Diversity 101: Wieso wir alle divers schreiben sollten

Für viele deutschsprachige Autor.innen und Leser.innen ist das Wort „Diversity“ noch ein rotes Tuch. Während sich auf dem englischsprachigen Buchmarkt große Veränderungen abzeichnen, kommt hier bei uns davon leider nicht viel an und nur wenige deutschsprachige Autor.innen schreiben divers und setzen sich für mehr Inklusion in Romanen ein. Während auf dem amerikanischen Buchmarkt die Zahl der Veröffentlichungen besonders im YA-Bereich steigt und steigt, finden die meisten dieser Bestseller gar nicht zu uns oder nur in kleinere Verlage und so geht das nicht weiter.

Ich war es lange Zeit leid, überhaupt über Diversity und warum wir sie brauchen zu sprechen – ich habe um 2013 rum sehr viel Energie in dieses Thema gesteckt und sehr viel Ablehnung erfahren. Leider ist das in den letzten fünf Jahren aber kaum besser geworden und während es hier auf dem Blog schon ein paar Posts zum Thema Diversity in historischer Fiktion und zu queerer Repräsentation gibt, fehlt ein Einführungsartikel in das Thema einfach. Und nach einer Diskussion auf Twitter, die mir ein bisschen die Augen geöffnet hat, wie wenig das Thema auch heute noch verstanden wird, habe ich mich mal ans Werk gemacht.

WAS IST DIVERSITY? WAS WILL SIE?

Denn Diversity, Repräsentation, Inklusion in Fiktion – das ist längst sowas von überfällig, sollte längst normal sein. Ist es aber leider nicht. Noch immer müssen Leser.innen oft verzweifelt nach Romanen suchen, in denen sie sich repräsentiert sehen – das bedeutet: Romane, in denen Menschen vorkommen, die sind wie sie. Denn die meisten Romane, auch heute noch, handeln von weißen, cis, hetero Menschen, die keine Beeinträchtigung haben, keine psychischen Probleme und auch sonst nicht marginalisiert sind. Und das wird von vielen Autor.innen und Leser.innen als Norm betrachtet. Dabei sieht die Realität ganz anders aus, auch hier in Deutschland. Nicht alle Menschen um dich herum sind weiß. Sie sind nicht alle heterosexuell und cis. Und während du dich als weiße, hetero, cis Person in jedem Roman, den du in die Hand nimmst, repräsentiert siehst, geht es Menschen, auf die das nicht zutrifft, leider noch lange nicht so.

Und jetzt fragst du dich vielleicht „Wieso ist das wichtig“? Aber stell dir vor, wie es wäre, wenn du in die Buchhandlung gehst und es gäbe dort keinen einzigen Roman über Menschen, die so sind, wie du. Und das wäre so, seit du ganz klein warst. Du hast dich nirgendwo widergespiegelt gesehen. Das geht über pures Identifizieren auch hinaus. „Aber ich als weiße Person kann mich doch auch mit einem asiatischen Helden identifizieren!“ Das mag sein, aber darum geht es nicht. Natürlich können sich marginalisierte Menschen auch mit nicht marginalisierten Protagonist.innen identifizieren. Sie sind schließlich von klein auf gezwungen es zu tun, weil es kaum etwas anderes gibt. Aber Hauptfiguren zu sehen, Held.innen, die so sind wie man selbst – das ist keine bloße Identifikation. Das ist ein sich selbst in Fiktion erkennen, sich sichtbar fühlen, auf einem ganz anderen Level. Das ist Repräsentation.

