Repräsentation, Laura Kneidls “Someone New” & ein übergreifendes Problem

Als Micah auf ihren neuen Nachbarn trifft, kann sie es nicht glauben: Es ist ausgerechnet Julian, der wenige Wochen zuvor ihretwegen seinen Job verloren hat. Micah fühlt sich schrecklich, vor allem, weil Julian kühl und abweisend zu ihr ist und ihr nicht mal die Gelegenheit gibt, sich zu entschuldigen. Doch gleichzeitig fasziniert Micah seine undurchdringliche Art, und sie will ihn unbedingt näher kennenlernen. Dabei findet sie heraus, dass Julian nicht nur sie, sondern alle Menschen auf Abstand hält. Denn er hat ein Geheimnis, das die Art, wie sie ihn sieht, für immer verändern könnte …


MEINE GEDANKEN

Der Hype um Laura Kneidls neuen Roman “Someone New” ist wohl an niemandem vorbeigegangen, der sich auf Twitter und Instagram für Bücher interessiert. Überall wurde dieses Buch als wichtig bezeichnet, als Durchbruch für Inklusion und Diversity auf dem deutschsprachigen Buchmarkt.

Und zum Teil stimmt das ja auch. “Someone New”, erschienen beim großen Publikumsverlag Lyx, ist einer der wenigen Romane von deutschsprachigen Autor.innen der letzten Jahre, die sich zum Beispiel mit LGBTQ-Themen auseinandersetzen. 2018 erschienen nur drei Jugendromane dieser Art von deutschsprachigen Autor.innen im Mainstreamverlag. Und Laura Kneidl ist eine sympathische Autorin, der Inklusion und Diversity am Herzen zu liegen scheinen. Das ist toll.

Aber wir müssen trotzdem über das reden, was in “Someone New” schief gelaufen ist. Denn, wenn wir einen deutschsprachigen Buchmarkt wollen, auf dem jede.r Leser.in gute Repräsentation finden kann, dann kommen wir nicht darum herum.

Ich sage es jetzt mal frei heraus: Für mich war “Someone New” schmerzhaft zu lesen. Ich kann natürlich nicht für die gesamte Community sprechen, aber besonders der Umgang mit LGBTQ-Themen* hat mich unerwartet hart getroffen. Und das liegt nicht daran, dass die Autorin queerfeindliche Botschaften in “Someone New” verbreiten würde. Keinesfalls. “Someone New” positioniert sich eindeutig gegen Queerfeindlichkeit. Aber der Roman ist leider im Moment das beste Beispiel dafür, wie gut gemeinte Repräsentation von nicht selbst Betroffenen nach hinten losgehen kann.

PRIVILEGIEN: QUEERE THEMEN DURCH EINE NICHT BETROFFENE GESCHILDERT
[CW: Queermisia**, besonders Transmisia]

Gleich auf den ersten Seiten erfahren wir beinahe nebenbei, dass Micahs Eltern, die zur High Society der US-Stadt Mayfield gehören, Micahs Bruder Adrian vor die Tür gesetzt haben, weil er schwul ist. Für mich wie ein Tritt in die Magengrube, denn das ist etwas, das tatsächlich viel zu häufig passiert. Und es ist das Thema dieses Romans, das mehr Verständnis und Fingerspitzengefühl verlangt hätte.

Ich weiß nicht, ob Laura Kneidl Sensitivity Reader gehabt hat (Nachtrag; Sie hatte), also betroffene Leser.innen, die den Roman auf Problematisches geprüft haben. Ich weiß aber, dass ihr Umgang mit diesem Thema, das für LGBTQ-Jugendliche so schmerzhaft, aktuell und wichtig ist, leider alles andere als gelungen ist, denn gefiltert wird es, wie natürlich alles in diesem Roman, durch die Ich-Perspektive der Hauptfigur Micah. Und da muss ich jetzt erstmal zu Micah weiter ausholen.

Micah ist der Inbegriff des privilegierten weißen, cis, hetero Mädchens. Sie ist die Tochter reicher Eltern und sie ist, es ist einfach so, ignorant. Den Rauswurf ihres 18-jährigen Bruders erwähnt sie wie nebenbei und beeilt sich, hinterher zu schieben, dass ihre Eltern trotzdem gute Menschen sind und sie sie liebt. Das kommt ganz zu Beginn des Romans und ich hatte schlagartig eine solche Wut im Bauch, auf Micahs Eltern natürlich, aber auch auf Micah, die sich nicht positioniert.

So ein Zwangsouting und die queerfeindliche Reaktion der Eltern ist wohl eins der  furchtbarsten Dinge, die einem 18-jährigen passieren können. Micah aber geht auf die Konsequenzen für Adrian kaum ein. Sie sucht nach ihm, ja, aber wir erfahren nicht wirklich, was diese Situation für den Betroffenen, Adrian, bedeutet. Wir erfahren, wie ihre Eltern damit umgehen und wir müssen lesen, wie Micah eben jene auch noch verteidigt.

