“Wie ein Flügelschlag” von Jutta Wilke

Als die sechzehnjährige Jana für ihre Leistungen im Schwimmen ein Stipendium an einem Sportinternat erhält, geht für sie ein Traum in Erfüllung. Aber dieser wird bald zum Albtraum, als Jana eines Tages ihre Freundin Melanie leblos im Schwimmbecken findet. Als Todesursache wird plötzliches Herzversagen angegeben. Jana hat jedoch den Verdacht, dass es um Doping geht. Aber egal, an wen sie sich wendet, überall stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Jana lässt nicht locker und kommt zusammen mit Melanies Bruder Mika schließlich der schrecklichen Wahrheit auf die Spur…


MEINE GEDANKEN

Hm. Mir wurde “Wie ein Flügelschlag” empfohlen, als ich auf Twitter nach YA-Thrillern von deutschsprachigen Autor.innen gefragt habe. Gesucht habe ich ein kurzweiliges Buch für zwischendurch und ich kann auch nicht behaupten, dass “Wie ein Flügelschlag” diese Anforderungen nicht erfüllen würde. Der Roman war unterhaltsam und hat mich genug begeistert, dass ich mich immer gefreut habe, wenn ich abends wieder weiterlesen konnte. Bei nur 288 Seiten hat es nur drei Tage gedauert, bis ich den Roman dann durchhatte – und leider blieb ich ein wenig enttäuscht zurück.

“Wie ein Flügelschlag” fängt sehr vielversprechend an: Jana steht zwischen zwei Welten. Sie kommt aus ärmlichen Verhältnissen und ihre allein erziehende Mutter ist mit der Situation deutlich überfordert und klammert sich an Jana. Gleichzeitig geht Jana auf ein Elite-Sportinternat und ist von Mitschüler.innen mit haufenweise Geld umgeben, die sie nicht akzeptieren, weil sie dank eines Stipendiums an die Schule gekommen ist. Ausgerechnet Melanie, reich, beliebt und talentiert, will mit ihr befreundet sein. Das fand ich sehr spannend, aber leider erfüllt “Wie ein Flügelschlag” kaum, was es andeutet.

ANFANG, MITTELTEIL… HABEN WIR DAS ENDE VERGESSEN?

Alles wird eigentlich nur angeschnitten und sehr viel wird auch nicht erklärt. Melanie interessiert sich für Jana, die beiden haben so etwas wie eine Freundschaft, dann wendet sich Melanie plötzlich von Jana ab. Kurz darauf wird sie tot im Schwimmband gefunden. Warum hat sie die Freundschaft beendet? Spannende Frage. Ich habe bis zum Ende darauf gewartet zu erfahren, wieso Melanie plötzlich so abweisend zu Jana war, was sie Jana sagen wollte, bevor sie gestorben ist, wieso sie nicht mehr befreundet sein wollte – Warten kann man da aber lange, denn es wird einfach nicht aufgelöst. Genauso wenig erfährt man, wieso Tom, mit dem Jana auch so etwas wie befreundet ist, ihr nicht mehr beisteht. Er wird einfach nicht mehr erwähnt.

Der Konflikt zwischen Jana und ihrer Mutter war ebenfalls spannend und in der ersten Hälfte des Romans hat Jutta Wilke ihn auch sehr behutsam behandelt: Jana will ihre Freiheit, doch ihre Mutter klammert sich an sie und stellt ihr eigenes Bedürfnis danach, Jana in ihrer Nähe zu haben, über Janas Wünsche und Zukunftspläne. Das ist ein Konflikt, der viele Mutter-Tochter-Beziehungen prägt und ich hätte mir gewünscht, dass es am Ende zumindest so etwas ähnliches wie eine Aussprache gegeben hätte, denn einige Aktionen von Janas Mutter grenzten schon an seelischen Missbrauch, das wird aber leider gar nicht behandelt.

Generell bleiben alle inneren Konflikte Janas am Ende einfach in der Luft hängen. Ihre Probleme damit, sich in der Schule zu integrieren? Ihr Wunsch nach einer verständnisvollen Mutter und danach zu wissen, wer ihr Vater ist? Das Mobbing, das sie durch ihre Mitschüler erfährt? Ihre gesamte Zukunft? Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass irgendwas davon geklärt wurde oder sich auch nur irgendwie weiterentwickelt hat. Das fand ich extrem schade, denn ich hatte das Gefühl dem Roman würden 50 Seiten fehlen, auf denen alle Handlungsstränge zum Abschluss gebracht werden.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Jana und Melanies Bruder Mika geht in dieselbe Richtung. Jana verliebt sich auf einen Blick in Mika und obwohl sie sich dann öfter treffen, lernt weder Jana ihn kennen, noch die Leser.innen. Ich weiß, dass er blonde Locken und ständig erwähnte “Meeraugen” hat, aber das war es schon. Man erfährt gar nichts über Mika und deshalb konnte ich Janas Verliebtheit, die oft auch sehr dramatisch inszeniert wird, überhaupt nicht nachvollziehen. Wieso glaubt Jana, sie müsste sich von Mika fernhalten? Was ist zwischen ihm und Vanessa, die Jana öfter zusammen sieht? Wieso ist Jana überzeugt, aus ihnen könnte nichts werden, obwohl Mika ihr von Anfang an zu verstehen gibt, dass er Interesse hat? Niemand weiß es. Zumindest ich nicht.

