing (und auch um das Ciswashing im Fall von trans Menschen) von historischen Persönlichkeiten gehen, eine leider in den historischen Medien etablierte Praxis. WEGSCHWEIGEN & ANEIGNUNG: STRAIGHTWASHING UNTER HISTORIKERINNEN Was von vielen Menschen als eine Art Kavaliersdelikt aufgefasst wird, ist für queere KonsumentInnen von historischen Medien ein Schlag ins Gesicht. Warum, das möchte ich heute erklären und anfangen müssen wir beim akademischen Diskurs. Denn Queerness ist dort leider bis heute noch nicht richtig angekommen. Ja, es gibt das Forschungsfeld queer history, aber ganz allgemein gibt es auch an Unis noch riesige Berührungsängste mit dem Thema. In Kunstgeschichte wird während Referaten mit roten Ohren vom „homoerotischem Subtext“ gemurmelt, wenn es um die Kunstwerke queerer Renaissancemaler geht. Stefan Georges Queerness ist nur einen hastigen Nebensatz wert, wenn über ihn und die Literaturwelt der Weimarer Republik gesprochen wird. Hier fängt es an. So wird Queerness, ob bewusst oder aus Unwissen und Ignoranz, unsichtbar gemacht. Queere Kunst, queere Kultur, queere Geschichte wird unsichtbar gemacht. Und, das ist der Knackpunkt, ihr Einfluss auf den „Mainstream“ (Ich nutze dieses Wort in Ermangelung eines Besseren), wird unsichtbar gemacht. Und genau das ist Cis- und Straightwashing. Denn queere Kultur hatte immer Einfluss auf die Kunstwelt, auf Gesellschaft und Geschichte, doch wir leben in einer heteronormativen Gesellschaft, die zwar nicht unbedingt diesen Einfluss selbst unterdrückt, aber gern unter den Tisch fallen lässt, dass es sich eben um queere Kultur handelt. Eine Gesellschaft, in der queerer Subtext von Kunst und Literatur ignoriert oder mit einem Nebensatz abgespeist wird. Und daraus entsteht ein gefährliches Bild von Geschichte, in dem kein Platz für queere Menschen ist. Denn wenn jede Erwähnung der Queerness einer berühmten historischen Person abgewürgt wird, wenn wir queere Persönlichkeiten vielleicht komplett aus der Narrative der Geschichte streichen, dann kommen wir an einen Punkt, an dem Menschen denken und sagen: „Queerness? Das gab es damals aber doch noch nicht.“ Und plötzlich glaubt eine große Mehrheit, dass Kunst, Kultur, Geschichte und Politik nur von weißen, cis, hetero Menschen, meistens Männern, gemacht wurden. Und das ist gefährlich. Das ist einerseits eine unschöne Form von Revisionismus2, andererseits ist es sehr schädlich für moderne queere Menschen, die sich selbst, ihre Errungenschaften und ihre Kultur nicht in historischen Narrativen gespiegelt sehen. Denn hier entsteht plötzlich ein ungleiches Machtverhältnis: Wer hetero, cis ist, steht auf der Seite derer, die Geschichte machen dürfen, die große Entdeckungen gemacht, große Romane geschrieben, große Kunst erschaffen haben. Wer queer ist, wird auf die andere Seite gedrängt, wo das Bild vorherrscht, dass queere Menschen nichts großes geleistet haben, sondern meistens Opfer waren, verfolgt wurden, sogar getötet – denn über Verfolgung queerer Menschen wird ja ausgesprochen gern gesprochen, besonders, wenn es am Ende noch eine/n hetero, cis RetterIn gibt, die/der das Schlimmste abwendet. Dieses Geschichtsbild ist – natürlich – ein künstliches, entstanden (unter anderem) durch Straightwashing und Ciswashing, und es vermittelt ein mehr als schädliches Bild davon, wer aktiv Geschichte schreibt und wer passiv mitgezogen wird. STRAIGHTWASHING & RECHERCHE: QUEERPHOBIE IST KEIN VERSEHEN Und hier kommen historische Medien ins Spiel. Ob als historischer Roman oder als Fernsehserie im Stil von „The Tudors“, ob als historischer Epos auf der Kinoleinwand oder romantisches BBC-Kostümdrama, ob als Videospiel Marke „Assassin’s Creed“ oder als an historische Epochen angelehnte Fantasy á la „Game of Thrones“ – selbst der geschichtsuninteressierteste Mensch konsumiert irgendwie und irgendwann mal historische Medien, die unser Bild von Geschichte formen, besonders, wenn wir uns anderweitig nicht mit Geschichte auseinandersetzen. Hier passiert dann auch genau das, was passiert, wenn Queerness aus akademischen Diskursen radiert wird: Sehen wir keine queeren Menschen in historischen Medien, sehen wir historisch queere Persönlichkeiten