“Missing: Niemand sagt die ganze Wahrheit” von Claire Douglas

3. Mai 2019Katriona

Francesca und Sophie wachsen in einer verschlafenen Kleinstadt am Meer auf. Die beiden sind unzertrennlich, verbringen gemeinsame Abende mit ihrer Clique auf dem alten Pier, trinken Dosenbier und tanzen zu Madonna. Und sie erzählen einander alles. Doch dann verschwindet Sophie eines Nachts spurlos. Zurück bleiben nur ihr Turnschuh am Pier und die Frage nach dem Warum. Achtzehn Jahre später wird dort eine Leiche angespült, und Francesca weiß, dass sie nach Hause zurückkehren und endlich Antworten finden muss. Darauf, was in dieser Nacht wirklich geschah. Denn niemand verschwindet einfach so. Ohne eine Spur. Und vor allem nicht ohne Grund …


MEINE GEDANKEN

“Missing” war ein spontaner Coverkauf in einer kleinen Buchhandlung an der Nordsee. Ich war am Meer, ich wollte etwas lesen, das am Meer spielt und Claire Douglas’ Thriller erschien mir genau richtig. “Missing” spielt in der fiktiven südwestenglischen Küstenstadt Oldcliffe, in der vor achtzehn Jahren eine junge Frau verschwunden ist. Als ihre Überreste am Strand angespült werden, kehrt ihre beste Freundin Frankie nach Oldcliffe zurück, um endlich herauszufinden, was wirklich mit Sophie passiert ist.

Mich hat sofort das wunderbare Setting in seinen Bann gezogen: Eine Küstenstadt im Winter, das stürmische Meer, düstere, dunkle Tage… Claire Douglas beschreibt dieses Setting wunderbar atmosphärisch, sodass man das Gefühl bekommt, dass die Stadt selbst eine Bedrohung ist, besonders der alte viktorianische Pier, der verfallen und faulig ein trauriges Dasein fristet und von dem Sophie vor achtzehn Jahren gestürzt und ertrunken sein soll. Es gelingt Claire Douglas sehr gut, die beinahe schon unheimliche Atmosphäre von Küstenstädten außerhalb der Saison, wenn keine Touristen da sind, einzufangen.

DUNKLE GEHEIMNISSE & KOMPLEXE FIGUREN
[CW: Sexualisierte Gewalt]

Ganz generell ist “Missing” sehr britisch: Der Roman steckt irgendwo zwischen cozy crime und unheimlichem Psychothriller und es geht viel um die komplex ausgearbeiteten Figuren, deren dunkle Geheimnisse nach und nach alle ans Licht kommen. Darin hat mich der Roman stark an die Serie “Broadchurch” mit David Tennant und Olivia Colman erinnert und ich denke, Fans der Serie werden auch diesen Roman mögen, denn Claire Douglas kann genauso überzeugende Figuren, Geheimnisse und Wendungen schreiben, wie sie in der Serie vorkommen. Eins ist der Roman nicht: Vorhersehbar. Immer, wenn ich dachte, jetzt habe ich die Lösung, geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hätte.

Mir hat sehr gefallen, dass der Untertitel Programm ist: Niemand sagt die ganze Wahrheit. Alle Figuren, auch Ich-Erzählerin Frankie, verstecken etwas und Frankie ist sowieso eine Erzählerin, der man nicht zu sehr vertrauen darf. Sie vergisst gern Dinge, die ihr später wieder einfallen, oder verschweigt Sachen komplett, bis andere Figuren sie damit konfrontieren. Das hat für mich funktioniert, weil Frankie nicht zu den Leser.innen spricht, sondern den ganzen Roman über zu der toten Sophie. Sie erzählt praktisch Sophie, wie sie nach ihrem Mörder sucht, und, wenn sie Dinge auslässt, dann meistens Dinge, die Sophie wohl nicht gefallen hätten. Das fand ich genial.

Durchbrochen wird Frankies Stimme durch die von Sophie selbst: Es gibt immer wieder Auszüge aus dem Tagebuch, das sie kurz vor ihrem Tod im Jahr 1997 geführt hat, sodass man auch Sophies eigene Sicht auf alles erfährt, was mir gut gefallen hat. Sophies Tagebuch lässt einen auch Frankie besser verstehen. Frankie ist nicht unbedingt sympathisch: Sie ist die verwöhnte Tochter reicher Eltern und mit 39 dann selbst erfolgreiche Geschäftsfrau in London. Gut dargestellt fand ich ihre Bindungsängste, doch man bemerkt auch, dass sie recht selbstsüchtig wirkt und das kommt auch in Sophies Tagebuch vor. Genau wie alle Figuren sind Sophie und Frankie kompliziert und facettenreich.

