“Grotesque” von Page Morgan

Als die junge Ingrid nach Paris kommt, um sich von einem Skandal in der Londoner High Society zu erholen, ahnt sie noch nicht, was ihr bevorsteht: Erst verschwindet ihr Zwillingsbruder Grayson spurlos, und dann wird die Stadt von einer Reihe geheimnisvoller Todesfälle erschüttert. Ingrid macht sich auf die Suche nach Grayson und gerät plötzlich ins Visier höllischer Mächte. Hilfe bekommt sie von dem ebenso schönen wie missmutigen Luc. Was Ingrid nicht weiß: Luc ist ein Gargoyle, und sein Schicksal ist untrennbar mit Ingrids verbunden …


MEINE GEDANKEN

Ich möchte euch von diesem Buch erzählen. Es ist lang her, dass ich es gelesen habe und ich habe es auch schon auf Goodreads rezensiert, aber es ist eines dieser Bücher, die einen aus wenig schönen Gründen nicht mehr loslassen und deshalb braucht es seinen eigenen Eintrag hier. Ich habe Leser.innen dieses Buch als großartigen Jugendhorror beschreiben sehen, also vielleicht wäre es ja sogar doch noch was für jemanden von euch. Man darf sich aber wirklich keinen guten historischen Roman erwarten, damit das aufgeht. Auch keinen mittelmäßigen, denn dieses Buch ist, zumindest als Histo, einfach irgendwie, ganz böse gesagt, es tut mir leid, ein Witz.

Wie immer, wenn ich einen Histo-Rant schreibe, weise ich natürlich darauf hin, dass ich nicht wissen kann ob und wie viel die Autorin für dieses Buch recherchiert hat, denn ich war ja nicht dabei, als sie es geschrieben hat. Ich kann nur sagen, wie das Buch auf mich wirkt. Und es wirkt, als hätte Page Morgan einfach ein paar Schlüsselwörter gegoogelt und es dabei und bei Halbwissen aus historischen Hollywoodfilmen belassen. Das muss nicht so gewesen sein, denn manchmal kann man großartige Recherche leisten, die sich dann auf dem Weg in den Roman verliert. Oder Autor.innen ändern mit voller Absicht etwas und habe gute Gründe dafür, die den Leser.innen dann aber nebulös bleiben. Oder man ist einfach nicht die Zielgruppe, wenn man einen guten historischen Roman sucht.

Das hier ist zu aller erst ganz klassische YA-Romantasy und wer das mag, könnte mit “Grotesque” eine wahre Freude haben, denn Page Morgan nimmt alle Klischees mit und bis auf ein paar Ausnahmen macht sie das auch nichtmal schlecht. Ich frage mich dann halt aber einfach, wieso der Roman historisch sein musste, denn im modernen Paris hätte diese Geschichte auch, sogar besser, funktioniert. Ich tippe darauf, dass Morgan vielleicht den Vintage-Glamour und die Romantik des fin de siècle wollte, aber eben ohne die Schattenseiten und vor allem ohne die Einschränkungen, die diese Epoche ihren beiden jungen Heldinnen, Iris und Gabby, auferlegt hätte, denn natürlich benehmen sich beide Mädchen, Britinnen des neunzehnten Jahrhunderts, wie moderne amerikanische Teenager.

DAS ROTE KLEID WAR DER LETZTE TROPFEN

Dieser Roman ist historisch so durch und durch fragwürdig, dass es mir ein bisschen weh getan hat. Im Moment laufen ja einige, sehr interessante Debatten dazu, inwieweit man die Vergangenheit fiktionalisieren sollte und vor allem wie. Ich möchte hier jetzt gar nicht die “Das ist nicht historisch korrekt”-Schwarte bringen, ihr wisst, dass ich an historische Korrektheit sowieso nicht glaube. Was ich aber von historischen Romanen erwarte, ist, dass die Autor.innen ein Verständnis für die Epoche und ihren Zeitgeist mitbringen. Es muss nicht jedes Detail penibel stimmen, aber ich möchte die Illusion verkauft bekommen, dass das hier das Paris von 1899 sein könnte. Ich möchte, schlicht gesagt, verzaubert werden und ein rundes, detailliertes, halbwegs authentisches Setting lesen. Diese Illusion kann “Grotesque” aber nicht liefern.

