Rezensionen

“Sadie” von Courtney Summers

Ihre kleine Schwester Mattie ist das einzige, was für Sadie wirklich zählt. Ihr möchte sie die Geborgenheit geben, die ihr selbst immer gefehlt hat. Als Mattie tot aufgefunden wird, bricht Sadie der Boden unter den Füßen weg. Nach ergebnislosen Polizeiermittlungen macht sie sich selbst auf die Suche nach Matties Mörder. Koste es, was es wolle. Journalist West McCray widmet Sadies Verschwinden einen True-Crime-Podcast, der zu einer fieberhaften Spurensuche wird. Kannte Sadie den Mörder? McCray muss herausfinden, was passiert ist, und hofft, dass er nicht zu spät kommt.


MEINE GEDANKEN
(CW für den Roman: Seelischer & sexueller Missbrauch, Kindesmissbrauch, Drogen & Alkohol)

Mann, Mann, Mann… was für ein Buch. Mein Kopf dreht sich immer noch. Was habe ich da gerade gelesen? Wieso macht es mich so fertig? Also, eins ist klar: “Sadie” ist nichts für schwache Nerven, was sich Leser.innen von Courtney Summers aber wohl schon vorher gedacht haben. “Sadie” ist düster, brutal, unheimlich, ganz besonders, weil alles, was hier passiert tatsächlich passiert, jeden Tag. “Sadie” ist ein extrem wichtiges Buch darüber, was es bedeutet ein Mädchen zu sein, arm zu sein, keine Stimme und keine Macht zu haben. Titelheldin Sadie ist eine junge Frau, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist: Sie wächst in Armut auf, mit einer Mutter, die sich kein Stück für Sadie interessiert, und einer kleinen Schwester, die ihr alles bedeutet, weil sie sonst niemanden hat. Als ihre Schwester ermordet wird, bricht Sadies Welt zusammen.

VERSTÖREND, ABER GENIAL

I can’t take another dead girl.

“Sadie” ist kein typischer Thriller, den man weiß von Anfang an, wer Mattie getötet haben muss. “Sadie” ist auch kein typischer YA-Roman und ich würde ihn für Leser.innen unter 16 Jahren wirklich nicht empfehlen. Sadie selbst ist bereits neunzehn, hat die Schule abgebrochen und fährt los, um Matties Mörder zu finden – und zu töten. Aber die eigentliche Rahmenhandlung wird über den True-Crime-Podcast des Journalisten West erzählt, der zufällig von Matties Ermordung und Sadies Verschwinden hört und sich auf Spurensuche begibt, um Sadie zu finden, bevor auch ihr etwas zustößt. Leichte Kost ist das nicht und gleich am Anfang macht West klar: Sadie wird noch immer vermisst, er hat sie nicht gefunden. Wo sie sein könnte, was mit ihr passiert ist und vor allem, wie es dazu gekommen ist, erfährt man abwechselnd über den ausgeschriebenen Podcast, in dem West seine Ermittlungen schildert, und eingeschobene Kapitel aus Sadies Ich-Perspektive.

Ich kann es nicht oft genug betonen, “Sadie” ist harter Tobak. Der Roman erzählt vom Leben in einem Trailerpark in Colorado, wo Sadies Mutter Sadie von Geburt an spüren lässt, dass sie nicht gewünscht war, während sie Sadies kleine Schwester vergöttert. Dann haut die Mutter der beiden vollends ab und Sadie bleibt mit Mattie allein zurück. Dazu kommt, dass Sadie stottert und deshalb von niemandem ernst genommen wird. Es wird auch immer wieder thematisiert, dass Keith, der Freund von Sadies Mutter, die beiden Mädchen sexuell missbraucht hat. Sadie hat Trigger, mit denen sie auf ihrer Suche nach Matties Mörder zu kämpfen hat, und psychische Probleme, die sie selbst aber kaum als solche erkennt. Courtney Summers gelingt es jedoch, ihren Leser.innen bewusst zu machen, dass Sadie ernste Probleme hat.

