Rezensionen

“The Yard” von Alex Grecian | Englisch

Victorian London is a cesspool of crime, and Scotland Yard has only twelve detectives—known as “The Murder Squad”—to investigate countless murders every month. Created after the Metropolitan Police’s spectacular failure to capture Jack the Ripper, The Murder Squad suffers rampant public contempt. They have failed their citizens. But no one can anticipate the brutal murder of one of their own . . . one of the twelve . . .When Walter Day, the squad’s newest hire, is assigned the case of the murdered detective, he finds a strange ally in the Yard’s first forensic pathologist, Dr. Bernard Kingsley. Together they track the killer, who clearly is not finished with The Murder Squad . . . but why?


MEINE GEDANKEN

Mir wurde “The Yard” auf Twitter empfohlen, nachdem ich von Oscar de Muriels “Die Schatten von Edinburgh” eher so mittel angetan war, und dafür muss ich mich hier direkt mal bedanken. “The Yard” startet von derselben Ausgangsposition, wie viele andere Genrekollegen auch: Nach den Ripper-Morden, die die Metropolitan Police nicht aufklären konnte, genießt sie bei der Londoner Bevölkerung kein allzu hohes Ansehen mehr. Jetzt muss Scotland Yard sich natürlich beweisen, um das Verbrechen in der Metropole in Schach halten zu können, doch mit nur zwölf Detektiven in der neu gegründeten Mordkommission ist das kein allzu leichtes Unterfangen.

Wie gesagt wählt Alex Grecian einen Zeitpunkt für seinen Roman aus, den auch vor (und nach) ihm bereits viele gewählt haben, doch das ist auch verständlich, denn die Umwälzungen, die nach der Ripper-Hysterie innerhalb der Metropolitan Police erfolgten, sind spannend und bieten einen guten Aufhänger für einen Kriminalroman. Wichtig ist, was man als AutorIn dann daraus macht und Alex Grecians Interpretation dieses turbulenten Stücks Polizeigeschichte gefällt mir gar nicht mal so schlecht, dafür, dass “The Yard” ein weiterer Ripperroman ist und ich die eigentlich nicht mehr sehen kann. Aber das ist ja mein Problem und nicht Alex Grecians.

SYMPATHISCHE HELDEN, ZU VIELE ZUFÄLLE

“The Yard” überzeugt durch seine komplexen und interessanten Figuren, die fernab von viktorianischen Klischees liegen: Walter Day, der junge Detective, der den Fall des ermordeten Detectives Little übernimmt, ist überraschend soft für einen Ermittler in einem Kriminalroman, aber gerade sein sanftes Wesen und seine Nachsicht machen ihn so sympathisch. Auch seine neuen Kollegen bei Scotland Yard fand ich toll, besonders den jungen und engagierten Constable Nevil Hammersmith und natürlich den exzentrischen Forensiker Bernard Kingsley und seine Tochter Fiona. Der Roman ist aus mehreren personalen Perspektiven erzählt und man muss sich so einige Namen merken, doch da alle Figuren eine eigene, ausgefeilte Persönlichkeit haben und die meisten einem auch direkt sympathisch sind, fällt das nicht schwer.

Interessant fand ich, dass “The Yard” kein klassisches murder mystery ist, denn wer Detective Little ermordet hat, erfährt man direkt im ersten Kapitel. Viel eher erzeugt Alex Grecian Spannung, indem er einen rätseln lässt, warum Little sterben musste und was der Mörder im Schilde führt, denn auch er hat eine eigene Perspektive und man bekommt sofort mit, dass was auch immer er vorhat, längst nicht abgeschlossen ist. Das sorgt für eine sehr eigene Spannung, denn man liest nicht weiter, um herauszufinden, wer schuldig ist, sondern, weil sich der komplexe Fall Stück für Stück und Kapitel für Kapitel weiter aufblättert, betrachtet aus den verschiedensten Perspektiven, bis immer mehr Klarheit in die Sache kommt.