Durch Micahs privilegierte, ignorante Ich-Erzähler-Brille werden die betroffenen Figuren, zum Beispiel Adrian, aber nicht nur dieser, auf ihre Diskriminierung reduziert. Adrian ist keine Figur, die wir wirklich kennenlernen. Er ist Katalysator um ziemlich platt einen Plot um Queermisia zu spinnen, aber um seine Gefühle oder seine Konsequenzen, die er aus dem Erlebten zieht, geht es niemals. Es geht darum, wie die Diskriminierung einer marginalisierten Person sich auf Micah und ihre Gefühle auswirkt. Die marginalisierten Figuren selbst haben keinerlei eigene Stimme oder Agency, sie scheinen nur zu existieren, damit Micah sich an ihren Problemen aufreiben kann.

Und auch das tut sie auf sehr privilegierte Weise, denn anstatt zu akzeptieren, dass Adrian keinen Kontakt zu seiner Familie wünscht, sucht sie ihn und versucht ihn praktisch zu zwingen, zurückzukommen, damit alles “wie vorher” wird. Dass er das nach dem was passiert ist verständlicherweise nicht möchte, bezieht Micah ebenfalls auf sich: Sie ist sauer, denn sie hat sich doch solche Mühe gegeben, alles in Ordnung zu bringen. Wieso spielt er nicht mit? Wieso macht er alles kaputt? Dass ihre Eltern die Schuldigen sind erkennt Micah durchaus, doch sie lastet Adrian – dem Opfer dieser Situation – eine Mitschuld an und das tut weh.

Und so ist Micah. So geht sie auch mit Julians großem Geheimnis aus dem Klappentext um. Sie kennt Julian kaum, doch sie stalkt ihn förmlich und nennt ihn einen Lügner, als er ihr seine Lebensgeschichte nicht sofort erzählen möchte. Auch Julians Leben ist durch Marginalisierung und Diskriminierung geprägt und es ist sein gutes Recht einer Fremden, die Micah in dieser Situation eben ist, das nicht alles direkt auf die Nase binden zu wollen, denn woher soll er wissen, wie sie reagieren wird? Wenn selbst die eigenen Eltern sich als queerfeindlich herausstellen, warum einer Fremden vertrauen?

Micah aber glaubt, sie hätte einen Anspruch darauf, es zu erfahren und spioniert Julian hinterher, um so viel wie möglich über ihn herauszufinden. Erneut werden die Probleme, die Lebensrealität und die Diskriminierung einer marginalisierten Figur auf Micah umgelenkt. Auch Julian hat kaum eigene Stimme oder Agency, denn es geht nur darum, wie seine Diskriminierung ihr Leben beeinflusst.

DIVERSITY: MARGINALISIERTE DÜRFEN NICHT NUR STATISTEN
IN IHREN EIGENEN GESCHICHTEN SEIN

Das geht so nicht und natürlich möchte ich euch erklären, warum nicht, obwohl ich hoffe, dass es vielen von euch bereits klar ist: Wir können die Geschichten von marginalisierten Personen nicht auf diese Weise erzählen. Nicht gefiltert durch die Sicht einer mehr als privilegierten, nicht selbst Betroffenen, die nicht reflektieren kann. Nicht, indem wir marginalisierte Figuren auf ihre Diskriminierung reduzieren und sie zu wandelnden Buzzwords machen, deren Unterdrückung und deren Leid auf die nicht betroffene Micah Wirkung haben, aber kaum auf die Figuren selbst.

Adrian und Julian sind eigentlich nichts weiter als Statisten in einer Geschichte, die sich um ihre Probleme und ihre Diskriminierung dreht, aber nicht um sie. Und so werden marginalisierte Leser.innen einmal mehr stimmlos gemacht, denn leider sagt das: “Wir sprechen hier über dich, aber wir sprechen nicht zu dir.”

Am Ende liest sich “Someone New” wie ein Buch für nicht Betroffene, denen deutlich gemacht werden soll, wie schlimm Queermisia ist. Und das ist an sich löblich, aber das können wir nicht machen, ohne die Menschen, um die es geht, in diesem Fall LGBTQ-Menschen, auch wirklich einzubeziehen.

Adrian ist größtenteils abwesend. Er wird zur Projektionsfläche für Micahs Probleme mit seinem Verschwinden, aber seine eigenen Gedanken und Probleme mit der Situation bleiben schleierhaft. Sein Leid ist nur von Bedeutung, wenn es wiederum dafür sorgt, dass Micah leidet. Er soll mitspielen und sich mit den queerfeindlichen Eltern vertragen, weil Micah sich Mühe gegeben hat zu vermitteln. Sie wird sauer, als er entscheidet, dass er den Eltern nicht verzeihen kann, weil ihre heile Welt dadurch kaputt geht. Was mit seiner Welt passiert ist bleibt unerwähnt.

