Own Voices: Die Diskussion um die eigene Stimme

16. Januar 2019Katriona

Im Moment läuft auf meiner Twitter-Timeline einmal mehr die Debatte darum, was man als Autor.in denn jetzt überhaupt noch schreiben “darf”. Auslöser ist die sogenannte Own-Voices-Bewegung, die die niederländische Autorin Corinne Duyvis 2015 mit einem Hashtag ins Leben rief: Mehr Romane von marginalisierten Autor.innen werden gefordert, besonders solche, die eigene Erlebnisse mit Diskriminierung schildern.

In der englischsprachigen Buchwelt funktioniert das auch immer besser. Viele der neuen Debutautor.innen, zumindest im Jugendbuchbereich, sind People of Colour oder LGBTQ, haben Beeinträchtigungen oder sind anderweitig marginalisiert und schreiben auch darüber. Diese Entwicklung ist auf dem deutschsprachigen Markt leider bisher kaum angekommen. Und leider erhitzt der Diskurs rund um Own-Voices-Romane und warum sie wichtig sind, so einige Gemüter.

Deshalb möchte ich heute darüber schreiben, warum wir “Own Voices”-Romane brauchen und warum es nicht darum geht, nicht selbst betroffenen Autor.innen etwas zu verbieten oder wegzunehmen. Deshalb vorweg: Ihr dürft über alles schreiben, was ihr wollt. Niemand kann euch das verbieten. Es geht gar nicht darum, euch zu etwas zu zwingen oder etwas zu verbieten.

Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, weshalb Own-Voices-Romane wichtig sind und warum auch gut gemeinte Romane von nicht Betroffenen mehr Schaden anrichten können, als man glaubt. Denn eure Romane, egal, wie gut ihr sie meint, existieren nicht in einem Vakuum. Sie stehen im Kontext zu unserer Gesellschaft und zum Literaturmarkt. Dafür könnt ihr nichts, aber gerade deshalb ist es wichtig, unterdrückende Muster nicht noch (unbewusst) zu unterstützen.

DIE “WHITE SAVIOUR”-NARRATIVE UND WARUM WIR ABSTAND NEHMEN MÜSSEN

Denn wer erzählt denn seit Jahrzehnten Geschichten über Diskriminierung und Unterdrückung? Richtig. Meistens nicht betroffene Autor.innen, die diese Unterdrückung selbst niemals erlebt haben oder erleben werden.

Warum ist das so? Wir leben in einer Gesellschaft, die weiterhin Menschen, die weiß, heterosexuell, cis und anderweitig privilegiert sind, bevorzugt. Auch auf dem deutschen Literaturmarkt ist das leider so. Die Narrative über Minderheiten und deren Unterdrückung wird eigentlich schon immer durch Menschen gelenkt, die selbst nie die Erfahrungen machen mussten, über die sie schreiben. Dabei heraus kamen leider über Jahrzehnte hinweg Geschichten, die Marginalisierte nicht einfach als Menschen zeigen, wie Nela in ihrem Twitter-Thread sehr schön schrieb, sondern zu aller erst als Opfer von Diskriminierung.

Für wen sind diese Geschichten? Sie sind nicht für Betroffene, selbst, wenn die Autor.innen vielleicht denken, sie würden für Betroffene schreiben. Sie sind vordergründig für andere privilegierte Leser.innen, deren Bild von queeren Menschen oder auch von PoC und von deren Diskriminierung durch diese Bücher maßgeblich geformt – und verzerrt – wird.

Betroffene Leser.innen aber können sich in diesen Romanen selten selbst wiederfinden. Diese Bücher haben für die Menschen, um die es eigentlich geht, kaum einen Mehrwert, denn sie zeigen eine verzerrte Version ihrer Identität, mit der sie sich nicht identifizieren können. Das ist sehr problematisch, denn wenn weiße, cis, hetero Autor.innen solche Bücher für andere weiße, cis, hetero Leser.innen schreiben, in denen sich die Betroffenen, über die geschrieben wird, gar nicht wiederfinden, dann findet der Diskurs ohne die Betroffenen statt.

