Rezensionen

“This Is Our Story” von Ashley Elston | Englisch

No one knows what happened that morning at River Point. Five boys went hunting. Four came back. The boys won’t say who fired the shot that killed their friend; the evidence shows it could have been any one of them. Kate Marino’s senior year internship at the district attorney’s office isn’t exactly glamorous—more like an excuse to leave school early that looks good on college applications. Then the DA hands her boss, Mr. Stone, the biggest case her small town of Belle Terre has ever seen. The River Point Boys are all anyone can talk about. Despite their damning toxicology reports the morning of the accident, the DA wants the boys’ case swept under the rug. He owes his political office to their powerful families…


MEINE GEDANKEN

Ich habe jetzt länger überlegt, wie ich es formulieren kann, ohne gemein zu klingen, aber wisst ihr was: Dieses Buch ist langweilig. So. Es ist einfach so. Es kommt wirklich selten vor, dass ein Buch mir überhaupt nichts gibt. Ich bin kritisch, was Themen wie Queerphobie und Rassismus angeht, aber darüber hinaus bin ich wirklich keine anspruchsvolle Leserin. Dass ich beim Lesen das Gefühl habe, jedes Wort, das ich gelesen habe, würde gleich in der nächsten Sekunde wieder aus meinem Gedächtnis gelöscht, ist extrem selten. Leider ist „This Is Our Story“ so ein Buch. Ich habe es gelesen, 310 Seiten in vier Monaten, weil ich es zwischendrin vergessen hatte, und jetzt weiß ich schon nicht mehr, wie die Hälfte der Figuren hieß.

„This Is Our Story“ ist verschenktes Potential in Reinform. Der Plot klingt großartig: Fünf reiche, weiße Jungs, die wie Brüder aufwachsen. Ein Jagdausflug und plötzlich sind es nur noch vier. Grant Perkins wird erschossen aufgefunden. Doch welcher der Jungen hat ihn getötet und warum? Was verheimlichen die River Point Boys? Ich habe mir „This Is Our Story“ spontan gekauft, weil die Geschichte so sehr nach etwas klang, das ich lieben würde: Freunschaft, überprivilegierte Teenager und die Konsequenzen davon, ein verzwickter Fall… Jetzt, wo ich das Buch endlich durchhabe, bin ich aber einfach nur noch enttäuscht, denn Ashley Elston nimmt gute Ideen und einen spannenden Plot und haut sie so lang platt, bis sie generisch, gefällig und eben einfach langweilig sind.

SOZIALE PROBLEME OHNE REFLEXION
(CW: Sexueller Missbrauch)

Mein größtes Problem ist, dass Ashley Elston über im Moment brandaktuelle soziale Themen schreibt, ohne das auch nur irgendwie anzuerkennen. Gebt euch das: Diese Geschichte handelt von fünf mehr als privilegierten, weißen, reichen Heterojungen. Sie handelt davon, wie eine Gruppe Teenager angeblich aus Versehen bei einem Jagdausflug einen Jungen erschießt. Ich habe erwartet, dass Elston sich, als Amerikanerin, die im Jahr 2016 einen Roman veröffentlicht, mit toxischer Männlichkeit auseinandersetzen würde, mit Privilegien und dem Umgang damit und vor allem mit den zu laschen Waffengesetzen in den USA, die es möglich machen, dass fünf Jugendliche überhaupt allein mit scharfen Waffen im Wald herumlaufen können.

Das kommt aber überhaupt nicht auf den Tisch. Es wird einfach so gezeigt, wie es eben ist: Grant, Henry, Shep, John Michael und Logan haben reiche, einflussreiche Eltern. John Michaels Familie hat ein Jagdhaus. Da feiern die Jungs wilde Partys mit Alkohol und Drogen und gehen danach mit geladenen Jagdgewehren in den Wald. Reflektiert, oder wirklich auch nur kritisiert, wird daran gar nichts. Nicht jeder Roman muss eine Studie sozialer Probleme und Ungerechtigkeiten sein, aber bei so einem Plot mit solchen Figuren… Man hätte es wenigstens kurz ansprechen müssen. Da sehe ich Jugendbuchautor.innen wie Elston einfach in der Verantwortung. Und, ja, eine Auseinandersetzung mit den Privilegien dieser Jungen und dem Waffenproblem in den USA hätte den Roman auch einfach 70% spannender gemacht.