Wäre “Grotesque” ein Film, wäre es einer von der Sorte, in denen die Schauspielerinnen glamouröses, aber modernes Make-Up tragen und die Kostüme glitzern, extravagant und wunderschön sind, aber alles andere als authentisch. Ich habe das Gefühl, dass Page Morgan hier gar nicht wirklich versucht hat, das Paris von 1899 aufleben zu lassen, denn es fehlt an allen Ecken nicht nur an Zeitgeist und dem Verständnis für diese Epoche und ihre Menschen, es fehlt auch an groben Details, die eine kurze Googlesuche hätte klären können und ihr wisst, wie sehr ich das hasse. Paris 1899 wird zum Beispiel durchgehend als düster, unheimlich und verworren mit engen Kopfsteinpflastergassen beschrieben. Paris 1899 hatte aber die große Renovierung durch Haussmann bereits hinter sich: Breite Boulevards, die berühmten Sandsteinhäuser, das alles gab es schon – und elektrisches Licht.

Die Belle Époque steht für Licht, saubere Straßen und Fortschritt. Das ist kein Insiderwissen, sondern der Fakt zu dieser Epoche, den man als erstes lernt, wenn man sie recherchiert. Und sowas stört mich, weil es meiner Illusion Risse gibt. Genauso wie das durch und durch moderne Verhalten der Figuren. Ingrid und Gabbys Mutter, eine britische Adelige, möchte eine Kunstgalerie in einem alten Pariser Kloster eröffnen. Damit könnte ich noch leben, wenn ich davon ausgehe, dass die Waverlys einfach extrem fortschrittlich sind. Aber beide Töchter laufen ständig, auch spät nachts, ohne Gouvernante frei durch Paris und keinen stört’s. Die 15-jährige Gabby donnert sich auf, indem sie ein sexy rotes Kleid anzieht, um ihren älteren Lover zu treffen. Es sind diese Dinge, die die Illusion von Paris 1899 kaputt machen.

Links: Abendkleid, House of Worth, 1899 | Mitte: Die Wyndham-Schwestern, John Singer Sargent, 1899 | Rechts: Nachmittagskleid, Jacques Doucet, 1899 | Quelle: Met Museum

Die Sache ist, ich finde sexy rote Kleider, wenn ich schnell google, klar. Das rote Abendkleid ist tatsächlich Pariser Haute Couture aus dem Jahr 1899. Aber: Es wäre nie und nimmer von einer 15-jährigen getragen worden. Die Farbe und vor allem der freizügige Schnitt sind sehr laute Symbole dafür, dass die Trägerin eine unkonventionelle, selbstständige junge Frau war – tatsächlich sind diese schulterlosen Kleider in selbstbewussten Farben um 1900 große Abendmode an “new women” – Frauen, die alte Ideale ablehnen. Selbst die skandalösen, berühmten Wyndham-Schwestern (Mitte) tragen keine Kleider, die so reinhauen, wenn ihre Abendmode auch ebenfalls fortschrittlich ist. Das Kleid rechts ist ebenfalls Haute Couture von 1899. Ein typisches Designerkleid, das man tagsüber trug: Hochgeschlossen, lange Ärmel, aufregend gestaltet, aber doch eher konservativ und wohl das, was der Großteil der High Society getragen hätte.

Wieso fixiere ich mich jetzt so auf dieses rote Kleid, das nur einmal erwähnt wird? Es steht für mich einfach für das gesamte Verständnis dieses Romans für die Belle Époque. Page Morgan nimmt einige Klischees mit: Die Familie muss London verlassen, weil Ingrid einen Skandal ausgelöst haben soll (der übrigens sehr an den Haaren herbeigezogen wirkt), und es gibt immer wieder Verweise auf Die Etikette(tm), ohne, dass sich die Epoche wirklich lebendig anfühlt. Besonders Gabby, die mit ihren 15 Jahren als feurige junge Dame dargestellt wird, fand ich mehr als inauthentisch, weil sie für die Menschen 1899 noch nicht als Erwachsene gegolten hätte. Das große Bild ist einfach, dass Page Morgan uns das Leben zweier adeliger junger Britinnen 1899 als glamourös und voller Exzesse zeigt, ohne die komplexe Lebensrealität eines solchen Mädchens auch nur zu streifen. Und das reicht nicht für einen guten historischen Roman.

WENN MAN VON LOVE TRIANGLES NICHT GENUG BEKOMMEN KANN

Auch handwerklich finde ich “Grotesque” darüber hinaus wirklich… grotesk. Es gibt nicht ein Love Triangle, sondern zwei. Beide Mädchen haben zwei Love Interests und können sich nicht entscheiden. Dazu kommt, dass einer von Gabbys Verehrern bereits über zwanzig ist und als aggressiv und Gabbys Grenzen nicht beachtend dargestellt wird. Das ist aus offensichtlichen Gründen problematisch, Gabby ist erst fünfzehn Jahre alt. Es gibt außerdem zu viele Perspektivsprünge, die die Spannung komplett flachfallen lassen. Ingrid fragt sich, wo ihr Bruder Grayson hin verschwunden ist und verbringt die Hälfte des Romans damit, nach ihm zu suchen, während die Leser.innen direkt in Kapitel Zwei erfahren, wo Grayson ist und was er dort macht, denn der Roman springt in seine Perspektive.

