“Friedhof der Unschuldigen” von Andrew Miller

3. Januar 2019Katriona

Frankreich, Ende des 18. Jahrhunderts. Im Schloss von Versailles wird dem jungen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte von höchster Stelle ein Auftrag erteilt. Er soll den Friedhof der Unschuldigen demolieren, der, mitten in Paris gelegen, Hunderttausende von Toten beherbergt. Und dessen Ausdünstungen die Stadt langsam vergiften, so dass der Wein in den Kellern zu Essig wird, Fleisch binnen Minuten verfault. Aber es soll möglichst unauffällig geschehen, der Pöbel ist abergläubisch und will die Totenruhe nicht gestört sehen. Miller erzählt diese Geschichte vom Vorabend der Revolution und den widerstreitenden Kräften des Alten und des Neuen in einer kühnen, eleganten Prosa.


MEINE GEDANKEN

Ich hätte “Friedhof der Unschuldigen” wohl niemals gelesen, hätte Nadine mir das Buch nicht empfohlen. Das liegt daran, dass ich überhaupt noch nie von diesem Roman gehört hatte, oder von Andrew Miller, obwohl er jetzt nicht wirklich ein unbekannter Autor ist, aber auch daran, dass er eher unscheinbar daherkommt. Hinter der Fassade versteckt sich jedoch ein ungewöhnlicher historischer Roman, der sich wirklich lohnt, besonders für Fans des achtzehnten Jahrhunderts.

Denn “Friedhof der Unschuldigen” spielt 1785, bloß ein paar Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution, und es gelingt Andrew Miller ganz wunderbar den Zeitgeist dieser Epoche einzufangen. Noch fühlt sich der Adel unantastbar, doch in den Straßen von Paris brodelt es bereits…

DER FRIEDHOF UND DIE REVOLUTION

“Friedhof der Unschuldigen” ist ein sehr komplexer Roman, der einiges an Vorwissen erfordert. Andrew Miller erklärt wenig, schon gar nicht seine dutzenden Metaphern und Allegorien, sondern baut darauf, dass seine Leser.innen sie selbst deuten können. Das geht auf, wenn man ein bisschen Wissen über die Epoche mitbringt.

Wie sich der Roman liest, wenn man das nicht tut, kann ich nicht sagen, doch auch darüber hinaus ist “Friedhof der Unschuldigen” ein bildgewaltiger Roman mit ganz eigener Sprache, der den beliebten, antiquierten Histo-Stil links liegen lässt und im Präsens ein Bild von einem Paris malt, das es längst nicht mehr gibt. Alles verstanden habe ich auch nicht, das muss ich zugeben. Aber trotzdem habe ich diesen Roman sehr gern gelesen, weil er clever, komplex und interessant ist und nicht davor zurückscheut, Genreklischees zu überwerfen.

Im Kern ist “Friedhof der Unschuldigen” ein Roman über den Konflikt zwischen alten, konservativen Traditionen und dem Neuen, Modernen. Die Entfernung des Friedhofs Les Innocents, der jahrhundertelang mitten in Paris lag und 1785 vollends überfüllt ist und die Anwohner krank macht, ist da wohl sicherlich die krasseste Metapher, die auch schon der Originaltitel, “Pure”, andeutet.

“Friedhof der Unschuldigen” basiert auf Tatsachen, denn der Friedhof wurde 1785 und 1786 tatsächlich entfernt und heute erinnert nichts mehr daran. Wo er einst war, befindet sich heute der Platz Joachim-du-Bellay, der riesige Markt Les Halles in seiner Nähe ist heute ein Shopping Center. Dass sich hier einst Knochen stapelten, teilweise offen sichtbar in den Kollonaden und Torbögen des Friedhofs aufgereiht, denkt man nicht, wenn man dort einkaufen geht. (Die Umlagerung der Knochen setzte übrigens das Anlegen der heute berühmten Pariser Katakomben in Gang.)

Auch Hauptfigur Jean-Baptiste Baratte ist ein wandelndes Sinnbild für diesen Konflikt. Er hat einen adeligen Förderer und ist ein mittlerweile gutbürgerlicher Ingenieur, der aus einer Bauernfamilie stammt. In Paris sieht er sich hin- und her gerissen zwischen dem Alten, Traditionellen, das er kennt, und dem aufregenden Neuen, das sich in “Friedhof der Unschuldigen” in ausgefallener Mode und revolutionären Ideen manifestiert.

