“The Cursed Wife” von Pamela Hartshorne | Englisch

Mary is content with her life as wife to Gabriel Thorne, a wealthy merchant in Elizabethan London. She loves her husband and her family, is a kind mistress to the household and is well-respected in the neighbourhood. She does her best to forget that as a small girl she was cursed for causing the death of a vagrant child, a curse that predicts that she will hang. She tells herself that she is safe. But Mary’s whole life is based on a lie. She is not the woman her husband believes her to be, and when one rainy day she ventures to Cheapside, the past catches up with her and sets her on a path that leads her to the gibbet and the fulfilment of the curse.


MEINE GEDANKEN

Cat sees the world not through a window as others do, but in a looking glass that reflects back what she wishes to see.

Ich weiß nicht, ich weiß nicht… Mochte ich dieses Buch? Mochte ich es nicht? Ich kann es ehrlich gesagt nicht wirklich sagen. Es ist ein sehr komplexer, sehr ungewöhnlicher historischer Roman, das auf jeden Fall. Aber ist es ein Roman, der mir gefallen hat? Ich kann nicht behaupten, dass es Spaß gemacht hätte, dieses Buch zu lesen. Die Emotion, die ich am ehesten gefühlt habe, fast in jedem Kapitel, war Wut und hin und wieder war das einfach sehr unangenehm. Das macht ein Buch natürlich nicht schlecht, aber Unterhaltung ist das dann eben auch nicht.

CHARAKTERSTUDIE & EINBLICK IN EINE EPOCHE

Mein größtes Problem mit diesem Roman hat einen Namen: Cat. Cat ist neben Mary eine von zwei Ich-Erzählerinnen und sie ist durch und durch egozentrisch und selbstsüchtig. Ich habe Cat gehasst. Hass ist ein starkes Wort, klar, aber es ist nunmal so. Ja, Cat passieren viele furchtbare Dinge und ich hatte Mitleid mit ihr. Aber ich habe sie trotzdem gehasst. Wie sie Mary und die anderen Menschen in ihrem Umkreis behandelt und vor allem wie sie die Schuld immer bei anderen sucht und nicht in der Lage ist, Verantwortung für ihre eigenen Taten zu übernehmen, hat mich immer wütender gemacht.

Am Ende ist das genial. Pamela Hartshorne ist eine großartige Geschichtenerzählerin. Sie erzählt hier die Geschichte von zwei Frauen, deren Leben auf’s Düsterste miteinander verbunden sind, und am Ende ist „The Cursed Wife“ eine recht spannende Studie der Epoche, in der es spielt und vor allem auch eine Charakterstudie beider Frauen. Cat und Mary beginnen ihr Leben auf exakt derselben gesellschaftlichen Ebene: Als Töchter von wohlhabenden Gentlemen. Mary aber verliert ihre Stellung mit nur sechs Jahren und wird zu Cats Zofe, während Cat die verwöhnte, anspruchsvolle Tochter eines Adeligen bleibt.

Es geht viel um Privilegien und den verantwortungsvollen Umgang mit ihnen. Cat glaubt, dass sie allein durch ihre Geburt einen Anspruch auf Reichtum und Sicherheit hat. Obwohl beide Mädchen eigentlich aus derselben gesellschaftlichen Schicht stammen, sieht sie in Mary nichts als eine Bedienstete und, als Mary ihr Glück beim Schopf packt und einen wohlhabenden Kaufmann heiratet, tut Cat, die mittlerweile durch ihre eigenen Entscheidungen selbst verarmt ist, alles, um Mary dieses Glück kaputt zu machen, weil sie überzeugt ist, Mary hat es nicht verdient.

Ich fand das extrem interessant, ich fand es aber auch durch und durch frustrierend, dass Cat nicht in der Lage war zu erkennen, dass nicht Mary an ihrem Unglück Schuld ist, sondern sie selbst. Es ist am Ende Cats Selbstsucht, ihr Neid, ihr Anspruchsdenken und vor allem ihr Unvermögen Verantwortung zu übernehmen, was dafür sorgt, dass nicht nur ihr Leben, sondern auch Marys aus den Fugen gerät. Allerdings ist auch Mary keine Heilige. Mary ist eine Antiheldin. Sie lügt, sie betrügt, sie trägt viele Geheimnisse und viel Schuld mit sich, doch im Gegensatz zu Cat weiß sie, dass das ihre Verantwortung ist und nicht die anderer Menschen. Mary habe ich, im Gegensatz zu Cat, sehr gemocht.

