Queer Fiction: Kein Genre, kein Trend & erst recht kein Plot Device

Ich schreibe nicht zum ersten Mal zu diesem Thema. Meine anderen Texte, sowie weitere lesenswerte Beiträge, habe ich wie immer unten verlinkt. Hier auf dem Blog ist zur Repräsentation von LGBTQ-Menschen in Literatur schon einiges zusammengekommen, aber leider sorgt das Thema im deutschsprachigen Raum immer wieder für Aufregung, aus allen Ecken: Die einen finden, man braucht überhaupt keine Repräsentation, oder, dass die “Repräsentation” im Nischengenre Gay Romance reicht. Die anderen finden, es gäbe doch mittlerweile schon soooo viel “LGBTQ”-Literatur (nennen aber nur selten wirklich mal die ganzen Bücher, die sie so kennen), wieso brauchen wir denn noch mehr?

In diesem Kontext bin ich vorgestern unverhofft mit einem Indie-Verleger “schwuler” Bücher aneinander geraten, der mir auf meinen Wunsch nach mehr Repräsentation für alle queeren Identitäten neben einigen mehr als unsachlichen Vorwürfen und Beleidigungen auch eine Geisteshaltung entgegenbrachte, die anscheinend viele teilen: Es gibt doch sooo viele Gay Romances, wieso reicht das nicht? Und an sich stimmt das ja auch: Es gibt unglaublich viele Romances, in denen schwule Männer die Hauptrollen spielen, ob von Self-Publishern, aus Indie-Verlagen oder mittlerweile sogar aus Mainstreamverlagen, wenn auch seltener. Und es gibt so viele Menschen, die sich damit zufrieden geben wollen. Aber ich finde, das können wir nicht machen. Und heute möchte ich darüber schreiben, warum nicht.

KEINE NISCHE: WARUM GAY ROMANCE NICHT REICHT

Das erste Problem mit dieser Argumentation liegt eigentlich auf der Hand, scheint für viele aber nicht naheliegend zu sein, deshalb lasst es mich erklären: Liebesgeschichten über schwule Männer repräsentieren nicht alle queeren Menschen. Sie repräsentieren schwule Männer – und das meist auch nicht ideal, denn oft ist Gay Romance von hetero Frauen für eben solche geschrieben, schwule Männer sind gar nicht die Zielgruppe. Das soll nicht heißen, dass es im Genre keine guten Romane gibt. Es heißt aber, dass das Genre an sich einige Probleme mitbringt, da für viele Autor.innen Repräsentation einer Minderheit gar nicht das Ziel ist, sondern Unterhaltung von nicht Betroffenen.

Ob man es gutheißt, die Identität einer marginalisierten Gruppe herzunehmen, um Leser.innen zu unterhalten, die ihr nicht angehören, ist eine andere Frage, aber eines kann stehen bleiben: Gute Repräsentation ist das leider immer öfter nicht. Und selbst, wenn jedes der Gay-Romance-Bücher ein Volltreffer für gut geschriebene, authentische Repräsentation schwuler Männer wäre, es würde immer noch nicht reichen. Denn das Akronym LGBTQ besteht eben nicht nur aus dem G. Es schließt, ebenso wie der umbrella term “queer”, dutzende Identitäten ein, von lesbischen Frauen über bisexuelle Menschen über die trans und nichtbinären Communities, bis hin zu aro- und asexuellen Menschen und vielen mehr. Wo ist die Repräsentation für diese Menschen? Sie steckt selten in Gay-Romance-Büchern. (Manchmal schon, aber längst nicht oft genug.)

Wer glaubt, dass es reicht das G aus dem Akronym abzudecken, irrt sich, denn die Erfahrungen queerer Menschen sind nicht alle gleich und jede Gruppe bringt ihre eigenen Erlebnisse und Problematiken mit. Gay Romance an sich deckt am Ende auch nicht einmal das G (für “gay”, schwul) vollkommen ab, denn nicht jeder möchte Romanzen lesen. Und die Reduzierung von “queer fiction” auf Romantik, Liebe, Sex ist sowieso durch und durch problematisch. Nicht jede Geschichte mit queeren Held.innen muss sich um diese Themen, um Diskriminierung oder um ähnliche Problematiken drehen. So entsteht am Ende eben die Nische. So kommt es, dass der Begriff “queer fiction” mit Erotik gleichgesetzt wird. Und diese Reduzierung, die auch abgrenzt (denn Gay Romance steht nicht dem Genre Hetero Romance gegenüber, sondern nur Romance. Das eine wird als normal angesehen, das andere muss abgegrenzt werden), ist problematisch.

