“A Good Idea” von Cristina Moracho | Englisch

Fin and Betty’s close friendship survived Fin’s ninth-grade move from their coastal Maine town to Manhattan. Calls, letters, and summer visits continued to bind them together, and in the fall of their senior year, they both applied to NYU, planning to reunite for good as roommates. Then Betty disappears. Her ex-boyfriend Calder admits to drowning her, but his confession is thrown out, and soon the entire town believes he was coerced and Betty has simply run away.

Fin knows the truth, and she returns to Williston for one final summer, determined to get justice for her friend, even if it means putting her loved ones—and herself—at risk. But Williston is a town full of secrets, where a delicate framework holds everything together, and Fin is not the only one with an agenda. How much is she willing to damage to get her revenge and learn the truth about Betty’s disappearance, which is more complicated than she ever imagined—and infinitely more devastating?


MEINE GEDANKEN

Das ungewöhliche Cover und der ominöse Titel haben mich schon angezogen, als der Roman vor knapp zwei Jahren erschien, doch ich habe das Lesen dann immer ein bisschen aufgeschoben. Ich liebe diese Art von YA-Thriller, düster und vielleicht etwas unheimlich, Kleinstädte voller Geheimnisse, Geschichten über Freundschaft, aber ich habe “A Good Idea” dann erst vom SuB geholt, als ich erfahren habe, dass es oben drauf LGBTQ-Figuren gibt.

Ihr wisst ja, dass ich mir mehr Romane über LGBTQ-Jugendliche wünsche, die keine Contemporary-Romance sind. Die brauchen wir auch, unbedingt, aber ich würde gerne einfach auch viel mehr Fantasy, Krimis, Thriller und andere Genres sehen, in denen LGBTQ-Figuren genau wie cis, hetero Figuren Held.innen sind. So ein Buch schien mir “A Good Idea” zu sein, also habe ich es mir damit gemütlich gemacht.

NEUNZIGER-NOSTALGIE & SCHWAMMIGE BEZIEHUNGEN
[CW: Drogenmissbrauch]

Die erste Überraschung war, dass der Roman in den späten 90ern spielt. Das merkt man aber größtenteils nur daran, dass die Figuren keine Handys haben und es nur Desktop-PCs gibt – und natürlich hier und da an erwähnter Musik und Popkultur.

Was Moracho recht gut einbindet ist, wie weit verbreitet Drogenmissbrauch unter Jugendlichen in den 90er Jahren war, denn das steht immer wieder im Mittelpunkt. Wie ich das fand… ich weiß nicht. Die Figuren missbrauchen ständig Schmerzmittel und andere Medikamente und ich fand es ein bisschen merkwürdig, dass Ich-Erzählerin Finley selbst sich von Serena ständig Pillen mitbringen lässt, ihren Kumpel Owen aber gleichzeitig dafür verurteilt, dass er dealt, weil er sein Diner schließen müsste, wenn er die Nebeneinnahmen nicht hätte. Finley schlittert stark auf eine Abhänigkeit zu und ich hätte mir gewünscht, dass das nochmal auf den Tisch gekommen wäre, doch das wird am Ende einfach vergessen.

Generell war es Finleys Beziehung zu Owen, die mir an “A Good Idea” am wenigsten gefallen hat. Owen und Finley sind “friends with benefits”, gleichzeitig bezeichnet sie Owen als so etwas wie ihren großen Bruder, und obwohl rauskommt, dass Owen sich Sorgen um sie macht und sie ihm wichtig ist, kam es mir immer eher so vor, als würde Owen nicht viel mehr als einen einfachen Weg an Sex zu kommen in ihr sehen.

Owen selbst ist Finley nicht treu und möchte nicht, dass zu viele Leute wissen, dass sie miteinander schlafen, ist aber neidisch, als Serena in Finleys Leben tritt… Sie streiten öfter, weil sie sich missverstehen und behandeln sich auch gegenseitig einfach nicht besonders gut. Ich fand beide Figuren extrem spannend und interessant, aber die tiefe Verbindung zwischen ihnen, die seit Kindertagen bestehen soll, habe ich der Autorin nicht abgenommen.

