Rezensionen

“That’s Not What Happened” von Kody Keplinger | Englisch

It’s been three years since the Virgil County High School Massacre. Three years since my best friend, Sarah, was killed in a bathroom stall during the mass shooting. Everyone knows Sarah’s story — that she died proclaiming her faith. But it’s not true. I know because I was with her when she died. I didn’t say anything then, and people got hurt because of it. Now Sarah’s parents are publishing a book about her, so this might be my last chance to set the record straight . . . but I’m not the only survivor with a story to tell about what did — and didn’t — happen that day. Except Sarah’s martyrdom is important to a lot of people, people who don’t take kindly to what I’m trying to do. And the more I learn, the less certain I am about what’s right. I don’t know what will be worse: the guilt of staying silent or the consequences of speaking up . . .


MEINE GEDANKEN
(CW für den Roman: Tod, PTBS, Trauma)

In “That’s Not What Happened” nimmt sich Kody Keplinger einem sehr ernsten, schwierigen Thema an: Ein Amoklauf in einer amerikanischen High School und die Folgen stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Damit ist dieses Buch leider sehr aktuell. Immer noch hört man alle paar Wochen von einem weiteren Massaker in einer amerikanischen Schule, immer wieder gibt es großen Medienrummel rund um school shootings und die viel zu laschen Waffengesetze in den USA, die sie ermöglichen. Damit setzt sich “That’s Not What Happened” auseinander, aber auch mit Themen, die damit eng zusammenhängen: Medieninteresse, Aktivismus, Survivor’s Guilt, Trauerbewältigung, Religion, PTBS und der gesellschaftliche Umgang mit Amokläufen stehen im Fokus.

Ich bin bereits Anfang des Jahres über diesen Roman gestolpert, war aber unsicher, ob ich ihn lesen sollte, denn Kody Keplinger ist mir als Autorin des leider sehr problematischen “Von wegen Liebe” (verfilmt als “The DUFF”) in Erinnerung geblieben. Allerdings war Kody Keplinger selbst noch ein Teenager, als sie “Von wegen Liebe” schrieb und acht Jahre später kann sich viel verändert haben. Und das hat es auch, weshalb ich froh bin, auf Biancas Empfehlung gehört zu haben. Denn “That’s Not What Happened” ist ein großartiges Buch, das mit dem schwierigen Thema Amoklauf sehr respektvoll und sensibel umgeht. Der Roman beruht zum Teil auf der wahren Geschichte von Cassie Bernall, die beim Columbine-Amoklauf starb, und Valeen Schnurr, doch Kody Keplinger gelingt es, die wahre Geschichte genug zu fiktionalisieren, dass die reale Basis nicht sensationalisiert wirkt, sondern eher als Anstoß für diesen schwierigen, aber wichtigen Diskurs, den dieser Jugendroman führt.

MEDIENSPEKTAKEL, ROMANTISIERUNG & GUN VIOLENCE

Im Kern ist “That’s Not What Happened” eine Geschichte darüber, wie wichtig es ist, Betroffenen eine Stimme zu geben. Und der Roman macht wütend, denn diejenigen, die den Amoklauf tatsächlich miterlebt haben, Ich-Erzählerin Lee, ihre Freunde, und die Außenseiterin Kellie, sind am Ende diejenigen, denen die Stimme und das Recht, ihre Wahrheit zu erzählen, genommen werden. Stattdessen wird die Narrative des Massakers an der Virgil County High School durch die Eltern der ermordeten Sarah gelenkt, denen das Festhalten an einer unwahren Geschichte über ihre Tochter wichtiger ist, als die Wahrheit und das Wohl der überlebenden Opfer. In “That’s Not What Happened” steckt eine sehr kraftvolle Botschaft über Macht, Agency und den Umgang unserer Medien und unserer Gesellschaft mit Tragödien, aber auch dazu, ob die Wahrheit immer wichtig ist und warum.