Wer sich nicht repräsentiert sieht, fühlt sich unsichtbar. Fehlen Romane, in denen man sich selbst gespiegelt sieht, fehlt gute Repräsentation, ist man nicht sichtbar. Man glaubt nicht daran, dass man etwas erreichen kann, denn alle Bücher, die man liest, alle Filme die man sieht, sagen einem ja: „Die Held.innen sind weiß, cis, hetero. Für dich ist in dieser Narrative kein Platz.“ Wer sich nicht repräsentiert sieht, besonders als Kind und Teenager, aber auch darüber hinaus, ist unsichtbar. Denn Medien beeinflussen uns so viel mehr, als viele glauben. Was wir sehen, hören, lesen beeinflusst unsere Identitätsbildung. Wir alle kennen das doch: Die Held.innen unserer Kindheit, unsere Vorbilder, die Bücher, aus denen wir Lebensweisheiten mitgenommen haben. Aber wenn ich einen Teil meiner Identität – oder sogar meine ganze Identität – in Fiktion niemals positiv repräsentiert sehe, dann fehlt das. Etwas das für weiße, heterosexuelle, cis Menschen oft selbstverständlich ist – Leute sehen, die sind, wie man selbst, von ihnen lernen, sich bestätigt fühlen – wird marginalisierten Menschen vorenthalten. Und das muss sich ändern.

INKLUSION IST KEIN TREND: ICH BIN KEIN CRYPTID

Diversity bedeutet Inklusion. Es bedeutet positive Vorbilder schaffen, Menschen und ihre Lebensrealitäten sichtbar machen, ihnen Repräsentation geben, die sie unterstützt. Es bedeutet, Menschen Figuren sehen und lesen zu lassen, die sie sagen lassen: „Wenn diese bisexuelle Figur erfolgreich und glücklich sein kann, kann ich es auch.“ Und das ist für marginalisierte Menschen eben doppelt wichtig, denn wir leben in einer Gesellschaft, die systematisch diskriminiert. Wir leben in einer Gesellschaft in der marginalisierte Menschen jeden Tag zum Beispiel Rassismus und/oder Queerphobie erleben und sich gleichzeitig in Fiktion, meist Eskapismus vor dem wahren Leben, nicht wiederfinden. Diversity bedeutet aber auch, Stereotypen abzubauen, nicht-marginalisierte Menschen zu zwingen, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Und ja, ich spreche hier mit Absicht von zwingen, denn es ist so einfach Probleme, die einen selbst nicht betreffen, wegzuschieben. Sich abzuschotten. Sich mit Stereotypen zufriedenzugeben, weil das einfacher ist, als die Welt so bunt und kompliziert zu sehen, wie sie eben ist.

Diversity bedeutet für nicht marginalisierte Menschen, auch mal über Menschen zu lesen, die nicht so sind wie sie – und während sich viele über diesen „Anspruch“ aufregen, fehlt oft die Erkenntnis, dass das genau das ist, was von marginalisierten Leser.innen erwartet wird, wenn jede Romanfigur weiß, hetero, cis und auch ansonsten nicht marginalisiert ist. Deshalb rollen sich bei mir immer die Nägel hoch, wenn Leute sagen: „Diversity ist ja jetzt im Kommen“, „Diversity ist der neue Trend“, Diversity interessiert mich nicht“, als wäre es ein Genre wie Fantasy oder Krimi. Diversity ist kein Genre. Inklusion ist kein Trend. Die Repräsentation echter Menschen ist kein Trend. Wer einen solchen Blickwinkel auf Diversity hat, sollte sich zwei Fragen stellen: Wieso nehme ich marginalisierte Menschen auf demselben Level war, wie zum Beispiel Vampire und andere Cryptids, wie fiktive Wesen, die nicht wirklich existieren, wieso sehe ich sie wie einen Literaturtrend und nicht wie Menschen, die es verdient haben, sich selbst in Fiktion wiederzuerkennen? Und: Wieso halte ich mich, weiß, cis, hetero, für wichtig genug, um in Romanen vorzukommen, andere Menschen jedoch nur innerhalb eines „Trends“?