Queer Fiction sollte und muss die Existenz queerer Menschen in allen Lebenslagen normalisieren. Nicht nur als Hauptsujet im von “normaler” Romance abgegrenztem Erotikgenre. Sexualität, besonders marginalisierte Sexualität, prägt und beeinflusst das eigene Leben. Doch queere Menschen sind trotzdem am Ende normale Menschen – und es ist ein Armutszeugnis, das im Jahr 2019 noch so plump ausschreiben zu müssen. Sie haben Berufe, Familien, Freunde, Probleme abseits von Diskriminierung. Sie sollten als die normalen Mitglieder unserer Gesellschaft betrachtet werden, die sie sind. Das werden sie jedoch nicht. Sie werden ausgegrenzt, auf bestimmte Stereotype reduziert und marginalisiert. Die Normalisierung queerer Figuren in Romanen – allen Romanen, vom Thriller zur Familiensaga – würde schon viel helfen, was das angeht. Denn nicht nur würde es repräsentieren, es würde auch cis, hetero Leser.innen zwingen, den Horizont zu erweitern und Vorurteile abzubauen.

“Queer Fiction” als Nischengenre zu betrachten, an dem nur queere Menschen und ein paar hetero Frauen Freude finden können, ist problematisch. “Queer Fiction” mit Gay Romance gleichzusetzen, von vorn herein in die Erotikecke zu schieben und queere Menschen auf etwas rein Sexuelles, Verruchtes zu reduzieren, ist es allemal. Queere Literatur als Nische zu behandeln, die nicht für “ottonormal” Leser.innen ist, ist Ausgrenzung in Reinform. “Wir”, die “Normalen”, die “Mehrheit”, und die “Anderen”, die wir nur gerade so in unserer Mitte akzeptieren, aber nicht in unseren Bücherregalen, Filmen, Serien. Es ist bequem, das, was man für anders hält, auf diese Weise aus dem eigenen Leben fernzuhalten.

Am Ende ist es aber eben Queerphobie, ein Buch nicht lesen zu wollen, weil es um queere Figuren geht. Leider sind alle Gründe und Entschuldigungen, die vorgeschoben werden, eben nur das: Vorgeschoben. Denn das Ablehnen von Geschichten, die von Menschen handeln, die nicht so sind wie man selbst und zudem unterdrückt werden, geschieht nie wegen “Geschmack”. Argumente wie “Ich kann damit halt nichts anfangen”, “Das betrifft mich aber nicht” oder sogar “Es ist gut, dass es das gibt, aber deshalb muss ich es ja nicht lesen” sind queerphob, meist sicherlich unterbewusst so, aber eben doch queerphob, denn der Grund, wegen dem ein Buch nicht gelesen wird, das einen ansonsten interessiert hätte, ist die Queerness seiner Figuren. Das sind Berührungsängste, die längst nicht mehr so weit verbreitet sind, wie noch vor ein paar Jahren, doch sie sind immer noch da.

KEIN TREND: HERE, QUEER & ASKING FOR REPRESENTATION

Vor einigen Tagen fragte die Youtuberin Lindsay Ellis auf Twitter, ob man Romane mit queeren Figuren, die sich aber nicht um die Sexualität der Figuren drehen, überhaupt als Queer Fiction bezeichnen sollte. Ich sage: Unbedingt. Denn genau solche Romane normalisieren Queerness im alltäglichen Leben und sie aus dem Kanon “queer fiction” auszuschließen, weil sie sich einmal nicht explizit um Diskriminierung, Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität oder eine Romanze (alles wichtige Themen, aber nicht jedes Buch mit queeren Figuren muss ausschließlich von ihnen handeln) drehen, wäre fatal, denn genau das brauchen wir:

Romane über queere Menschen, die ihrem Beruf nachgehen, sich verlieben und ihr Leben leben, ohne, dass jeder Schritt auf ihre Queerness reduziert wird. Romane über queere Held.innen in Fantasywelten, Ermittler.innen in Krimis, glücklich werdende Menschen in historischen Romanen, die nicht an ihrer Queerness und der Ablehnung der Gesellschaft zerbrechen. Aber bitte nicht heteronormativ, denn queere Figuren in die Schablone “Guck, er benimmt sich, als wäre er hetero, deshalb ist er okay” zu pressen ist natürlich auch keine Lösung. Die Lösung ist, queere Kultur und queere Sexualität nicht als befremdlich und “anders” zu präsentieren, sondern als positiv und, ja, normal eben. Es ist eigentlich ganz einfach: Wir müssen aufhören queere Figuren auf ihre Queerness zu reduzieren, aber wir dürfen queere Figuren auch nicht in heteronormative Ideale zwingen.