Die Medien stürzen sich auf die Geschichte von Sarah, Lees bester Freundin, die im Angesicht des Todes ihren Glauben ausgesprochen haben soll. Nur Lee weiß, dass das nicht stimmt, denn sie war bei Sarah, als sie gestorben ist. Drei Jahre später wollen Sarahs Eltern ein Buch über ihre Tochter schreiben, die als Märtyrerin gilt und deren Kreuzhalskette ein Symbol für Hoffnung geworden ist. Lee, getrieben von Schuldgefühlen, möchte nun endlich die Wahrheit sagen, doch sie muss bald feststellen, dass niemand die Wahrheit hören will. Keplinger gelingt es, diesen Konflikt sehr klar zu umreißen und ich war teilweise so wütend, dass meine Hände gezittert haben. Denn der hier beschriebene Umgang mit Lee als Überlebender, die tiefe, psychische Narben davongetragen hat, ist leider sehr realistisch. Lee ist machtlos, denn sie kommt gegen das Narrativ der christlichen, mutigen Sarah nicht an, obwohl das nicht die Wahrheit ist und der echten Sarah kaum gerecht wird.

[Sarahs] last moments were not brave or heroic, we were scared little girls in a bathroom stall, and that does not change how much her life mattered.

Auch darüber hinaus ist “That’s Not What Happened” sehr authentisch und vor allem aktuell: Der Umgang mit dem Massaker erinnert stark an die Reaktionen auf den Amoklauf in Parkland, Florida im Februar 2018, nach dem die jugendlichen Überlebenden begannen, sich für schärfere Waffengesetze einzusetzen. Kody Keplinger schreibt über Menschen, die glauben, die Überlebenden seien bloß engagierte Schauspieler.innen gewesen, sie schreibt über Menschen, denen ihr Recht auf Waffenbesitz wichtiger ist, als das Leben von Kindern und Jugendlichen, sie schreibt über Menschen, die sich scheinheilig an die Geschichte der hübschen, mutigen, toten Sarah klammern und Überlebende, die eine weniger schöne, romantisierte Geschichte erzählen, belästigen, beschimpfen und kleinzureden versuchen. Mit viel Fingerspitzengefühl gelingt es ihr, all diese schwierigen Themen in knapp 300 Seiten zu behandeln.

“That’s Not What Happened” ist ein sehr klar gezeichnetes Portrait der Situation in den USA in den 2010er Jahren, das nicht nur die Scheinheiligkeit vieler Menschen kritisiert, sondern auch den reißerischen Umgang mit Amokläufen und das Problem, wer die Narrative nach einer Tragödie lenken darf und wer gezwungen wird, zu schweigen. Sehr gelungen fand ich in diesem Kontext, dass Kody Keplinger auf den Täter kaum bis gar nicht eingeht. Nicht einmal sein Name wird erwähnt. Stattdessen liegt der Fokus auf den Opfern und Überlebenden, die oft vergessen werden, während Täter.innen romantisiert werden. Keplinger lässt ihre Leser.innen eine emotionale Bindung zu allen Opfern aufbauen und verurteilt die Entschuldigungen und Ausflüchte, die von den Medien oft genutzt werden, um die Täter.innen tragisch und interessant wirken zu lassen, sie zeigt auf, wessen Geschichte wirklich erzählt werden sollte.

SECHS ÜBERLEBENDE, SECHS WAHRHEITEN?

“That’s Not What Happened” ist ein sehr wichtiges Buch für 2018 und ich hoffe, dass es viele Leser.innen finden wird, auch, wenn es ein schwieriges Buch ist, voller schwieriger Themen, die betroffen und wütend und auch traurig machen.. Es ist eine sehr authentische Geschichte über Trauma und Schuld, denn auch drei Jahre nach dem Amoklauf begegnen Lee im alltäglichen Leben noch immer Trigger. Sie sucht sich zum Beispiel immer Fluchtwege heraus, wenn sie einen Raum betritt, spielt im Kopf durch, was sie tun würde, wenn jemand eine Waffe ziehen würde. Lee weiß außerdem, dass das niemals ganz weggehen wird und hat sehr düstere Gedanken über den Tod, Anxiety und PTBS. Das ist schwer zu lesen, aber es ist authentisch und wichtig.