Diversity ist kein „Trend“. Diversity ist die überfällige Normalisierung von Inklusion in Fiktion, die nicht „einfach so“ entstanden ist, sondern die Reaktion auf die harte Arbeit von Aktivist.innen, wie zum Beispiel der Bewegung „We Need Diverse Books“, die seit Jahren daran arbeitet, Kinder- und Jugendbücher inklusiver zu machen. Diversity ist das Ergebnis von langen Diskursen, anstrengenden Diskussionen und Kämpfen, die für viele nicht marginalisierte Leser.innen unsichtbar sind. Diversity ist auch der Verdienst von Autor.innen wie zum Beispiel Malinda Lo, deren queere Jugendbücher in den frühen 2000ern unbeachtet untergegangen sind, weil die Reichweite, die wir heute haben, hart erkämpft werden musste. Diversity ist Aktivismus. Kein Trend. Aktivismus für Literatur, in der sich alle gespiegelt sehen, in alle Held.innen sein können und nicht nur eine bestimmte, privilegierte Personengruppe.

DIVERSITY & DU: WARUM WIR ALLE DIVERS SCHREIBEN SOLLTEN

Und da kommen wir auch schon zu den Argumenten, die Autor.innen und Leser.innen immer wieder herausholen, wenn es darum geht, sich mit Diversity zu befassen: „Ich finde das ja auch wichtig, aber es muss zur Geschichte passen. Es muss relevant für den Plot sein.“ Falls du so denkst, tu mir einen Gefallen: Stell dich vor einen Spiegel, sieh dich einmal genau an und sag das laut. Vielleicht fällt dir selbst auf, wie problematisch diese Aussage ist. Denn wieso glaubst du, dass zum Beispiel PoC, also nicht-weiße Figuren, eine besondere Berechtigung brauchen, um mitspielen zu dürfen, weiße Figuren aber nicht? Woher kommt diese Einstellung? Findest du sie wirklich richtig?

Denn was du machst, ist Othering. Was du machst, ist Ausgrenzung. Was du vielleicht machst, ist marginalisierte Menschen nicht als gleichwertige Menschen zu sehen. Du, weiß, cis, hetero, hast es natürlich verdient, in über 90% der Romane ganz ohne Plotrelevanz als Held.in vorzukommen. Wieso findest du, dass Menschen, die nicht weiß, cis, hetero sind, dieses Recht nicht haben? Wieso findest du, dass es einen guten Grund braucht, dass es für die Geschichte relevant sein muss, über diese Menschen zu schreiben? Vielleicht, weil du dich für die Norm hältst und queere Menschen oder PoC für von der Norm abweichend? „Anders“? Hier liegt das Problem. Und der Punkt ist, wir können solche Denkweisen nur aktiv entlernen und abbauen, wenn wir Diversity fördern.

„Aber ich habe Angst, es falsch zu machen. Ich habe Angst vor Kritik“, sagt vielleicht jemand. Und ich sage: Ja, das solltest du auch. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Diskriminierung in den Alltag eingebaut ist. Sie steckt im System der Dinge, sie ist allgegenwärtig. Und du solltest Angst haben, etwas falsch zu machen. Du solltest Angst haben, am Ende vielleicht nur zur Diskriminierung beizutragen, anstatt Inklusion zu schaffen. Das ist Awareness. Wenn du Angst hast, es falsch zu machen, bist du dir ja darüber bewusst, dass es schädliche Darstellungen von marginalisierten Menschen gibt, die es zu vermeiden gilt. Du bist dann ja schon auf dem richtigen Weg, oder? Die Antwort ist: Streng dich an, es gut zu machen.

Wenn du über einen Ort schreibst, den du nicht gut kennst, recherchierst du ihn. Wenn du über eine Epoche schreibst, in der du nie gelebt hast, recherchierst du sie. Autor.innen recherchieren. Wenn die Bereitschaft zur Recherche bei dir aufhört, wenn es darum geht, dich mit Lebensrealitäten von PoC, queeren Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigung auseinanderzusetzen, ist das ein Problem, das sollte dir bewusst sein. Wir leben in den Zeiten des Internets. Es ist nicht mehr schwer, Berichte und Tipps von Betroffenen zu finden, die dir weiterhelfen können. Es gibt mittlerweile auch eine Liste mit deutschsprachigen Sensitivity-Leser.innen: Betroffene, die bereit sind, dir auszuhelfen.