Das ist natürlich ein Stück weit auch die Intention des Romans, denn am Ende gibt es hier keine guten Figuren. Owen zeigt hässliche Seiten, aber Finley auch. Dieser Roman handelt von kaputten Kleinstadt-Teenagern und das muss er auch, aber ihre Beziehungen zueinander habe ich einfach nicht wirklich geglaubt. Owen und Finley als entfernte Bekannte, die gern Sex miteinander haben hätte ich der Autorin sofort abgenommen, aber, dass sie sich schon so lange kennen und so eng befreundet sein sollen, kam einfach nicht rüber.

Genauso war ich perplex, als Finleys Vater, der bis dato verständnisvoll und besorgt wirkte, sie wegen einem Fehler direkt aus dem Haus werfen will und regelrecht hasserfüllt zu ihr ist, nur, um ein paar Kapitel später wieder der liebende Vater zu sein und alles ist vergessen. Da werden die eigentlich gut ausgearbeiteten, interessanten Figuren hin und wieder einfach zu Plot Devices, die halt tun, was es braucht, damit die Handlung vorangeht.

DÜSTER BIS ZUM BITTEREN ENDE
[CW: Depressionen, suizidale Gedanken]

Darüber hinaus ist “A Good Idea” jedoch ein wunderbar düsterer Psychothriller, nicht nur für Jugendliche – alles, das den Roman zu YA macht, ist einmal mehr eigentlich nur das Alter der Figuren, denn sie gehen nicht mehr zu Schule und haben auch sonst eher erwachsene Probleme. Es geht um Freundschaft, Vertrauen und Liebe, aber vor allem geht es um Gerechtigkeit, Privilegien und toxische Männlichkeit.

In letzter Zeit gibt es immer öfter Thriller, die diese Themen in den Mittelpunkt stellen, zum Beispiel “Sadie” von Courtney Summers oder “The Female of the Species” von Mindy McGinnis. “A Good Idea” baut das Thema sehr subtil ein, aber genau deshalb so eindrücklich, denn es geht darum, wie ein junger Mann mit der Ermordung seiner Ex-Freundin durchkommen kann, die zudem noch von der ganzen Stadt als Schlampe und “eigentlich selbst Schuld” bezeichnet wird, nur, weil er einflussreiche Eltern hat und als “golden boy” der Stadt gilt.

Sehr gelungen fand ich, dass es Moracho gelingt, Betty, die vor einigen Monaten ermordet wurde, als ambivalente Figur zu zeigen. Finley romantisiert ihre beste Freundin sehr doch besonders über die anderen Figuren wird immer wieder deutlich, dass Betty ihre Fehler hatte und eben einfach ein Teenager war, der mit dem Kleinstadtleben nicht klarkam und auszubrechen versucht hat.

Auch schön fand ich, wie es Cristina Moracho mit dieser düsteren, traurigen Geschichte schafft aufzuzeigen, was nicht nur Betty weggenommen wurde, sondern auch, wie ihr Tod alle Menschen in der Stadt auf andere Weise beinflusst und teilweise kaputt macht. Moracho nimmt das altbekannte Schema des “schönen, toten Mädchens” und nutzt es, um ein Porträt einer Kleinstadttragödie und ihrer Folgen zu malen, die alle Figuren auf die eine oder andere Weise berührt und die Leser.innen mitnimmt.

Genau deshalb bin ich mit dem Ende jedoch ein bisschen unzufrieden, denn irgendwie verliert der Roman diese Botschaft dann aus den Augen und ist mir, besonders für einen YA-Roman, dann doch eine Spur zu düster. Ich möchte nicht zu viel verraten, deshalb belasse ich es dabei: Es gibt mehrere deutlich depressive Figuren in diesem Roman. Betty war stark depressiv, Calder nimmt Medikamente für Depressionen und Anxiety, Owen sagt sogar, er will nicht mehr Leben, auch Finley sagt, dass sie nichts fühlen kann und versucht dieses Nichts vor allem mit Drogen und später mit Serena zu füllen.

