“Elfenkrone” von Holly Black

19. November 2018Katriona

“Natürlich möchte ich wie sie sein. Sie sind unsterblich. Cardan ist der Schönste von allen. Und ich hasse ihn mehr als den Rest. Ich hasse ihn so sehr, dass ich manchmal kaum Luft bekomme, wenn ich ihn ansehe…” Jude ist sieben, als ihre Eltern ermordet werden und sie gemeinsam mit ihren Schwestern an den Hof des Elfenkönigs verschleppt wird. Zehn Jahre später hat Jude nur ein Ziel vor Augen: dazuzugehören, um jeden Preis. Doch die meisten Elfen verachten Sterbliche wie sie. Ihr erbittertster Widersacher: Prinz Cardan, der jüngste und unberechenbarste Sohn des Elfenkönigs. Doch gerade ihm muss Jude die Stirn bieten, wenn sie am Hof überleben will…


MEINE GEDANKEN

Ich war sehr zwiegespalten, als “Elfenkrone” angekündigt wurde. Einerseits liebe ich Feengeschichten und ich liebe auch Holly Black. Ihre “Curseworkers”-Reihe gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Andererseits hat mir ihr letzter Feenroman “Der Prinz der Elfen” überhaupt nicht gefallen und “Elfenkrone” ist zwar keine Fortsetzung zu “Der Prinz der Elfen”, es spielt aber in derselben Welt.

Sagen wir es so, ich war vorsichtig und bin zweifelnd an diesen Roman herangegangen. Dass er mich am Ende so begeistern konnte, hätte ich wirklich nicht gedacht, aber hier sind wir jetzt und ich bin auch ein Stück weit erleichtert, die alte Holly Black wiederzuhaben, die düstere, dichte Romane über echte Feen schreibt: Grausame, hinterlistige Feen. Ein bisschen liest sich “Elfenkrone” wie das Buch, das “Der Prinz der Elfen” gern sein wollte und ich bin jetzt einfach froh, dass diese Welt nochmal eine Chance bekommen hat.

Eins muss ich aber anmerken, bevor wir richtig anfangen: Ich mag es nicht, dass deutsche Verlage “fairy” immer und immer wieder mit Elfe übersetzen. Feen und Elfen sind nicht dasselbe, das ist kein Synonym. Elfen sind skandinavische Naturgeister, Feen sind keltische Fabelwesen. Und Holly Black schreibt über Feen. Seit “Tithe” Anfang der 2000er als “Elfentochter” übersetzt wurde, zieht sich das aber durch, dass aus Blacks Feen im Deutschen immer wieder Elfen werden.

Klar ist das eine Kleinigkeit, aber es ist vor allem ein Übersetzungsfehler, weil Feen und Elfen zwei verschiedene Fabelwesen aus unterschiedlichen Kulturkreisen sind. Es gibt Überschneidungen, aber am Ende ist es einfach nicht dasselbe und es sorgt dafür, dass auf dem deutschen Buchmarkt immer wieder Elfen auftauchen, die eigentlich Feen sein sollten, siehe auch Michelle Harrisons “Elfenseele”-Bücher oder Aprilynne Pykes “Wings”-Reihe. Können wir damit mal aufhören? Thanks for coming to my TED talk…

EINE ANTIHELDIN AM FEENHOF

Jetzt aber zurück zu “Elfenkrone”, dem Buch, das mir so viel mehr gegeben hat, als ich erwartet hätte. Kurz gesagt: Wer Romane über richtige Feen mag, die hinterlistig, grausam und unheimlich sein dürfen, der sollte dieser Reihe eine Chance geben. “Elfenkrone” ist an sich ein klassischer High-Fantasy-Roman, denn er spielt zu 90% in Elfhame, dem Land der Feen. Vorn im Buch gibt es eine schöne Karte, wie sich das gehört, und auch vom Plot her ist das hier High Fantasy in Reinform, denn es ist die Geschichte der siebzehnjährigen Jude, die als Kind an den Hof des Feenkönigs Eldred entführt wurde und jeden Tag kämpfen muss, um dort zu überleben.

Die Welt, aus der Jude und ihre Schwestern Taryn und Vivi stammen, ist aber unsere und sie existiert neben der Feenwelt. Die Schwestern machen hin und wieder kurze Abstecher in unsere Welt, was einen scharfen Kontrast zur Feenwelt herstellt und mir genau deshalb sehr gut gefallen hat.

Darüber hinaus ist Elfhame, obwohl es nur so halb eine Fantasywelt ist, besser geplottet und ausgeschmückt als die Welten in vielen anderen YA-Fantasy-Romanen, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Ich liebe, liebe, liebe Holly Blacks Schreibstil, der diesen Hof, der an Schönheit und Grausamkeit nicht zu überbieten ist, erst richtig wirken lässt. Black findet immer die richtigen Worte, um ihren LeserInnen zu verdeutlichen, wie schillernd und luxuriös, aber eben auch brutal und merkwürdig das Leben in dieser Welt ist, besonders für Menschen.