Setz dich mit Betroffenen und ihren Erfahrungen auseinander. Dann musst du auch keine Angst mehr vor Kritik haben oder davor, etwas falsch zu machen. Und, ganz wichtig: Fördere auch betroffene Autor.innen. Es gibt den Begriff „Own Voices“: Das sind Geschichten über marginalisierte Menschen, die von Betroffenen geschrieben wurden. Eben weil wir in einer diskriminierenden Gesellschaft leben, haben own-voices-Autor.innen aber oft nicht dieselbe Reichweite, wie nicht marginalisierte Autor.innen. Also schreib divers, aber nutz deine Reichweite auch, um own-voices-Autor.innen zu fördern. Denn wenn du am Ende die Lorbeeren für deine tolle Repräsentation einheimst, aber Autor.innen, die wirklich von Diskriminierung betroffen sind, links liegen lässt, ist das nochmal eine ganz andere Art von Ignoranz. Wir sind keine Konkurrenten. Autor.innen helfen sich oft gegenseitig aus, wenn es um das Bewerben von Büchern geht. Mach das auch für own-voices-Autor.innen, nutz deine Reichweite.

DIE MÄR VON DER AGENDA: FIKTION IST IMMER POLITISCH

„Wieso muss denn jetzt jeder Roman eine politische Agenda haben?“, höre ich leider auch oft und das ist ehrlich gesagt ein Argument, bei dem mir der Hut hochgeht. Aber in Ruhe. Die Antwort ist dieselbe, wie oben: Schau dich an. Überleg dir, warum du deine eigene Existenz als weiße, hetero, cis Person nicht politisch findest, die von marginalisierten Menschen aber schon. Wieso du die bloße Existenz von Menschengruppen, die nicht so sind wie du, politisierst. Auch das ist “Othering”. In diesem Kontext wird Diversity oft beinahe als eine Art Bedrohung betrachtet, ein Zwang sich politisch zu positionieren. Und auch das ist eine Form von Ignoranz, denn meine Existenz als marginalisierte Person ist genauso wenig – oder genauso sehr – politisch, wie deine Existenz als nicht marginalisierte Person. Und wir beide sollten dasselbe Recht darauf haben, uns in Geschichten wiederzufinden.

Und hier ist ein Geheimnis: Fiktion ist immer politisch. Alle Autor.innen haben eine Meinung und ob sie wollen oder nicht, dieser Bias fliest in das eigene Werk ein. Immer. Und selbst der fluffigste, romantischste, lustigste Feel-Good-Roman zeigt ein politisches Weltbild, wenn nur weiße, hetero, cis Figuren darin vorkommen: Und das ist ein Weltbild, in dem marginalisierte Menschen keinen Platz haben. Willst du für so ein Weltbild wirklich stehen? Denn ob du es so beabsichtigt hast oder nicht, dein komplett privilegierter Cast ist nicht “unpolitisch”. Er ist sogar extrem politisch. Er spiegelt eine Welt, in der Menschen, die nicht weiß, cis, hetero sind, ignoriert werden und nicht vorkommen dürfen. Und hier sind wir wieder bei der Sache mit der Norm. Findest du das unpolitisch, weil du weiß, cis, hetero für die Norm hältst, von der alles andere abweicht? Denk nochmal stark darüber nach, was für eine Botschaft du damit sendest.

“Aber es braucht doch nicht jede Geschichte Diversity, oder?”, habe ich auch schon oft gehört. “Ich finde das auch wichtig, aber mein Roman muss doch nicht unbedingt…” Ehrlich gesagt, ich bin es leid, hier um das Ego weißer, cis, hetero Autor.innen herum zu diskutieren, also klipp und klar: Doch. Du findest Diversity wichtig? Du hast verstanden, warum wir sie brauchen? Super. Das bringt uns aber keinen Schritt weiter, wenn du weiterhin davor zurückscheust, das, was du gelernt hast, auch selbst anzuwenden. Ein lapidar hingeworfenes “Ich finde das auch wichtig” ist gar nichts wert, wenn du nicht selbst divers schreibst, liest und bloggst, denn davon haben marginalisierte Menschen einfach nichts, wenn am Ende trotz dieses Sprüchleins wieder nur Medien dabei herauskommen, die komplett weiß, cis, und hetero sind. Dein Buch ist vielleicht schon draußen und du kannst das nicht mehr ändern? Weißt du was? Das ist okay, wenn du in Zukunft anders arbeitest. Wir sind alle am Ende nur Menschen, die dazu lernen, sich verändern und an uns arbeiten können.