Der Diskurs darf nicht weiter ohne die Betroffenen stattfinden

Dass das ein Problem ist, ist hoffentlich allen klar, denn es nimmt Betroffenen nicht nur ihre Stimme und das Recht, selbst über die Diskriminierung zu sprechen, die ihnen widerfahren ist und widerfährt, es ist auch sehr patronisierend: Man ist selbst betroffen, man hat viel zu sagen, doch man muss schweigend zusehen, wie nicht Betroffene sich über die eigene Diskriminierung austauschen, oft noch Falsches weitergeben, ohne einen zu Wort kommen zu lassen. Und genau das passiert, wenn wir weiterhin Bücher über Diskriminierung von nicht Betroffenen schreiben und veröffentlichen lassen und Own-Voices-Autor.innen kein Gehör finden.

Es geht also überhaupt nicht darum, nicht betroffenen Autor.innen etwas zu verbieten. Es geht darum, sie zu sensibilisieren, warum auch ihre gut gemeinten, gut recherchierten Romane Betroffenen selbst oft mehr schaden, als zu helfen. Es geht darum, dass sie beginnen sich zu fragen: “Ich möchte diese Geschichte schreiben, aber muss ich es? Habe ich ein Recht darauf, diese Geschichte zu erzählen?”

Mit unreflektierten Privilegien geht nämlich oft leider eine gewisse Anspruchshaltung Hand in Hand. Das ist normal, denn so lernen wir es von unserer Gesellschaft, aber er muss aktiv verlernt werden, dieser Anspruch, dass man alles schreiben darf und sollte, wenn man weiß, cis, hetero und auch ansonsten nicht marginalisiert ist.

Und ja, das gilt natürlich auch für weiße, queere Autor.innen, die über Rassismus schreiben wollen, denn wir alle müssen unsere Privilegien erkennen lernen. Wir müssen einsehen, dass wir kein Anrecht auf die Unterdrückung und das Leid anderer Gruppen haben. Als nicht schwarze Person werde ich niemals verstehen können, wie sich das kollektive Trauma Sklaverei und Kolonialismus bis heute auf das Leben schwarzer Menschen auswirkt. Deshalb schreibe ich nicht darüber. Das ist nicht meine Geschichte, es ist nicht meine gelebte Realität, ich habe kein Anrecht darauf.

Ich habe in der Überschrift dieses Abschnitts die White-Saviour-Narrative erwähnt: Das meint eigentlich eine Geschichte über z.B. Rassismus, in der die weiße Hauptfigur den Tag und die PoC-Figuren rettet. Solche Bücher kommen oft heraus, wenn nicht Betroffene über Betroffene schreiben. Es ist ein Problem, weil es – wieder – Betroffenen die Stimmen und die eigene Agency und Macht über die Situation nimmt.

Es ist auch ein Problem, weil ein Mitglied der unterdrückenden Gruppe als großer, barmherziger Retter der unterdrückten Gruppe gezeigt wird. Und wenn ihr als weiße Autor.innen ein Buch über Rassismus schreibt, selbst, wenn eure Hauptfigur betroffen ist: Ihr rückt euch selbst in die White-Saviour-Rolle. Denn ihr übt den Anspruch aus, über dieses Thema schreiben zu können, obwohl es nicht eure gelebte Realität und Unterdrückung ist, und, da weiße Autor.innen vom Literaturmarkt bis heute bevorteilt werden, überschattet ihr auch noch die Stimmen von tatsächlich betroffenen Autor.innen.

Mit LGBTQ-Themen und Queermisia verhält es sich natürlich genauso, sowie mit anderen Arten von Diskriminierung. Und deshalb fragt euch, wenn ihr die Aufforderung für mehr Own-Voices-Bücher seht, bitte nicht, warum euch marginalisierte Leute etwas “verbieten” wollen. Fragt euch stattdessen: “Habe ich wirklich Anspruch darauf, eine Geschichte über Leid und Diskriminierung anderer Menschen zu schreiben? Muss ich das tun?” Sensibilisiert euch für dieses Thema, anstatt gleich in Abwehrhaltung zu gehen.

