“Die Todesfee der Grindlay Street” von Oscar de Muriel

London 1889. Nach der Aufführung von »Macbeth« wird eine mit Blut geschriebene Botschaft aufgefunden: In Edinburgh, der nächsten Station der berühmten Theatertruppe, soll jemand grausam zu Tode kommen. Der Fall ruft die Inspectors Ian Frey und Adolphus McGray auf den Plan. Während der vernünftige Engländer Frey die düstere Ankündigung für reine Publicity hält, ist McGray von einem übernatürlichen Phänomen überzeugt, da Besucher eine »Todesfee« vor dem Theater gesehen haben wollen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn was auch immer dahintersteckt – in der Premierennacht in der Grindlay Street soll der Tod die Hauptrolle spielen …


Dies ist der dritte Teil einer Reihe. Die Rezensionen zu Band Eins, “Die Schatten von Edinburgh“, und Band Zwei, “Der Fluch von Pendle Hill“, findet ihr, wenn ihr die Links anklickt. Diese Rezension enthält keine Spoiler für die ersten beiden Bände.


MEINE GEDANKEN

Aber warum ergibt es keinen Sinn? Okay, von vorn: Eigentlich hätte „Die Todesfee der Grindlay Street“ mein liebster Teil dieser Reihe werden müssen, denn er hat vieles, was ich mochte. Im dritten Teil rund um Ich-Erzähler Ian Frey und seinen Kollegen Adolphus McGray kommt das Schottische Stück nach Edinburgh. Doch noch bevor die Theatergruppe angekommen ist, kommt es bereits zu einem merkwürdigen Vorfall: Eine Banshee wird gesichtet und hinterlässt eine mit Blut geschriebene, düstere Prophezeiung: Die Aufführung von Macbeth wird mit einem Tod enden.

Ja, cool! Ich liebe Shakespeare, ich liebe viktorianisches Theater und ich mochte die komplexen, unheimlichen Fälle im Stil alter Gothic-Krimis, die Oscar de Muriel mit dieser Reihe serviert, bisher immer sehr gern. Genau genommen waren seine intelligenten, komplexen Plots das, was die Reihe zu meinem Guilty Pleasure gemacht hat, denn vieles an „Frey & McGray“ ist leider durch und durch problematisch. Während das auch in Band Drei nicht weggeht, ist es doch zumindest besser geworden. Leider hat das diesen Roman am Ende auch nicht mehr gerettet.

SOMETHING WICKED THIS WAY COMES

Und das ist sehr schade, denn es fing wirklich gut an. Zum ersten Mal arbeitet de Muriel mit richtiger Geschichte, mit Zeitgeist und viel historischem Kontext und das hat mir sehr gut gefallen. Im Nachwort schreibt er, dass er schon immer gern über Macbeth schreiben wollte und das merkt man auch. Der Roman ist voller schöner Details zum Stück und zum viktorianischen Theater, die ihm geben, was ich an Band eins und zwei vermisst habe: Zeitgeist, historische Atmosphäre und etwas durch und durch Viktorianisches*.

Ich mochte sehr, dass de Muriel diesmal viktorianische Persönlichkeiten eingebaut hat und ich fand seine Darstellung dieser auch im großen und ganzen und sehr rund. Besonders seine Ellen Terry hat mir sehr gut gefallen. Die Grande Dame des viktorianischen Theaters wirkt so dramatisch und interessant, wie sie in echt gewesen sein muss, und auch der exzentrische Henry Irving, der wohl berühmteste Schauspieler seiner Epoche, ist gut getroffen. Beide haben dunkle Seiten und Geheimnisse, aber sie sind interessant gezeichnet und ich habe gern über sie gelesen, genauso über Bram Stoker (Ja, der, der später Dracula geschrieben hat), der 1889 tatsächlich Manager von Irvings Londoner Theater war.

Eines hat mir jedoch überhaupt nicht gefallen und das ist die Darstellung von Florence Irving, Henrys Frau. Dass de Muriel mit Frauenfiguren seine Schwierigkeiten hat, wissen wir ja aus Band I und II schon zur Genüge und hier schlägt sich das auch nieder. Über die echte Florence ist nicht viel bekannt: Sie war mit ihrem und Henrys zweitem Sohn hochschwanger, als Irving sie (angeblich für eine abfällige Bemerkung über das Theater) verließ. Sie behielt seinen Namen und ließ sich nie scheiden, aber viel mehr wissen wir nicht. Natürlich verdreht de Muriel sie zu einer hinterhältigen, bitteren Schlange, die sich unbedingt an Irving rächen will. Die Figuren ziehen am laufenden Band darüber her, dass er seine Söhne nicht sehen darf und, dass sie weiterhin „hinter seinem Geld her“ wäre.

