“Eine wie wir” von Dana Mele

28. Februar 2019Katriona

Kay Donovan ist siebzehn und hat ihr Leben am Bates-Internat in Neuengland neu eingerichtet. Doch als ihre Clique die Mitschülerin Jessica Lane tot auffindet, ändert sich alles und Kays sorgsam konstruiertes Dasein beginnt zu bröckeln. Denn Jessica hat Kay einen verschlüsselten »Racheblog« hinterlassen, in dem nahezu alle verdächtigt werden, die etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnten. Und Kay soll alle Betreffenden mit ihren Vergehen konfrontieren – tut sie dies nicht, würden alle anderen von Kays Geheimnis erfahren …


MEINE GEDANKEN

“Eine wie wir” habe ich bereits Ende 2018 im englischen Original gelesen und seitdem warte ich sehnsüchtig darauf, dass der Roman auch auf Deutsch erscheint, damit ich ihn euch empfehlen kann. An dieser Stelle möchte ich mich mal herzlich beim Arctis-Verlag bedanken, der in letzter Zeit dadurch aufgefallen ist, dass er vielen YA-Titeln mit queeren Held.innen eine Chance gibt. Ich wünschte, mehr größere Verlage würden das tun, damit auch deutschsprachige Leser.innen Zugang zu Büchern wie “Eine wie wir” bekommen.

ANTIHELDIN & ALPHA BITCH

Das Tolle an “Eine wie wir” ist, dass es ein Jugendthriller über Privilegien und das Bewusstsein darüber ist, der zufällig eine Menge queere Figuren hat. Es ist kein Buch über Coming Out, es problematisiert die Queerness der Ich-Erzählerin Kay und ihrer besten Freundin Bri nicht und während auch solche Bücher natürlich wichtig sein können, brauchen wir auch mehr, die queere Menschen einfach mal Held.innen sein lassen.

Nicht, dass Kay jetzt eine große Heldin wäre. Sie ist viel eher eine klassische Antiheldin. Kay stammt aus ärmlichen Verhältnissen, hat jedoch einen Platz an einem Eliteinternat bekommen und dort alles daran gesetzt, einen Weg in die It-Clique der Schule zu finden. Kay ist ein mean girl, wie es im Buche steht und könnte es wahrscheinlich sogar mit Regina George aufnehmen, aber genau das mochte ich.

Es gibt in “Eine wie wir” eigentlich keine wirklich sympathische Figur. Alle haben irgendwelche Geheimnisse oder dunkle Seiten, die nach und nach zum Vorschein kommen. So auch Kay. Was mir sehr gut gefallen hat, ist, dass Dana Mele einerseits mit Kay das Trope der Alpha Bitch dekonstruiert, indem sie ihr eine Stimme gibt: Wieso gibt es mean girls? Was bringt sie dazu, gemein zu sein? Ich fand sehr gut aufgeschlüsselt, wie solche Menschen sich selbst und andere sehen. Gleichzeitig entschuldigt Dana Mele nichts. Kays Rücksichtslosigkeit und ihre “Scherze” auf Kosten anderer haben Konsequenzen für sie, die vielleicht nicht für alle offensichtlich sind, die Kay aber immer wieder einholen.

Ja, Kays Ich-Perspektive ist gewöhnungsbedürftig, denn sie ist selbstsüchtig und arrogant. Als sie und ihre Freundinnen über die Leiche einer anderen Schülerin stolpern, ist Kays erster Gedanke nicht Mitleid, sondern die Überlegung, wie der Mord sie beeinflussen wird.

Als sie das Racheblog entdeckt, den das tote Mädchen ihr hinterlassen hat, das ihr aufträgt die Geheimnisse ihrer Freundinnen zu verraten, damit ihr eigenes geschützt bleibt, zögert Kay nicht lang und liefert ihre Freundinnen ans Messer, um sich selbst zu retten. Das kann man kritisieren und ich habe auch schon viele Rezensionen gelesen, die Kay zu unsympathisch fanden. Ich fand es jedoch genial, denn am Ende ist Kay das Produkt einer Gesellschaft, die ihr eingeredet hat, sie ist nichts wert, wenn sie nicht beliebt, reich und schön ist. Also wird sie diese Person und das hat Folgen.