Ich weiß, dass das schwer ist. Ich weiß, dass es sich vielleicht anfühlt, als würde euch etwas weggenommen werden, als dürftet ihr etwas nicht mehr, was ihr immer durftet. Aber: Wenn wir einen gerechten Literaturmarkt wollen, auf dem alle Autor.innen die gleichen Chancen haben, dann müssen wir einsehen, dass es im Moment nicht so ist. Wir müssen vor allem als privilegierte, vom Literaturmarkt bevorzugte Autor.innen einsehen, dass wir ein schiefes Verhältnis nicht gerade biegen können, ohne unsere Vorteile aufzugeben.

PRIVILEGIEN, VERSTÄNDNIS & FEHLENDE NUANCEN

Und dann muss man sich die Frage stellen, was einem wichtiger ist: Die eigene “Ich will das aber schreiben”-Mentalität, oder ein gerechter Buchmarkt, auf dem niemand bevorteilt oder benachteiligt wird – selbst, wenn das bedeutet, die eigenen Vorteile aufzugeben und die Geschichte über Rassismus, die man als weiß.e Autor.in vielleicht schreiben möchte, nicht zu schreiben.

Und stattdessen denen eine Plattform zu geben, die nicht so laute Stimmen haben, wie man selbst: Own-Voices-Autor.innen, also Autor.innen, die selbst von Rassismus betroffen sind. Ich verstehe, dass das schwer ist, denn es bedeutet vor allem erstmal, sich selbst einzugestehen, dass man bevorteilt wird. Das mag niemand, denn es bedeutet auch, sich damit auseinanderzusetzen, wie man selbst davon profitiert, dass man einer bevorteilten Gruppe angehört – und einzusehen, dass es Gruppen gibt, die eben im Umkehrschluss benachteiligt werden – und man selbst daran vielleicht unwissentlich mitgewirkt hat.

Man muss den Menschen, über die man schreiben möchte, auch zuhören, wenn einem ihre Kritik nicht gefällt

Das ist am Ende am schwersten, denn natürlich mag es niemand, sich einzugestehen, dass man vielleicht trotz guter Absichten zu Unterdrückung beigetragen hat. Die Lösung ist aber eben keine “Ich darf trotzdem alles schreiben, weil…”-Abwehrhaltung, sondern über seinen eigenen Schatten zu springen und zu versuchen, es von nun an besser zu machen.

Und dazu gehört, dass man den Marginalisierten, über die man schreiben möchte, auch zuhört. Wenn eine große Gruppe zum Beispiel queerer Frauen sagt: “Wir möchten keine tragischen Geschichten über Queerfeindlichkeit mehr”, dann ist es vermessen, sich als nicht betroffene Person hinzustellen und diese Geschichte trotzdem zu schreiben. Dann schreibt man über Betroffene, und nicht für sie. Dann fehlt der Respekt vor den Menschen, über die man schreibt. Und man muss sich fragen, ob man wirklich so gute Absichten hat, wie man vielleicht glaubt.

Denn, wenn ich über Menschen schreibe, die diskriminiert werden, ohne Respekt vor ihren Meinungen und Wünschen, dann kann meine Geschichte noch so gut recherchiert sein und sich authentisch anfühlen – Ich habe mein Privileg, meine Vorteile gegenüber der unterdrückten Gruppe, ausgenutzt und ich habe es getan, um ihre Geschichte zu erzählen, anstatt ihnen zuzuhören, und sie selbst erzählen zu lassen. Und das kann niemals das Ziel sein, wenn man inklusiv schreibt.

Da müssen wir alle sehr tief in uns gehen und uns fragen: “Schreibe ich inklusiv, weil ich die Themen wichtig finde und Betroffenen helfen möchte, oder schreibe ich inklusiv, weil ich selbst mich damit profilieren will?” Wer Betroffenen nicht zuhört, wem es egal ist, ob sie sich wünschen, man würde die Geschichte nicht so schreiben, wie man es vorhat, der hat leider in den wenigsten Fällen ersteres im Kopf, oft sicherlich auch gar nicht bewusst. Aber auch daran muss man dann arbeiten.