sogar noch als hetero dargestellt, nehmen wir an, dass es in der Vergangenheit keine queeren Personen und keine queere Kultur gegeben haben kann. Das ist das größte Übel von Straight- und Ciswashing. Es generiert Rekonstruktionen von Vergangenheiten, in denen für Menschen abseits von weiß, cis, hetero kein Raum ist. Werden queere historische Persönlichkeiten hetero gewaschen, sind ihre Errungenschaften in den Augen vieler KonsumentInnen plötzlich die Errungenschaften von heterosexuellen Menschen, denn so sehen sie es ja dargestellt – da findet also eine Art Aneignung statt, die nicht stattfinden sollte, weil sie queere Menschen an den Rand oder komplett aus der Geschichte herausdrängt. Und, das ist das schlimmste, es sendet eine hässliche Botschaft: Queere Menschen können das nicht und konnten das nie. Oder: Wir mögen zwar die Leistung dieser Person, aber wir mögen ihre – und deine – Queerness nicht, deshalb machen wir die unsichtbar. Errungenschaften queerer Menschen werden heterosexuellen Menschen – ihren historischen und oft auch noch gegenwärtigen Unterdrückern – zugeschrieben. Ein Wiederholungstäter ist natürlich Hollywood, das queere historische Persönlichkeiten, sowie wichtige queere fiktive Personen seit seinen Anfängen immer wieder hetero wäscht. Sehr aggressiv macht das zum Beispiel „Troja“ von 2004, in dem Patroclus nicht nur nicht Achilles‘ romantischer Partner ist, sondern auch noch betont wird, dass sie Cousins sein sollen. Hercules ist eine weitere Sagenfigur, die bisexuell ist, aber von Hollywood immer wieder als übertrieben männlicher und durch und durch heterosexueller „Held“ dargestellt wird. Man kann es nicht oft genug sagen: Das ist keine bloße Ignoranz. Das ist auch kein Unwissen, denn die Menschen hinter diesen Filmen haben recherchiert, sie kennen ihr Material in- und auswendig. Es ist Absicht und es ist Queerphobie. Deutlich wird das am Beispiel der Serie „Da Vinci’s Demons“, in der Leonardo da Vincis Homosexualität auf eine einzige Folge reduziert wird: Leonardo steht vor Gericht und sagt aus, dass sein sexuelles Interesse an Männern nichts als Neugier sei. Das war’s. Leonardo bekommt kein männliches Love Interest in den drei Staffeln der Serie. Stattdessen gibt es immer wieder erotisch aufgeladene Szenen mit ihm und seinen nackten, weiblichen Modellen. Auch das ist Straightwashing. Leonardos Sexualität wird zwar angesprochen, aber sie wird so vage umrissen, dass man ihn trotzdem als hetero lesen kann – und soll, denn warum sonst wird seine Sexualität auf Neugier heruntergestuft? Die Creators hinter der Serie wissen, dass der historische Leonardo queer war. Vor einer sensiblen und authentischen Darstellung scheuen sie jedoch zurück. Ähnliches macht Autorin Kiersten White in ihrem Bestseller „And I Darken“. Ihr Radu III. ist schwul, so weit so gut, doch sie nimmt ihm die Beziehung zu Mehmed II. und tauscht sie durch unerfüllte Liebe aus, die Radu umtreibt und unglücklich macht, während Mehmed sich in Radus fiktive (!) Schwester verliebt und als durch und durch hetero gezeigt wird. Und ja, auch das ist Straightwashing: Die historisch queere Figur verkommt zur tragischen Figur, die historisch belegte Beziehung ist wegradiert. Genauso wie in Eleanor Hermans „Legacy of Kings“ (dt. Schattenkrone), in der Alexander der Große, eigentlich bisexuell3, heterosexuell ist. Beide AutorInnen kennen sich mit Geschichte aus. Sie haben recherchiert. Sie haben sich bewusst entschieden, queere Geschichte zu unterschlagen. Und das ist kein Kavaliersdelikt. Das ist kein „Finde ich nicht so gut, aber das Buch ist trotzdem toll“. FIKTION & AUTHENTIZITÄT: WARUM STRAIGHTWASHING NICHTS DAMIT ZU TUN HAT Ich höre jetzt schon einige von euch sagen: „Aber es ist doch nur Fiktion!