Das macht “Someone New” für LGBTQ-Leser.innen leider sehr unzugänglich, denn Adrians eigene Stimme wird kaum gehört. Er hat keine. Es geht um all das Schreckliche, das ihm passiert ist, aber es geht nicht um ihn. Mit Julian ist es ähnlich. Micah lüftet sein großes Geheimnis auf den letzten paar Seiten. Sie hat, was sie will und das Buch ist vorbei. Was es für Julian bedeutet, wie er damit umgeht, darauf wird nicht mehr eingegangen, denn, auch hier, es geht nicht um Julian, es geht darum, was er Micah geben kann.

QUEERNESS: KEIN SPOILER & KEIN PLOT DEVICE
[Spoiler für das Ende, CW: Transmisia]

Darüber hinaus ist der ganze Umgang mit Julians Geheimnis durch und durch problematisch. Ich wiederhole hier nochmal meine Spoilerwarnung, denn ich muss das große Geheimnis verraten, das erst auf den letzten Seiten “ans Licht” kommt, um darüber sprechen zu können, warum es nicht okay ist, dass das überhaupt ein Geheimnis und ein Plot Device in einem Roman wie diesem ist: Julian ist ein trans Mann. Das ist das große Geheimnis, das Micah aufdecken muss. Das ist es, was er ihr nicht erzählen möchte, wofür sie ihn als Lügner bezeichnet.

Daran sind so viele Dinge nicht okay, doch ich konzentriere mich mal auf die beiden in meinen Augen offensichtlichen: Julian schuldet es Micah nicht, ihr das zu erzählen. Egal, wie gut sie sich kennen, Micah hat keinerlei Anrecht auf dieses Wissen. Es ist seine Sache, wem er das erzählt und wem nicht und, dass sie – genau wie im Fall mit Adrian – sich hintergangen fühlt, weil sich jemand nicht vor ihr geoutet hat, zeigt, wie privilegiert sie ist und wie wenig sie die Konsequenzen eines Outings versteht.

Denn Adrian und Julian, wie viele LGBTQ-Menschen im wahren Leben, haben so viel Queermisia erfahren, dass es ganz normal ist, dass sie vorsichtig sind. Das scheint Micah nicht zu verstehen, bis zum Ende nicht. Erneut ist es Micah, die im Mittelpunkt steht.

Dass es nach Julians “Coming Out” dann nicht darum geht, wie er als trans Mann lebt, was das für ihn bedeutet, schlägt in dieselbe Kerbe, wie der ganze Roman. Dass er Micah stattdessen erstmal seine Anatomie und seine Transition erklären muss, ist erschreckend, denn es reduziert Julians trans Identität darauf, was sein Körper Micah geben kann. Darauf, ob Micah jetzt endlich mit ihm Sex haben kann. Darauf, was für Genitalien er hat, was überhaupt nicht wichtig sein sollte, zumindest nicht nur die Perspektive eines cis Mädchens gefiltert.

Micah, und in diesem Fall ihr Wunsch nach Sex mit Julian, steht einmal mehr im Fokus, aber Julians Umgang mit dem Outing und was sich für ihn damit ändert, das kommt nur am Rande vor.

Und anstatt Julian einfach als trans Mann zu zeigen,der sein Leben meistert, muss natürlich selbst fast ganz am Ende, noch einmal betont werden, wie sehr Menschen wie Adrian und Julian doch leiden, als Micah und Julian dessen Mutter besuchen und sie ihm transfeindliche Beschimpfungen um die Ohren schmeißt und ihn sogar deadnamed – das bedeutet, dass sie seinen alten Namen nutzt, was mehr als unnötig und verletzend ist. Warum könnt ihr bei Tristan nachlesen, der erklärt, warum der Deadname in einem Roman um trans Figuren nicht fallen sollte und wie man trans Figuren schreibt, ohne trans Leser.innen zu schaden.

Auf einer der letzten Seiten wird dann auch noch eine Geschichte über ein trans Mädchen nachgeschoben, das ins Koma geprügelt wurde, einfach so, nur um nochmal zu betonen, wie transfeindlich die Welt ist.

Wenn weiße, cis, hetero Autor.innen solche Bücher für andere weiße, cis, hetero Leser.innen schreiben, in denen sich die Betroffenen, über die geschrieben wird, gar nicht wiederfinden, dann findet der Diskurs ohne die Betroffenen statt.