Ich finde diese Themen extrem wichtig und ich fand sie authentisch dargestellt. Was mir aber unbedingt fehlt in einem Jugendbuch, ist ein Lichtblick. Dass man sich Hilfe holen und lernen kann mit diesen Krankheiten umzugehen und zu leben, wird leider überhaupt nicht behandelt und teilweise wirkten die psychischen Probleme der Figuren auch ein bisschen romantisiert.

KLEINSTADTLEBEN & RACHEGEDANKEN

Ich hatte vor dem Lesen, durch den Klappentext, erwartet, dass “A Good Idea” mehr um Rache gehen würde, als es das tatsächlich tut. Es geht auch darum, so ist es nicht, aber subtiler und nuancierter, als ich es erwartet hatte.

Finley kommt zurück in die Kleinstadt an der nordostamerikanischen Küste, in der sie aufgewachsen ist, und muss feststellen, dass die Menschen dort versuchen Betty und ihre Ermordung unter den Teppich zu kehren. Sie will weniger Rache an Calder, der in Verdacht steht Betty getötet zu haben, obwohl sie auch das will, als die Stadt daran erinnern, dass es Betty gegeben hat.

Finley stößt dabei immer wieder auf Ablehnung, muss sich immer wieder anhören, dass sie die Sache ruhen lassen soll, und das macht wunderbar wütend, denn es ist leider so realistisch: Calder ist der Sohn des Bürgermeisters, der seine Privilegien spielen lässt, um Calder eine goldene Zukunft zu ermöglichen, obwohl er Bettys Ermordung sogar gestanden hat. Daran mochte ich besonders, dass Finleys Wunsch nach Gerechtigkeit die Geschichte vorantreibt: In Serena, die ebenfalls eine Freundin von Betty war, findet sie eine Gleichgesinnte und die beiden schaukeln sich auch ein bisschen gegenseitig hoch, übertreten Grenzen und bringen sich in Gefahr, um ihr Ziel zu erreichen.

Es passiert gar nicht wirklich viel auf diesen ca. 370 Seiten, doch der Roman ist trotzdem auf leise Weise spannend, denn während es nicht allzu viel Action gibt, lernt man die Figuren – und über die Figuren auch Betty – sehr gut kennen und es kommen immer mehr Konflikte und Wahrheiten ans Licht, die die Geschichte immer dichter und spannender machen, ohne, dass es einen großen Knall braucht.

Ich fand auch die Beziehung zwischen Finley und Serena sehr erfrischend. Es ist nicht gleich die große Liebe, sondern vor allem erstmal ein bisschen Schwärmerei von Finleys Seite aus, bis es relativ schnell eine sexuelle Beziehung wird. Dass Serena für Finley mehr ist als das kommt gut raus, obwohl die beiden nicht von großer Liebe sprechen, wie es in der YA sonst gern mal ist. Besonders im Vergleich zu Owen, der ein guter Freund ist (Finley sagt, sie war immer an der Grenze, sich in ihn zu verlieben, aber es ist nie passiert) wirkt die Beziehung zu Serena deutlich romantischer, aber ist eben doch typisch für Finley.

Ein bisschen schade fand ich, dass das Wort “bisexuell” niemals fiel, während Serena und die ehemalige Polizistin Emily das Wort lesbisch durchaus benutzen. Es besteht kein Zweifel, dass Finley bi ist, aber es wäre doch schön gewesen, wenn es genauso klar ausgesprochen worden wäre, wie bei den lesbischen Figuren.

DER HEIMLICHE TRUE-CRIME-ROMAN

Abgerundet wird der Roman durch den schönen Sprachstil, der Finleys Stimme perfekt einfängt, und das gut ausgearbeitete Setting: Die kleine Touristenstadt am Meer im Nordosten der USA mit ihren Sommerstürmen, den Einwohnern mit ihren engen Bindungen und dem kalten Meer, das eine wichtige Rolle spielt, denn Betty wurde an ihrem Lieblingsstrand ertränkt, wird lebendig und wirkt gleichzeitig schön und bedrückend. Man kann richtig spüren, warum Finley lieber in New York wohnt und sich hier so unwohl fühlt. Man weiß, weshalb Betty von dort weg wollte und warum es Owen so bitter macht, dort bleiben zu müssen.