ZWISCHEN KOMPLEXER GESCHICHTE UND REISSERISCHEN TROPES
(CW: Sexuelle Gewalt)

Und dieses Konzept war extrem spannend. Nicht so spannend fand ich leider die Umsetzung. Nicht falsch verstehen, der Roman reißt mit: Ich habe ihn in zwei Sitzungen durcheskaliert, weil ich wissen musste, wohin dieses Aufreiben aneinander dieser beiden Frauen führen wird und in der zweiten Hälfte passiert so viel, das ich nicht vorausgesehen hätte, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen. Aber im Nachhinein finde ich schade, dass Cats Potential nicht so sehr genutzt wurde, wie es möglich gewesen wäre. Ihre Boshaftigkeiten und ihre Versuche Mary zu sabotieren lesen sich irgendwie lasch, weil man trotz der Ich-Perspektive kaum versteht, warum genau sie so ist, wie sie ist und das alles tut. Sie tut es einfach.

Am Ende wusste ich einfach nicht, was genau der Roman jetzt will. Ja, er ist eine Charakterstudie von Mary und Cat und er ist vor allem ein Blick darauf, wie besonders Frauen im sechzehnten Jahrhundert nicht viel mehr waren als Spielbälle, deren gesellschaftlicher Stand sogar für adelige Mädchen wie Cat und Mary immer in Gefahr war. Aber darüber hinaus? Was soll ich hier mitnehmen? So ganz klar geworden ist es mir leider nicht und am Ende wirkte „The Cursed Wife“ dann auch beinahe ein bisschen zu reißerisch und, ja, platt, um seine guten Botschaften zu Privilegien und Verantwortung wirklich wirken zu lassen.

In diesem Sinne muss ich auch erwähnen, dass auch hier leider Genretropes breitgetreten werden, die dem Roman überhaupt nicht gut stehen. Zum Beispiel erleben Cat und Mary beide sexuelle Gewalt und die wird dargestellt, als wäre es etwas gewesen, das für Frauen eben zum Leben dazu gehörte. Mary wird als Siebzehnjährige mehrmals brutal vergewaltigt und, während sie im weiteren Verlauf der Geschichte, die sich über knapp dreißig Jahre erstreckt (nicht chronologisch, sondern mithilfe von Rückblenden), auch zeigt, dass sie das Trauma nicht verarbeitet hat, fand ich die reißerische Beschreibung der Übergriffe mehr als unnötig.

Auch Cat wird von ihrem ersten Ehemann missbraucht und gedemütigt und am Ende steht wieder die Annahme im Raum, dass das für Frauen in der Vergangenheit „normal“ war und diese Annahme ist hässlich. Es gelingt Pamela Hartshorne sehr gut und auch authentisch darzulegen, welche Macht einflussreiche Männer über die Frauen in ihrem Leben hatten, aber das wäre ihr auch ohne die sehr reißerische, sehr platte Darstellung von sexueller Gewalt gelungen. Ja, mir ist aufgefallen, dass die Missbrauchszenen detailliert beschrieben sind, während Sex mit Consent in beiden Perspektiven meist nichts weiter ist als ein Halbsatz, der darauf hinweist, dass man miteinander geschlafen hat. Was soll das?

“SO WAR DAS HALT!” – HOW ABOUT NO
(CW: Queerphobie)

Leider springt auch dieser Roman mal wieder mit Anlauf in die Klischeefalle, was queere Figuren angeht, denn natürlich ist Cats kaltherziger, grausamer, merkwürdiger Ehemann queer und hat sexuelles Interesse an Frauen und Männern. Natürlich. Cat bezeichnet das dann auch als den Beweis, dass ihr Ehemann vor keiner Verdorbenheit zurückschreckt und auch ansonsten ist sie nicht selten queerphob. Ja, Cat ist eine negative Figur. Ihre Queerphobie riecht aber schon stark nach „So dachten die damals halt“ und das ist ebenfalls eine gefährliche Normalisierung dieser Diskriminierung, denn dieser Roman ist für moderne Leser.innen.

Historische Romane sind sich nicht zu schade, Queerness als antagonistische Kraft herzunehmen, als Abweichen vom „Normalen“, das deshalb schlecht ist. Was sie nie tun, ist queere Figuren positiv darzustellen. Machen sich diese Autor.innen nicht bewusst, dass auch queere Leser.innen ihre Bücher lesen werden? Ist es ihnen egal, dass ihre zweifelhaften Darstellungen von queerer Vergangenheit einen direkten Einfluss darauf haben, wie moderne Leser.innen Queerness sehen und wahrnehmen? Ich weiß es nicht, aber es ist so unendlich schade, dass selbst so ein ungewöhnlicher historischer Roman wie dieser sich mit Nachdruck in dieses Klischee wirft.