Leute, 1. Dieses Buch spielt 1889. Natürlich ist eine Frau wie Florence Irving weiterhin auf das Geld ihres Ehemanns angewiesen, auch, wenn sie nicht mehr zusammenleben, weil sie kaum eine Möglichkeit gehabt hätte, sich selbst und zwei (!) kleine Kinder selbst zu finanzieren. Und 2. You go, girl. Irving hat diese Frau hochschwanger und mit einem weiteren Kleinkind allein gelassen, dazu der große Skandal, den die Trennung bedeutet hat. Ich finde es mehr als verständlich, dass Florence sich und ihre Kinder von ihm ferngehalten hat, aber klar, sie ist total die böse Schlange, die verbittert sein Geld einheimst oder so. Cool, cool.

Darüber hinaus fand ich die Frauenfiguren halbwegs anständig geschrieben diesmal. Ellen Terry ist genial gelungen (was ich aber eher auf gute Recherche schiebe), aber auch einige andere Frauenfiguren fand ich sympathisch und gut charakterisiert, zum Beispiel die Schneiderin Mrs. Harwood. Aber natürlich ist auch wieder Ians „böse“, weil „oberflächliche“ Stiefmutter Catherine dabei und Ian lässt es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, wie hässlich und albern die drei alten Damen sind, die die drei Hexen in Macbeth spielen. Es ist keinesfalls mehr so schlimm wie in Band I oder II, aber wirklich gute Frauenfiguren erwarte ich von diesem Autor einfach nicht mehr.

BLOOD WILL HAVE BLOOD

Darüber hinaus hat tatsächlich das Auge für historische Details diesen Roman für mich gemacht. De Muriel schildert den Hype um Irvings Macbeth sehr authentisch und auch, wenn das Stück nie wirklich in Schottland war (was de Muriel im Nachwort auch erklärt), fand ich seine Beschreibungen der Aufführung, der Spezialeffekte und der viktorianischen Theatertechnik wunderbar zu lesen. Ich habe mich auch sehr gefreut, dass Ellen Terrys „Beetle Wing Dress“, das sie als Lady Macbeth trägt, eine so große Rolle spielen durfte, denn um das Kleid, das bis heute zu den opulentesten Theaterkostümen seiner Zeit zählt, gab es einen eigenen kleinen Hype. (Oscar Wilde hat’s aber gehasst.)

Links: Das restaurierte “beetle wing dress”, Smallhythe Place Museum | Mitte: Ellen Terry in Macbeth, 1888 | Rechts: Ellen Terry als Lady Macbeth, John Singer Sargent, 1889

Ein bisschen habe ich mich mit de Muriel dann aber sogar verbunden gefühlt, als ich im Nachwort gelesen habe, wie gern er eben jenen, Oscar Wilde, der ein paar kleine Auftritte im Roman, hat, mag. Umso mehr finde ich es jedoch schade, dass sich selbst Wilde von McGray in einer Tour herumschubsen lassen muss. McGray verkommt in diesem Band leider vollends zur Witzfigur, denn während Frey eigentlich die komplette Ermittlung selbst stemmt, faselt McGray nur was davon, dass die Banshee bestimmt echt ist und haut drauf, wenn es anders nicht weitergeht.

De Muriel verschenkt Band für Band eine Menge Potential, das bin ich ja auch schon gewohnt, aber ich finde es langsam mehr als schade, dass besonders die Figurenentwicklung nicht aus dem Strumpf kommt. Besonders McGray bietet hier sehr viel potential, doch über sein Trauma, über Amy McGray und wieso sie die Eltern der beiden ermordet hat, weiß ich nach Band III noch genauso wenig, wie nach den ersten Kapiteln des ersten Buches. McGray bleibt derselbe „harte“, bärbeißige Schotte, der an Übernatürliches glaubt und mehr nicht. Auch Frey entwickelt sich kaum weiter und damit bleiben uns auch einmal mehr dieselben „Witze“ vorhanden, die schon am Ende von Band Eins nicht mehr so lustig waren.

Frey ist ein Dandy, haha, guck mal, wie hübsch der ist, haha, der mag schöne Kleidung, hahaha. Und das mindestens einmal im Kapitel von allen möglichen Figuren. Selbst Ellen Terry, die mit Oscar Wilde befreundet ist, lacht über Ian Frey. Und wieso? Ich mag Ian nicht unbedingt, aber ich mag, dass er einen eher „unmännlichen“ viktorianischen Trend verkörpert (Dandyism und Ästhetizismus) und das de Muriel ihn so schreibt, obwohl die anderen Figuren spotten. Ich mag nicht, dass sie in einem fort spotten, als müsste de Muriel uns am Ende eben doch wieder erinnern, dass Frey „unmännlich“ ist und eh ein Snob und überhaupt.