Cristina Moracho legt mit “A Good Idea” einen düsteren Kleinstadtthriller rund um das schöne, tote Mädchen vor, der sich gleichzeitig gut neben den vielen ähnlichen Romanen einreiht, sich durch seine Behandlung von Privilegien und sozialen Ungerechtigkeiten und durch seine stimmungsvollen Details aber auch abgrenzt.

Ein großes Problem habe ich jedoch mit etwas, das mit dem Roman an sich erstmal weniger zu tun hat: “A Good Idea” basiert stark auf dem “Kiss and Kill”-Mord von 1961, bei dem Betty Williams ums Leben kam. Die Betty in “A Good Idea” und die echte Betty sind praktisch dieselbe Person: Schauspielerinnen, dramatisch, und zu promiskuitiv für die Menschen in ihren Kleinstädten.

Aber Betty Williams war eine echte Person, die tatsächlich ermordet wurde, weshalb es mir etwas schwer im Magen liegt, dass nicht einmal im Nachwort von “A Good Idea” erwähnt wird, dass die Geschichte des Romans sehr ähnlich tatsächlich passiert ist. Ich finde, spätestens im Nachwort hätte das Erwähnung finden sollen, da der Mord in Betty Williams Heimatstadt Odessa bis heute das Leben der Familie und der Freunde des Opfers beeinflusst.

Am Ende ist “A Good Idea” irgendwie das, was ich mir Anfang des Jahres von “This Is Our Story” von Ashley Elston erwartet hatte: Eine subtile, aber treffsichere Auseinandersetzung mit den Privilegien reicher, weißer Jungen, die sogar mit Mord durchkommen. Ein Porträt vom Kleinstadtleben in den USA, das gleichzeitig die positiven, aber auch die bedrückenden, negativen Seiten zeigt. Ein atmosphärischer, mitreißender Roman, wunderbar erzählt, der bis zum Ende miträtseln lässt, während man gespannt zusehen muss, wie seine Heldin sich aus Trauer im Kampf für Gerechtigkeit selbst kaputt macht.

Leider verliert der Roman zum Ende hin jedoch sein Ziel aus den Augen und damit seine Wucht und ich fand die Beziehungen zwischen den Figuren nicht immer nachvollziehbar und glaubhaft. Der leider eher unvorsichtige und düstere Umgang mit psychischen Problemen und Drogenmissbrauch hat mir auch nur bedingt gefallen, da mir die Ausweglosigkeit der Figuren zu trostlos daherkam und besonders in einem Jugendbuch beinahe schon problematisch ist.

“A Good Idea” ist ein ungewöhnlicher YA-Thriller mit einigen Schwächen, den ich jedoch trotzdem gern gelesen und in einer Nacht eingeatmet habe. Ich würde den Roman Leser.innen, die diese Art von Büchern mögen, durchaus empfehlen, aber eine klare Triggerwarnung für Drogenmissbrauch und Depressionen aussprechen.


Für Fans von: Twin Peaks, düsteren Coming-of-Age-Geschichten, True Crime, New England Gothic und Karen M. McManus


BIBLIOGRAPHIE

A Good Idea | Viking Books, 2017 | 9780451476241 | 368 Seiten | Englisch

2 Kommentare bei „“A Good Idea” von Cristina Moracho | Englisch“

  1. Huhu Kat,

    mir ist das Buch gestern in einem Empfehlungspost zu “YA Murder Mystery” über den Weg gelaufen und es hat mich gleich angesprochen. Da ich auf deine Meinung vertraue, werde ich es auf meinen Wunschzettel setzen 😉

    Übrigens mag ich dein neues Design sehr gerne ♥

    Liebe Grüße
    Sas

    1. Haha, was für ein Zufall! 😀 Das Buch ist schwierig, aber am Ende hat es mich eben doch gepackt und gut unterhalten. Ich hoffe, es wird dir gefallen, falls du es liest.

      Lg, Kat

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