“Sea Witch” von Sarah Henning | Englisch

8. Mai 2019Katriona

Ever since her best friend Anna died, Evie has been an outcast in her small fishing town. Hiding her talents, mourning her loss, drowning in her guilt. Then a girl with an uncanny resemblance to Anna appears on the shore, and the two girls catch the eyes of two charming princes. Suddenly Evie feels like she might finally have a chance at her own happily ever after. But magic isn’t kind, and her new friend harbors secrets of her own. She can’t stay in Havnestad—or on two legs—without Evie’s help. And when Evie reaches deep into the power of her magic to save her friend’s humanity—and her prince’s heart—she discovers, too late, what she’s bargained away.


MEINE GEDANKEN

“Sea Witch” war eine der Neuerscheinungen 2018, auf die ich mich am meisten gefreut habe. Eine Entstehungsgeschichte für die böse Meerhexe aus Hans Christian Andersens “Die kleine Meerjungfrau”? Das klingt sehr gut. Auch das Cover lässt auf eine düstere, meersalzige Geschichte hoffen… Aber das ist “Sea Witch” nicht. Um es mit den Worten von Nadine zu sagen, mit der ich “Sea Witch” gemeinsam gehört habe: Der Roman ist eigentlich eine 380 Seiten lange Fanfiction zu Disneys “Arielle”. Und nichts ergibt Sinn.

Das beginnt direkt mit dem Setting: Der Roman spielt im fiktiven Königreich Havnestad (was ganz kreativ “Hafenstadt” bedeutet), in einem Dänemark, in dem ein fiktiver König regiert, der einen fiktiven Sohn hat, Prinz Niklas (Ja, lol), und dieser hat einen fiktiven Cousin, Inker, der von hinter dem real existierenden Øresund kommt, also aus Schweden, wo aber ebenfalls ein fiktiver König regiert, im fiktiven Königreich Rigeby Bay (Reichstadtbucht, kreativ). Trotzdem stammen alle aus dem realen dänischen Königshaus Oldenburg.

Havnestad ist ein kleines Königreich: Tatsächlich besteht es nur aus einem einzigen Dorf, Havnestad, das uns als kleines Fischerdorf beschrieben wird. Hier steht allerdings auch das prächtige Schloss der Königsfamilie. Mitten im Dorf. So weit, so verwirrend. Bis ich raushatte, wie ich das Setting zu verstehen habe (Ist Havnestad ein eigenes Königreich? Ist es ein Dorf in Dänemark? Wo ist König Frederick VII.?), verging das halbe Hörbuch und ganz sicher bin ich mir immer noch nicht. Wer jetzt den Verdacht hat, dass das alles sehr Disney ist und sehr wenig authentisches historisches Setting, der hat Recht.

WARUM WORLD BUILDING WICHTIG IST: EIN FALLBEISPIEL

Sarah Henning wollte anscheinend Disney und sie liefert amerikanisch-romantische Vorstellungen davon, wie Europa im 19. Jahrhundert aussah. Ye olde timey Europe halt, hübsche Bauernmädchen mit Blumen im Haar, wie bei Disney eben. Die Bewohner von Havnestad beten zu alten nordischen Göttern, besonders zu einer Urda (Urðr, bist du das?), obwohl Skandinavien zu diesem Zeitpunkt längst christlich war, und betreiben noch immer Hexenverfolgung. Es gibt Feste, auf denen daran erinnert wird, wie schlimm Hexen doch sind und Evie befürchtet, als Hexe verbrannt zu werden – im Jahr 1863, in der Nähe von Kopenhagen. Hexen werden in Havnestad auch auf bloßen Verdacht erschossen oder ertränkt.

Die Epoche ist generell schwer festzulegen, bis dann mal die Jahreszahl 1863 nebenbei fällt. Wie gesagt, es ist halt ye olden times, irgendwann früher, eigentlich egal, wann. Es ist alles so vage gehalten, dass es mich gelangweilt hat. Kleider sind einfach elegant oder schön, beschrieben werden sie nicht. Ähnliches gilt für Räume und andere Orte. Kopfkino ist nicht. Bis auf die Erwähnung der Jahreszahl und das “königliche Dampfschiff” ganz am Anfang hätte ich das Setting nicht festlegen können, denn auch die Figuren benehmen sich natürlich ganz vage “historisch”. Klischee jagt Klischee.