Pamela Hartshorne hatte die Möglichkeit, die Boshaftigkeit des Ehemanns mit der Figur Daniel auszugleichen: Daniel ist ein Bediensteter, der aus Gründen, die ich nicht verstehe, aber bitte, in Cats Ehemann verliebt ist. Was man alles hätte machen können! Sie hätte Daniel ebenfalls als Opfer eines reichen Mannes darstellen können, denn als armer Bediensteter ist Daniel ebenfalls auf die Gunst dieses Mannes angewiesen. Stattdessen nutzt sie Daniel halbherzig als Antagonisten, der versucht Cat und Mary zu erpressen und dann einfach von der Bildfläche verschwindet und nie wieder erwähnt wird, als das nach ein paar Seiten direkt scheitert. Buh!

Im Histo-Genre ist sexuelle Gewalt leider immer noch ein viel genutztes Trope, mit dem reißerisch die Handlung vorangetrieben wird, und queere Figuren werden als Schockelement und interessantes Novum hergenommen, mit dem oft – wie in diesem Fall – nochmal unterstrichen wird, wie „unnormal“ und deshalb verkommen so ein Bösewicht wirklich ist. Und nein, ich glaube nicht, das Pamela Hartshorne selbst eine homophobe Person ist. Ich glaube aber, dass sie, wie viele Histo-Autor.innen, Tropes wie dieses nutzt, ohne über die Folgen für moderne Leser.innen nachzudenken, mit der Rechtfertigung: „Damals dachten die halt so.“ Aber das ist viel zu einfach gedacht.

EIN WIDERSPRUCH IN SICH

Am Ende nehmen diese müden, problematischen Tropes „The Cursed Wife“ einiges weg. Dieser Roman ist düster, er ist spannend, er ist originell. Er nimmt mit in das späte Tudorengland und erzählt die Geschichte von zwei Frauen, die dieselben Voraussetzungen haben, aber ihrer Gesellschaft ausgeliefert sind und deshalb ganz verschiedene Wege einschlagen, aber trotzdem auf ewig verbunden sind. Er erzählt eine Geschichte von Privilegien und Verantwortung – und das ist dann am Ende ein bisschen bitter, weil die Autorin ihre Verantwortung gegenüber ihren Leser.innen anscheinend genauso wenig erkannt hat, wie Cat ihre Verantwortung gegenüber Mary.

Ist „The Cursed Wife“ lesenswert? Ja, wenn man sich dieser Tropes bewusst ist und sich trotz ihnen auf diesen Roman einlassen möchte. „The Cursed Wife“ ist am Ende aber einfach ein Widerspruch in sich. Alles an ihm ruft „Unterhaltungsroman“, aber wirklich unterhaltend ist es nicht, Cat dabei zuzusehen, wie ihre Ichbezogenheit alles kaputt macht. Die Ungerechtigkeit in diesem Roman macht betroffen und wütend, immer und immer wieder, die Geschichte ist komplex – aber die Tropes sind mal wieder hungrig und die reißerische Darstellung von sexueller Gewalt ist geschmacklos und platt.

Und deshalb weiß ich nicht, ob ich dieses Buch jetzt mag oder nicht. Ich bin gespannt darauf, wie Pamela Hartshornes andere Romane sind, denn sie ist eine sehr gute Geschichtenerzählerin, aber gleichzeitig bin ich nicht sicher, ob ich die Art, wie sie erzählt genug mag, um es noch einmal mit einem Buch von ihr zu versuchen, denn, wenn in ihrem neusten Roman diese alten Tropes ausschweifend genutzt werden, dann wird das in ihren älteren Büchern sicherlich nicht anders sein. Und ehrlich gesagt, ich wünschte, das würde aus Histos endlich mal verschwinden. Es wäre Zeit, historische Romane für alle Leser.innen zugänglich zu machen, ohne, dass staubige Tropes das Lesevergnügen einschränken. Deshalb ist auch meine Empfehlung eingeschränkt.


BIBLIOGRAPHIE

The Cursed Wife | Macmillan, 2018 | 9781509859320 | 480 Seiten | Englisch

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