Das gelingt aber nicht, wenn “Queer Fiction” zum Genre wird, das man auf alle Romane mit queeren Figuren bäppen kann, egal, worum es eigentlich geht. Denn die Identität queerer Menschen ist kein Genre. Und ihre Repräsentation ist auch kein Trend, auch, wenn man immer wieder hört, wie Menschen die wachsenden Zahlen an inklusiven Romanen so betiteln. Diversity und Inklusion im Roman sind nicht einfach so passiert: Sie sind das Ergebnis der harten Arbeit von Aktivist.innen, wie zum Beispiel den Bewegungen We Need Diverse Books oder #OwnVoices. Sie sind aber auch das Ergebnis aller (queeren) Autor.innen, die seit Jahren queer schreiben und deren Romane im Mainstream untergingen oder gar nicht erst verlegt wurden.

Repräsentation ist wichtig, denn sieht man sich in den Büchern, die man liest, niemals abgebildet oder nur negativ gezeigt, fühlt man sich einsam, unverstanden und allein. Und das ist etwas, das viele cis, hetero Menschen niemals werden nachvollziehen können, denn sie sehen Menschen mit ihrer Sexualität und Genderidentität ja in jedem Roman repräsentiert, sie können nicht nachfühlen, was es bedeutet, dieses wertvolle Privileg nicht zu haben. Deshalb ist es ein Unding, Repräsentation und Inklusion als einen Trend zu bezeichnen, der kommt und wieder gehen wird. Die Existenz echter, marginalisierter Menschen ist kein Trend. Ihre Inklusion in unserer Literatur ist weder gerade in, noch ist sie das hippe, neue Ding nach Vampiren und Dystopien. Sie ist ein überfälliger Schritt in Richtung einer inklusiven Zukunft, in der queere Menschen nicht mehr unsichtbar gemacht und ausgegrenzt werden.

Deshalb reicht es nicht, queere Figuren als Gay Romance und Erotik in die Nische zu drängen. Queere Figuren gehören als Hauptfiguren in alle Arten von Romanen, auch von Mainstreamverlagen, die deutlich mehr Reichweite haben, als Indie-Verlage und Self-Publisher. Und genau deshalb ist es auch wichtig, queer fiction trotzdem als solche zu benennen. Nicht als Genre, sondern als Marker und Orientierungshilfe – für die, die verzweifelt nach Repräsentation suchen. Denn selbst wenn es eine queere Geschichte mal in einen Mainstreamverlag schafft, das Marketing ist oft vage und katastrophal: Darum, dass das Love Interest vielleicht dasselbe Geschlecht hat, wie die Hauptfigur wird im Klappentext herumgeredet, um ja keine nicht queeren Leser.innen zu verschrecken (die dann am Ende manchmal noch queerphobe Rezensionen schreiben, wenn sie damit überrascht werden).

KEINE BÖSEWICHTE: WIESO ES EGAL IST, WIE VIELE MENSCHEN IN DEUTSCHLAND QUEER SIND

Das sorgt dafür, dass queere Leser.innen (und Allies, also nicht queere Menschen, die sich ebenfalls für mehr Repräsentation einsetzen) diese Bücher nicht finden können. Und das wiederum sorgt dafür, dass Verlage das Argument “Es gibt keine Nachfrage, diese Bücher werden nicht gekauft und es gibt so viele schlechte Rezensionen” anbringen. Es ist ein Teufelskreis und es ist unfair, denn ein Buch, von dem ich nicht weiß, dass es queere Figuren hat, kann ich nicht lesen und weiterempfehlen. Natürlich kann keine Nachfrage generiert werden, wenn queere Romane so vermarktet werden, dass überhaupt niemand mitbekommt, dass sie queere Romane sind. Und, dass die Nachrage nicht so gering ist, wie gern behauptet wird, ist auch lang kein Geheimnis mehr. Queere Menschen und Allies verlangen seit Jahren nach mehr Inklusion im Roman.