DOUBLE, DOUBLE, TOIL AND TROUBLE

Trotzdem hätte „Die Todesfee der Grindlay Street“ das Zeug gehabt, mein liebster Band dieser Reihe zu werden, denn das Buch hat viel Schönes: Macbeth, viktorianisches Theater, historischen Kontext, merkwürdige Erscheinungen, unheimliche, halb verbrannt aufgefundene Briefe, in Blut geschriebene, böse Omen, einen Fluch… Hell, yeah! Eines hat der Roman aber leider nicht und zwar das, was ich an Band Eins und Zwei so gern mochte: Eine gut geplottete, clevere Handlung. Ja, ist leider so.

An sich besteht das Buch zu 80% daraus, dass Frey und McGray von A nach B laufen um Leute zu befragen und, wenn sie damit fertig sind, zurück nach A, um von vorn anzufangen. In den letzten 20% geht dann leider alles den Bach runter: Die Handlung wird wirr und ergibt einfach überhaupt keinen Sinn mehr, die Auflösungen sind platt, passen nicht zueinander und werden vor allem den gruseligen, spannenden Fragen des Anfangs nicht gerecht. Das, was da als Lösung ausgegeben wird, hat mit dem Fluch um Macbeth, die Banshee von der Regent Bridge und all den anderen tollen Zutaten nur noch sehr wenig zu tun und lässt enttäuscht zurück.

Dazu kommt, dass der Täter Frey und McGray praktisch in die Arme stolpert und seinen Plan, der auch nicht viel Sinn ergibt, freiheraus erzählt, sonst wären die beiden diesmal nie dahinter gekommen und so macht das halt keinen Spaß und es ist so, so schade um die tollen Ideen und vor allem um die Liebe zu diesem Thema, die ganz klar in den Roman geflossen sind.

Am Ende ist „Die Todesfee der Grindlay Street“ ein schwacher Plot vor sehr starkem historischen Hintergrund. Ich habe den Roman gern gelesen, keine Frage, aber das enttäuschende Ende hat dann im Nachhinein einiges doch nochmal negativer erscheinen lassen, jetzt, da ich wusste, worauf es hinausläuft. Für Fans der Reihe lohnt sich der dritte Teil natürlich und ich werde auch bald Band IV lesen, aber am Ende bin ich enttäuscht von diesem Band, weil er so viel Potential, Recherche und Herzblut mithilfe eines schwachen Plots aus dem Fenster schleudert, und auch als dritter Teil einer Reihe wenig Neues zu bieten hat, auf das man langsam aber wirklich wartet.


*Das kann aber auch daran liegen, dass ich diesmal nicht die deutsche Ausgabe gelesen habe. Das Original ist deutlich weniger salopp und umgangssprachlich und hat eine dichtere, viktorianische Atmosphäre. Dazu kommt, dass Wörter wie „trollop“, das, weil es veraltet ist, nicht ganz so hart wirkt, leider mit harten Beleidigungen wie „Schlampe“ und „Flittchen“, anstatt mit Entsprechungen aus dem 19. Jahrhundert übersetzt werden, was den Ton der Geschichte sehr viel aggressiver und roher macht, als er im Original ist. Deshalb würde ich tatsächlich allen, die gut Englisch lesen, das Original empfehlen, auch, wenn ich das immer nicht gern mache. Aber hier lohnt es sich.


BIBLIOGRAPHIE

Die Todesfee der Grindlay Street | Frey & McGray #3 | Goldmann, 2018 | 978-3-442-48864-3 | 576 Seiten | deutsch | Übersetzer: Peter Beyer | Britische OA: A Mask of Shadows, 2017

2 Kommentare zu „“Die Todesfee der Grindlay Street” von Oscar de Muriel“

  1. Liebe Kat,

    danke für diese ausführliche Rezension.
    Ich hatte lange Zeit den Eindruck, ich wäre die Einzige, die nicht nur Lobeshymnen auf die Romane anstimmt (ich habe allerdings nur den ersten Teil gelesen), und habe beim Lesen deines Beitrags festgestellt, dass du einige Punkte genannt hast, die mich eher unterbewusst gestört haben.
    Man liest sich! 🙂

    LG Kerstin
    #litnetzwerk

    1. Hi, Kerstin. Das kommt mir bekannt vor. Ich sehe auch sonst nur begeisterte Rezensionen. Ich kann das auch nachvollziehen, denn die Reihe hat mich ja auch genug gepackt, dass ich sie zu Ende lesen möchte, aber gleichzeitig sehe ich einfach so viel daran eher kritisch.

      lG,

      Kat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.