“Der Fluch von Pendle Hill” von Oscar de Muriel

30. Dezember 2018Katriona

Neujahr 1889. In Edinburghs berüchtigter Irrenanstalt ermordet ein gefährlicher Psychopath eine Krankenschwester. Kurz bevor ihm die Flucht gelingt, unterhält er sich mit einer jungen Patientin, die seit Jahren kein Wort gesprochen hat. Wieso hat sie ihr Schweigen gebrochen? Sind die Gerüchte von schwarzer Magie wahr, die in den Fluren der Anstalt kursieren? Inspector McGray geht der Fall sehr nahe, denn die junge Frau ist seine Schwester. Zusammen mit seinem Partner Ian Frey verfolgt er den Mörder durch das ganze Königreich – bis zum Pendle Hill, Sitz der gefürchteten Hexen von Lancashire, wo die beiden genialen Ermittler einem furchtbaren Geheimnis auf die Spur kommen …


Dies ist der zweite Teil einer Reihe. Die Rezension zum ersten Teil, “Die Schatten von Edinburgh“, findet ihr, wenn ihr dem Link folgt. Diese Rezension wird keine Spoiler zu Band Eins enthalten.


MEINE GEDANKEN

Ich weiß gar nicht, was genau ich erwartet habe. Wie ihr vielleicht noch wisst, hat mir Band Eins eher okay gefallen. Oscar de Muriel schreibt gute Krimis. Seine Fälle sind verzwickt und spannend. Aber der Sexismus und besonders das ach so männliche Rumgeblöke von Frey und McGray haben mich jetzt wirklich nicht beeindruckt. Beides fällt einem auch bei “Der Fluch von Pendle Hill” direkt auf den ersten Seiten auf, aber ich habe natürlich auch gar nicht damit gerechnet, dass sich das hier zwischen Band Eins und Band Zwei einfach in Wohlgefallen aufgelöst haben könnte. Trotzdem, man darf ja noch hoffen – gebracht hat’s aber nichts.

DRAUFHAUEN HILFT IMMER?

Und ehrlich, ich muss es nochmal sagen: Wieso müssen sich Frey und McGray auf beinahe jeder Seite anpöbeln? Ja, sie mögen sich nicht. Ja, sie sind komplett verschiedene Typen: McGray ist der harte, ungehobelte Officer, Frey ist ein bisschen sensibler und Modenarr. Der Kontrast zwischen den beiden war in Band Eins mal drei Seiten lang lustig, aber Oscar de Muriel schlachtet ihn immer noch aus und es sind ja auch nicht nur die beiden:

Ständig drohen sich irgendwelche Figuren Gewalt an oder üben welche aus. Lady Anne schlägt ihre Nichte, der Arzt will nur zu gern Lady Anne anschreien und auf den Tisch hauen, Frey befürchtet ständig nicht ganz grundlos, McGray könnte ihm gleich an den Kragen gehen, was dieser auch gern mal tut.

Gewalt ist bei Oscar de Muriel an der Tagesordnung und es nervt halt, besonders mit Blick auf das Setting: Schottland, 1889. Das späte viktorianische Großbritannien hat ja nicht umsonst eine so komplizierte Etikette… Natürlich hat sich nicht jeder immer daran gehalten, aber so, wie sich Gutbürgerliche und Adelige in diesem Roman in einem fort beschimpfen, am Kragen packen und Gewalt androhen… Was ist da los?

Es ist halt, als wäre es Oscar de Muriel sehr viel wichtiger gewesen, einen harten, coolen “Männer”-Krimi zu schreiben, als das historische Setting zu würdigen. Ich habe an sich nicht viel Geduld für dieses mehr als toxische Männlichkeitsgehabe, bei dem es die höchste Beleidigung ist, einander als Frauen zu beschimpfen, aber wenn dabei halt auch jegliches historische Detail mit der Dampfwalze überfahren wird…

Und ja, auch die Frauenfiguren sind wieder nicht so die Höhe. Es ist besser, als in Band Eins, doch: In diesem Roman haben Frauen tatsächlich auch eigene Agency und sind nicht nur nervige Randfiguren, besonders Caroline Ardglass hat mir sogar sehr gut gefallen. Sie ist schlagfertig und steht für sich selbst ein.

Nicht gefallen hat mir jedoch, dass die Frauenfiguren wieder durch Freys Ich-Perspektive gefiltert werden und jedesmal wird uns erstmal das Aussehen beschrieben und bewertet, ob die Frau hübsch ist oder nicht. Selbst bei alten Frauen. Selbst bei einem Mädchen, das durch ihr schweres Trauma in einem Sanatorium lebt. Selbst bei einer Leiche… Es ist natürlich ganz wichtig zu wissen, ob die Frau, mit der Frey gerade redet, attraktiv ist, oder nicht. Da kann man sich schon ein paar historische Details sparen, damit das genug Raum bekommt, kein Ding, cool, cool.