“Aber ich kann in meiner Geschichte niemals alles repräsentieren, wieso sollte ich es dann überhaupt probieren?” habe ich auch schon oft gehört und auch dieses Argument macht mich einfach nur noch müde. Natürlich kannst du nicht jede Sexualität, jede Kultur, jedes Gender, jede Ethnie, jede Beeinträchtigung etc. in einem einzigen Roman repräsentieren und niemand hat gesagt, dass du das tun sollst. Aber dir bricht kein Zacken aus der Krone, wenn ein paar deiner Figuren nicht weiß sind oder nicht hetero oder eine Beeinträchtigung haben. Die meisten Autor.innen schreiben in ihrem Leben ja vor allem auch mehr als einen einzigen Roman und man könnte ja, so gesehen, in verschiedenen Romanen auch mal verschiedene Repräsentation liefern. Aber dieses Argument klingt für mich ehrlich gesagt nur nach einer Ausflucht. Denn niemand hat jemals verlangt, dass ein einziger Roman alle repräsentieren muss. So funktioniert das nicht und ich glaube, das weißt du auch. Also hör auf, dich an solche Ausflüchte zu klammern und arbeite an dir und deiner Sicht auf Literatur und Inklusion.

DIVERSITY & RESPEKT: ES GIBT GRENZEN

„Ich traue mir aber nicht zu, über Rassismus zu schreiben!“, kriegt man auch immer wieder mit. Da sind wir wieder oben bei der Plotrelevanz angekommen und folgendes kann man nicht oft genug sagen: Eine Geschichte mit einer nicht weißen Heldin muss nicht zwingend von Rassismus handeln. Ein queerer Protagonist muss nicht bei jedem Schritt Queerphobie erfahren. Es ist sogar viel besser, wenn du es own-voices-Autor.innen überlässt, diese Geschichten zu schreiben, denn sie haben das erlebt und wissen, wie man sensibel und hilfreich mit dem Thema umgeht, anstatt am Ende nur Geschichten zu produzieren, die für betroffene Leser.innen nicht funktionieren, weil sie nicht authentisch sind. Am Ende reduzierst du nicht weiße Menschen auf ihre Diskriminierung, wenn du nur über sie schreiben kannst, indem du Rassismus in den Vordergrund stellst. Bei queeren Figuren ist das ein Riesenproblem, denn nicht queere Autor.innen reduzieren sie seit Jahren auf die Tragik von Queerphobie und queerem Leid und romantisieren das auch oft. Hört damit auf!

Du kannst Held.innen schreiben, die PoC sind, aber genau wie weiße Held.innen Mordfälle lösen, Drachen bekämpfen oder übernatürliche Kräfte entdecken. Du kannst Held.innen schreiben, die queer sind und sich genau wie cis, hetero Held.innen verlieben, Raumschiffe steuern oder Familiengeheimnisse aufdecken. Genauso, wie du dich sicherlich nicht über deine Heterosexualität oder dein Weißsein definierst, musst du endlich aufhören, nicht weiße Menschen und queere Menschen, oder auch Menschen mit Beeinträchtigung, auf das zu reduzieren, von dem du denkst, dass es sie “anders” macht. Nein, ich persönlich (!) finde nicht, dass man systematische Diskriminierung in Romanen über marginalisierte Personen komplett ignorieren sollte, denn es gehört leider einfach zu unserem Leben dazu und es hat auch etwas mit Respekt zu tun, das anzuerkennen. Aber noch mehr hat es mit Respekt zu tun, uns nicht über Diskriminierung und Leid zu definieren – und vor allem, sich nicht als weiße, hetero, cis Person hinzustellen und den Retter zu spielen, der eine Geschichte darüber schreibt, wie böse Diskriminierung ist. Das steht nicht Betroffenen nicht zu.