SOLIDER JUGENDBUCHTHRILLER MIT EINIGEN SCHWÄCHEN

Gerettet wird der Roman durch seine spannende Handlung und die nuancierte Darstellung von Janas Problemen mit Mobbing und mit ihrer Mutter, die öfter genau ins Schwarze trifft. Was mit Melanie passiert ist oder was es mit ihrem Vater oder auch dem fiesen Schwimmtrainer Drexler auf sich hat, hätte ich nicht erraten, weshalb ich den Roman gern gelesen habe. Ich war investiert genug, dass ich herausfinden wollte, was hinter Melanies Tod steckt und ob Jana es herausfinden würde. (Das war schließlich nicht gegeben, wenn man bedenkt, was man hier alles nicht herausfindet…)

Die Auflösung auf den letzten Seiten fand ich dann leider viel zu melodramatisch und unnötig aufgebauscht, besonders, da sie Figuren betrifft, die zuvor nur zwei, drei Mal erwähnt wurden. Andere Figuren machen eine charakterliche 180°-Drehung, damit die Auflösung funktioniert, ohne, dass vorher angedeutet wurde, dass sie etwas verbergen. Und, wie oben bereits erwähnt, das größte Problem: Nach der Auflösung ist der Roman einfach vorbei und man erhält überhaupt keine Antworten auf die meisten Fragen, die man sich während des Lesens gestellt hat. Das ist mehr als unbefriedigend und stört mich auch immer mehr, je mehr ich darüber nachdenke, da mir immer mehr einfällt, das nicht beantwortet wurde.

Positiv erwähnen möchte ich jedoch den Schreibstil, der mir sehr gut gefallen hat. Jutta Wilke schreibt ungewöhnlich, aber schön poetisch. Hin und wieder etwas zu dramatisch für meinen Geschmack, besonders, wenn es um Mika ging, aber insgesamt ließ sich der Stil sehr schön lesen und passte auch gut zu Jana, die mir generell gut gefallen hat. Ihre Motivation und ihre Ziele waren spannend, so auch ihre Konflikte. Genau deshalb ist es aber auch so schade, dass sie keinerlei Charakterentwicklung durchmacht.

Mein letzter Kritikpunkt gilt der Darstellung des Deutschlehrers Bernges, der Rollstuhlfahrer ist. Zuerst fand ich das ganz gut gemacht, doch mit der Zeit wurde er immer weiter auf seinen Rollstuhl reduziert und die Figuren fingen an, ihn zu bemitleiden und darüber nachzudenken, was er alles nicht tun kann, weil er einen Rollstuhl braucht. Warum kann nicht einfach mal eine Figur Rollstuhlfahrer.in sein, ohne, dass das ständig so mitleidig thematisiert wird? Es kam dann leider doch immer deutlicher raus, dass Bernges und sein Rollstuhl nicht als normal angesehen wurden und das finde ich sehr schade.

Leichter Spoiler, CW: Ableismus
Dass seine Querschnittslähmung dann auch noch herangezogen wurde, um ihm ein Motiv zu geben, warum er ein paar schlimme Dinge tut, war dann eben doch wieder das ableistische Klischee vom Mensch mit Beeinträchtigung, der durch seine Beeinträchtigung verbittert. Und auch hier wieder Fragen über Fragen: Warum hat seine Frau ihn nach seinem Unfall verlassen? Das bleibt einfach so stehen, als wäre das komplett normal, dass sie mit einem Querschnittsgelähmten nicht zusammenbleiben möchte. Das lag mir sehr schwer im Magen.

Am Ende ist “Wie ein Flügelschlag” durchaus ein solider YA-Thriller, der vor allem durch seinen poetischen Schreibstil, seinen interessanten Plot und die komplexe Protagonistin Jana, deren Konflikte authentisch wirkten, überzeugen kann. Leider verliert der Roman sehr viel, da die meisten Fragen offen bleiben und man nur dürftige Antworten, wenn überhaupt, bekommt. Auch Bernges’ Darstellung hatte leider ableistische Untertöne und besonders Janas mehr als kaputte Beziehung zu ihrer Mutter hätte mehr Aufarbeitung verdient. Am Ende wirkt der Roman, als hätte er großes Potential gehabt, aber nicht genutzt. Er wirkt irgendwie unfertig, als würden am Ende ein paar Seiten mit notwendigen Erklärungen fehlen.

Wer sich für den Roman interessiert, sollte ihm aber trotzdem eine Chance geben, denn Jana als Protagonistin und der schöne Sprachstil, in dem Jutta Wilke ein paar sehr treffsichere Gedanken zu Mobbing, aber auch zu Janas Konflikt mit ihrer Mutter vorbringt, sind es wert, “Wie ein Flügelschlag” zwischendurch zur kurzweiligen Unterhaltung zu lesen. Zu viel erwarten sollte man sich aber nicht.


Für Fans von: Sportdramen, Young-Adult-Thrillern und poetischem Erzählstil


#WirLesenFrauen-Challenge: Ich habe dieses Buch für Aufgabe 5 gelesen: Lies ein Buch einer deutschsprachigen Autorin.


BIBLIOGRAPHIE

Wie ein Flügelschlag | Coppenrath, 2012 | 9783649605669 | 288 Seiten | deutsch

Schreibe einen Kommentar

Privacy Policy Settings