Ich habe diesen Roman allein für die sparsam, aber treffsicher eingesetzten Beschreibungen von Kleidung, Schmuck und sogar Essen geliebt, weil ich das Gefühl hatte, den Feenhof tatsächlich vor mir sehen zu können. Die Welt und vor allem auch die Feen und ihre Magie sind komplex und rund, was aber auch kein Wunder ist, denn Holly Black ist unter den US-AutorInnen wirklich die Königin des Feenromans – Sie schreibt seit rund zwanzig Jahren über Feen und sie weiß, was sie macht.

Darüber hinaus vereint “Elfenkrone” noch einige andere Dinge, die ich in High Fantasy liebe, denn genau genommen ist es die Geschichte einer jungen Frau, die kein Spielball sein will, sondern selbst Macht erlangen möchte, egal um welchen Preis. Jude ist ein Mensch und hat allein deshalb einen schweren Stand am Feenhof. Sie wird von einigen Feen, zum Beispiel von Prinz Cardan und seinen Freunden, nicht einmal als gleichwertiges Lebewesen angesehen.

Alles, was Jude am Anfang möchte, ist sich zu beweisen und als Ritterin in die Garde des Königs aufgenommen werden. Als sie jedoch einsehen muss, dass ihr das nicht gelingen wird, beginnt eine extrem interessante Charakterentwicklung, denn Jude beschließt, wenn sie den Feen nicht ebenbürtig werden kann, dann wird sie besser – und vor allem grausamer – werden als sie und sich so Respekt einfordern.

Ich liebe Jude. Jude ist eine extrem gut geschriebene Antiheldin, die eine Menge verwerfliche Dinge tut, die lernt gekonnt zu lügen, Intrigen zu spinnen und sogar zu töten, und obwohl ich oft nicht gut fand, wie sie gehandelt hat, konnte ich sie immer verstehen. Ich fand vor allem Judes Verrohung am Feenhof sehr authentisch geschildert. Sie hat als kleines Kind gesehen, wie ihre Eltern ermordet wurden, wurde in die Feenwelt verschleppt und musste abstumpfen, um zu überleben.

Zu Beginn des Romans wird aus purer Abwehrhaltung der Wunsch sich zu beweisen und es ist mir nicht schwer gefallen, Jude anzufeuern und mir zu wünschen, dass ihr das gelingt, obwohl ich gleichzeitig gehofft habe, dass sie es sein lässt, bevor etwas Furchtbares passiert. Und natürlich passiert etwas Furchtbares. Das ist etwas, das ich an Holly Black sehr liebe und das auch hier toll umgesetzt ist: Sie schreckt nicht davor zurück, zu zeigen, dass Handlungen Konsequenzen haben und, dass Gewalt kein Spiel ist. YA ist da oft sehr lasch, doch “Elfenkrone” ist intensiv, spannend und nimmt mit, gerade weil alles passieren könnte, niemand ist sicher.

DER GRAUSAME PRINZ & DIE UNNÖTIGEN GEFÜHLE

Ich würde für dieses düsterbunte, blutige, dicht erzählte Buch gern eine volle Empfehlung aussprechen, doch leider hatte ich so meine Probleme mit Cardan. Cardan ist Judes Gegenspieler, ein Feenprinz, wie er grausamer und arroganter nicht sein könnte. Direkt am Anfang zerreißt er die Flügel einer Fee, nur, weil diese sich nicht vor ihm verbeugt. Er mobbt Jude und ihre Zwillingsschwester Taryn, nennt sie Würmer und Dreck, weil sie Menschen sind.

Cardan ist eine sehr spannende Figur und vor allem ist er ein grandioser Antagonist. Er gibt der englischen Ausgabe, The Cruel Prince, nicht umsonst ihren Titel. Ich hätte mir nur gewünscht, dass Cardan auch der Antagonist hätte bleiben dürfen, denn er funktionierte so gut in dieser Rolle mit seinen Graustufen und lichten Momenten und vor allem seiner Entwicklung im Verlauf des Romans.

Leider versucht Holly Black aber seine Grausamkeit zu relativieren. Jude findet gleich am Anfang heraus, dass Cardan von seinem Bruder geschlagen wird und schlussfolgert, dass Cardan so grausam ist, weil er selbst auch nur Grausamkeit erfahren hat. Und mir ist das zu einfach gedacht. Vor allem macht es nicht wett, was Cardan nicht nur Jude über Jahre hinweg angetan hat, sondern auch anderen Feen und sogar seinen Freunden. Dass sich zwischen Jude und Cardan Gefühle entwickeln, fand ich darüber hinaus vor allem eines: Unnötig.

Ich muss sagen, dass ich überrascht war, wie komplex und vor allem vorsichtig Holly Black damit umgeht. Ihr müsst keine Angst haben: Jude verfällt nicht, wie so viele andere YA-Heldinnen, dem Mann, der sie jahrelang gemobbt hat. Gott sei Dank nicht. Sie behält ihr Ziel im Blick und sie weiß, wer Cardan ist, dass er grausam ist, dass es ihm Spaß macht zu quälen und sie ihm nicht vertrauen kann, und sie verurteilt ihn dafür. Dass sie ihn heiß findet, ändert nichts daran. Ich fand das gut gelöst und bin durchaus auch gespannt, wohin das im zweiten Band noch führt.