Auch Sexismus bis hin zu sexuellem Missbrauch spielen eine Rolle in „This Is Our Story“, aber hier ist es genauso: Das passiert einfach. Es wird nicht aufgearbeitet oder reflektiert oder auch nur mal in die Richtung überlegt, wieso sowas passiert und warum es gesellschaftlich akzeptiert wird. Ja, eins der Opfer spricht an, dass einige Leute in Belle Terre, der Kleinstadt in Louisiana, in der dieser Roman spielt, glauben, sie hätte es ja selbst gewollt und gut gefunden, obwohl es sich um Missbrauch handelt, Ashley Elston versucht hier schon Rape Culture anzukreiden – Aber Ich-Erzählerin Kate geht darauf gar nicht ein, reflektiert das nicht und interessiert sich halt auch nur so halb für das Mädchen.

LEERE FIGUREN, LEERE VERSPRECHUNGEN

Das ist das andere riesige Problem: Kate ist extrem egozentrisch. Sie macht ein Praktikum bei dem Anwalt, der als Ankläger den Fall der River Point Boys übernimmt, und möchte auf eigene Faust herausfinden, was wirklich passiert ist, weil sie in Grant, das Opfer, verliebt war. So weit, so schön. Leider ist Kate die schlechteste Ermittlerin, die ich im Jugendroman bisher gelesen habe. Sie befragt Leute, beschäftigt sich aber sehr viel weniger damit, was sie sagen, als damit, dass sie unfreundlich zu ihr waren. In der zweiten Hälfte des Romans steht dann auch eine Liebesgeschichte im Vordergrund und Kates Ermittlungen beschränken sich darauf, mit einem der Tatverdächtigen rumzumachen und davon überzeugt zu sein, dass er ja keineswegs der Täter sein kann, weil sie kennt ihn ja. Okay.

Generell hatte ich große Probleme mit den Figuren, denn auch sie sind nichtssagend und leer. Kate ist Ich-Erzählerin, aber man erfährt nichts über sie, außer, dass sie Journalistin werden möchte. Wenn ich jetzt beschreiben sollte, wie Kates Charakter ist, ich könnte es nicht. Auch ihre Freundinnen sind leere Hüllen und, das Fatalste, die River Point Boys. Ich konnte die vier bis zum Ende nicht auseinander halten, weil sie leere Figuren sind, von denen man höchstens die Haarfarbe erfährt. Ashley Elston will, dass ich von diesen Jungs fasziniert bin und mich frage, wer denn jetzt Grant erschossen hat und vor allem warum, aber es war mir einfach komplett egal, weil ich diese vier Jungs einfach null kennengelernt habe.

Das liegt auch großteils daran, dass Kate nicht mit ihnen interagiert. Sie beschattet die Jungs und recherchiert über sie, aber sie redet kaum mit ihnen (bis auf den einen, in den sie sich verliebt, aber auch das bringt dann nicht mehr viel) und man hat keine Chance, die Figuren wirklich in Action zu erleben und kennenzulernen. So ist es eben auch mit Kates Freundinnen, die ihr angeblich so wichtig sind, und selbst mit ihrer Mutter. Das waren leider alles nur Namen für mich, die ich auch öfter durcheinandergebracht habe, weil es so viele waren und da ich eben keinen Schimmer hatte, wer Henry, Shep, John Michael und Logan jetzt wirklich sind, wars mir auch egal, wer von ihnen Grant erschossen hat und was aus ihnen wird.

