“The Promise: Der goldene Hof” von Richelle Mead

Der Goldene Hof verspricht auserwählten Mädchen ein völlig neues Leben. Nicht nur, dass sie lernen, sich in vornehmen Kreisen zu bewegen, sie werden auch auf eine glamouröse Zukunft im aufstrebenden Nachbarland Adoria vorbereitet. Die junge Adelige Elizabeth scheint bereits ein solches Leben zu führen. Doch nach dem Tod ihrer Eltern fühlt sie sich wie in einem Gefängnis, aus dem sie nur noch fliehen will. Als Elizabeth dann den charmanten Cedric Thorn vom Goldenen Hof kennenlernt, weckt er einen waghalsigen Plan in ihr: Sie muss es irgendwie nach Adoria schaffen. Und kurze Zeit später tritt sie unter falschem Namen die Ausbildung am Goldenen Hof an…


MEINE GEDANKEN
(Roman nach ca. 50% abgebrochen)

“Der goldene Hof” war zumindest handwerklich nicht das schlechteste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe. Es war aber wohl das dümmste. Ich habe mir hier fluffige Fantasy im Stil von “Selection” erhofft, nicht mal eine komplexe Handlung sondern einfach ein bisschen Glitzer, Intrige und kurzweilige Unterhaltung. Stattdessen bekommt man von “Der goldene Hof” eine völlig unkreative Fantasywelt, platte Figuren und eine völlig unreflektierte Darstellung von Kolonialismus. Punkt eins und zwei sind enttäuschend, der dritte Punkt macht mich wütend. Aber von vorn. Wir erfahren gleich zu Beginn, dass Elizabeth gut heiraten muss, weil ihre adelige Familie ihr gesamtes Vermögen verloren hat. Deshalb ist sie auf der Suche nach einem passenden Kandidaten und ihre Großmutter hat ihr letztes Geld in eine modische Garderobe für Elizabeth gesteckt, um auf Bällen reiche Männer anzulocken. Soweit kam ich mit. Dann waren die ersten Seiten aber vorbei und ich hatte nur noch Fragezeichen über dem Kopf.

Denn anscheinend hat die Familie bereits eins ihrer Anwesen verkauft, aber Elizabeth besitzt immer noch einen Haufen wertvolle Schmuckstücke. Ja, man kann natürlich argumentieren, dass sie die auch braucht, um den Schein aufrecht zu erhalten, aber dann schenkt sie ein Perlenarmband einfach so einem Straßenkind? Da habe ich mir zum ersten Mal gedacht: “Ist die dumm?” Es war nicht das letzte Mal. Elizabeth ist einfach dieses typische verwöhnte Mädchen, das zwar irgendwie begriffen hat, dass das Geld jetzt weg ist, aber weiterhin so leben will, wie vorher. Ein Perlenarmband? Schenkt man natürlich einem Kind, damit es einen drei Straßen weiter zu einer Kirche bringt, die man auch noch selbst gefunden hätte, wenn man nicht Elizabeth wäre. Der steinreiche Cousin, der einen heiraten will und die Lösung aller Probleme ist, ist natürlich nicht gut genug, weil der ist hässlich und isst ständig Gerstenprodukte, das könnte Elizabeth niemals aushalten, niemals!

Okay, ich hätte das vielleicht sogar noch verstanden, wenn Elizabeth nicht von vorn herein gesagt hätte, dass sie nicht aus Liebe heiraten will. Ja, was denn nun? Und ja, dann beginnt der eigentliche Plot, denn anstatt den mittelmäßigen Cousin zu heiraten, tut Elizabeth so, als sei sie die arme Magd Adelaide und lässt sich nach Adoria verschiffen, wo sie lernt, die perfekte Braut für andere mittelmäßige Männer zu werden. Einen Moment mal, denkt ihr jetzt vielleicht, denn ich habe das auch gedacht. Nochmal ganz langsam: Anstatt den Cousin zu nehmen, den sie wenigstens kennt und der ganz nett ist, lässt sie sich als arme Dienstmagd an einen Höchstbietenden verkaufen. Sie wird also trotzdem nicht aus Liebe heiraten und ihr Titel ist obendrauf auch noch weg. Sie springt vom Regen mit Anlauf und kopfüber in die Traufe. Bin ich die einzige, die findet, dass hier überhaupt nichts Sinn macht, bevor die Geschichte überhaupt richtig begonnen hat? Das ergibt doch einfach überhaupt keinen Sinn!?

EIN HISTORISCHER ROMAN HÄTTE RECHERCHE BEDEUTET!