Und das ist furchtbar, gerade, weil es wirklich passiert und niemand etwas tut, genau wie im Fall von Sadie und Mattie, bis die Situation eskaliert: Die dreizehnjährige Mattie wird ermordet und selbst dann gibt es keine Gerechtigkeit für die Mädchen, denn die Polizei kommt nicht weiter. Also nimmt Sadie die Situation selbst in die Hand. Dieser Roman ist irgendwie… verstörend. Er handelt von einem Mädchen, um das sich niemand jemals wirklich gekümmert hat und das ist im Kern auch, worum es hier geht. Kinder, besonders Mädchen, die vernachlässigt werden und denen schlimme Dinge zustoßen, die niemand bemerkt haben will, weil entweder niemand hinsieht oder alle mit Absicht weg. Es geht um Sadie, aber es geht nicht nur um sie, sondern um alle Mädchen, die verschwinden und nie wieder auftauchen und irgendwann zu True-Crime-Geschichten werden.

SADIE & “THE GIRLS”: HÄSSLICHE WAHRHEITEN

Like all real monsters, he hides in plain sight.

Courtney Summers gelingt es aufzuzeigen, wie erschreckend das wirklich ist. Es ist ja beinahe schon normalisiert, dass Frauen, besonders junge Frauen, Opfer von Missbrauch und Mord werden: Im Großteil aller Thriller und Krimis sind sie die Opfer und niemand zuckt auch nur mit der Wimper. Genau diese Obsession mit toten Mädchen dekonstruiert Summers ein bisschen, über Sadies Ich-Perspektive, die sie zu mehr macht, als nur einem weiteren Opfer, über das in einem True-Crime-Podcast berichtet wird, aber auch über den Podcast selbst. Zu Beginn ist West sehr distanziert, was die Geschichte angeht, doch je mehr er herausfindet, umso mehr nimmt Sadie und Matties Geschichte ihn mit. Ich fand diese Wandlung sehr interessant erzählt, weil die Leser.innen eigentlich mit West zusammen diesen Prozess durchlaufen.

Das Podcast-Format hat einen weiteren Vorteil, denn viele Menschen, mit denen Sadie und Mattie zu tun hatten, kommen ebenfalls zu Wort. Zum Beispiel May Beth, die für die Mädchen so etwas wie eine Großmutter war, aber auch Leute, die Sadie auf ihrer Suche nach Matties Mörder begegnet sind, die West aufspürt. Man bekommt nicht nur Sadies eigene Sicht auf die Dinge, sondern auch die von vielen anderen Personen. Manchmal ist das schön, wenn Menschen Sadie sehr viel positiver einschätzen, als sie sich selbst. Manchmal macht es unbeschreiblich wütend, wenn zum Beispiel May Beth Keith als netten, fürsorglichen Mann beschreibt und nicht glauben kann, was er Sadie und Mattie angetan hat. Am Ende ist es leider sehr realistisch, wie viele Figuren Keith als Freund und guten Menschen sehen, weil sie nicht ahnen, was er tut, während die Überlebenden seiner Taten damit allein bleiben.

Mir hat auch Courtney Summers’ Umgang mit Queerness sehr gut gefallen. Sie spielt keine große Rolle, aber beide Hauptfiguren, Sadie und West, sind ganz nebenbei queer und auch einige Nebenfiguren. Auf dieselbe Weise bindet sie auch PoC ein. Ob die Darstellung von Sadies Stottern gut gelungen ist, kann ich als nicht betroffene nicht beurteilen, aber ich fand es zumindest sehr einfühlsam gemacht. Sadie wird oft für naiv oder sogar unfähig gehalten, weil sie stottert, und ihre Machtlosigkeit die Meinung dieser Leute zu ändern, fand ich sehr bedrückend, aber gut dargestellt. Alles in allem ist Sadie eine extrem komplexe Figur, die zwar von den Erlebnissen, die sie machen musste, gezeichnet und auch irgendwie kaputt ist, aber trotzdem weitermacht. Ich mochte, dass sie nicht “trotzdem” funktionieren musste, dass sie einfach so sein durfte.