“Aber warum glaubst du, ich kann kein gutes Buch über Queerfeindlichkeit schreiben? Wenn man etwas erlebt haben muss, um darüber zu schreiben, dann kann man auch keine Fantasy mehr schreiben!”, heißt es auch oft. Aber darum geht es nicht. Man muss Dinge, über die man schreiben möchte, nicht zwingend selbst erlebt haben. Tatsächlich habe ich noch nie mit Hilfe einer Schar Geister einen Mordfall auf dem englischen Moor aufgeklärt und schreibe trotzdem darüber.

Allerdings ist das auch etwas anderes, als zum Beispiel als cis, hetero Person über Queerphobie zu schreiben, denn Queerphobie ist in unserer Gesellschaft so fest verankert und ein solcher Brennpunkt, dass sich ein.e nicht betroffene.r Autor.in selbst mit der besten Recherche nicht wird vorstellen können, wie es ist, sie Tag für Tag zu erleben. Wenn ich gute Own-Voices-Romane lese, fühle ich mich verstanden und in diesem Verständnis auch bestärkt und motiviert, selbst, wenn es ein trauriger Roman ist.

Das ist mir mit einem Roman von einer nicht betroffenen Person tatsächlich noch nie passiert. Sie lesen sich oft eben doch wie das, was sie sind: Die Perspektive von jemandem, der von außen auf das Problem schaut, nicht von innen. Das kann gut gemacht sein. Becky Albertalli zum Beispiel schreibt schöne Jugendbücher mit queeren Jugendlichen in den Hauptrollen und ich habe ihre Bücher gern gelesen.

Aber was fehlt, sind die Nuancen. Was fehlt ist das Detail. Was oft fehlt, ist ein Verständnis für Problematiken, das Albertalli als heterosexuelle Autorin nicht hat und nicht haben kann, weil sie diese Erfahrungen nie machen musste. Dieser Artikel von Casey zu Albertallis Roman “Leah on the Off-Beat”, der dieses Jahr auch auf Deutsch erscheinen wird, und der Darstellung – und deren fehlender Nuancen – von Bisexualität im Roman ist sehr lesenswert, um zu verstehen, was ich damit meine.

OWN VOICES & DIVERSITY: WARUM SICH DAS NICHT WIDERSPRICHT

Ich höre schon wieder die Argumente, die ich auch auf Twitter gesehen habe: “Erst wollen sie, das man inklusiv schreibt, und dann darf man es doch nicht!” Aber, mitgedacht, mitgemacht, eigentlich kommt man sehr schnell drauf, dass das eben absolut nicht so ist. Ja, viele Marginalisierte wünschen sich, dass auch nicht marginalisierte Autor.innen inklusiv schreiben und queere, PoC oder auch Held.innen mit Beeinträchtigungen in ihre Geschichten einbinden.

Was sie aber nicht möchten, ist, dass nicht marginalisierte Autor.innen Geschichten erzählen, die sich mit ihrer Diskriminierung und nur damit befassen, aus den oben genannten Gründen. Da besteht überhaupt kein Widerspruch. Wenn du jetzt aber denkst: “Wie soll ich denn über eine lesbische Heldin schreiben, ohne Queermisia zu erwähnen?”, dann ist das schon die Wurzel des Problems, denn dann musst du unbedingt noch lernen, marginalisierte Menschen nicht nur als Ausdruck ihrer Unterdrückung zu sehen.

