“Undone” von Cat Clarke | Englisch

Jem Halliday is in love with her best friend. It doesn’t matter that Kai is gay, or that he’ll never look at her the way she looks at him. Jem is okay with that. But when Kai is outed online by one of their classmates, he does the unthinkable and commits suicide. Jem is left to pick up the pieces of her broken life. Before he died, Kai left her twelve letters—one for each month of the year—and those letters are all Jem has left. That, and revenge. Although Kai’s letters beg her not to investigate what happened, Jem can’t let it go. She needs to know who did this, and she’ll stop at nothing to find the person responsible for Kai’s death. One way or another, someone is going down. Someone is going to pay.

MEINE GEDANKEN
(CW: Homophobie, Suizid, sexueller Missbrauch)

What the fuck did I just read? Naja, “just” ist vielleicht nicht die richtige Bezeichnung, denn ich habe dieses Buch im Mai gelesen. Ich habe sehr lang gebraucht, um zu verarbeiten, was ich da gelesen habe und vor allem, dass es von meiner Lieblingsautorin Cat Clarke kommt. Ihre neueren Romane “Falsche Schwestern” und “We Are Young” haben mir schließlich sehr gut gefallen, aber “Undone” ist ein hot mess, wie es im Buche steht und bis ich meine Gedanken zu diesem Machwerk geordnet hatte, hat es ein wenig gedauert. Aber ehrlich, what the hell, Cat Clarke. Drüber hinweg bin ich noch nicht. Und, falls in den nächsten zwei Monaten nicht noch irgendwas Unvorhergesehenes passiert, kann ich wohl sagen, dass “Undone” die Enttäuschung von 2018 für mich war.

Das Konzept hat mich bereits stutzen lassen, denn es geht schließlich um den Selbstmord eines queeren Jungen. Wie ihr wisst, finde ich positive Geschichten für queere Jugendliche sinnvoller, einfach, weil es davon nicht viele gibt und sie sie in unserer queerphoben Gesellschaft gebrauchen können. Ich habe aber gedacht: “Yo, Kat, es ist Cat Clarke, sie wird schon sensibel mit dem Thema umgehen”. Ja, Pustekuchen. Erhofft habe ich mir einen Roman, der sensibel mit den Themen psychische Gesundheit, Mobbing und LGBTQ umgeht, der trotz des schweren Themas positive Botschaften für queere Jugendliche bereithält. Ihr wisst schon, das übliche: Es wird besser, das Mobbing wird aufhören, du kannst glücklich werden… Aber nichts da. In der Welt von “Undone” kann es nicht besser werden. In der Welt von “Undone” ist Suizid ein legitimer Ausweg. Und das ist extrem gefährlich.

DIE EGOZENTRISCHE HELDIN & IHRE GRÄUELTATEN

Mein größtes Problem mit dem Roman war jedoch Jem, die sechzehnjährige Ich-Erzählerin. Jem ist furchtbar. Durch und durch furchtbar. Sie ist engstirnig, bitter, gemein und selbstsüchtig. Der Klappenext behauptet, Jem sei okay damit, dass Kay schwul ist und sie nie zurücklieben wird, aber das stimmt so nicht. Jem hofft bis zu Kays Tod, dass er sie irgendwann richtig ansehen und lieben wird und ich wollte schreien. Jem hat für ihren besten Freund Kay genau genommen überhaupt keinen Respekt übrig. Nicht für seine Sexualität, nicht für seine Wünsche, nicht für seine Identität. Für sie ist Kay der ewige Sonnenschein und, als er das plötzlich nicht mehr ist und sich das Leben nimmt, geht es Jem gar nicht wirklich um Kay, als sie Rache schwört. Es geht ihr um sich selbst. Sie will seine homophoben Mobber nicht stoppen, weil sie homophobe Mobber sind, sondern, weil sie ihr Kay weggenommen haben.

Das ist wild genug, aber dazu kommt, dass Jem selbst extrem homophob ist. Unterschwelliger, als die Mitschüler, die Kay über das Internet geoutet haben, aber trotzdem. Allein, dass sie seine Homosexualität nicht akzeptieren kann und sich weiterhin Hoffnungen macht, ist da wohl Indiz genug, denn es zeugt davon, dass sie Kays Sexualität nicht ernst nimmt. Es kommt aber noch besser. Achtung, milder Spoiler: Als Teil ihrer Rache verbreitet Jem das Gerücht, dass ein Junge, den sie für den Mobber hält, schwul ist. Sie möchte, dass er ebenfalls dafür gemobbt wird. Mir sind beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen, als ich das gelesen habe. Okay, Jem, ehrlich? Dein bester Freund bringt sich um, weil es homophobe Idioten auf dieser Welt gibt und als Teil deiner Rache… gibst du den homophoben Idioten neues Futter? Geht’s eigentlich noch? Sowas Unreflektiertes habe ich wirklich selten gelesen.