Gestern brachte jemand in diesem Zusammenhang das Argument an, dass doch nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland queer wären und ob man da wirklich so viel Repräsentation bräuchte. Aber ich denke, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist, als die gern erwähnten 7% – Denn Menschen, die sich nicht outen wollen oder die queer sind, es sich aber noch nicht eingestehen können, werden überhaupt nicht berücksichtigt. In den USA identifizieren sich mittlerweile nur noch knapp 50% aller Menschen zwischen 13 und 20 als cis und hetero.

Diese Zahl steigt nicht umsonst mit jeder Umfrage, die gemacht wird, besonders in den letzten Jahren. Nicht, weil es plötzlich mehr queere Menschen gäbe, oder weil es jetzt “in” wäre, queer zu sein, sondern, weil es leichter wird, zu erkennen, das man queer ist und auch eher akzeptiert wird – unter anderem auch durch Repräsentation. Unsere westliche Gesellschaft befindet sich im Wandel und obwohl Diskriminierung und Marginalisierung noch immer ernste Probleme sind, machen wir große Fortschritte. Dazu gehört, dass Menschen, die nie auf die Idee gekommen sind, dass sie queer sind und unter dieser Unwissenheit auch gelitten haben, durch größere Sichtbarkeit erkennen, dass sie LGBTQ sind. Sieht man sich repräsentiert, fällt einem die Erkenntnis “Hey, das ist ja wie bei mir!” leichter und danach kommt: “Es ist okay, so zu sein, wie ich.”

Für diese Menschen brauchen wir Repräsentation, aber auch für nicht queere Menschen, die lernen müssen, auch Bücher zu lesen, in denen nicht Figuren wie sie selbst im Mittelpunkt stehen – genau das wurde von marginalisierten Leser.innen schließlich seit jeher erwartet. Es geht nicht darum, einen Prozentsatz durchzusetzen, Marke “Es gibt 7% queere Menschen in Deutschland, also reicht es, wenn in 7% aller Bücher mal eine queere Person auftaucht”. Wenn wir schon so rechnen wollten, was wir eigentlich nicht wollen, sollte doch eigentlich in jedem Roman, der eine normale Castgröße von ca. 15 Figuren hat, mindestens eine queere Person auftauchen, oder? Das wäre dann nur die logische Schlussfolgerung, aber das finden die Leute dann wieder zu übertrieben.

Darum geht es bei Repräsentation aber gar nicht – mal davon abgesehen, dass die 7% eben kaum haltbar sind, weil sie eine große Gruppe queerer Menschen gar nicht einschließen. Es geht darum, Geschichten über alle Menschen zu erzählen, in allen Genres, denn jeder hat es verdient, sich selbst in Geschichten positiv widergespiegelt zu sehen. Und wir leben in einer Gesellschaft, die queere Menschen jahrzehntelang wenn überhaupt als verdorbene Bösewichte dargestellt hat, die es verdienen zu sterben (dazu bitte unbedingt den Mary-Sue-Artikel lesen, den ich unten verlinkt habe). Wir fangen also gar nicht bei Null an, was positive und normalisierende Repräsentation angeht. Wir müssen wett machen, was Hollywood und auch Romanautor.innen seit ca. 90 Jahren durch Filme, Serien und Romane an Vorurteilen, negativen Darstellungen und vor allem auch toten LGBTQ-Figuren angehäuft haben.

KEIN PLOT DEVICE & KEINE LEHRSTUNDE: NICHT JEDE REPRÄSENTATION IST AUCH GUT

Allerdings gibt es gute Repräsentation und es gibt schlechte. Gute Repräsentation normalisiert und bietet Identifizierungsmöglichkeiten für queere Leser.innen. Gute Repräsentation hilft nicht queeren Leser.innen zu verstehen, nachzuvollziehen und ihren Horizont zu erweitern. Schlechte Repräsentation marginalisiert jedoch nur weiter: Sie grenzt aus, unterstützt schädliche Stereotypen und verfestigt Vorurteile in den Köpfen der Leser.innen. Schlechte Repräsentation normalisiert nicht, sie “othered” – Das bedeutet, dass sie Queerness als etwas anderes als “normal” darstellt, im schlimmsten Fall eben erneut reduziert auf den erotischen Teil oder auf schädliche Vorurteile (zum Beispiel das “Predatory/Psycho Lesbian” Trope, bei dem lesbische Frauen und andere Frauen, die sich in Frauen verlieben, als übergriffig, Stalker.innen und “verrückt” dargestellt werden, die besonders oft hetero Frauen nachstellen und sie belästigen).

