“Die gestohlenen Stunden” von Sarah Maine

Bhalla House, einst herrschaftlicher Stammsitz der Familie, ist wenig mehr als eine Ruine, als Harriet Deveraux auf der entlegenen Insel in den schottischen Hebriden ankommt, um ihr Erbe anzutreten. Doch der verheerende Zustand des Gebäudes bleibt nicht die einzige Überraschung: Unter den morschen Bodendielen wird ein menschliches Skelett gefunden, daneben ein Medaillon mit einer Haarlocke und einer Feder. Die Frage, welches Schicksal sich hinter diesem Fund verbirgt, lässt Harriet nicht mehr los, und sie stößt auf eine tragische Geschichte von Liebe und Verrat. Eine Geschichte, die sich hundert Jahre zuvor hier ereignet hat, deren Schatten aber bis in Gegenwart reicht …


MEINE GEDANKEN

Vorweg: Hätte ich die deutsche Ausgabe dieses Buches im Laden ausliegen sehen, ich hätte ihr keinen zweiten Blick geschenkt. Ein Haus im Sonnenschein am Meer, im Vordergrund blühen fröhliche Blümchen. Das sieht für mich, gepaart mit dem Titel, nach fluffiger Liebesgeschichte aus und, obwohl daran natürlich nichts Falsches ist, ich lese es nicht gern. Diesen Roman aber habe ich gern gelesen.

Wie müsste das Cover aussehen, damit es zur Geschichte passt? Ein verfallenes, viktorianisches Herrenhaus unter dem grauen Himmel der schottischen Hebriden wäre ein Anfang gewesen, denn “Die gestohlenen Stunden” ist eine astreine gothic novel.

Hetty erbt Muirlan House (Bhalla House im Deutschen, ich weiß nicht, warum) nach dem Tod ihrer Großmutter und macht mit ihrem Freund Pläne, ein Hotel aus dem alten Herrenhaus im nördlichen Nirgendwo Schottlands zu machen. Doch, als sie dort ankommt, muss sie schnell einsehen, dass dieser Traum naiv war: Muirlan House ist zerfallen, es fehlen Teile des Daches, und ein Riss zieht sich durch die hintere Rückwand – Genau dort werden dann auch noch unter dem Holzboden versteckte menschliche Knochen gefunden.

Der Roman springt alle paar Kapitel zwisschen Hettys Perspektive im Jahr 2010 und der Perspektive von Beatrice Blake, die 1910 nach Muirlan House kommt, als sie den exzentrischen Maler Theo Blake heiratet, dessen atmosphärische Bilder der Insel ihn in Edinburgh berühmt gemacht haben.

Sarah Maine gelingt dieser Spagat zwischen der Gegenwart und den edwardianischen Jahren sehr gut. Hetty versucht zwar herauszufinden, zu wem die Knochen unter ihrem Haus gehörten, doch an sich sind Hettys und Beatrices Geschichten zwei verschiedene Geschichten, die sich jedoch immer um die Insel und ihre Geheimnisse drehen. Nach und nach kommen verschachtelte Antworten ans Licht, die manchmal erst viel später Sinn ergeben, wenn weitere Stücke des Puzzles hinzukommen.

Besonders beeindruckt haben mich die Spiegelungen, die Sarah Maine nutzt, um Antworten zu liefern. Manchmal scheinen sich Hetty und Beatrices Leben doch zu überlappen, obwohl sie hundert Jahre trennen und genau das erzeugt, zusammen mit den gekonnten Beschreibungen von Wetter, Meer und vor allem Seevögeln, für die Theo Blake eine Leidenschaft hatte, eine bedrückende Atmosphäre, die einen für rund 450 Seiten nicht mehr loslässt.

SEEVÖGEL UND GOTHIC TROPES

“Die gestohlenen Stunden” ist ein leiser Roman. Man darf hier auf keinen Fall große Action oder rasante Enthüllungen erwarten. Was man aber bekommt, ist die unverwechselbare Atmosphäre der schottischen Hebriden und einen Einblick in das Leben der Menschen dieser rauen Gegend über die letzten hundert Jahre.

Im Kern versteckt der Roman auch eine wichtige Botschaft, denn Beatrice und Hetty wird im Verlauf ihrer Zeit auf Muirlan Island immer deutlicher bewusst, wie sehr die Natur und die Tiere der Insel durch den Menschen bedroht sind. Muirlan House ist wie ein Störfaktor und steht, damals wie heute, für die Privilegien reicher Menschen wie Theo, die über das Schicksal von Orten wie Muirlan entscheiden und die ärmeren Bewohner ausnutzen. Theo tut das, indem er seine Pächter schlecht behandelt, doch auch Hetty wird sich bewusst, welche Macht sie als Besitzerin von Muirlan auch heute noch über die Inselbewohner hat.

Sarah Maine verarbeitet so viel hier: Nicht nur das Problem mit der Ausnutzung der Umwelt, auch feministische Themen, die ich ehrlich gesagt nicht erwartet hätte. Hettys Geschichte ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte: Hetty lernt sich durchzusetzen und findet heraus, was sie eigentlich will. Ich habe das gern gelesen, obwohl es mir oft ein bisschen “platt” vorkam. Wer Hettys neues Love Interest wird, war von vorn herein klar und ihr Freund Giles wirkt manchmal schon übertrieben versnobbt und egozentrisch.