People can write whatever they want; that goes both ways. That said, it’s common for marginalized characters to be written by authors who aren’t part of that marginalized group and who are clueless despite having good intentions. As a result, many portrayals are lacking at best and damaging at worst. Society tends to favor privileged voices even regarding a situation they have zero experience with—just consider the all-white race panels on talk shows. All #ownvoices does is center the voices that should matter most: those being written about. | Corinne Duyvis

Man kann einen Fantasyroman über eine lesbische Prinzessin schreiben, der sich nicht um ihre Diskriminierung dreht, sondern darum, dass sie sich wehrt, nur als politischer Spielball ihres Königreichs benutzt zu werden (“Eine Krone aus Feuer und Sternen” von Audrey Coulthurst).

Man kann auch einen Thriller schreiben, in dem die hetero Heldin einen schwulen Bruder und eine bisexuelle Freundin hat, die ihr aktiv helfen, einen Mord aufzuklären, ohne, dass sich das Leben dieser beiden Figuren nur – oder überhaupt – um ihre Unterdrückung drehen muss (“Two Can Keep A Secret” von Karen M. McManus). Das ist die Art Repräsentation, die sich viele Marginalisierte wünschen. Und als nicht marginalisierte.r Autor.in kann man diese Form von Diversity, von Inklusion, sehr gut liefern.

“Aber ich möchte einen Roman über Homofeindlichkeit schreiben, weil mir das Thema wichtig ist.” Okay, das ist löblich. Aber wie gesagt: Tu das nicht über die Köpfe derer hinweg, über die du schreibst. Natürlich sind auch marginalisierte Menschen nicht durch Schwarmdenken verbunden, sondern haben alle eigene Meinungen zu diesem Thema. Aber, wenn du über eine Gruppe Menschen schreibst, dann höre ihnen zu und richte dich danach, wie der Grundtenor innerhalb dieser Gruppe ist.

“Queere Frauen wollen keine weiteren Romane über Queermisia von nicht Betroffenen lesen, aber ich schreibe trotzdem einen, weil mir das so wichtig ist” ist in meinen Augen ein unglaublich merkwürdiges Argument, denn dann sind wir wieder am Anfang, bei der Frage, für wen du schreibst. Nämlich für dich und andere nicht Marginalisierte über Marginalisierte. Aber eben nicht für Marginalisierte, denn du sagst ja selbst, dass es dir egal ist, ob sie diese Geschichte wollen. Aber findest du nicht, dass Betroffene das Recht haben, sich von Romanen über sie auch angesprochen zu fühlen?

“Aber das Thema Homofeindlichkeit ist mir so wichtig, was kann ich machen, wenn ich nicht selbst darüber schreibe?” Du kannst weiterhin divers und inklusiv schreiben. Die meisten Marginalisierten wünschen sich von allen Autor.innen Geschichten mit inklusivem Cast, die sich gerade nicht nur um ihre Diskriminierung drehen, denn auch sie wollen beim Lesen ein bisschen Eskapismus betreiben.

Ein gutes Beispiel ist hier Rick Riordan, der in seinen Büchern schon lang marginalisierte Figuren Held.innen sein und sie Abenteuer erleben lässt, ohne sie auf ihre Diskriminierung zu reduzieren. Darüber hinaus kannst du Own-Voices-Romane zu den dir wichtigen Themen lesen und deine Plattform nutzen, um sie weiterzuempfehlen. Eben, weil sie marginalisiert sind und generell benachteiligt werden, werden Own-Voices-Autor.innen oft nicht so gut gehört, wie nicht marginalisierte Autor.innen. Das kannst du ändern, indem du ihre Bücher empfiehlst oder ihre Texte teilst.

LASST BETROFFENE SELBST SPRECHEN

“Aber wieso dürfen dann zum Beispiel queere Frauen Romane über hetero Frauen schreiben?” Weil hetero Frauen zumindest für ihre sexuelle Orientierung nicht diskriminiert werden. Romane existieren nie außerhalb unseres gesellschaftlichen Vakuums. Soziale Ungleichheiten beeinflussen immer wie unsere Romane gelesen werden und wie sie im Vergleich zu anderen Romanen dastehen.