Dazu kommt der gute Umgang mit Themen wie Rassismus, Ableismus und Sexualität. Einer der Überlebenden, Denny, ist schwarz und blind und kritisiert, dass die Medien ihn deshalb auf eine “inspirierende” Geschichte reduziert haben. Denny will niemanden inspirieren oder als Held gefeiert werden und hier fand ich gut, dass Keplinger seine Stimme nicht nur durch Ich-Erzählerin Lee filtert, sondern Denny selbst in eingebundenen Briefen an Lee zu Wort kommen lässt. Das macht sie mit allen Figuren und das ist ein extrem wirksames Stilmittel in einem Roman, der davon handelt, wer eine Stimme bekommt und wer nicht. Wir bekommen im Verlauf des Romans die Perspektive aller sechs Überlebenden auf den Amoklauf und alle sechs Wahrheiten unterscheiden sich stark voneinander, ergeben aber am Ende ein komplettes Bild von dem, was passiert ist.

Und dann ist da Lee selbst: Lee ist asexuell und Lee ist die erste asexuelle Protagonistin, die ich lesen durfte, die ich authentisch fand. Ich weiß nicht, ob “That’s Not What Happened” ein Own-Voices-Roman ist, aber falls nicht, hat Kody Keplinger sehr gut recherchiert. Lee erklärt ihre Asexualität schön, sodass auch Leser.innen, die sich damit nicht auskennen, sie verstehen können und ihre Ängste und Zweifel sind sehr authentisch, besonders ihre Angst vor Ablehnung. Als sie sich verliebt, traut sie sich nicht, sich darauf einzulassen, weil sie Angst hat abgelehnt zu werden, weil sie keinen Sex möchte. Wie Keplinger mit dieser Situation umgeht, hat mir gut gefallen, denn sie beschreibt Lees Ängste behutsam und realistisch und in Hinblick darauf, wie wenige Bücher mit asexuellen Held.innen es gibt, würde ich “That’s Not What Happened” für diesen Aspekt empfehlen.

“That’s Not What Happened” ist ein wichtiges Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte, der sich das Thema zutraut. Denn ja, es ist hart, gerade weil es so realistisch ist. Weil es einfängt, was es bedeutet im Amerika der 2010er Jahre ein Teenager zu sein und mit der Gewissheit aufzuwachsen, dass Amokläufe leider keine Seltenheit sind und, dass es vielen Menschen wichtiger ist, eine Waffe tragen zu dürfen, als sie zu verhindern. Dazu kommt das authentische, amerikanische Kleinstadtsetting, das ich so authentisch beschrieben – zwischen Einsamkeit, religiösen Konflikten und Vorurteilen – auch selten zuvor gelesen habe. Am Ende ist “That’s Not What Happened” die Geschichte eines Amoklaufs, aber es ist vor allem die Geschichte der Überlebenden und der Opfer und ihrer Angehörigen und unserem Umgang als Gesellschaft mit diesen Tragödien und den Betroffenen.


BIBLIOGRAPHIE

That’s Not What Happened | Scholastic, 2018 | 9781338186529 | 329 Seiten | Englisch

2 Kommentare

  • Sas

    Huhu Kat,

    nachdem ich deine Rezension gelesen habe, bin ich umso glücklicher darüber, dass “That’s not what happened” letzte Woche auf meinen SuB ziehen durfte. Gut ausgesucht, liebes Herzblatt!

    Mich hat vor allem der Plot an dem Buch gereizt, dass es einen asexuellen Charakter gibt, war mir gar nicht bewusst. Das macht es aber gleich noch einen ganzen Tacken interessanter!

    Ich bin gespannt, ob ich das Buch genauso gut finde wie du. Danke für die Rezension!

    Liebe Grüße
    Sas

    • Katriona

      Hi Sas! Dann hoffe ich mal, dass es dir auch gefallen wird. 😀 Falls du generell solche Bücher magst: “Nur in der Dunkelheit leuchten die Sterne” von Marieke Nijkamp hat auch eine asexuelle Protagonistin. Das Buch liegt zuhause auf meinem SuB, aber seit ich das weiß, möchte ich es am liebsten holen fahren und lesen, obwohl ich es natürlich auch wegen der Handlung gekauft habe. :’D

      Alles Liebe,
      Kat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.