Ein Problem sind diese Tropes, besonders auch das “Bury Your Gays” Trope, bei dem queere Figuren, meist sinnlos, umgebracht werden – erinnert euch an Lexa aus “The 100” oder auch Tara aus “Buffy” – solang es so wenig Repräsentation gibt. Wenn von 20 Figuren nur eine queer ist und ausgerechnet diese Figur stirbt oder ist negativ dargestellt, ist das ein Problem. Wenn das in dutzenden Romanen, Filmen und Serien so ist, erst recht, denn da zeichnen sich gesellschaftliche Muster ab, die uns zu denken geben sollten.

Ein weiteres Problem ist es, Queerness als Spoiler oder Plot Device zu nutzen. Das passiert leider in Laura Kneidls* neuem Hype-Roman “Someone New”. Ich möchte nicht spoilern, aber die queere Identität einer Figur wird bis zum Ende als großes Geheimnis ausgenutzt. Kneidl ist da auch in guter Gesellschaft. Auch Karen M. McManus’ Bestseller “One of Us Is Lying” nutzt dieses Trope – Die Queerness eines Ich-Erzählers wird verheimlicht, obwohl der Ich-Erzähler längst weiß, dass er queer ist (es wäre ja etwas anderes, wenn er seine Queerness gemeinsam mit den Leser.innen über die Handlung hinweg erst erkennen würde).

Das ist keine gute Repräsentation, denn ich kann mich nicht gesehen, verstanden und vor allem repräsentiert fühlen, wenn ich erst auf den letzten Seiten erfahre, dass die Figur queer ist. Darüber hinaus ist es auch “Othering” die Queerness einer Person als großes, oft verruchtes Geheimnis herzunehmen, anstatt sie zu normalisieren. Ähnlich ist es mit der Reduzierung queerer Figuren auf ihre Diskriminierung, denn für queere Leser.innen liest sich das, als wäre das Buch überhaupt nicht für sie gedacht, sondern für cis, hetero Leser.innen, die sich am Leid und an der Diskriminierung sozusagen hochziehen. Queere Figuren sollten nicht nur als Lektion und Inspiration für nicht queere Leser.innen herhalten müssen. Queere Figuren, mit denen queere Leser.innen nicht viel anfangen können oder die sie am Ende noch negativ beeinflussen, sind ein großes Problem.

EIN SCHLUSSWORT

Was jetzt mitnehmen aus der Debatte auf Twitter der letzten Tage, aus diesem Post und vor allem aus Jahren, in denen queere Aktivist.innen und Allies für mehr Repräsentation einstehen und immer wieder abgeschmettert werden? Ich hoffe, ich konnte verständlich machen, warum queere Repräsentation wichtig ist, warum sie kein Nischengenre bleiben sollte und warum es hochgradig problematisch ist, sie auf ein reines Erotikgenre für eine Handvoll Leser.innen zu reduzieren, das alle anderen nicht zu interessieren braucht. Repräsentation in Romanen aller Genres und besonders in großen Mainstreamverlagen ist nicht nur wegen der Reichweite wichtig, sondern auch, weil es endlich die Gleichstellung bedeuten würde, die längst überfällig ist: Nicht nur cis, hetero Menschen haben es verdient, in allen möglichen Romanen Held.innen zu sein. Doch sie sind bisher die einzigen, die es sein dürfen.

Die Identität echter Menschen ist niemals ein Genre, ein Trend oder eine Nische und sie geht uns alle etwas an. Wir können nicht nur über Menschen lesen, die wie wir selbst sind und, dass es immer noch Leser.innen gibt, die es schon okay finden, dass nur ein Anteil aller Menschen, nämlich solche, die nicht nur cis, hetero sind, sondern auch weiß, nicht körperlich beeinträchtigt, und keine psychischen Probleme haben, repräsentiert wird, und alles andere gefälligst nur in der Nische stattfindet, ist traurig. Wenn wir uns damit zufrieden geben, nur in der Nische repräsentiert zu werden, geben wir uns auch ein Stück weit damit zufrieden, aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Denn das Abgrenzen und Unsichtbarmachen, das auf dem Literaturmarkt im Kleinen passiert, passiert eben auch innerhalb unserer Gesellschaft im Großen.