Ich weiß, dass Laura Kneidl das nicht so geschrieben hat, um LGBTQ-Leser.innen weh zu tun. Am Ende macht dieses ständige Herumreiten auf Queermisia den Roman aber eben zu einem Roman für nicht Betroffene. Denn immer, wenn eine queere Figur auftritt, kann man damit rechnen, dass gleich etwas Queerfeindliches passiert oder Queermisia erneut erwähnt werden wird. Sicherlich gilt das nicht für alle LGBTQ-Leser.innen, aber es macht den Roman zumindest für mich schwer lesbar, denn unsere Leben bestehen aus viel mehr, als unserer Diskriminierung. Und auf jeder Seite dieses Romans daran erinnert zu werden, tut weh.

Dass diese ständige Erwähnung von trans- und homofeindlichen Übergriffen und sogar hate crimes LGBTQ-Leser.innen mit ähnlichen Erlebnissen auch schlimm triggern könnte, ist ein weiterer Punkt, der mich annehmen lässt, “Someone New” ist eben nicht für LGBTQ-Leser.innen gedacht. Stattdessen erinnert der Roman leider an typische Issue Books, aus denen nicht Betroffene etwas lernen sollen. Aber wir sollten weiter sein als das.

Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass die Sexualität oder die trans Identität einer Figur niemals ein Spoiler sein sollte, nicht auf diese Weise, nicht, wenn man auch für LGBTQ-Leser.innen schreiben möchte. Denn wenn ich 500 Seiten lang nicht weiß, dass eine Figur queer ist, wie soll ich mich dann von ihr repräsentiert fühlen? Repräsentation funktioniert leider nicht nachträglich.

Und das Gleichsetzen von Queerness mit einem großen Geheimnis, das aufgedeckt werden muss – Das ist noch das Problematischste an diesem Trope und diesem Roman, das leider sehr weit verbreitet ist. Queerness kann ein Geheimnis sein, wenn Menschen sich nicht outen können, weil ihr Umfeld, wie in diesem Roman, queerfeindlich ist. Es sollte dann aber ein Geheimnis vor den anderen Figuren sein und nicht vor den Leser.innen. Und natürlich wäre es okay gewesen, hätte Micah nicht von Anfang an gewusst, dass Julian trans ist. Aber das Coming Out auf den letzten Seiten und der Aufbau als großes Geheimnis und größter Konflikt dieses Romans – Das geht so nicht. Es ist sogar verletzend.

TRAUMA: WENN SICH AM LEID BETROFFENER BEREICHERT WIRD

Versteht diesen Text bitte nicht als Kritik nur an “Someone New”. Er ist eine Kritik an allen Büchern, die diese Tropes einbinden, denn sie ziehen sich durch die YA- und NA-Romane wie ein roter Faden, und sie sind auf einen simplen Grund zurückzuführen: Unverständnis.

Wenn cis, hetero Autor.innen über Menschen schreiben, die eben nicht cis und/oder hetero sind, dann kommt es oft vor, dass genau diese Tropes Anwendungen finden. Und ich weiß, dass das nicht aus bösem Willen passiert. Man möchte repräsentieren und man möchte gesellschaftliche Probleme aufzeigen, aber das Verständnis für das “Wie” fehlt – so auch hier. Was es gebraucht hätte, wäre mehr Recherche gewesen und vor allem mehr Verständnis für die Problematiken, mit denen queere Menschen leben.

So zeigt Kneidl Queermisia nur in Extremen. Der schwule Sohn wird vor die Tür gesetzt, der trans Sohn wird mit dem Deadname angesprochen und als Schande bezeichnet. Aber alltägliche Mikroaggressionen kommen nicht auf den Tisch, geschweige denn die eigene, positive Sicht auf Sexualität, Gender und Identität der betroffenen Figuren. Stattdessen werden die Mikroaggressionen, die Micah selbst begeht, unreflektiert übergangen – und übersehen.

In diesem Roman gibt es kein Feiern von queerer Kultur, es gibt keine queeren Figuren, die mehr sind, als ihre Unterdrückung, es gibt nur Leid und Diskriminierung, aus denen dann der gesamte Plot dieses Romans gesponnen wird. Und das sollte für uns alle langsam zu einem roten Tuch werden: Ein Buch, das eigentlich die Geschichte eines cis, hetero Mädchens ist, dessen Konflikte aber queere Probleme sind, die sie nur am Rande, über Menschen, die sie liebt, betreffen, von denen aber sie am meisten betroffen wirkt.

Am Ende ist es dieses Ausschlachten von queerem Trauma um daraus eine “herzzerreißende”, “augenöffnende” Geschichte für nicht Betroffene zu machen, das mich beim Lesen so ausgelaut hat. Es geht um queere Menschen, die Leser.innen sollen ihren Schmerz fühlen und betroffen gemacht werden, aber der Roman ist eben doch nicht für queere Menschen.