Dazu kommt, dass das meiste eben auch sehr passiv passiert. „This Is Our Story“ möchte ein Anwaltsthriller im Stil von How To Get Away With Murder sein und die meiste Zeit sitzt Kate halt tatsächlich in der Kanzlei und recherchiert trocken Fakten. Vielleicht realistisch, aber eben nicht spannend. Interessant fand ich, dass Ashley Elston Protokolle von Befragungen einbindet, auf die Kate Zugriff hat, sowie SMS-Verläufe und die Perspektive des Täters – unbekannterweise natürlich. Leider hat das alles am Ende aber einfach nichts mehr gebracht, denn selbst die Täterperspektive war nicht besonders spannend, weil der Täter eigentlich immer nur wiederholt, dass er sein Geheimnis bewahren muss, ohne irgendwelche Infos zu seiner Person oder seinen Plänen rauszugeben, was sie bald unnötig wirken lässt.

DER COUNTRY-SONG UNTER DEN SÜDSTAATEN-THRILLERN

Setting und Schreibstil können ein Buch mit schwacher Handlung nicht retten, aber zumindest etwas angenehmer machen. Hier passt beides leider gut zum Rest der Geschichte. Ashley Elstons Schreibstil ist trocken, wiederholend und einfach sehr simpel. Sie nutzt oft dieselben Satzstrukturen und teilweise dieselben Formulierungen innerhalb eines Dialoges, sodass sich der Roman hölzern und gestelzt liest. Das Setting, Südlouisiana, hätte so viel hergeben können, aber bis auf ein paar in die Dialoge eingebaute y’alls hätte der Roman wirklich überall sonst spielen können, denn mit schönen Beschreibungen der doch sehr eigenen Gegend muss man hier gar nicht erst rechnen und auch nicht mit kulturellen Eigenheiten oder dergleichen. Das hier hätte auch Neuengland sein können oder Kanada oder Hahnenklee-Bockswiese, hätte keinen Unterschied gemacht. Dabei hätte das Setting allein einem Thriller wie diesem eine wunderbare Southern-Gothic-Atmosphäre geben können… Hach, was alles hätte sein können.

Ich habe jetzt 1000 Wörter geschrieben, aber eigentlich lässt sich dieses Buch sehr knapp zusammenfassen: Es ist langatmig, wenig originell trotz der interessanten Prämisse, und von vorn bis hinten flach: Flache Figuren, flacher Schreibstil, flache Umsetzung eines Plots, der so spannend hätte sein können. Soziale Problematiken wie die zu laschen Waffengesetze und Umgang mit Privilegien springen einen regelrecht an, wenn man die ersten Seiten liest, aber Ashley Elston ignoriert sie gekonnt. Eine Auseinandersetzung damit und rundere, interessante Figuren hätten “This Is Our Story” zu einem komplexen Jugendthriller machen können. Leider wirkt der Roman aber einfach nicht allzu gut durchdacht und eben einfach flach und am Ende nichtssagend. Ich konnte hier nichts mitnehmen. Ich musste nicht mitdenken und die Geschichte ist dann halt einfach irgendwie an mir vorbeigeflossen.

Ob ich das Buch empfehlen würde oder nicht? Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Lest es, wenn es euch interessiert, lasst es, wenn nicht. Wer noch nicht so viele YA-Thriller gelesen hat oder auf komplexe Figuren nicht so viel Wert legt, kann mit dem Buch vielleicht mehr anfangen, als ich. Die Bewertungen auf Goodreads sind auch großteils positiv, also vielleicht liegt es ja an mir. Ich habe mir eben einen komplexen Southern-Gothic-Thriller über (tödliche) Freundschaft, Privilegien und die Suche nach der Wahrheit erhofft, “This Is Our Story” ist aber eher wie ein typischer Country-Song, der ganz gut klingt, dessen Melodie man aber vergessen hat, bevor das Lied vorbei ist und dessen Text austauschbar ist. Ich habe den Roman als “Flop” getaggt, nicht, weil ich ihn zwingend schlecht finde, sondern, weil er mir einfach überhaupt nichts geben konnte und je mehr ich darüber nachdenke, umso enttäuschter bin ich über das verschenkte Potential. Schade.


BIBLIOGRAPHIE

This Is Our Story | Disney Hyperion, 2016 | 9781484730898 | 320 Seiten | Englisch

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