Wir müssen Vorurteile und falsche Ideen dessen, was queer sein bedeutet, abbauen und wir müssen das im Mainstream tun, nicht nur auf der Seitenlinie, wo der Großteil der nicht queeren Leser.innen einfach an uns vorbeirauscht, ohne auch nur mal aus dem Fenster zu sehen. Normalisierung ohne Sichtbarkeit funktioniert nicht. Und Medien wie Romane, Filme, Serien, oder auch Videospiele, sind ein wichtiges Werkzeug, denn die Medien, die Menschen konsumieren, beeinflussen sie sehr viel mehr, als man meinen mag. Deshalb sind negative Tropes auch so schädlich. Das “Gay for You”-Trope habe ich euch ja vor ein paar Monaten schon vorgestellt. Im Verlauf der nächsten Wochen werden noch ein paar weitere dazu kommen, denn die Hintergrundgeschichten dieser Tropes verdeutlicht besser, als ich es je in der Theorie erklären könnte, warum sie alles andere als harmlos sind.


* Das hier soll kein Angriff gegen Laura Kneidl sein. Sie ist eine sympathische Autorin und “Someone New” ist kein schlechtes Buch. Es nutzt jedoch leider ein problematisches Trope. Ähnlich ist es mit Karen M. McManus. Ich freue mich, dass beide Autorinnen ihre Plattform und ihre Veröffentlichungen in großen Mainstreamverlagen nutzen, um queeren Figuren Reichweite zu geben, aber leider ist die Repräsentation nicht immer gelungen.


Mehr zum Thema auf Stürmische Seiten:

Das Gay-for-You-Trope: Wenn queere Repräsentation scheitert

Own Voices: Eine Bewegung, ein Diskurs & viele Narrativen

Acing Literature: Young Adult, Asexualität & wie wir mit ihr umgehen

Queere Vergangenheiten: Das Histo-Genre hat ein Problem

Wo sind eigentlich die queeren Mädchen?


Weitere Artikel:

Alpakawolken | LGBTQ* ist kein Genre!

Büchnerwald | Wenn Heteros über Homos schreiben

Verloren im Feuer | Trans* Männer (und trans* maskuline Personen) schreiben – Teil 1

Fried Phoenix | Homosexualität in Videospielen (Video)

Feminist Frequency | Looking for Love from Fallout to Dream Daddy – Queer Tropes in Video Games (Video)

GLAAD | Der Vito Russo Test – Schreibe ich gute oder schlechte Repräsentation?

The Mary SueWhat Led to Lexa: A Look at the History of Media Burying its Gays


Beitragsbild: Nadine Shaabana, via Unsplash

2 Kommentare zu „Queer Fiction: Kein Genre, kein Trend & erst recht kein Plot Device“

  1. Vielen, vielen Dank für diesen Artikel! “Repräsentation ist wichtig, denn sieht man sich in den Büchern, die man liest, niemals abgebildet oder nur negativ gezeigt, fühlt man sich einsam, unverstanden und allein.” Aus genau diesem Gedanken heraus betreibe ich als Autorin ein polyamores Storytelling-Projekt und blogge zurzeit meine Romane, damit Menschen, die nicht mono-normativ fühlen, sich repräsentiert fühlen. Und damit Menschen, die “polyphob” sind, Ängste abbauen können, weil sie polyamore, pansexuelle, asexuelle Menschen und Beziehungsanarchisten als Figuren in einem vielfältigen Kontext erleben können, in dem es doch eigentlich nur um das ganz normale Leben geht.
    Und jetzt meine Frage: Darf ich den oben zitierten Satz für meine Startseite verwenden? Selbstverständlich mit Quellenangabe und Link! Ich finde ihn nur so treffend und wichtig, ich hab mich richtig in diesen Satz verliebt!

    Liebe Grüße und lasst uns Zäune einreißen,
    Sookie

    1. Hi Sookie! Vielen Dank. Dein Projekt klingt wirklich sehr interessant, viel Erfolg damit! Den Satz kannst du gern nutzen, als Quellenangabe würde “Katriona” plus Link reichen. Und ich fühle mich natürlich sehr geehrt, danke schön.

      lG,

      Kat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.