Als wäre das nicht genug, ist Jem auch ganz groß darin andere Mädchen, die nicht so sind wie sie, zu verurteilen. Mädchen, die sich für Make-Up interessieren und Sex haben, sind in Jems Augen Schlampen und sie will nichts mit ihnen zu tun haben. Natürlich springt sie selbst bei der erstbesten Gelegenheit mit dem Jungen, in den sie verliebt ist, in die Kiste, weil das ist ja was anderes. Generell ist es immer was anderes, wenn Jem die Dinge tut, für die sie andere Mädchen verurteilt, ist klar. Im Verlauf der Geschichte behauptet Jem außerdem, vergewaltigt worden zu sein, um sich an einem Jungen zu rächen, weil wir ja noch mehr Geschichten brauchten, in denen Frauen falsche Anschuldigungen gegen Männer machen. Das Schlimmste ist, das nichts davon wirklich reflektiert wird. Jem sieht sich eigentlich bis zum Ende im Recht und bereut höchstens mal, dass ihre Rache eine falsche Person getroffen hat, nicht, dass sie Homophobie und Misogynie als Waffe gegen andere nutzt und somit am Ende nicht besser ist, als die Mobber.

Wäre Jem als Antiheldin angelegt gewesen, hätte sie funktionieren können. Hätte Clarke klar gemacht, dass ich Jem nicht mögen soll, dass das, was sie tut falsch ist und warum, hätte das “Undone” in eine ganz neue Richtung geschoben. Im Ansatz ist das auch da, aber es ist nicht zu Ende gedacht. Und dann versucht Cat Clarke Jems Taten auch noch zu relativieren, als wäre ihr mittendrin aufgefallen, wie unsympathisch Jem ist. Anstatt das zu nehmen und damit zu arbeiten, versucht sie Entschuldigungen zu finden, damit man Jem doch noch mag, aber da war es einfach schon viel zu spät. Hätte sie sich gedacht: “Gut, Jem ist so durch und durch hassenswert, das machen wir jetzt so” und reflektiert, warum, wäre das vielleicht sogar geil gewesen. Aber ich soll Jem mögen und ihr verzeihen und how about no?

FATALISTISCHE WELTSICHT & WARUM DAS IM JUGENDBUCH SO NICHT GEHT

Generell kam mir die Welt von “Undone” sehr realitätsfremd vor. Ja, leider ist die Selbstmordrate bei queeren Jugendlichen sehr hoch, besonders bei trans Jugendlichen. Darüber muss unbedingt mehr gesprochen werden. Aber eben auch über die Gründe: So wie unsere queerphobe Gesellschaft, die es queeren Menschen schwer machen kann, daran zu glauben, dass sie glücklich werden können. Im Kern hat Cat Clarke ja auch genau das in den Fokus gerückt: Als er geoutet und daraufhin gemobbt wird, glaubt Kay, dass er keine Chance hat, jemals glücklich zu sein. Das führt zu seinem Selbstmord. Aber es wirkt irgendwie so… konstruiert. So vereinfacht. Kay ist schließlich eigentlich schon lange out. Er hat eine Familie, die ihn liebt und akzeptiert und er hat Jem, die zwar furchtbar ist, aber ihn vergöttert und immer zu ihm hält. Er hat nur noch ein Jahr Schule vor sich und schmiedet Pläne, mit Jem nach London zu ziehen. Er hat also wirklich Perspektiven.

Und anstatt zu sagen: “Schaut mal, was Kay alles hatte, was ihm hätte helfen können” und damit auch ihren LeserInnen Optionen aufzuzeigen – anstatt vielleicht auch zu behandeln, dass Kay depressiv war und deshalb das Positive in seinem Leben nicht mehr sehen konnte (das wird übrigens gar nicht behandelt), sagt Cat Clarke eigentlich: “Ein unfreiwilliges Outing ist so schlimm, dass er sich umbringt” und das war’s. Ja, ein unfreiwilliges Outing ist schlimm. Extrem schlimm. Genauso wie Mobbing. Aber man kann es überleben. Man kann zu heilen beginnen. Nicht aber in “Undone” und das nehme ich dem Roman so übel. In “Undone” gibt es keinen Ausweg, alles ist schlecht, nichts ist etwas wert und es wird nie besser werden. Und diese fatalistische Weltsicht ist es, die “Undone” in meinen Augen – besonders als Jugendbuch – so gefährlich und problematisch macht.

Dazu kommt, dass ich mich einfach frage, wieso Kay nicht mit Jem geredet hat, wenn sie doch so gute Freunde waren. Wieso er sich seinen Eltern nicht anvertraut hat, obwohl sie ihn akzeptiert haben und immer für ihn da waren. Warum er anscheinend kein Supportnetzwerk hatte, obwohl Cat Clarke uns immer wieder daran erinnert, dass er eins hätte haben müssen. Das hat mich interessiert, wurde aber gar nicht behandelt. Es wirkt einfach alles so vereinfacht. Kay bringt sich um, weil er das für Cat Clarkes Plot tun muss, aber sie macht sich nicht die Mühe, den LeserInnen verstehen zu helfen, wieso er keinen anderen Ausweg gesehen hat. Und das ist der Knackpunkt: In einem Buch, das mit dem Selbstmord eines queeren Jungen beginnt, sollte dieser Junge im Mittelpunkt stehen. Es sollte sensibel behandelt werden, was hier passiert ist, wieso und wie es hätte verhindert werden können. Stattdessen wird Kay an den Rand gedrängt, man erfährt eigentlich gar nichts über ihn.