Ohne zu viel zu verraten kann ich auch sagen, dass der Roman sich einigen wichtigen und aktuellen Thematiken annimmt, zum Beispiel, und hier würde ich auch unbedingt eine Triggerwarnung für den Roman setzen, sexualisierte Gewalt und den Umgang mit Überlebenden, beziehungsweise das Privileg einflussreicher Männer, mit ihren Taten davonzukommen. Das spielt besonders in der zweiten Hälfte des Romans eine große Rolle und ich fand es auch größtenteils sensibel umgesetzt. Es schwingen ein paar deutliche, wichtige Botschaften mit, die den Roman für mich am Ende neben dem atmosphärischen Setting, den spannenden Figuren und den manchmal richtig unheimlichen Geschehnissen sehr lesenswert gemacht haben.

STARKES SETTING, SCHWACHES ENDE

Leider blieb ich am Ende mit einigen Fragen zurück, die mich immer noch beschäftigen. Darauf kann ich nicht allzu sehr eingehen, da ich das Ende nicht verraten möchte, doch so viel kann ich sagen: Wenn man das Ende kennt, machen einige Handlungen und Aussagen der Figuren nicht mehr so viel Sinn. Es wirkt manchmal ein bisschen, als hätte Claire Douglas sich das Ende spontan überlegt, ohne alles, was davor passiert ist, daran anzupassen. Das finde ich sehr schade. Versteht mich nicht falsch, das Ende hat Wucht und es gibt ein tolles, spannendes Finale. Ich habe den ganzen Roman, 450 Seiten, an einem Tag gelesen, weil ich unbedingt wissen musste, was mit Sophie passiert ist und was ich noch alles über die Figuren erfahren werde.

Das alles hätte für mich jedoch noch viel besser funktionieren können, wenn es vorher mehr Hinweise gegeben hätte, beziehungsweise nicht Dinge passiert wären, die dem Ende widersprechen. Wäre das alles aufgegangen, hätte “Missing” glatt ein neues Lieblingsbuch werden können, denn die Mischung zwischen düster-gemütlichem Küstensetting und gruseligem Psychothriller geht voll auf.

Ein weiteres, kleines Problem hatte ich jedoch mit dem Schreibstil – oder vielleicht mit der Übersetzung? Denn teilweise liest sich die Sprache sehr altbacken, was ich weder für die 39-jährige hippe Geschäftsfrau Frankie angemessen fand, und schon gar nicht für die 21-jährige Sophie in ihrem Tagebuch. Dazu kommt, dass die deutsche Ausgabe ärgerlich viele Tippfehler beinhaltet. Das kreide ich weder Claire Douglas an, noch der Übersetzerin Ivana Marinovic, aber besonders gegen Ende sind mir alle paar Seiten Flüchtigkeitsfehler aufgefallen, was bei einem so guten Buch einfach schade ist, besonders, da der Rest der Aufmachung so gelungen ist: Das Cover ist einfach großartig und drückt die Atmosphäre des Romans gut aus.

Mein letzter Kritikpunkt ist, dass die einzige queere Figur, die erwähnt wird, natürlich einmal mehr tot ist. Ich konnte damit hier gut umgehen, da Claire Douglas mit der Queerness der Figur sensibel umgeht und ihr Tod auch nicht damit zusammenhängt. Allerdings verstehe ich, wenn Leser.innen das “Bury Your Gays”-Trope nicht mehr lesen möchten, weshalb ich es hier erwähne und ihr selbst abwägen könnt, ob das für euch ein Ausschlusskriterium ist.

Alles in allem hat mir “Missing” trotz dieser Probleme gut gefallen. Der Roman ist spannend und steckt voller unvorhergesehener Wendungen, das Setting ist atemberaubend atmosphärisch und wird beinahe schon cinematisch beschrieben, sodass man Oldcliffe vor sich sehen kann, die Figuren sind komplex und lassen einen Seite um Seite lesen, um herauszufinden, welche Geheimnisse sie alle miteinander verbinden. Der Schreibstil hat mir zwar nicht immer gefallen und ganz besonders am Ende war ich etwas enttäuscht, da nicht alle Auflösungen Sinn ergaben.