Genauso solltest du nicht darüber urteilen, dass es einfach Dinge gibt, die man nicht machen sollte, weil sie kulturellen Kontext haben. Die einzige PoC-Figur in deinem Roman umbringen, zum Beispiel. Wieso, das sollte jetzt eigentlich schon klar geworden sein: Marginalisierte Menschen erhalten nicht viel Repräsentation. Wir freuen uns, wenn wir endlich mal eine Figur sehen, die so ist wie wir, und die Held.in sein darf. Wird diese Figur dann umgebracht oder leidet nur, während die weißen, cis, hetero Figuren leben und glücklich werden, sendet auch das eine ganz bestimmte Botschaft. Und vor allem nimmst du uns so die Repräsentation gleich wieder weg. Es tut mir leid, aber man “darf” halt nicht alles machen, wenn es gesellschaftlichen Kontext wie diesen gibt. Und auch das hat mit Respekt zu tun. Respekt davor, dass man über echte Menschen schreibt und einfach auch Awareness dazu, dass nicht nur weiße, cis, hetero Leser.innen das Buch in den Händen halten werden, sondern auch Betroffene.

“Aber ich will schreiben, worüber ich eben will! Das muss man doch dürfen!” Am Ende darfst du alles. Ich kann dich nicht davon abhalten, einen Roman zu schreiben, in dem alle weiß, cis, hetero und auch sonst nicht marginalisiert sind. Ich kann dich nicht davon abhalten, deine marginalisierten Figuren umzubringen, während die nicht marginalisierten glücklich werden. Aber denk einfach mal darüber nach, warum du das schreiben willst. Warum dir so wichtig ist, dass du das darfst, wichtiger, als dass marginalisierte Leser.innen Bücher bekommen, in denen sie sich wiederfinden und positiv repräsentiert sehen. Am Ende darfst du also sowieso alles, keine Frage. Niemand wird dich davon abhalten. Aber du wirst eben genau dann mit Kritik rechnen müssen. Mit der Frage danach, warum du so mit deinen marginalisierten Figuren umgehst. Und vor allem eben auch damit, dass deine Leser.innen sich fragen, wieso dir dein Recht darauf, schädliche Klischees und Tropes zu bedienen, wichtiger ist, als gute Repräsentation zu schreiben.

EIN SCHLUSSWORT

Recherchier, worüber du schreibst, sprich mit Betroffenen, erzähle positive Geschichten, in denen sich marginalisierte Leser.innen wiederfinden können. Oder schreib ein tragisches Drama, in dem die Tragik aber nicht aus der Queerness oder dem PoC sein der Figur heraus entsteht, sondern aus Dingen, die uns allen passieren können. Oder schreib actionreiche Fantasy, in der nicht unbedingt nur die marginalisierten Figuren sterben, denn es ist keine gute Repräsentation, wenn du deinen Leser.innen die Diversity, die sie sowieso selten erhalten, gleich wieder brutal wegnimmst. Kurz gesagt: Schreib inklusiv. Informier dich über schädliche Tropes, über Vorurteile, über systematische Diskriminierung und schreib gute Repräsentation. Sei jemand, der es allen Leser.innen möglich macht, sich selbst in Geschichten als Held.in zu sehen und daraus Sichtbarkeit und Bestärkung zu ziehen. Das ist doch etwas unglaublich Tolles. Also wieso dieses Sperren gegen Diversity?

Ich weiß, dass auch dieser Artikel einige von euch nicht dazu bewegen wird, diverser zu schreiben. Aber ich hoffe, dass vielleicht zumindest bei einigen von euch die “Angst” vor dem Thema divers schreiben ein bisschen kleiner geworden ist. Grob gesagt gilt ein einziges kleines Merksätzchen, das schon helfen würde, wenn jeder es sich merken würde: Marginalisierte Menschen sind keine Cryptids oder Fabelwesen oder ein cooler, neuer Trend, wir sind Menschen wie du und haben es genau wie du verdient, uns in Büchern gespiegelt zu sehen. Und hier beende ich diesen sowieso schon sehr langen Artikel jetzt, weil es mich gerade sehr traurig gemacht hat, das 2018 noch wiederholen zu müssen: Marginalisierte Menschen sind Menschen. Kein politisches Werkzeug, kein Trend, kein cooles Plot Device, mit dem deine Geschichte spannender wird. Wenn es dir als Argument nicht ausreicht divers zu schreiben, dass marginalisierte Menschen es auch verdient haben, in Romanen vorzukommen, dann weiß ich auch nicht, was ich noch sagen soll, aber vielleicht helfen dieser Post und die verlinkten Materialien ja zumindest einigen, über ihren Schatten zu springen.