Am Ende macht Laura Kneidl trotz aller Bemühungen, die ich ihr nicht absprechen will, hier genau das, was Romane, Filme und Serien seit Jahrzehnten mit ihren queeren Figuren machen: Sie existieren nicht für queere Menschen, sie existieren kaum als eigenständige Figuren, sondern sind nur weiße Leinwände, auf die man herzzerreißende Bilder von Diskriminierung malen kann, um andere nicht Betroffene zu berühren. Aber als queere Leser.in war ich nicht berührt. Ich war enttäuscht und der Roman hat mich ausgelaugt wie eine leere Batterie, denn dieser Umgang mit Queerness ist keine Repräsentation, er schadet vielen sogar.

INKLUSION: WIE MAN ES BESSER MACHEN KANN

Aber wie kann man es besser machen? Dazu gibt es viele Resourcen, auch im Internet leicht zugänglich, die helfen, gute queere Figuren zu schreiben. Ich habe unten ein paar dazu verlinkt und hier auf dem Blog findet ihr noch weitere Artikel von mir zum Thema, ebenfalls jeweils mit verlinkten weiterführenden Texten. Aber hier ist, was mir spontan dazu einfällt, was “Someone New” mit mehr Fingerspitzengefühl und Verständnis für die Bedürfnisse queerer Leser.innen hätte sein können:

Im Idealfall wäre Micah aufmerksamer gewesen. Sie hätte die Probleme ihres Bruders und Love Interests nicht ständig auf sich bezogen. Sie hätte akzeptiert, dass es Grenzen gibt und, dass sie keinen Anspruch auf ein Coming Out beider Männer hat. Sie hätte sich klar gegen ihre queerfeindlichen Eltern positioniert, gleich nach dem Rauswurf ihres Bruders. Sie hätte verstanden, dass Adrian den Vertrauensbruch durch die queerfeindlichen Eltern nicht verzeihen kann und, dass es dabei nicht um sie geht.

Sie hätte Raum gelassen für die Stimmen und Lebensrealitäten der marginalisierten Figuren. Der Roman wäre nach Julians Outing nicht beinahe sofort vorbei gewesen. Er wäre auf Julians Lebensrealität als trans Mann eingegangen und nicht nur auf seine Genitalien und die Frage danach, wie Micah damit umgeht, dass der Mann, den sie liebt, trans ist.

Der Roman hätte es sich nicht angemaßt, überhaupt so detailliert Queermisia thematisieren zu wollen. Er hätte Adrian und Julian als Figuren mit Ecken und Kanten besser eingebunden und ihre Identität als queere Männer nicht auf Diskriminierung, Leid und Gewalt reduziert. Er hätte nuancierter aufgezeigt, dass es Queermisia gibt, aber er hätte sie nicht mit dem Holzhammer in jede Szene geprügelt. Er hätte die queeren Figuren als Menschen existieren lassen, nicht nur als Marginalisierte.

Es wäre ihm gelungen Konflikt aus etwas anderem zu ziehen, als aus der Queerness seiner Figuren, denn hier liegt das große Problem. Es ist möglich inklusive Romane zu schreiben, in denen queere Figuren mitspielen und ihre Lebensrealität und Identität durchaus wichtig ist, ohne, dass sie am laufenden Band für Konflikte sorgen.

Es wäre zum Beispiel möglich gewesen, zumindest einen Elternteil als verständnisvoll zu zeigen und am Ende wäre das auch wertvoller gewesen: Denn anstatt nicht queeren Leser.innen “bewusst zu machen” wie schrecklich das Leben für queere Menschen ist, hätte man ihnen auch aufzeigen können, wie man sich verhalten sollte: Verständnisvoll, sensibler. So ein Buch hätten auch queere Leser.innen ohne ständige Trigger lesen können. Und anstatt dieser Holzhammer-Queermisia hätte man auf Mikroaggressionen eingehen können. Zum Beispiel auf Eltern, die verständnisvoll sein wollen, aber noch lernen müssen ihre Vorurteile abzubauen. Das wäre für alle Leser.innen wertvoller gewesen.

Hätte Micah nicht erst am Ende erfahren, dass Julian trans ist, hätte “Someone New” eine Liebesgeschichte sein können, in der ein trans Love Interest einfach mal normalisiert wird. Wäre Adrian nicht für den Großteil der Geschichte abwesend gewesen, hätte man ihn im Dialog mit Micah und den anderen Figuren erlebt, auch hier hätte man normalisieren können, man hätte queere Menschen einfach als normalen Teil der Freundesgruppe und des alltäglichen Lebens zeigen können.

Aber leider wird stattdessen wieder einmal “Othering” betrieben: Queerness ist die Wurzel aller Konflikte und die queeren Figuren werden darüber definiert, wie schlecht die Welt zu ihnen ist. Queerness ist ein großes Geheimnis, dass die hetero, cis Heldin förmlich aus ihrem Love Interest herausspionieren muss. Und so geht das nicht.