Hier ist es Beatrices Geschichte, die wirklich betroffen macht. Sie ist Anfang zwanzig, Frau eines älteren Mannes, dessen zerstörerischer Charakter sie genauso gefangen hält, wie das einsam gelegene Muirlan House. Deshalb habe ich oben gesagt, “Die gestohlenen Stunden” wäre eine gothic novel: Beatrice will ausbrechen und ihre Rolle als untergeordnete Ehefrau im edwardianischen Großbritannien ist wunderbar authentisch und vor allem nachvollziehbar geschildert. Sie erkennt an, dass sie mehr Freiheiten besitzt, als die armen Bauern von Muirlan, doch sie ist trotzdem in den Konventionen ihrer Gesellschaft eingesperrt.

Theo hingegen ist ein komplexer, gut geschriebener Byron’scher Held, der zerstört, was er liebt – auch ausgedrückt durch seine geliebten Seevögel, die er tötet und ausstopft. Sarah Maine arbeitet hier mit sehr starken Symbolen, die mich hin und wieder sogar ein paar Tränen haben wegwischen lassen. In ihrer Darstellung von Natur als gleichzeitig schön und grausam oder bedrohlich hat mich ihr Debütroman sogar ein bisschen an “Loney” von Andrew Michael Hurley erinnert, das letztes Jahr ein Highlight für mich war.

Hin und wieder ist “Die gestohlenen Stunden” auch kitschig. Wer sich eine mitreißende Liebesgeschichte wünscht, wird hier auch bedient, doch die Liebesgeschichte ist tragisch und am Ende sehr viel mitreißender, als ich es erwartet hätte. Am Ende ist dieser Roman eher düster-romantisch. Sarah Maines Beschreibungen von grauem Meer, den rauen Hebriden und ihrer Natur, und natürlich von Muirlan House, das so erdrückend wirkt, sind ein bisschen verklärt, aber vor allem wunderbar zu lesen und lassen diese besondere Gegend mal wunderschön wirken, mal bedrohlich – Sie hat, genau wie das Haus, ein Eigenleben.

HUNDERT JAHRE, EIN GEHEIMNIS

Ein bisschen schade finde ich, dass der Roman ein paar Längen mitbringt. Dank Sarah Maines tollem Schreibstil lassen auch diese sich schnell lesen, doch manchmal habe ich mir schon gewünscht, dass es endlich weitergeht: Cameron Forbes, Theos Protegé, ist Mitglied der Arbeiterbewegung und über ihn stellt Sarah Maine die turbulenten 1910er und den Konflikt zwischen arm und reich auch sehr gut dar. Doch es gibt mehrere Szenen, in denen Cameron eigentlich dasselbe sagt und dieselbe Reaktion von seinem Umfeld erhält. Auch Beatrices lange Spaziergänge waren stimmungsvoll zu lesen, aber eben doch etwas wiederholend.

Das macht der Roman aber an anderen Enden vollkommen wett. “Die gestohlenen Stunden” verwebt die Jahre 1910 und 1911 gekonnt mit den Geschehnissen im Jahr 2010, aber auch mit Ereignissen aus den 1940ern.

Mehrere Zeitebenen einzubauen ohne den Faden zu verlieren ist wirklich kein Leichtes, doch Maine gelingt es wunderbar, die verschiedenen Zeitebenen zu nutzen um Spannung aufzubauen. Am Ende erfährt man, was aus den Figuren von 1910 wurde – auch, wenn man es teilweise lieber nicht gewusst hätte, und ich fand besonders schön, wie man gemeinsam mit Hetty ein Gespür für die Vergangenheit der Hebriden entwickelt und dafür, wie sie sich auf die Gegenwart auswirkt.

Am Ende wollte ich von “Die gestohlenen Stunden” eigentlich nur ein bisschen Unterhaltung für nebenbei. Bekommen habe ich eine wunderbar atmosphärische, leise Schauergeschichte, die durch treffsichere Beschreibungen von Meer, Stürmen, rauen Inseln und einem Herrenhaus mit dunkler Geschichte, sowie durch starke Symbolik und komplexe Figuren überzeugt. Ich habe ihn sehr gern gelesen und mir sofort Sarah Maines andere Romane, “Jenseits des breiten Flusses” und “Women of the Dunes” besorgt.

Der Vergleich mit Daphne du Maurier ist vielleicht etwas überzogen, kommt aber auch nicht von irgendwoher, denn Sarah Maine liefert mit “Die gestohlenen Stunden” eine mitreißende, überraschend düstere Familiengeschichte, die mir am Ende mit einer Auflösung, die ich nicht habe kommen sehen, sogar ein bisschen das Herz gebrochen hat. Wer leise, stimmungsvolle Geschichten voller Geheimnisse mag, der sollte sich Sarah Maines Romane mal genauer anschauen.


Für Fans von: Leisen Gothic-Romanen, Schottland und den Highlands, der rauen Atlantikküste und düsteren Familiengeschichten


BIBLIOGRAPHIE

Die gestohlenen Stunden | Goldmann, 2016 | 978-3442483426 | 448 Seiten | deutsch | Übersetzerin: Sonja Hauser | Britische OA: The House Between Tides, 2014

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