Weiteres Material:

Malinda Lo | Writing with Diversity: Resources

Skepsiswerke | Repräsentation in der Literatur: Warum ist Repräsentation so wichtig?

Buechnerwald | Wenn Heteros über Homos schreiben

We Need Diverse Books | Website

Sensitivity Reading | Liste deutschsprachiger Sensitivity-LeserInnen

Geekgeflüster | Das Märchen von der unpolitischen Fiktion

Vicki und das Wort | Deine Worte haben Macht


Beitragsbild: Christin Hume, via Unsplash

8 Kommentare zu „Diversity 101: Wieso wir alle divers schreiben sollten“

  1. Alles was ich sagen will ist eigentlich nur DANKE! Ich finde es in der heutigen Zeit unglaublich wichtig, dass so viel mehr DIVERSITY auf dem Buchmarkt erscheint, weil nicht immer alles nur in eine Richtung gehen kann. Wir Menschen haben uns verändert, unsere Ansichten haben uns verändert und das ist zum Glück auch gut so! Ich habe diese Woche erst “Someone New” gelesen und seitdem suche ich nur noch mehr von solchen Büchern und hoffe, dass sich der Buchmarkt nun ein bisschen mehr öffnet, dass Autoren sich mehr trauen und die Buchwelt mehr Diversity bekommt.
    Alles Liebe
    Julia
    #litnetzwerk
    https://thebookdynasty.de

    1. Hi Julia. Vielen Dank! “Someone New” habe ich mir auch letztens gekauft. NA ist eigentlich gar nicht mein Genre, aber ein inklusiver Roman von einer deutschsprachigen Autorin ist so selten, besonders im großen Verlag. Da war ich einerseits neugierig, andererseits möchte ich es auch einfach unterstützen.

      lG,

      Kat

  2. Hallo,
    ich glaube zu diesem Beitrag gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Schön, dass du dich über dieses Thema so ausführlich ausgelassen hast und alle gängigen Ausreden entkräftet hast.

    Mit freundlichen Grüßen
    Philo
    #litnetzwerk

  3. Hallo,

    danke für diesen Artikel, übe den ich heute zufällig gestolpert bin. Ich hatte mir für das Neue Jahr vorgenommen, einen ganz ähnlichen zu verfassen und du hast mir nochmal einiges an Input geliefert, was ich ansprechen will. Ich wohne seit zwei Jahren in England und merke grade im Kinderprogramm der BBC extreme Unterschiede zum deutschen Kinderprogramm, denn da wird Diversity wirklich gut umgesetzt und eingebracht. Es ist hier für Kinder viel selbtverständlicher, z.B. mit phyisisch oder mental eingeschränkten Personen umzugehen als in Deutschland, weil sowohl im Schulsystem als auch im Fernsehen diese Gruppen wirklich versucht werden, sehr stark zu inkludieren. Eine meiner Lieblingssendungen für Vorschulkinder, die ich manchmal auch in meiner Klasse einsetze, ist “Biggleton”, bei der Vorschulkinder aus allen ethnischen Hintergründen und mit allen geundheitlichen Varianten ganz gleichberechtigt nebeneinander spielen und die Diversity nie der Problematisierung dient, sondern einfch da ist. Das zweite, was mir dieses Jahr aufgefallen ist, war beim British Bake Off, wo eine Teilnehmerin dabei war, deren Hand eine Fehlbildung hatte. In Deutschland wäre das vermutlich von Anfang an permanent und mit großer Tränendrüse thematisiert worden, hier war das so selbstverständlich, dass ich erst in Folge 4 kapiert habe, warum sie ihre Backschüssel immer so – für mich – umständlich hält.
    Mein Vorsatz für 2019 klingt erstmal doof, aber ich will versuchen, mehr divers zu lesen. Erstens aus Neugier, weil eben wie du auch sagst, genau diese Bücher langsam kommen, aber auch, weil ich denke, dass genau das doch mein Einfluss als Leser ist: ich schaffe die Nachfrage und hoffe, dass 2019 wieder ein Schritt dahin ist, mehr Repräsentation zu erzielen.
    Eine schöne Vorweihnachtszeit und gib die Hoffnung nicht auf – hey, bis letztes Jahr hätte man der BBC nicht zugetraut, den Doctor weiblich zu regenerieren 😉