Darüber hinaus hat “The Yard” eine sehr eigene Atmosphäre, die einen direkt in das London von 1889 zieht. Durch gezielte Beschreibungen und geschickt platzierte Informationen lässt Grecian die Epoche – oder zumindest seine Version von ihr – lebendig werden. Die Polizeiarbeit des Murder Squad der Metropolitan Police, aber auch die Arbeit Dr. Kingsleys und das alltägliche Leben der Figuren, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten kommen, ergeben ein sehr dichtes historisches Setting, das einfach Spaß macht, da man niemals das Gefühl hat, stumpf etwas erklärt zu bekommen, sondern dabei zu sein.

Ein kleines Manko war für mich persönlich jedoch, dass der Autor mit blutigen Details nicht spart. Dass ein viktorianischer Krimi, dessen Protagonisten auch einen Forensiker einschließen, nicht ohne auskommt, war mir natürlich von vorn herein klar, aber besonders in der zweiten Hälfte wurden mir die blutigen Details etwas zu viel. Ich habe rund 80% dieses Romans an einem Nachmittag gelesen und vielleicht hat sich das für mich deshalb so sehr aufgestaut, da ich kaum Zeit hatte, das Gelesene mal sacken zu lassen, aber es fließt schon sehr oft Blut (und anderes) und irgendwann wirkt das auch ein wenig ermüdend. Nach der fünften detaillierten Beschreibung der Toten, mit denen Dr. Kingsley arbeitet, reicht es einem eigentlich irgendwann, man hat ja verstanden, mit was der Arzt sich tagtäglich konfrontiert sieht.

Auch ein bisschen unglaubwürdig fand ich die vielen Zufälle, die Inspector Day und seinen Kollegen die Arbeit doch erheblich erleichtern. Es ist meistens, wenn etwas wichtiges passiert, gerade jemand zur Stelle, um es mitanzusehen, oder Täter sind ganz zufällig gerade am selben Ort unterwegs, wie einer der Polizisten, sodass sich alles schnell zusammenfinden kann. Im Großen und Ganzen fand ich es clever gemacht, wie sich verschiedene Fälle Scotland Yards in diesem Roman verbinden – denn da das neue Murder Squad komplett ausgelastet ist, arbeiten die Detektive natürlich nicht nur an einem Fall, sondern an verschiedenen gleichzeitig.

Dass die zusammenfließen, ist keine schlechte Idee, es kam mir nur alles etwas zu einfach vor, da nicht die Polizisten selbst die entscheidenden Entdeckungen machen und handeln, sondern die Täter in zwei der Fälle relativ stumpf zu den Polizisten kommen, die davor noch im Dunkeln getappt sind. Praktisch, ja, aber für gewöhnlich machen Serienmörder das nicht, ne, die wollen die Polizei normalerweise eher… ich weiß nicht, von sich fernhalten? Aber dass Inspector Day sein Handwerk versteht, kommt deutlich raus und seine Überlegungen und Entscheidungen sind interessant mitzuverfolgen. Ich hätte es nur sehr viel befriedigender gefunden, wenn sie am Ende zum Täter geführt hätten und nicht der Täter mehrmals praktisch hinter der Hausecke herausgesprungen wäre, um die Ermittlungen in die richtige Richtung zu lenken.

AUTHENTISCHE ATMOSPHÄRE, UNNÖTIGE PATZER

Sehr gefallen hat mir allerdings Grecians Verständnis für die Epoche und diese Gesellschaft, das im Roman deutlich mitschwingt. Das neue Verständnis des Bösen, das durch den Ripperfall komplett auf den Kopf gestellt wurde, fließt immer wieder in die Überlegungen der Polizisten ein, und auch die Ratlosigkeit – niemand weiß, wie man nun damit umgehen oder gezielt ermitteln soll – war sehr gut dargestellt. Der Roman ist aus einer ganzen Handvoll verschiedenster Perspektiven erzählt, sodass man nicht nur Einblick in das Leben eines Inspectors bekommt, sondern auch in das eines ärmeren Constables und in das der vielen in Armut lebenden Prostituierten Londons – eine Bevölkerungsschicht, die Ripperromane oft außen vor lassen, was ich schade finde, da sie ja die Opfer des Rippers waren.