Die Handlung ist originell, das muss ich dem Roman lassen, aber mehr als abenteuerlich. Es gibt Gargoyles, die Paris beschützen müssen. Es gibt mehrwürdige, vampirartige Wesen. Es gibt einen ganzen Handlungsstrang, in dem Gabby zu einer Art historischer Ghost Buster wird. Es ist wild, ein bisschen sehr auf der trashingen Seite, aber ehrlich? Das hätte mir wirklich großen Spaß machen können, wäre der historische Hintergrund nicht einfach eine Glitzer-Vintage-Kulisse, sondern ein bisschen komplexer und authentischer geraten und die vier Liebesgeschichten (Ich meine, wow) nicht voller ungleicher Machtverhältnisse und der bekannten toxischen Muster, die sich durch YA-Liebesgeschichten ziehen.

Der Schreibstil ist das einzige, das mir wirklich gut gefallen hat. Er ist blumig und dicht, liest sich tatsächlich ein bisschen poetisch und die Beschreibungen sind wunderschön, auch, wenn sie oft ein Paris beschreiben, das es so nie gegeben hat und schon gar nicht 1899. Ein bisschen liest sich “Grotesque”, als wären “Moulin Rouge!” von 2001 und Disneys “Der Glöckner von Notre-Dame” mit großer Geschwindigkeit kollidiert. Vor allem liest der Roman sich wie historische Fiktion für Leser.innen, die eigentlich keine historische Fiktion mögen. Page Morgan bedient das Bild von schickem Vintage-Glamour mit schönen Kleidern, durchtanzten Ballnächten und Skandalen für reiche, viktorianische Mädchen, aber sie hält sich nicht mit komplexen gesellschaftlichen Mustern und Zeitgeist auf. Wer auch nur ein bisschen etwas über die Belle Époque weiß und das in diesem Roman sucht, wird enttäuscht werden.

MEHR ALS ÄRGERLICH, WEIL…

Was mir am Ende eben wirklich nicht gefällt ist, dass Romane wie diese gerade bei jungen Leser.innen ein sehr künstliches, falsches Bild von Geschichte erzeugen. Wenn man eine Epoche nicht gut kennt, vertraut man für gewöhnlich darauf, dass Autor.innen von historischer Fiktion sich schon Mühe gegeben haben. Ob Page Morgan sich Mühe gegeben hat, weiß ich nicht. Ich weiß aber, das “Grotesque” von Ignoranz gegenüber seinem Genre und der Belle Époque trieft und, dass es obendrauf sehr problematische YA-Tropes mitnimmt, die ich auch in einem Roman, der im modernen Paris spielt, katastrophal finden würde. Was ich immer so schade finde ist, wenn Potential da ist und ja, das ist da: Der Schreibstil ist toll und die Geschichte hätte ein wildes Trashfest im besten Sinne werden können, hätte Page Morgan genutzt, was die Epoche zu bieten hat, anstatt moderne Held.innen in ein künstlich wirkendes historisches Paris zu schreiben.

Ich kann diesen Roman deshalb wirklich nicht empfehlen. Nicht an Leser.innen, die historische Urban Fantasy mögen, weil der historische Teil nicht nur vollkommen inauthentisch und ignorant wirkt, sondern tatsächlich in schönster Hollywood-Manier die “romantische” Glamour-Ästhetik des historischen Paris’ präsentiert, ohne, dass sich mit dieser Gesellschaft und der Zeit an sich auch nur annähernd komplex beschäftigt wird. Auch Leuten, denen der historische Teil völlig egal ist, die aber Romantasy mögen, kann ich das Buch nicht guten Gewissens empfehlen. Ja, die Autorin nimmt die gängigen Klischees mit und das nicht immer schlecht. Aber besonders die toxischen Beziehungsmuster in diesem Roman machen mir Bauchschmerzen. Am Ende rate ich euch natürlich nicht davon ab euch euer eigenes Bild zu machen, falls ihr Interesse an diesem Buch habt, aber mir hat “Grotesque” überhaupt nichts gegeben – im Gegenteil. Es sucht mich immer noch heim, weil so viel daran mir nicht gefallen hat.


BIBLIOGRAPHIE

Grotesque | The Dispossessed #1 | Heyne, 2014 | 978-3-641-12253-9 | 462 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Kirsten Borchardt | Amerikanische OA: The Beautiful and the Cursed, 2013

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