    Liebe Grüße
    Ponine

    1. Hi Ponine! Vielen Dank für den Kommentar. Ja, der unterschiedliche Umgang mit Diversity ist mir auch aufgefallen. Im britischen Fernsehen ist es ja auch ganz selbstverständlich, dass viele nicht-weiße und queere Comedians auftreten, ohne, dass das ständig thematisiert würde. Hier in Deutschland fallen mir sowieso nur eine Handvoll Comedians ein, die nicht weiß sind oder eben queer und diese werden schon sehr stark darauf reduziert. Das finde ich immer wieder traurig.

      Wenn du deinen Beitrag geschrieben hast, lass mir gern den Link da, der interessiert mich sehr! Alles Liebe, Kat

  4. Schönen guten Morgen!

    Ich habe ehrlich gesagt schon den Eindruck, dass die Geschichten vielfältiger werden und keine so engen Muster mehr gestrickt werden.
    Allerdings hab ich das Gefühl, dass das Thema noch zu viele Gefühle hochkocht in vielen Menschen und bei Geschichten, die in das “alte Raster” fallen keine Kritik geübt werden würde, bei neuen Dingen die ausprobiert werden aber schon.

    Ich habe auf jeden Fall in der letzten Zeit einige Bücher gelesen, die eben nicht “weiß”, “hetero” u. s. w. sind (sorry mir fehlen hier die Begriffe, ich weiß immer nie wie ich das alles nennen soll) sondern eben auch anderes mit eingeflochten haben, OHNE mit dem Finger drauf zu zeigen und es zu politisieren.
    Natürlich fließt, wie du schon sagst, immer die Meinung des Autors mit, oder zumindest das, was er ausdrücken und zeigen möchte, aber ich finde dass schon immer mehr Bücher auftauchen, die das, was früher gemieden wurde, mittlerweile ganz natürlich in ihre Geschichten mti einbringen.

    Deinen Beitrag hab ich heute in meiner Stöberrunde verlinkt.

    Liebste Grüße und schöne Feiertage!
    Aleshanee

    1. Hi! Ja, die Veränderung kommt, aber sie kommt sehr langsam, besonders hier in Deutschland. Die meisten diverseren Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, waren auch tatsächlich amerikanisch oder britisch. Es gibt auch einige deutschsprachige Autor.innen, die sich bemühen, inklusiver zu schreiben, aber im Vergleich zu der Welle an inklusiven Romanen, die seit letztem Jahr in den USA erschienen sind, stehen wir schon sehr schlecht da, auch, was eingekaufte Übersetzungen dieser Titel angeht.

      Im Moment ist es leider noch sehr selten, dass inklusive Romane aus den USA übersetzt werden, selbst, wenn sie dort Bestseller waren. Das Königskinder-Imprint von Carlsen hat da viel gemacht, ist ja aber leider geschlossen worden, und im Moment macht der Arctis-Verlag viel in die Richtung, was ich auch sehr schön finde, aber ich würde mich so freuen, wenn die Mainstreamverlage sich da auch mehr reinhängen würden – und natürlich, wenn von vorn herein mehr deutschsprachige Autor.innen auch inklusiver schreiben würden.

      Vielen Dank für die Verlinkung! LG, Kat

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