Ich kann aber nicht abstreiten, dass der Roman trotzdem ein sehr hohes Suchtpotential hat. Vielleicht gerade, weil er so dümmelt, ich konnte einfach nicht aufhören, zu lesen, bis es mir zu blöd wurde. Wäre das Buch eben einfach nur dumm gewesen, geschenkt, ich hätte es vielleicht sogar dafür gefeiert, dass es mit sehr wenig Aufwand so gut unterhält. Das hat “Selection” auch getan. Leider ist “Der goldene Hof” aber nicht einfach nur dumm. Und das merkt man vor allem am Weltenbau, der so gut wie nicht existent ist. “Der goldene Hof” ist eins von diesen Büchern, die eigentlich ein historischer Roman sein wollen, aber das hätte ja bedeutet, dass die Autorin hätte recherchieren müssen. Dementsprechend flach ist der Weltenbau. Eigentlich ist das einfach unsere Welt um 1700, nur die Länder heißen halt anders. Ich übertreibe hier gerade nicht. Es ist, als hätte jemand versucht eine blaue Wand weiß zu streichen, doch durch die neue Farbschicht sieht man noch ganz genau, dass die Wand mal blau war.

Elizabeth ist die Nachfahrin eines mächtigen Herrschers namens Osfrid, der vor Jahrtausenden über den Kanal vom Kontinent kam und die Insel erobert hat. Klingelt es schon? Ungefähr so, wie William der Eroberer 1066 Großbritannien erobert hat, als er vom Kontinent über den Ärmelkanal kam? Cool, cool. Dann gibt es noch Adoria, die neue Welt, die gerade von dem Land, aus dem Elizabeth kommt, erobert wird. Also ja, das ist dann wohl Amerika. Und hier wird es hässlich, denn es gibt Ureinwohner in Adoria. Und diesen wird von den Eroberern Land zugewiesen, auf dem sie leben dürfen. Sie werden auch noch als “unzivilisierte Wilde” beschimpft, als wären die Parallelen noch nicht deutlich genug. (Die Fixierung auf Wilde vs. Zivilisation hat mich eh sehr gestört. Auch Osfrid hat die Insel angeblich den bösen Wilden abgerungen.) Das wird alles nicht einmal kritisch behandelt, die “gefährlichen, wilden” Icori werden eher noch als Gefahr hergenommen, die Elizabeth in Adoria bedroht. Das hier ist Kolonialismus in Reinform, der nicht nur nicht kritisiert wird, sondern von Elizabeth auch als gut und richtig wahrgenommen. Ich glaube, es hackt?

“Der goldene Hof” will halt eigentlich ein historischer Roman sein. Über die “Eroberung” der neuen Welt und vor allem darüber, wie arme, junge Frauen in die neue Welt geschickt wurden, um die Frauen von den neuen Landbesitzern zu werden und die Kolonie zu bevölkern. Genau das passiert hier ja auch, nur, dass es hier am goldenen Hof eben eine Art Ausbildungsprogramm gibt, was die Frau von so einem Mann alles wissen und können muss. Aber darüber hinaus, schreit einfach jede Seite, dass Richelle Mead einfach keinen Bock gehabt zu haben scheint, die historische Epoche zu recherchieren und deshalb auf den Fantasyzug aufgesprungen ist. Auch das aber eben eher unterdurchschnittlich bei diesem kaum vorhandenen Weltenbau. Nicht jeder Fantasyroman muss magische Elemente haben, aber eine ausgeklügelte Welt erwarte ich. Die gibt es hier aber nicht und das war dann nicht mehr unterhaltsam dumm, sondern ärgerlich und durch die Thematik mit den Icori auch noch sehr problematisch.

EIN FEST AN PRIVILEGIEN & SEXISMUS

Als wäre es nicht schlimm genug, dass die HeldInnen alle weiße, privilegierte Xenophobe sind, die Kolonialismus glorifizieren und nichts Falsches daran finden, die Icori von ihrem Land zu vertreiben, geht es gut weiter. Die Icori sind zumindest nicht als PoC gekennzeichnet, dafür aber als schottische Highland-Clans, was in Anbetracht der Geschichte von Unterdrückung und Vertreibung der Clans durch England auch mehr als zweifelhaft ist, aber was wundere ich mich bei diesem Buch eigentlich noch. Die einzigen PoC, die es in Osfrid gibt, sind dann übrigens auch extrem arm und leben in einem eigenen Viertel der Stadt Osfro, wo sie angeblich nur stehlen und betteln. Anstatt PoC einfach als ebenbürtigen Teil der Gesellschaft in Osfros demografisches Bild einzufügen, erklärt Richelle Mead uns lang und breit, dass sie als Flüchtlinge gekommen sind. Die jetzt klauen und betteln. Okay, okay, cool. Alles, was ich bisher genannt habe, passiert vor der 15%-Marke und ich frage mich einfach wirklich, wer das im Jahr 2016 so durchgewunken hat, wer sich gedacht hat, dass dieses Buch, in dem weiße Privilegierte ihre Privilegien, ihre Xenophobie und ihren Kolonialismus feiern, auf den Jugendbuchmarkt gehört.