Eine Freundin brachte einen sehr guten und wichtigen Punkt an, den ich euch zum Schluss auch noch gern mitgeben möchte: Unsere Gesellschaft ist heteronormativ geprägt. Wir alle lernen von klein auf, uns mit hetero, cis Erfahrungen zu identifizieren. Deshalb fällt es einer lesbischen Frau leicht, einen Roman über eine hetero Frau zu schreiben, denn die Erfahrungen von cis, hetero Frauen sehen wir überall repräsentiert. Andersrum ist das aber nicht der Fall: Wir haben kaum Medien, die die Lebensrealität queerer Frauen authentisch darstellen. Es wird von hetero Frauen auch nicht erwartet, sich mit queeren Frauen zu identifizieren. Und deshalb fehlt das Verständnis, von dem ich oben gesprochen habe.

Würden wir nicht in einer heteronormativen Gesellschaft leben, die Queerness unterdrückt und als etwas unnormales, anderes darstellt, gäbe es keine Queermisia, wäre es kein Problem, wenn auch hetero Autor.innen über die Marginalisierung queerer Personen schreiben würden. Wir leben aber nun einmal in dieser Gesellschaft und wir sind alle geprägt von ihr.

Das ist der Grund, warum ich denke, dass eine nicht queere Person niemals genau wird nachvollziehen können, was es wirklich bedeutet, queer zu sein. Es hängt zu viel Geschichte daran, zu viel gesellschaftlicher Kontext, ja, zu viel kollektives Trauma, das sich nicht aufarbeiten und vollständig recherchieren lässt, wenn man nicht Teil dieser Gruppe ist. Hoffentlich wird das eines Tages anders sein. Aber solang es so ist, bestehen die Probleme, die ich in diesem Post besprochen habe und unsere Romane stehen immer im Kontext dieser sozialen Probleme. Deshalb müsst ihr Betroffenen zuhören und sie vor allem selbst die Narrativen über ihre eigene Unterdrückung lenken lassen. Damit wir irgendwann eine solche Gesellschaft erreichen können.

Ich weiß, dass ich mit diesem Beitrag die in ihren Meinungen (und leider auch in ihrem Anspruchsdenken) festgefahrenen Autor.innen nicht erreichen werde. Ich hoffe aber, dass ich zumindest ein paar Autor.innen erreichen und generell erklären konnte, warum es eben nicht darum geht, etwas zu verbieten, sondern darum, ein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeiten, auch auf dem deutschen Buchmarkt, zu schaffen.

Es gibt gute Gründe, warum marginalisierte Leser.innen keine Geschichten über ihr Leid und ihre Diskriminierung von nicht betroffenen Autor.innen lesen möchten. Diese Gründe sind im gesellschaftlichen Kontext, in dem diese Romane existieren, verankert und am Ende auch einfach in unseren Erfahrungen selbst, denn egal wie gut ein Roman recherchiert ist, was es wirklich bedeutet, als marginalisierte Person in unserer westlichen Gesellschaft zu leben, kann eine nicht betroffene Person einfach nicht nachvollziehen und das merkt man den Romanen auch an.

Nicht Betroffene müssen Betroffene mit ihren Romanen nicht retten. Lasst Betroffene endlich selbst sprechen.

Das heißt nicht, dass marginalisierte Leser.innen sich von nicht marginalisierten Autor.innen keine Repräsentation wünschen. Wenn dir als nicht betroffener Person Themen wie Rassismus, Queerfeindlichkeit und dergleichen wichtig sind, dann schreib Romane, in denen marginalisierte Figuren Held.innen sein und Abenteuer erleben dürfen, genauso wie nicht marginalisierte Held.innen.

Deine guten Absichten in allen Ehren, aber: Du musst uns nicht retten. Du musst die Geschichten unserer Diskriminierung nicht erzählen, um uns zu helfen. Hilf, indem du marginalisierten Leser.innen, die weniger gehört werden, als du, eine Plattform gibst. Am Ende können Romane helfen, das Bild, das nicht Betroffene von Betroffenen haben, zu verändern. Und wir brauchen Own-Voices-Romane um das verzerrte, stereotype und manchmal sogar romantisierte Bild, das nicht Betroffene über Jahrzehnte hinweg mit ihren Romanen geschaffen haben, geradezurücken. Wir brauchen die Narrativen von Betroffenen, um echtes Verständnis für die Lebensrealitäten marginalisierter Gruppen zu schaffen.