Aber gerade deshalb fand ich es mehr als unnötig, dass es gleich romantische Gefühle sein mussten, die da aufkommen. Viel besser hätte es mir gefallen, wenn Cardan und Jude auf einer platonischen Ebene auch gute Seiten aneinander hätten finden können. Das wäre in meinen Augen sogar stärker gewesen, als diese angedeuteten Gefühle für einander, denn an sich finde ich es sehr, sehr spannend, dass beide zugeben müssen, dass der andere nicht der furchtbarste Mensch (oder Fee) in Elfhame ist und sie gemeinsame Widersacher haben. So funktionieren gute Intrigen, wenn sich auch geschworene Feinde zusammenraufen können, um politische Ziele zu erreichen, das war schon nice.

Aber am Ende ist “Elfenkrone” eben immer noch YA und ohne Liebe läuft da wohl nichts. (Nicht, dass sich die beiden sich wirklich ineinander verlieben. Wie gesagt, Holly Black macht das gut und es ist schön kompliziert, es ist nur eben einfach unnötig und hätte in meinen Augen besser funktioniert, wenn sie erstmal gegenseitigen Respekt entdeckt hätten, bevor es gleich um “verbotene” Gefühle geht.)

Sehr gefallen hat mir, dass Queerness in dieser Welt komplett normalisiert ist. Zwar gibt es leider keine queere Hauptfigur, doch Judes Schwester Vivi zum Beispiel ist bisexuell und hat eine Freundin, die auch öfter auftritt. Darüber hinaus sieht man Ben und Severin aus “Der Prinz der Elfen” als Paar wieder und es gibt generell viele queere Nebenfiguren. Besonders Polysexualität scheint bei den Feen recht weit verbreitet und so hat zum Beispiel auch der König männliche und weibliche Partner.innen. Mehr wichtige queere Figuren hätten mir gut gefallen, aber ich finde schön, dass Holly Black hier eine Fantasywelt vorstellt, in der Queerness als normal angesehen wird.

BLUTIGES FEENABENTEUER MIT KLEINEN PROBLEMEN

Am Ende hat mich “Elfenkrone” aber trotzdem genug begeistert, um auf mein Regal mit den Lieblingsbüchern zu wandern. Diese dunkle und gleichzeitig schillerne Feenwelt, die gut ausgearbeiteten politischen Verstrickungen und Intrigen am Feenhof, der dichte Schreibstil und vor allem Jude als Antiheldin, die sich selbst zwingt abzustumpfen um ihr Ziel zu erreichen, haben mir sehr gut gefallen.

Als Figur fand ich auch Cardan großartig, wenn es mich auch gestört hat, dass seine Grausamkeit ein bisschen relativiert wurde und sich eine Liebesgeschichte anbahnt. Trotzdem ist “Elfenkrone” der beste Fantasyroman, den ich seit langem gelesen habe und ich bin froh, dass Holly Black zu ihrer alten Stärke zurückgefunden hat. Teil Zwei erscheint im Januar auf Englisch und ich habe das Buch bereits vorbestellt, so gespannt bin ich darauf, wie Judes Geschichte weitergehen wird.

Ich würde “Elfenkrone” allen LeserInnen empfehlen, denen in YA-Fantasy guter Weltenbau wichtig ist und die Geschichten voller Intrigen, Pläneschmieden und politischen Ränkespielchen mögen. Darüber hinaus sollten LeserInnen, die ihre Feen gemein und makaber mögen, hier auf jeden Fall zugreifen. Ich muss aber sagen, dass der Roman sehr blutig und brutal ist, sodass ich ihn vielleicht ab 15 empfehlen würde. Es wird gemetzelt und getötet, auch von der Hauptfigur, und die Feen in diesem Roman sind tatsächlich alles andere als kuschelig. Aber wer seine HeldInnen clever und entschlossen mag und seine Fantasy mit vielen unerwarteten Twists, der ist hier goldrichtig.

Am Ende ist “Elfenkrone” das, was ich mir von Sarah J. Maas’ “Dornen und Rosen” erwartet hatte: Eine interessante, vielschichtige Heldin, die in die Welt der Feen entführt wird und lernen muss sich durchzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Glitzernder Luxus im scharfen Kontrast zu blutrünstigen Feen. Intrigen und ein Kampf um Macht und Ansehen. Sagen wir es so: Holly Black hat zumindest für mich den (fast) perfekten Feenroman geschrieben. Wir können jetzt alle nach Hause gehen.


Für Fans von: Düsteren Feen, märchenhafter High Fantasy und natürlich Holly Black


BIBLIOGRAPHIE

Elfenkrone | Folk of the Air #1 | 978-3-570-16526-3 | 448 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Anne Brauner | Amerikanische OA: The Cruel Prince, 2017

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