“ Genau darum geht es mir mit diesem Post. Fiktion ist nicht nur Fiktion. Fiktion ist niemals nur Fiktion. Nicht einmal im Fall von „Legacy of Kings“, in dem Alexander der Große es mit übernatürlichen Mächten zu tun bekommt. Auch nicht in „And I Darken“, in dem Vlad Drăculea eine Frau ist. Nicht einmal in „Da Vinci’s Demons“, das ungefähr so historisch authentisch ist, wie das berüchtigte „Reign“, also gar nicht. Denn egal wie viele Freiheiten sich AutorInnen von historischen Medien nehmen: Wenn sie queere historische Persönlichkeiten einbeziehen, gibt es keine Ausreden für Straight- oder Ciswashing. Magie macht Alexander den Großen nicht plötzlich hetero. Ob Vlad ein Mann oder eine Frau ist, ändert nichts daran, dass Radu III. und Mehmed II. queer waren. Es geht hier nicht um irgendeinen Anspruch auf historische Authentizität. Von mir aus könnt ihr einen Roman schreiben, in dem Virginia Woolf heimlich Vampire bekämpft, fliegen kann und nebenberuflich Bierbrauerin ist. Problematisch wird es erst, wenn ihr sie als heterosexuell darstellt. Denn das Problem ist nicht nur ein Authentizitätsproblem. Es ist ein sehr viel tiefer verwurzeltes Problem unserer westlichen Gesellschaft, bei dem Queerness, queere Kultur und vor allem auch queere Geschichte unsichtbar gemacht werden, um ein heteronormatives Geschichtsbild aufrecht zu erhalten. Es existiert im Kontext von Unterdrückung und historischer Verfolgung queerer Menschen. Und deshalb ist Fiktion in diesem Falle niemals nur Fiktion. Fiktion ist immer politisch. Und das Cis- und Straightwashing einer queeren Person sendet eine sehr hässliche politische Botschaft. „Aber es ist Fiktion“, „Aber es ist doch mit Fantasy“, „Aber das soll doch keine Doku sein“ und vor allem auch “Das wusste die Autorin bestimmt nur nicht besser” sind daher nichts als uninspirierte Ausreden. Denn keiner dieser Punkte macht es notwendig, eine queere Person als heterosexuell darzustellen. Besonders nicht im Kontext von historischer Diskriminierung und von sehr moderner Aneignung der Errungenschaften queerer Personen. Und ich wünschte, KonsumentInnen von historischen Medien würden das verstehen und Cis- und Straightwashing nicht weiter als eine Art Kavaliersdelikt betrachten oder für Ignoranz halten. Es ist queerphobe Gewalt und es passiert mit Absicht. Das Unsichtbarmachen und Wegradieren von queerer Kultur und Geschichte ist Gewalt – und zwar gegen moderne queere Menschen, ausgehend von modernen Kunstschaffenden. RELEVANZ & AUSFLÜCHTE: DIE GROßE LÜGE VON DER RELEVANTEN SEXUALITÄT „Aber die Sexualität dieser Person ist doch gar nicht relevant“ ist ein weiteres beliebtes Argument. Ich hoffe wirklich, ich habe diesen Artikel bis hierher verständlich genug geschrieben, dass euch bereits klar ist, warum Straight- und Ciswashing und besonders auch die Darstellung queerer Persönlichkeiten als tatsächlich queer doch extrem relevant sind. Leider ist das Argument mit der Relevanz eines, das oft fällt, wenn die kreativen Köpfe hinter historischen Medien mit ihrem Straightwashing konfrontiert werden. David S. Goyer von „Da Vinci’s Demons“ redete sich auch damit heraus, dass Leonardos Sexualität doch für die Geschichte nicht relevant sei (während er nebenbei immer wieder Queerbaiting4 betrieb, indem er behauptete, Leonardos Queerness ernst zu nehmen und bald zu thematisieren). Leonardo-Schauspieler Tom Riley sagte, Leonardo hätte doch Wichtigeres zu tun, als sich um sowas zu kümmern (x). Und das sind Dinge, die man nie hört, wenn es um heterosexuelle Figuren geht, das merkt ihr selbst. Heteronormative Erotik ist immer relevant – beinahe jedes historische Medium arbeitet mit heterosexueller Erotik. Auch in „Da Vinci’s Demons“ werden Leonardos nackte weibliche Modelle mehr als sexualisiert dargestellt. Heterosexuelle Figuren bekommen meist ganz ohne den Anspruch der Relevanz Liebesgeschichten und Love Interests. Sie haben ihre Sexualität niemals hinter „wichtigeren“ Dingen zurückzustellen. Und, hier liegt am Ende doch der Hund begraben, es geht gar nicht wirklich um Relevanz. Es geht darum, dass Queerness unsichtbar bleiben soll. Jemand will die Geschichte einer queeren Person wie Alexander dem Großen erzählen, aber er oder sie will keine queere Geschichte erzählen. Und das ist Queerphobie. Es ist weit verbreitet in allen historischen Medien. Es muss aufhören. Denn, nein, man kann die Queerness einer historischen Person nicht von der Person und ihrer historischen Relevanz trennen und man sollte das auch nicht wollen. Queerness ist kein Schandfleck im … Straightwashing: Wenn queere Geschichte unsichtbar bleibt weiterlesen