Natürlich ist auch Harrys Eule Hermine das sehr rassistische Klischee einer Wahrsagerin wieder mit dabei: Katerina. Nicht nur schreibt de Muriel Katerina als mehr als stereotype osteuropäische Roma, die natürlich auch mystische Kräfte hat, es ist darüber hinaus einfach extrem albern. Katerina hat nämlich anscheinend schwarzen Nagellack (Nagellack kommt erst in den 1920ern in Mode, schwarzer war jedoch noch lang nicht dabei) und Mascara (ca. 1915 erstmals vermarktet) erfunden, denn beides trägt sie im Jahr 1889.

Das ist einfach, gelinde gesagt, schlecht. Der Medien- und Spiritismustrend war Ende des 19. Jahrhunderts auf seinem Höhepunkt und mir hätte ein richtiges, viktorianisches Medium sehr viel besser gefallen, als diese Karikatur einer Roma, die dann natürlich von Frey für ihr “Anderssein” auch stark gewertet wird.

SCHÖNE DETAILS, ABER WENIG ZEITGEIST

Darüber hinaus hätte ich mir einfach generell mehr 1889 gewünscht und weniger Buddy-Comedy auf tiefstem Niveau. Das hier ist eben doch ein historischer Roman und, wenn Oscar de Muriel das nicht wichtig gewesen wäre, könnten diese Geschichten genauso gut heute spielen. Was mir entschieden fehlt, ist die historische Atmosphäre. Und die fehlt eben vor allem, weil hier alle Figuren vom Arbeiter bis zur Aristokratin die gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit komplett außen vor lassen. Für die viktorianischen Jahre gilt: Was hinter geschlossenen Tür geschieht, geht niemanden etwas an, solang in der Öffentlichkeit der Schein gewahrt wird. Hier gibt es aber gar keinen Schein.

Es wird geschrien, geprügelt und geflucht, am laufenden Band. McGray sagt einer Hochadeligen, sie solle sich “verpissen” und bezeichnet alles und jeden als “Drecksau” und es hat keinerlei soziale Konsequenzen. Und wo kleine Details stimmen, ist das große Ganze oft mehr als zweifelhaft. Figuren sagen und handeln oft gegen viktorianische, gesellschaftliche Normen, die sie kennen müssten. (Frauen gehen zum Beispiel ohne Hut auf die Straße, solche kleinen Sachen, die sich aber ansammeln und das Setting nach und nach immer weniger authentisch wirken lassen.)

Für einige mag das jetzt Erbsenzählen sein, für mich ergibt es einfach keine dichte, historische Atmosphäre – und in einem historischen Roman hätte ich die doch gern. Was hier passiert ist, ist eigentlich sehr typisch für das Genre: Ja, der Autor wird gut recherchiert haben, seine Details stimmen. Aber das Verständnis für seine Epoche, sozialen Umgang miteinander und die feineren Details des Zeitgeistes dieser Zeit fehlen anscheinend.

Vielleicht darf man das von einer Krimikomödie auch gar nicht erwarten. Es ist schon sehr deutlich, dass de Muriel die “harten” Dialoge, Kampfszenen und “coolen” Reitszenen durch Edinburgh wichtiger waren, als historische Authentizität. Schade finde ich es trotzdem, denn die Reihe hat so viel Potential, durch ihr ungewöhnliches Setting und die Figuren, die unter dem Sexismus und der derben Sprache doch interessant sind.

Wäre er nicht so ein übler Sexist, ich würde Ich-Erzähler Ian Frey vielleicht sogar mögen. Er ist ein Dandy, er mag schöne Kleidung, der Kontrast zwischen seinem Ablehnen seiner privilegierten Herkunft und der Anspruchshaltung, die er durch sie entwickelt hat, ist lustig und pointiert. Aber er sieht Frauen trotzdem durch eine sehr sexualisierende Linse, was dem Autor auch anscheinend gar nicht bewusst ist, denn er lässt Ian ja hin und wieder anmerken, wenn andere sexistische Sprache nutzen.

Generell gilt hier, was für die ganze Reihe gilt: Da ist so viel Potential. Ian könnte als Dandy so gut funktionieren, wenn dem Autor dieses Männlichkeitsgehabe nicht so wichtig wäre, als hätte er Angst Männer zu schreiben, die ein bisschen femininer wirken. Genau das hätte Ian aber interessant gemacht (dafür, dass ihm Mode und gepflegtes Auftreten so wichtig sind, beschreibt er sehr selten was andere tragen zum Beispiel), weil es viktorianische (und moderne) Männerbilder und Ideen dessen, wer “Held” ist, gesprengt hätte. Das von dieser Reihe zu erwarten, wäre aber leider mehr als naiv.