Nicht, dass ihre Freundinnen besser sind. Es wäre hier so einfach gewesen, die Mädchen aus Kays Clique als oberflächliche mean girls zu schreiben und wieder misogyne Klischees zu bedienen, doch obwohl die Mädchen unsympathisch sind, gelingt es Dana Mele ihre Motivation, ihre Wünsche und Ängste herauszuarbeiten. Einerseits lernt man zu verstehen, wieso sie so handeln, wie sie eben handeln, andererseits wird aber auch immer wieder klar, dass sie eben reiche, privilegierte Mädchen sind, die wohl noch nie im Leben darüber nachgedacht haben, was das bedeutet. Hier funktioniert Kays Ich-Perspektive sehr gut, weil sie nicht aus dieser Welt kommt und das deshalb besser erkennen kann, als ihre Freundinnen.

TOLLER ROMAN, MITTELMÄSSIGES ENDE

Kay ist außerdem eine Erzählerin, der man nicht vertrauen darf. Sie hält absichtlich Informationen zurück, nicht nur vor der Polizei, sondern auch vor den Leser.innen, als wollte sie, dass man sie mag und sie bemitleidet. Und das tut man auch, bis dann rauskommt, dass eine Situation doch ganz anders war, als sie sie zuerst dargestellt hat.

Dana Mele macht das handwerklich sehr gut. Es ist leicht bei solchen Stilmitteln durcheinander zu kommen oder sie platt zu benutzen, sodass die Lügen willkürlich wirken, aber nicht hier. Die Dinge, über die Kay lügt, sind Dinge, auf die sie nicht stolz ist, die sie vor sich selbst aber nicht richtig eingestehen kann. Im Verlauf des Romans lernt sie, mit der Schuld umzugehen, und dann sagt sie auch die Wahrheit. Ich fand das toll, weil es “Eine wie wir” noch zehnmal spannender gemacht hat, denn vielleicht lügt Kay ja auch, wenn sie sagt, sie hat das Mädchen nicht ermordet…

Dana Mele nimmt sich hier einer Reihe von wichtigen, aber schwierigen Thematiken an. Privilegien, Mobbing und Freundschaft stehen im Vordergrund, aber es werden auch soziale Themen angesprochen, die im Moment sehr wichtig sind, zum Beispiel der Umgang mit sexuellem Missbrauch und die Verantwortung, die man Überlebenden gegenüber hat. Dana Meles Bearbeitung dieser Themen geht – meistens – auf.

Leider fehlt auf knapp 350 Seiten einfach der Platz, um sie alle so sensibel aufzuschlüsseln, wie es nötig gewesen wäre, weshalb einiges ein bisschen nach hinten losgeht, zum Beispiel der Versuch, Fatshaming anzukreiden. Eine von Kays Freundinnen war mal dick und Kay sagt, dass sie jetzt schön ist, es vorher aber auch war, aber für ihren Körper gemobbt wurde. Doch diese Problematik bekommt gar keinen Raum, weshalb ich fast wünschte, Dana Mele hätte sie außen vor gelassen, denn das hätte mehr Fingerspitzengefühl gebraucht.

Auch nicht so gut gefallen hat mir, wie die Polizei dargestellt wird. Mal ehrlich, in fast jedem YA-Thriller sind Polizist.innen unfähige Anfänger, die Hilfe von Jugendlichen brauchen, um einen Fall zu lösen. Hier geht es so weit, dass die Polizistin Kay verdächtigt und sich komplett auf sie einschießt, obwohl es dafür überhaupt keine Anzeichen gibt. Gleich von Anfang an, als Kay und ihre Freundinnen die Leiche finden und die Polizei verständigen, stellt die Polizistin Kay Fangfragen und so geht es dann auch weiter.

Ständig befragt sie Kay (verbotenerweise), ohne, dass eine erwachsene Person dabei ist, ständig versucht sie mit pointierten Fragen Kay dazuzubringen, etwas zu sagen, was sie belasten könnte. Ich weiß, dass es solche Polizist.innen gibt und ich hätte diesen Konflikt sicherlich spannend gefunden, wenn die Polizistin mehr Grund gehabt hätte, Kay zu verdächtigen. Hatte sie aber nicht und das wirkte bald einfach wie ein billiger Versuch, mehr Spannung zu erzeugen.