WO LIEGT DER UNTERSCHIED ZWISCHEN DIVERSITY UND INKLUSION?

Denn am Ende ist “Someone New” wie viele seiner Genrekollegen kein Roman für LGBTQ-Leser.innen. Er will betroffen machen und er will mit Macht aufzeigen, wie schlimm Queermisia ist. Dabei verliert er leider aus den Augen, dass er seinen LGBTQ-Leser.innen damit schadet, sie im schlimmsten Falle sogar triggern wird. Er verliert aus den Augen, dass queere Menschen mehr sind als ihre Diskriminierung und eben auch nicht nur Statisten im Leben von cis, hetero Menschen wie Micah. Mehr als Projektionsfläche für queerfeindliche Gewalt, aus der hetero, cis Leser.innen dann was lernen können.

Ich zitiere mich mal selbst aus meinem Post dazu, warum OwnVoices-Romane so wichtig sind: Wenn weiße, cis, hetero Autor.innen solche Bücher für andere weiße, cis, hetero Leser.innen schreiben, in denen sich die Betroffenen, über die geschrieben wird, gar nicht wiederfinden, dann findet der Diskurs ohne die Betroffenen statt. Und “Someone New” findet ohne die Betroffenen statt.

Wieso trifft dieser Artikel jetzt ausgerechnet “Someone New”, wenn es doch so viele ähnliche Bücher mit denselben Problemen gibt? Weil “Someone New” einer der wenigen deutschsprachigen Romane im Großverlag ist, die diese Problematiken überhaupt aufgreifen, und weil es mich erschreckt, wie viele Leser.innen das Buch inklusiv und wichtig nennen, obwohl zur Inklusion mehr gehört, als marginalisierte Figuren als Zielscheibe für verbale und körperliche Gewalt und -ismen zu nutzen.

In meinen Augen ist “Someone New” wenig inklusiv, denn ich fühle mich ausgeschlossen, einerseits durch die ständigen Trigger, andererseits auch einfach, weil die queeren Figuren wie Karikaturen dessen wirken, was sich nicht Betroffene unter queeren Menschen vorstellen. Da besteht dann auch der Unterschied zwischen Diversity und Inklusion: “Someone New” ist divers, denn es wartet mit queeren Figuren und auch mit BPoC-Figuren auf. Aber “Someone New” ist nicht inklusiv. Denn es holt LGBTQ-Leser.innen nicht ab, spiegelt ihre Lebenswirklichkeit nicht, sondern setzt auf extreme Darstellungen von Queermisia und eigentlich nichts darüber hinaus, um seine queeren Figuren zu charakterisieren.

“Someone New” verlässt nie die privilegierte, und leider auch oft heteronormative Sichtweise seiner cis, hetero Heldin Micah, die nichts dazu lernen muss und deren Anspruchdenken auf Coming Outs und Einbeziehung in das Leben queerer Menschen niemals hinterfragt wird. Hätte Micah sich verändert, wäre sie sensibilisiert worden dafür, was Menschen wie Adrian und Julian durchmachen, dieser Roman hätte ganz anders wirken können. Doch das passiert nie.

Ich hoffe, dass der Hype um “Someone New” anderen Büchern über marginalisierte Menschen, vor allem OwnVoices-Romanen, die Türen in Großverlage öffnen kann und ich hoffe, dass Laura Kneidl dazulernen und es in zukünftigen Romanen besser machen wird, denn sie ist eine talentierte Autorin, die eindeutig Gutes im Sinne hatte.

Aber ich für meinen Teil bin enttäuscht über einen weiteren Roman, der zwar über marginalisierte Menschen erzählt, aber nicht für sie. Und ich hoffe, dass dieser Text einigen vielleicht aufgezeigt hat, weshalb diese Tropes nicht harmlos sind und sie in Zukunft auch in anderen Romanen erkennen und kritisieren werden. Es ist noch ein langer Weg zu guter Repräsentation, aber, wenn wir über Probleme nicht sprechen, kommen wir wohl niemals an.


*Auch Themen wie Rassismus werden im Roman behandelt. Sobald ich Beiträge dazu von BPoC finde, werde ich sie hier verlinken.

**Ich wurde darauf hingewiesen, dass einige Begriffe, die ich im Text verwendet habe, problematisch sind, weshalb ich sie jetzt durch die besseren Begriffe Queer- und Transmisia ausgetauscht habe. Ich werde in Zukunft darauf achten, diese Begriffe immer zu verwenden.


BIBLIOGRAPHIE

Someone New | Lyx, 2019 | 978-3-7363-0829-9 | 534 Seiten | deutsch


Rezensionen zu “Someone New”:

Victoria Linnea | Diversität um jeden Preis?