Im Anhang findet ihr Links zu weiteren Texten zum Thema und ich würde euch raten, sie ebenfalls zu lesen, denn in einigen wird nochmal an Einzelbeispielen gut und verständlich aufgeführt, warum auch gut recherchierte Romane von nicht Marginalisierten die marginalisierten Leser.innen niemals so gut erreichen werden, wie Own-Voices-Romane.


Beitragsbild: Fabiola Peñalba, Unsplash


Weiteres Material:

Sensitivity Reading | Website zur Vermittlung von Sensitivity-Leser.innen

Stürmische Seiten | Diversity 101: Wieso wir alle divers schreiben sollten

Buechnerwald | Als AutorIn darf ich alles –  Stimmt das?

Corinne Duyvis | FAQ zum #ownvoices von seiner Erschafferin

Verloren im Feuer | Trans* Männer (und trans* maskuline Personen) schreiben – Teil 1

Caroline Grace Stefko | Nuanced Rep and the Need for #OwnVoices Books

Book Riot | Our Own Voices, or Why Not All Diverse Stories Are Created Equal

Comments (2)

  • Nadine

    16. Januar 2019 at 21:47

    Danke für diesen interessanten Text! Ein wichtiges Thema, dass du gut erklärst, ohne den erhobenen Zeigefinger auf Leute, die es anders sehen. Klar kritisierst du es, aber es bleibt auf einer sachlichen Ebene, ich hoffe du weißt was ich meine 🙂

    Als nicht betroffene Person muss man sich viel häufiger vor Augen führen, wie man sich selbst fühlen würde in der Situation. Banales Beispiel: ich wurde damals in der Schule gemobbt. Wenn ich jetzt ein Jugendbuch mit diesem Thema lese & vermutlich der*die Autor*in selbst nie Mobbing ausgesetzt war, macht mich diese, in meinen Augen, falsche Darstellung immer furchtbar wütend & ich denke mir, was für einen Mist da bitte geschrieben wurde.

    Danke für die Verlinkung des Artikels zu “Leah on the off beat”. Bisher habe ich das Buch zwar noch nicht gelesen, aber es wartet in meinem Regal auf mich. Ich mochte Love, Simon trotz seiner Realitätsferne. Auf den zweiten Teil habe ich mich gefreut, als ich gelesen habe, dass es sich um eine bisexuelle Protagonistin dreht. Ich kenne einfach kein Jugendbuch mit einer bisexuellen Protagonistin! Deswegen hatte ich mich sehr gefreut, aber mal sehen wie die Umsetzung ist…

    So ist jetzt doch länger geworden. Eine schöne Woche dir noch!
    Liebe Grüße, Nadine

    1. Katriona

      17. Januar 2019 at 14:34

      Hi Nadine! Den Vergleich finde ich sehr gelungen. Es geht ja in beiden Fällen darum, das jemandem Gewalt angetan wird und die Person dann machtlos zusehen muss, wie nicht Betroffene diese Gewalt falsch darstellen, während man selbst nichts dazu sagen kann, weil niemand zuhört.

      Ich mag Albertallis Romane, auch, wenn ich einiges kritisch sehe, und genau wie die Autorin des Artikels finde ich es toll, dass Albertalli überhaupt eine bisexuelle Figur geschrieben hat. Albertalli ist in meinen Augen auch eine der selbst nicht betroffenen Autor.innen, die am nähsten dran ist mit ihren Darstellungen, aber es fehlt natürlich trotzdem einiges an Feingefühl und das ist auch normal. Aber ich mag ihre Bücher, obwohl ich einiges zu kritisieren habe, es muss ja nicht immer alles 100% perfekt oder 100% schlecht sein. 🙂 Ich hoffe, dass dir das Buch gefallen wird!

      lG,

      Kat

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