Als Elizabeth Cedric kennenlernt und er seine xenophoben Ansichten zu den ach so wilden, gefährlichen Icori teilt, denkt Elizabeth nicht darüber nach, wie unmenschlich es ist, die Icori von ihrem Land zu vertreiben. Sie denkt eigentlich nur daran, wie schön Cedric ist. Auch im weiteren Verlauf, selbst als sie ihren Titel aufgibt, bleibt sie die privilegierte junge Dame, die hinter den Mauern des goldenen Hofs in schönen Kleidern, Schmuck und Luxus schwelgt, während in der Kolonie Adoria vertrieben und ermordet wird. Für Elizabeth zählt nur die Mode, das Geld und eine gute Heirat – obwohl die Liebesgeschichte mit Cedric von Anfang an abzusehen ist. Wer hier politische Botschaften erwartet, wird enttäuscht werden, denn der extrem brisante Hintergrund, der ja eben auch an echte historische Diskriminierung und Verfolgung angelehnt ist, ist nichts als Beiwerk für das, was am goldenen Hof passiert. Und so sehr Richelle Mead versucht und weißzumachen, dass dieses “Prinzessin spielen” und im Stil von Eliza Doolittle zur Gesellschaftsdame ausgebildet werden eine große Chance für diese Mädchen ist, am Ende ist das hier eine extrem misogyne Gesellschaft und auch darüber wird kaum gesprochen.

Denn diese Mädchen haben keine Wahl. Sicher, sie können sich nach der Ausbildung, in die viele von ihnen gezwungen werden, entscheiden nicht nach Adoria zu reisen. Aber diese Entscheidung ist eine reine Charade, denn erstens müssen sie dann ihr Ausbildungsgeld im Arbeitshaus abarbeiten und zweitens… natürlich ist es für bitterarme Mädchen besser reich zu heiraten und ein Leben im Luxus zu leben. Es ist aber immer noch ein Gefängnis, wenn man nur die Wahl hat, bitterarm zu bleiben oder sich an einen Mann verkaufen zu lassen, denn ja, die Männer in Adoria zahlen Geld für die Mädchen. Wie verdammte Haustiere bei der Hundeschau steigt der Preis für eine Braut, wenn sie sich als besonders schön, gut erzogen und ins gesellschaftliche Idealbild passend erweist. Hier werden also kleine, liebe Bräute nach sexistischem Idealbild der milden, fürsorglichen Frau, die vor allem keine eigene Meinung hat, fabriziert, die sich Männer dann kaufen können. Das wird kaum kritisiert. Es wird als große Ehre dargestellt. Und so etwas abartig Misogynes hat selbst das echte viktorianische Zeitalter nicht hervorgebracht. Richelle Mead aber schafft das in einem modernen Jugendbuch.

VERANTWORTUNGSLOS IST NOCH UNTERTRIEBEN

“Der goldene Hof” präsentiert sich als glitzernde Romanze, die Träume von Luxus, schillernden Bällen, ewiger Liebe und schönen Kleidern verspricht. Das wollte ich auch lesen. Nichts davon interessiert mich im realen Leben besonders, aber ich mag es in meinen Büchern hin und wieder. Aber im Kern ist “Der goldene Hof” nichts als eine 600 Seiten lange Privilegienparty, die nie endet und in der Xenophobie, Rassismus und Misogynie ein Teil der Gesellschaft sind, der auch nicht kritisiert, sondern beinahe noch romantisiert wird. Die bösen, wilden Icori, die man vertreiben muss, weil man selbst ist ja zivilisiert und die nicht und deshalb ist man besser. Die Sirminikaner sind Flüchtlinge, die klauen und betteln und die einzigen erwähnten PoC im Buch. Der xenophobe Kolonialherr ist nicht der Antagonist, sondern der Love Interest. Mädchen in Rollenbilder zu stopfen und zu verkaufen ist nicht sexistisch, sondern so eine tolle Chance und hey, will nicht jedes Mädchen Prinzessin sein? Alter…

Von Richelle Mead, der Autorin der “Vampire Academy”-Bücher habe ich eine Geschichte mit taffer Heldin erwartet, die soziale Missstände ankreidet… und sie nicht romantisiert, weil sie so viele Privilegien hat, dass sie gar nicht mehr sehen kann, wie gut es ihr eigentlich geht. Ich habe vor allem keinen Jugendroman erwartet, der Kolonialismus als etwas Gutes darstellt, heteronormative Muster romantisiert und echte Geschichte von Unterdrückung so verantwortungslos aus der Sicht der Unterdrücker schildert. Ich bin geschockt. Über dieses Buch, aber auch darüber, dass es einen Hype darum gab, dass es so viele LeserInnen gibt, die dieses Buch richtig toll finden. Die Problematiken sind hier nicht einmal versteckt, sie sind offensichtlich und so viele LeserInnen sehen sie trotzdem nicht. Deshalb habe ich das Buch nach der knappen Hälfte abgebrochen. Ich habe das nicht mehr ausgehalten und das Buch hat mich einfach runtergezogen, weil es mich daran erinnert hat, wie problematisch und wenig aufgeklärt der Jugendbuchmarkt und ein Großteil seiner LeserInnen leider noch sind.


WEITERE MEINUNGEN:

Rose auf Goodreads | 0.5/5

Ally auf Goodreads | 2/5


BIBLIOGRAPHIE

Der goldene Hof | The Promise #1 | Lübbe One, 2017 | 978-3-8466-0050-4 | 587 Seiten | Deutsch | Übersetzerin: Susann Friedrich | Amerikanische OA: The Glittering Court, 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.