“The Yard” ist darüber hinaus ein sehr actiongeladener Roman. Es passiert sehr viel und irgendwo wird irgendjemand eigentlich zu jedem Zeitpunkt in eine Falle gelockt, angegriffen, belogen oder hinters Licht geführt, sodass man manchmal wirklich aufpassen muss, um nichts zu verpassen. Mir hat das gefallen, doch ich denke, damit hat es zu tun, dass das Ende so holterdipolter kommt und nur mithilfe vieler Zufälle aufgelöst werden konnte. Alex Grecian spinnt ein sehr komplexes Netz aus Spuren, Morden, Zeugenaussagen und den Ermittlungen und ich hatte ein wenig das Gefühl, dass es ihm am Ende nicht ganz gelungen ist, dieses Netz zu entwirren und die Geschichte zu einem ebenfalls komplexen Abschluss zu bringen. Einiges bleibt auch offen, was mich ziemlich gestört hat.

Ein paar historische Patzer sind mir ebenfalls aufgefallen und die erwähne ich hier kurz, weil sie sehr leicht zu vermeiden gewesen wären und mich sowas stört. Ein Minenarbeiter in Wales würde zum Beispiel keine Cents verdienen, sondern wohl eher Pennies. Dass Claire “lace panties” trägt, also zu Deutsch Spitzenhöschen, fand ich eine sehr merkwürdige Wortwahl für spätviktorianische Damenunterwäsche. Dann gibt es einfach eine Menge Flüchtigkeitsfehler, die nicht hätten sein müssen, wie die Behauptung, es gäbe am Trafalgar Square einen Park. Kleinigkeiten halt, die der Atmosphäre nicht unbedingt Abbruch tun, aber einen schon kurz innehalten lassen, weil man sich wundert, und so schade, weil das genau die Dinge sind, die man mit kurzen Internetsuchen schon vermeiden kann.

Am Ende sorgt das dafür, dass dieses viktorianische London zwar atmosphärisch ist, aber doch sehr kulissenhaft wirkt, irgendwie gefährlicher, düsterer und ja, auch sexier, als das echte viktorianische London. Auf meiner Ausgabe steht direkt auf dem Cover “CSI: Victorian London” und das trifft es sehr gut. Das hier ist am Ende eben ein bisschen eine Hollywoodversion auf Hochglanz. Deshalb habe ich oben auch geschrieben, dass Grecians Version des viktorianischen Londons interessant und atmosphärisch ist, denn das ist sie. Aber diese Fehlerchen und, ja, auch das oft sehr moderne Handeln der Figuren und Ungereimtheiten wie der relativ vage umrissene gesellschaftliche Stand von Walter und seiner Frau Claire machen “The Yard” zwar nicht weniger gut, aber weniger authentisch.

Alles in allem ist “The Yard” aber ein sehr gelungener erster Teil einer düster-blutigen Thrillerreihe im viktorianischen London, die ich auf jeden Fall weiterverfolgen werde. Wer originelle Figuren abseits von Genreklischees, interessante, verschachtelte Kriminalfälle und eine detaillierte historische Kulisse mag, wird mit “The Yard” sicherlich zufrieden sein. Mir persönlich war einiges zu blutig und das Ende wirkte, aufgrund einiger Zufälle und dank der Täter, die sich nicht immer logisch verhalten haben, etwas rasch abgehandelt, doch trotzdem hat mir der Roman gut gefallen und ich bin sehr gespannt, wie es mit Inspector Day, Hammersmith und Dr. Kingsley im zweiten Band weitergehen wird, den ich mir direkt zugelegt habe, damit ich gleich weiterlesen kann. Von mir gibt es daher eine Empfehlung für einen überzeugenden historischen Thriller, der trotz einiger Macken unterhält und Lust auf mehr macht.


BIBLIOGRAPHIE

The Yard | Murder Squad #1 | Penguin, 2013 | 9780241958919 | 583 Seiten | Englisch

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