EINMAL AM BUFFET DER PROBLEMATIKEN ZUGEGRIFFEN

Darüber hinaus nimmt Clarke einfach noch so viele andere problematische Dinge mit. Jem klebt an Kay wie eine Klette, behauptet, dass sie niemand anderen braucht und will. Als Kay sich das Leben nimmt, ist für Jem sofort klar, dass sie sich jetzt auch umbringen wird, denn ein Leben ohne ihn ist nichts wert. Das wird nicht als toxische Co-Abhängigkeit erkannt, sondern als tiefe Freundschaft abgefeiert. Das ist sowas von ungesund. Selbst, als Jem beginnt neue Freunde zu finden und sich zu ändern, als ich wirklich dachte: “Jetzt kommt’s, jetzt sieht sie, wie falsch sie lag”, macht das Buch nochmal eine 180-Grad-Drehung und Jem landet wieder am Anfang und Cat Clarke besitzt die Frechheit das als eine “Man muss man selbst sein!”-Botschaft zu verpacken. Excuse you, aber wenn man misogyn, homophob, bitter, feindselig und selbstsüchtig ist wie Jem, dann… ist es okay, wenn man sich ändert? Dann sollte man an sich arbeiten? Das wäre eine gute Botschaft gewesen?

Stattdessen geht Jems Abwärtsspirale immer nur weiter… abwärts halt, und ich habe einfach bis zur letzten von 500 extrem langen Seiten gehofft, dass sie zu sich kommt. Dass sie sieht, wie ihre Rachegelüste sie selbst und andere kaputt machen, dass sie Frieden macht mit Kays Tod und erkennt, was wirklich dahinter steckte, aber das passiert einfach nicht. Und am Ende hatte “Undone” so viele gute Ansätze, die ungenutzt blieben. Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl hätte dieses Buch systematische Misogynie, Slut-Shaming, Homophobie, Mobbing und noch viele weitere Themen tacklen und für junge LeserInnen aufschlüsseln können. “Undone” will ein Buch gegen LGBTQ-Mobbing sein, aber es scheitert so unglaublich darin, weil alles nur halb durchdacht wirkt. Weil Cat Clarke gar nicht wirklich darauf eingeht, weshalb Kay so verzweifelt war. Weil sich alles um Jem dreht, und wie sehr sein Tod Jem wehtut und wie sehr Jem sich rächen will, anstatt darum, wieso Kay keinen anderen Ausweg gesehen hat und was hätte sein können, wenn er einen gesehen hätte.

Und deshalb ist “Undone” meine größte Enttäuschung des Jahres 2018, gerade weil die Ansätze da sind. Mit etwas mehr Reflexion, Fingerspitzengefühl und vor allem Komplexität, hätte “Undone” das bitterböse und clevere Jugendbuch sein können, das es sein möchte. Stattdessen ist es tragisch nur um der Tragik willen. Es hat eine sehr fatalistische Weltsicht, in der alles nur noch schlimmer werden kann, niemals besser, und in der Mobber und homophobe Menschen mit ihren Taten davonkommen, während queere Jugendliche sterben. Und das ist nicht die Art Jugendbuch, die ich in den Händen von queeren Jugendlichen sehen möchte, die vielleicht selbst ähnliche Probleme haben wie Kay und positive Botschaften brauchen, keine Romane, in denen Suizid schon beinahe romantisiert wird. Ja, man muss auch über ernste Themen schreiben. Es muss nicht immer alles Friede, Freude, Sonnenschein sein, auch nicht in der queeren YA. Aber Bücher wie “Undone” sind einfach unverantwortlich, wenn am Ende hängenbleibt, dass es nie besser werden wird und der Sprung von der Brücke die einzige Erlösung ist.

Der einzige Lichtblick? “Undone” ist von 2012. In den letzten sechs Jahren ging ein großer Ruck durch die Jugendbuchwelt und positive Repräsentation ist endlich in der YA angekommen. 2012 war “Undone” eins der wenigen Bücher, die überhaupt queere Figuren hatten und das allein macht mich traurig, aber es ist jetzt anders. Und auch Cat Clarke ist jetzt anders. Sie hat mit “We Are Young” bewiesen, dass sie positive Repräsentation für queere Jugendliche schreiben kann, ohne deren Probleme zu ignorieren, dass sie auch Themen wie Suizid und psychische Probleme sensibel behandeln kann. Lest “We Are Young” und lasst “Undone” aus. Wirklich. Am Ende hat “Undone” mich aufs negativste aufgewühlt und beschäftigt, aber ein Gutes hat das Ganze: Wir sind jetzt, sechs Jahre später, viel weiter und Bücher wie “Undone” werden in der YA-Welt seltener und seltener. Und das ist doch was Schönes.


BIBLIOGRAPHIE

Undone | Quercus, 2012 | 9781780870458 | 502 Seiten | Englisch

About

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.