Generell muss ich sagen, dass mir auch das Ende nicht ganz so gut gefallen hat. Ich habe nicht erraten können, wer jetzt wirklich der Mörder ist, aber ich fand besonders das Motiv dann leider sehr weit hergeholt. Das ist jetzt aber sehr subjektiv, denn ich mag es persönlich gar nicht, wenn YA-Thriller so abheben, nur, damit das Motiv am Ende besonders ist. Mir wäre eine komplexere, etwas naheliegendere Lösung lieber gewesen, einfach, weil es glaubhafter und runder gewesen wäre, als… das.

Spoiler für's Ende
Vor allem hat mir nicht gefallen, dass mal wieder das Trope, das Opfer zu Täter.innen werden, bedient wurde. Das steht einem Roman, der eine starke Anti-Mobbing-Schiene fährt irgendwie nicht gut, vor allem, weil natürlich auch wieder psychische Probleme mit reinspielen und diese Stigmatisierung geht mir generell auf die Nerven. 

Trotzdem ist “Eine wie wir” ein Jugendthriller, der sich lohnt. Im Mittelpunkt stehen Schuld, Freundschaft und die Verantwortung, die Privilegien bringen, und der Roman dekonstruiert das Trope der Alpha Bitch, ohne solch ein Verhalten zu entschuldigen. Mobbing und seine Konsequenzen werden verständlich besprochen und die Repräsentation von queeren Mädchen ist sehr gut.

Der Roman hat ein paar Probleme und es gab einiges das mir nicht so gut gefallen hat, doch am Ende ist er eine komplexe, düstere Geschichte und es lohnt sich nicht unbedingt nur für den spannenden Fall ihn zu lesen, sondern vor allem für seine Figuren jenseits von gut und böse und ihre Beziehungen untereinander, für die Auseinandersetzung mit Schuld, (zerbrechlicher) Freundschaft und Verantwortung und natürlich für die gute Repräsentation.


Für Fans von: Internatsgeschichten, “Mean Girls” mit Lindsay Lohan, YA-Thrillern & Antiheldinnen


BIBLIOGRAPHIE

Eine wie wir | Arctis, 2019 | 978-3-03880-021-7 | 352 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Franziska Jaeckel | Amerikanische OA: People Like Us, 2018

Comments (4)

  • Yvonne

    3. März 2019 at 08:16

    Weißt du, was ich bei dieser Rezension klasse finde? Du hast dich inhaltlich so gut mit dem Buch befasst und es trotzdem geschafft, mich nicht zu spoilern 😀
    Einerseits hast du mir auch richtig Lust auf das Buch gemacht (gut, ich war vorher schon interessiert), andererseits kann diese Mean-Girl Perspektive funktionieren oder auch nicht. Theoretisch finde ich die Idee klasse, aber mal schauen, ob das dann auch was für mich ist. Ich werde es mir auf alle Fälle mal ausleihen 🙂
    Liebe Grüße
    Yvonne 🙂

    1. Katriona

      10. März 2019 at 11:35

      Danke! Das ist genau das, was ich immer erreichen möchte: Detailliert rezensieren, ohne zu spoilern. Schön, dass es geklappt hat. <3 Für mich hat die Mean-Girl-Sache hier geklappt, ich hoffe, es wird dir auch gefallen, falls du es liest,

      lG, Kat

  • Sas

    10. April 2019 at 19:21

    Huhu Kat,

    ich habe das Buch heute beendet und muss sagen, dass es mir alles in allem sehr gut gefallen hat. Ich hatte zwischendurch Phasen, wo ich es am liebsten gar nicht aus der Hand legen wollte. Und die Diversität hat mich ein wenig überrascht – also positiv. Ich fand es toll, dass so natürlich damit umgegangen wurde, dass Kay eben bisexuell und Brie lesbisch(?).

    Ich muss zugeben, dass ich den/die Täter*in relativ früh in Verdacht hatte… das Motiv hat mich dann aber auch überrascht. Und wie du sagst: ein wenig weit hergeholt. Aber gut, man kann nicht alles haben 😉

    Liebe Grüße
    Sas

    1. Katriona

      12. April 2019 at 10:15

      Hi Sas! Ja, so ähnlich ging es mir ja auch. Bei der Diversität ist halt mein Problem, dass Labels nur im negativen Sinne genannt werden. Ich glaube, Kay nutzt “Lesbe” einmal als Schimpfwort? Das wird ja aufgearbeitet, aber darüber hinaus wird leider nichts gelabeled. An sich hat mir das Buch aber auch gut gefallen und ich bin gespannt, was Dana Mele als nächstes schreiben wird.

      lG,

      Kat

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