Janika auf Zeilenwanderer | Kritische Rezension

Yvonne auf Seitenglück | Kritische Rezension


Mehr zu Inklusion:

Verloren im Feuer |Trans* Männer (und trans* maskuline Personen) schreiben – Teil 1

Elif & Victoria Linnea | Liste deutschsprachiger Sensitivity Reader

Buechnerwald | Als AutorIn darf ich alles – Stimmt das?

13 Kommentare zu „Repräsentation, Laura Kneidls “Someone New” & ein übergreifendes Problem“

  1. Ich danke dir!
    Das kam jetzt ohne ein Hallo, weil es einfach rausmusste. Ich habe “Someone New” diese Woche beendet und war so unglücklich mit dem Buch. Ich konnte gar nicht genau sagen, was mich so unglücklich gemacht hat, außer Micahs Reaktion auf Julians Outing. Es war so eine gesamte bedrückende Stimmung und du schreibst hier gerade Worte, die so viel Sinn für mich machen. Dass Adrian zu kurz kam, was bedeutet der Rauswurf für ihn? Was macht er jetzt? Und Micahs hirnrissiger Plan … da fehlen mir sowieso die Worte.
    Auch am Ende, wie mit Julians Geheimnis umgegangen wurde. So von wegen “Jetzt ist es raus, Happy End”. Aber nicht, was es für ihn bedeutet, was es für die beiden vielleicht auch als Paar bedeutet.

    Ich habe etwas Angst meine Rezension zu posten. Weil ich das Buch zwar teilweise kritisch sehe, aber nicht so sehr wie du. Ich bin nicht betroffen und kenne mich mit den Feinheiten des Queerness auch nicht aus. Ich habe beim Lesen gemerkt, dass da irgendwas nicht passt, konnte es aber nicht benennen. Du hast es aber gut getroffen. Und ich bin gerade so unendlich traurig, wie “Someone New” wirkt, wenn man bedenkt, was daraus hätte werden können.
    Danke jedenfalls für deine Rezension!
    Liebste Grüße, Kate

    1. Hi Kate! Ich höre öfter, dass nicht Betroffene bemerken, dass etwas nicht passt, aber nicht genau sagen können, was sie stört. Deshalb habe ich mich entschieden, den Text zu posten, obwohl ich es eigentlich nicht wollte. Aber wie gesagt, wenn man nicht darüber spricht, kann man auch nicht erwarten, dass sich was ändert. Danke für den Kommentar! <3

      Lg, Kat

  2. Ehrlich gesagt: Ich mag den Artikel inhaltlich und du hast gut erklärt, was die Autorin besser machen kann. Ich stimme dem zu, auch wenn ich das Buch nicht gelesen habe.

    Was ich aber auch sehe: Erwartungshaltungen. Gegenüber Autoren, gegenüber anderen Menschen, gegenüber Literatur. Im Text kommen soviele Schubladen vor – auf beiden Seiten. Und das gibt mir beim Lesen ein negatives Gefühl. Krass war der Begriff des Sensitivy Readers. Du setzt damit die Hemmschwelle höher, weil man den Begriff nur versteht, wenn man mit dem Themenfeld vertraut ist. Dann ist man aber schon tolerant – hoffentlich. “jemand, der das erlebt hat” wäre ne gute Wahl gewesen und nahbarer.

    Das, was du beschreibst, ist nix Neues. Intoleranz gegenüber Anderen in Büchern. Klischees. Aber am Ende ist es: Literatur. Auch wenn ich selbst versuche, in meinen Texten Offenheit zu zeigen (in anderen Themenfeldern), muss Literatur nicht belehren. Literatur muss auch nicht repräsentieren. Außerdem können sich auch “Betroffene” mit FIguren identifizieren, egal, welche SIcht sie auf das Problem haben – weil es vielseitige Figuren sind. Beispiel: In einem Roman geht es um eine normalgewichtige/dicke Reporterin, die das Glück sucht. Auch wenn es mich aufregt, dass schlanke Menschen ohne Modellmaße unterrepräsentiert sind, kann ich mit der Figur fühlen, weil ich mal bei der Schülerzeitung war. Und weil wir das Glück alle suchen.

    Ich finde witzig-aufklärerische VIdeos zum Thema besser – besonders, wenn sie sich an der Grenze zwischen “normal” und “nicht normal” bewegen und zeigen, dass alle Zwischentöne ok sind.

    Last but not least: “deadnamet” – “deadnamed” ist grammatikalisch aus mehrerlei Sicht falsch. Und wenn man sich dran gewöhnt hat, geht es auch 🙂

    1. Meine einzige Erwartung ist, als normaler Mensch dargestellt zu werden und ich finde, dass das nicht zu viel verlangt ist. Das hat mit “Offenheit” nicht wirklich viel zu tun, sondern mit Respekt vor *allen* Menschen.