Alles in allem ist “Sadie” ein sehr düsterer, komplexer Thriller, der sehr ernste Themen behandelt, aber gut mit ihnen umgeht. Hier kommt einiges zusammen, Amerikas Obsession mit toten und verschwundenen Mädchen steht jedoch im Mittelpunkt und je weiter man liest, umso unwohler wird einem, während Courtney Summers hässliche Wahrheiten aufdeckt. “Sadie” ist nicht unterhaltend. Es ist schwer zu lesen, entwickelt aber direkt einen Sog, der einen mitreißt, und es übergießt nichts mit Zuckerguss. Deshalb würde ich den Roman auch ab 16 empfehlen, denn es braucht einiges an Reflexionsvermögen, um richtig einzuordnen, was hier wirklich passiert. Es macht nicht wirklich Spaß, aber es lohnt sich “Sadie” zu lesen und ich würde den Roman allen Thrillerfans über 16 empfehlen, die mit diesen harten Themen umgehen können.


BIBLIOGRAPHIE

Sadie | Beltz + Gelberg, 2019 | 978-3-407-81240-7 | 359 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Friederike Levin | Amerikanische OA: Sadie, 2018

3 Kommentare

  • Janna | KeJas-BlogBuch

    Wow! Deine Rezension und das Buch! Der Titel steht schon auf meiner Wunschliste, aber ich war unsicher, ob ich wirklich lesen möchte – eben weil es ein YA Titel ist. Dahingehend lese ich sehr wenig bis gar nicht, gefühlt bin ich den Geschichten entwachsen. dennoch schaffen es immer mal wieder Bücher in meinen Fokus und deine Worte bestätigen mein Lesen wollen.

    Queer, PoC, stottern und alles so verpackt das es nicht als zwanghaft eingebaut wirkt klingt bereits interessant und die Thematik an sich … reizvoll ist das falsche Wort (hoffe du weißt wie ich es meine), es ist ein Thriller der berührt, eine Geschichte die so oder so ähnlich in Haushalten zu finden ist und gerade deswegen für mich noch ein Grund mehr es zu lesen. Kein Zuckerguss? Perfekt! Denn von rosa Wolken haben wir genug, gerade in diesem genre und bei den Themen – oder eben das absolute Extrem, wo viele Leser*innen nicht zugreifen, da es zu brutal wird.

    Nun muss ich nur noch mit mir händeln … LB macht gerade Verlosung zum Buch, vielleicht hüpfe ich wirklich in den Lostopf … oder Augen zu und Direktkauf … ?!?

    Randnotiz: original-Cover gefällt mir irgendwie besser … aber das gänzlich rote auf dem deutschen hat auch was

    Liebe Grüße,
    Janna

    • Katriona

      Hi und danke für den schönen Kommentar! Ich finde das Originalcover auch besser, ich hatte beim Lesen einige Aha-Momente, was das amerikanische Cover angeht, sehr genial gemacht. Ein typisches YA-Buch ist es wirklich nicht, eigentlich hat Sadie kaum Probleme, die wirklich Teenager befassen. Es ist tatsächlich eins dieser Bücher, die ich gar nicht wirklich in eine Altersgruppe stecken würde. Auf deine Meinung bin ich sehr gespannt, ich lese deine Rezensionen sehr gern. <3

      lG,

      Kat

      • Janna | KeJas-BlogBuch

        Nach deinem tweet husche ich doch direkt nochmal hier vorbei und kann sagen: sitze nun im Lostopf und wenn`s da nix wird, kaufe ich es umgehend! Du hast mich einfach mega angefixt!

        und das es kein typisches YA-Buch ist, sagt mir noch mehr zu – ist aber auch gut aus deiner Rezension herauszulesen.

        Und liebsten Dank für dein Lob *-*

        Mukkelige Grüße!

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