Es gelingt Miller immer wieder Bilder der bevorstehenden Revolution heraufzubeschwören, ohne, dass er einen zu sehr darauf stoßen muss. Die Figuren wissen nicht, dass in ein paar Jahren Revolution und Terreur über Paris hereinbrechen werden, weshalb natürlich auch niemand davon redet. Doch die Atmosphäre ist bereits da und selbst, wenn man auch als Leser.in keine Ahnung hätte, was passieren wird, man spürt, dass diese Gesellschaft auf einen großen Knall zuläuft und das ist genial.

SCHÖNES, WENIGER SCHÖNES & VERWIRRENDES

Mir hat jedoch leider nicht alles gefallen. Schade fand ich, dass dieser Roman ausgerechnet ein Genreklischee mitnimmt, das mich am meisten stört: Sexuelle Gewalt als Metapher oder Plotantrieb. Es ist hier nicht verantwortungslos gemacht und wird auch gut aufgearbeitet, unnötig fand ich es trotzdem, denn es spielt ebenfalls in die Frage mit hinein, was “pure”, “rein”, bedeutet, und so ganz toll gelöst fand ich das dann auch wieder nicht und auch irgendwie bemerkenswert “einfach” gedacht für einen ansonsten so intelligenten Roman wie diesen, denn moralischen Verfall von Figuren kann man auch anders darstellen, wie Miller in einem anderen Fall in diesem Roman auch beweist.

Im Gegensatz dazu fand ich sehr gelungen, dass das Love Interest eine Prostituierte ist, die von Jean-Baptiste zu keinem Zeitpunkt dafür verurteilt wird und vor allem eine komplexe, interessante Figur ist. Sieht man auch nicht oft.

Sehr gelungen fand ich außerdem die Atmosphäre. Im Gegensatz zu den aufgeklärten, modernen Ideen von Figuren wie dem Organisten Armand stehen Aberglauben und festhalten an alten Ideen des Ständesystems, denen nicht leicht beizukommen ist. Der Roman hat teilweise etwas sehr Düsteres, wenn Geschichten von einer Bestie erzählt werden, die sich angeblich auf dem Friedhof herumtreibt, aber auch, wenn im Detail die Exhumierung der Knochen beschrieben wird.

Dann wiederum zeichnet sich Millers Erzählstimme auch durch subtilen Humor aus und irgendwie funktioniert das sehr gut zusammen, sodass man am Ende die meisten Figuren liebgewonnen hat und sich trotzdem schüttelt, wenn man an sie zurückdenkt, weil so viel Unschönes mit ihnen zusammenhängt.

Am Ende ist “Friedhof der Unschuldigen” eine riesige Metapher für die Französische Revolution: Etwas Altes muss entfernt werden, damit Neues entstehen kann, notfalls mit Gewalt. Darüber hinaus macht der Konflikt alt gegen neu den Roman aber auch für die heutige Zeit aktuell. Hier und da waren es mir beinahe zu viele Metaphern und ich kann auch nicht behaupten, alle verstanden zu haben (Ziguette? Die Mumien?), das habe ich aber gern in Kauf genommen, denn ich mag es, dass ich hier selbst mitdenken durfte.

“Friedhof der Unschuldigen” überzeugt durch seine dichte Atmosphäre, seine interessanten Figuren und seine ungewöhnliche Herangehensweise an die französische Revolution. Auch Andrew Millers schöner, klarer Schreibstil, der dieses alte Paris lebendig werden lässt, macht den Roman zu etwas Besonderem. Mir gefällt nicht alles an “Friedhof der Unschuldigen”, doch mir gefällt hier sehr viel und ich werde bestimmt noch weitere Bücher von Andrew Miller lesen.


Für Fans von: Ungewöhnlichen historischen Romanen, Paris im Rococo, Geschichten über die Französische Revolution und düsteren Settings


BIBLIOGRAPHIE

Friedhof der Unschuldigen | dtv, 2013 | 978-3-552-05657-2 | 384 Seiten | deutsch | Übersetzer: Nikolaus Stingl | Britische OA: Pure, 2011

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