      Und, ja, Literatur muss repräsentieren. Denn ich bin ein Mensch, genau wie cis, hetero Menschen. Wenn du sagst, Literatur muss nicht repräsentieren, sprichst du mir das Recht ab, mich selbst in Fiktion zu sehen, das cis, hetero Menschen einfach so zugesprochen bekommen. Das ist nicht so schwer zu verstehen.

      Wenn ich mich als Betroffene mit nicht Betroffenen identifizieren soll, was ich übrigens mein ganzes Leben bereits tue, weil es erst seit kurzem überhaupt mehr Repräsentation gibt, dann kann ich von nicht Betroffenen auch erwarten, mehr Bücher mit Repräsentation zu akzeptieren und sich mal mit Marginalisierten zu identifizieren. Wenn dir das nicht einleuchtet, solltest du dir überlegen, ob du wirklich so offen und tolerant bist, wie du denkst.

      Und eins noch: Um die kritische Analyse meiner Rechtschreibung und Wortwahl habe ich nicht gebeten. Danke.

  3. Pingback: Februargeschichten
  4. Danke für diesen tollen und informativen Beitrag!
    Ich habe dieses Buch bisher nicht gelesen, aber am Hype kommt man nicht vorbei – und an “Spoiler” anschließend auch nicht. Als ich gelesen habe, dass Julian trans ist und diese Tatsache als Geheimnis fungiert, war ich skeptisch und vor allem verwirrt. Und dann habe ich mich geärgert, dass es auch als “Geheimnis” in Rezensionen behandelt und nicht deutlich markiert wurde, dass die Geschichte über eine trans Person handelt. Das hat mich ehrlich gesagt auch abgeschreckt, das Buch in die Hand zu nehmen. Ich komme irgendwie nicht damit klar, wenn marginalisierte Themen für “shock value” verwendet werden.

    Ich bin froh über diesen Blogpost und auch Stimmen von LGBTQ-Leser.innen zu lesen. Danke auch für die ganzen Ressourcen.

    Liebe Grüße
    Sanne

    1. Hi Sanne! Ich bin da ganz bei dir, besonders, was die shock value angeht. Ich weiß auch einfach nicht genau, was das Buch will. Einerseits schwingt überall die Botschaft “Sei du selbst” mit, andererseits ist die trans Identität einer Figur ein großes Geheimnis bis zum Ende und Abweichungen von der Norm enden immer in queerfeindlicher Gewalt. ¯\_(ツ)_/¯

      lG, Kat

  5. Liebe Katriona,

    Das ist die Rezension, die ich nicht schreiben konnte. Du hast meine Gefühle und Eindrücke zu “Someone New” perfekt auf den Punkt gebracht. Ich traue mich nicht eine Rezension zu diesem Buch zu verfassen, weil ich a) als Nicht-Betroffene schreibe und b) nicht halb so viel Ahnung von den Feinheiten der queeren Repräsentation habe (aber daran arbeite ich). Umso erleichterter bin ich, dass ich die gleichen Probleme erkannt habe, wenn ich sie auch nicht so gut verpacken könnte, wie du. Das war eine fantastische, respektvolle, aufklärende Rezension und ich hoffe, dass vielen diese hilft.

    Alles Liebe
    Friederike

    1. Hallo Friederike. Vielen Dank! Ich hatte ein bisschen “Angst” vor den Reaktionen auf diesen Text, deshalb bin ich froh, dass er anscheinend so rüberkommt, wie ich es gern wollte. Ich möchte ja nicht nur kritisieren, sondern vor allem helfen, es besser zu machen.

      Alles Liebe,

      Kat

  6. Hallöchen,
    Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Ich habe das Buch nicht gelesen, aber ich finde es sehr gut, wie du es analysiert und aufgearbeitet hast. Das ist für Autor*innen und Leser*innen sehr hilfreich. Denn ich habe viele Rezis gesehen, bei denen gesagt wurde, irgendwas stört.
    Ich denke, dass es wichig ist, darüber zu reden, damit wir uns weiterentwickeln können. Gut gemeint ist eben nicht immer gleich gut umgesetzt.
    Daher finde ich es sehr gut, dass du respektvoll und präzise gesagt hast, was dich gestört hast.

    Ich hoffe sehr, dass bessere Repräsentation und Sensitivy Reading ihren Weg zum deutschen Buchmarkt finden!

    Liebe Grüße,
    Babsi

    1. Hallo Babsi! Vielen Dank. Es freut mich sehr zu lesen, dass der Text hilfreich ist, denn genau das sollte er sein. Ich hoffe auch, das wir in Zukunft einfach alle vorsichtiger und verständnisvoller werden.

      Alles Liebe,
      Kat

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