GUILTY PLEASURE & GUILTY TRANSLATOR?

“Kat? Wieso liest du diese Reihe denn eigentlich noch, wenn sie dir nicht gefällt?” Das ist es ja. Irgendwie gefällt sie mir am Ende doch, obwohl mir so viel nicht gefällt. “Frey & McGray” ist so ein typisches Guilty Pleasure für mich, in dem Sinne, dass ich weiß, dass sie in vielem problematisch ist, nicht unbedingt historisch authentisch und, dass das Potential, das ich in den Figuren sehe, wohl niemals ganz genutzt werden wird.

Aber, wenn es nicht gerade McGrays sexistische Beleidigungen sind – die Dialoge können verdammt witzig sein und hin und wieder schimmert durch die eher uncoole Fassade des Ich-Erzählers etwas durch, das ich schon fast mögen könnte. Richtig gut gefallen hat mir in diesem Band, wie sich Freys und McGrays Beziehung weiterentwickelt hat – in eine eher negative Richtung, die ich in dieser Form nicht erwartet hätte, die ich aber spannender finde, als wenn sie plötzlich die besten Kumpel würden.

Vor allem aber mag ich Oscar de Muriels verzwickte, komplexe Kriminalfälle und hier leuchten die Romane wirklich, denn wenn er eins drauf hat, dann ist es die makaber-düstere Atmosphäre von viktorianischen Schauerromanen. Frey und McGrays Fälle sind dicht geplottet und erzählt, spannend, ungewöhnlich und vor allem zwingen sie einen geradezu, selbst mitzudenken.

In “Der Fluch von Pendle Hill” wird in einem Edinburgher Sanatorium eine Schwester vergiftet – Täter ist anscheinend der vor Jahren eingewiesene Sohn von Lady Anne, der prompt flieht. Was folgt ist ein Fall, der Frey und McGray wieder in die düstersten Ecken von Edinburgh und darüber hinaus bringt und der erneut mit vielen komplizierten Wendungen gespickt ist und, in bester viktorianischer Gruselmanier, oft zweifeln lässt, ob nicht doch etwas Übernatürliches geschieht. Ich mochte besonders die Beschreibungen vom winterlichen Edinburgh und Lancashire sehr gern und man hat gemerkt, dass de Muriel in der Gegend gelebt hat und sie sehr zu mögen scheint.

Weniger gut finde ich, dass das Wort “asylum” in der deutschen Ausgabe durchgängig mit “Irrenanstalt” übersetzt ist, anstatt mit z.B. Sanatorium. Auch Worte wie “geistesgestört” für das englische “mad” (zum Beispiel) hätte ich gern weniger gesehen. Die Sprache der deutschen Ausgabe ist hier leider deutlich abfälliger, als die des englischen Originals. Nicht alles ist dem Übersetzer anzukreiden, de Muriel kann das auch gut selbst, aber einiges eben schon.

Ich werde den dritten Teil der Reihe dann wohl auch auf Englisch lesen, auch, weil ich das Gefühl habe, in der Übersetzung geht einiges an Witz verloren. Natürlich kann man McGrays schottischen Dialekt im Deutschen nicht ausschreiben, aber das, was ich von den englischen Originalen gelesen habe, wirkte tatsächlich deutlich weniger holprig und unbeholfen, als die deutsche Fassung. Dazu kommt leider, dass die Übersetzung, die zudem noch sehr viel grobere und abfälligere Sprache nutzt, als das Original, sich sehr viel umgangssprachlicher und deshalb weniger viktorianisch liest. Das finde ich extrem schade, weil es die Atmosphäre und die Beziehungen der Figuren doch ziemlich verzerrt.

Alles in allem ist “Frey & McGrey” einfach so ein klassisches Guilty Pleasure: Ich finde vieles nicht gut und sogar problematisch, aber ich möchte die Reihe trotzdem weiterlesen. Einerseits, weil ich hoffe, dass sich ihr Potential mit den Bänden doch noch entfaltet, andererseits, weil mir die Fälle und zum Teil auch die Dialoge so gut gefallen.

Empfehlen würde ich die Reihe vielleicht von mir aus nicht, dafür liegen mir Sexismus und Rassismus im Fall von Katerina zu schwer im Magen. “Frey & McGray” ist nach wie vor nicht die viktorianische Krimireihe für mich, nach der ich weiterhin suche, aber es macht doch Spaß, die Bücher zu lesen, wenn man nicht gerade die Augen verdreht über den groben Umgangston, das Frauenbild oder die mehr als stereotype Darstellung der einzigen nicht-weißen Figur, Katerina.


BIBLIOGRAPHIE

Der Fluch von Pendle Hill | Frey & McGray #2 | Goldmann, 2018 | 978-3-442-48506-2 | 512 Seiten | deutsch | Übersetzer: Peter Beyer | OT: A Fever of the Blood, 2016

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