Insgesamt ist “Missing” jedoch ein spannender, sehr britischer, atmosphärischer Psychothriller, der gleichzeitig ein bisschen Cozy Crime mitbringt, und ich habe mir sofort Claire Douglas’ nächsten Roman “Still Alive” vorbestellt, der ebenfalls an der englischen Küste spielen wird und im Juli erscheint.


Weitere Meinungen:

KeJas-BlogBuch | 4 Sterne


Für Fans von: Britischen Thrillern, Broadchurch, düsterem Küstenwetter & etwas gemütlichem Grusel


BIBLIOGRAPHIE

Missing: Niemand sagt die ganze Wahrheit | Penguin, 2018 | 978-3-328-10169-7 | 448 Seiten | Übersetzerin: Ivana Marinovic | Britische OA: Local Girl Missing, 2016

Comments (8)

  • Janna | KeJas-BlogBuch

    3. Mai 2019 at 16:25

    Eine wundervolle Rezension! Würde ich die Geschichte nicht bereist kennen, hättest du mich definitiv angezuckert! Ich kann dir bei vielem zustimmen, war aber manches mal hin und her gerissen. Du fängst die Atmosphäre wundervoll ein und skizzierst gekonnt die Geschichte. Ich hatte das Hörbuch-Format und besonders dieser Wechsel der zwei Protagonistinnen stach dadurch gekonnt heraus. Ich mag die leisen Thriller aktuell eh viel lieber – es braucht kein Mord und Totschlag, wenn die psychologische Ebene gut eingearbeitet ist.

    Mukkelige Grüße!

    PS: Ich bitte um Kommi-Abo ;P

    1. Katriona

      3. Mai 2019 at 18:06

      Hi Janna! Danke. <3 Ja, ich lese auch leisere Thriller und Krimis sehr viel lieber und habe lieber spannende Figuren mit spannenden Beziehungen zueinander, als viel Action. Ich verlinke deine Rezension mal!

      Aaah, das Kommi-Abo ist ja wieder weg. :'D Das richte ich direkt neu ein!

  • Kate

    4. Mai 2019 at 08:23

    Hallöchen,
    ich habe gerade die Krimi-Abteilung in unserer Buchhandlung übernommen und bin dort auch auf “Missing” gestoßen. Dank deiner Rezension kann ich jetzt auch was dazu sagen, also vielen Dank dafür 🙂
    Die Atmosphäre wie du sie beschreibst, klingt wirklich großartig! Vielleicht lese ich mal rein.
    Liebste Grüße, Kate

    1. Janna | KeJas-BlogBuch

      5. Mai 2019 at 13:01

      Ah, da ist das Abo ja wieder *-*

      Dank dir fürs verlinken, aber meine Kurzmeinung loost wirklich ab neben deinen tollen Worten!

      Also wenn du Thriller-Tipps hast die intensiv und spannend, aber eher ruhig und psychologisch sind: heeer damit (=

      1. Janna | KeJas-BlogBuch

        5. Mai 2019 at 13:02

        Huch, ich glaub ich hab auf den falschen Kommi geantwortet?! 😀

        1. Katriona

          5. Mai 2019 at 17:36

          Passiert! 😀 Ich mag deine Kurzmeinung gern, sie bringt alles schön kompakt auf den Punkt. Was Thriller-Tipps angeht: https://stuermischeseiten.de/2017/10/19/die-kalten-wasser-von-donegal-von-andrea-carter/

          Ich habe bisher nur den ersten Band gelesen, aber der hat mir sehr gut gefallen. Ist auch eher ruhig und atmosphärisch.

          lG,

          Kat

          1. Janna | KeJas-BlogBuch

            8. Mai 2019 at 17:46

            Hoffe ich antworte richtig *lach

            Kompakt ja, aber auch in meinen Rezensionen bekomme ich es nicht so fein formuliert wie du <3

            Nun folge ich mal deinem Link!

    2. Katriona

      5. Mai 2019 at 17:34

      Hi Kate! Falls du etwas ruhigere Thriller magst, könnte das Buch dir vielleicht gefallen. <3

      lG,

      Kat

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