Evie lässt uns ständig wissen, dass sie arm ist und deshalb keine gesellschaftlichen Chancen hat. Sie ist aber die beste Freundin des Kronprinzen von Havnestad, ohne, dass das irgendwelche Folgen hat. Sie kann problemlos als Gast an Festen teilnehmen, die vom Hochadel ausgerichtet werden. Ihre Mutter, eine arme Fischerin, ist mal einfach so nach England gereist (Weshalb die Protagonistin Evelyn heißt, weil das dänische Evelina wohl nicht gut genug war). Soziale Grenzen existieren also nur, wenn der Plot es gerade mal braucht.

Das Setting erinnert außerdem unangenehm an diese Idee, dass Skandinavien ein weißes Wunderland ist. Es wird ständig erwähnt, dass alle Dänen blond und helläugig wären. Evies dunkle Haare werden damit erklärt, dass sie Halbitalienerin ist, was sie unter den hellhaarigen Dänen zu etwas besonderem machen soll. Als gäbe es keine dunkelhaarigen Skandinavier.innen. Als hätte es im 19. Jahrhundert keine dunkelhaarigen Skandinavier.innen gegeben. Mit Diversity muss man hier dann schon gar nicht rechnen, es gibt keine PoC, keine queeren Figuren, niemanden mit Beeinträchtigung, und zudem sind einfach alle blond, was die fehlende Diversity so auffällig macht.

Ein gut ausgearbeitetes High-Fantasy-Setting hätte mir mehr gegeben, als dieses pseudo-historische Dänemark, in dem 200 Jahre nach den letzten Hexenprozessen noch Hexen verbrannt werden und versucht wird, alles durch die Erwähnung von “typisch” skandinavischem Essen authentisch wirken zu lassen. “Sea Witch” liest sich sowieso wie reine High Fantasy. Die Erwähnung von Dänemark, Kopenhagen oder dem Königshaus Oldenburg reißt einen dann eher raus, weil es schwer ist, dieses fiktive Setting in einen real-historischen Hintergrund einzubetten. Das hat zumindest mein Kopf nicht lange mitgemacht, denn es passt vorne und hinten nicht.

LASS MICH MEINEN ZWEIMASTER ALLEIN SEGELN

Ich habe der Autorin auch einfach nicht abgenommen, wie verbunden die Leute von Havnestad mit dem Meer sind, denn sie kennen sich mit Seefahrt irgendwie gar nicht aus. Der König hat ein großes Dampfschiff, mit dem er random auf dem Øresund rumgurkt und Partys feiert. Das Schiff ist groß genug, um eine Tanzfläche für die vielen Gäste zu haben, es gibt aber nur ein einziges Besatzungsmitglied, der das Schiff lenkt. Generell werden große Schiffe immer nur von einer oder höchstens zwei Menschen gesegelt oder gerudert. Wo ist die Besatzung? Man kann Schoner und große Dampfschiffe nicht allein fahren, es geht einfach nicht.

So kommt auch Prinz Inker mit einem Schoner über den Øresund und ist das einzige Besatzungsmitglied. Jedenfalls wird sein Schiff durchgängig Schoner genannt, obwohl es nur einen Mast hat, während Schoner immer mehrmastig sind, aber egal. Um das ganze noch lächerlicher zu machen, springt er dann flink von seinem Schoner an Deck des königlichen Dampfschiffes und… macht sein Schiff mit einem Seil am Dampfschiff fest… anstatt den Anker zu setzen. So funktioniert das nicht, Freunde. Und ja, es ist Young Adult Fantasy, aber man darf von einem Roman, der das Meer und Seefahrt so in den Fokus rückt, ja wohl mehr erwarten. Was diesen Aspekt anging, hatte ich mehrmals unangenehme Flashbacks zu “Storm Sisters“.

Darüber hinaus, wenn es gerade nicht um Schiffe geht, hat mir Sarah Hennings Einbezug des Meeres als eine Art Lebewesen mit Bewusstsein eigentlich okay gefallen. Die Atmosphäre des Romans funktionierte immer dann, wenn es einfach mal ums Meer ging und nicht um (pseudo)historische Begebenheiten. Ich mochte das Auftauchen der rätselhaften Annemette aus dem Meer, ich mochte die Geschichten rund um die Walfänger und die Bedeutung von Walen und Fischerei für Havnestadt – Ich mochte übrigens nicht, dass die Walfänger nur drei Wochen unterwegs waren und der blutige, grausame, gefährliche Walfang von Evie komplett romantisiert wird. Das war uncool.

Das Ding ist, zwei Sachen hätten das Setting von “Sea Witch” zumindest halbwegs funktionieren lassen: 1. Eine komplett fiktive High-Fantasy-Welt, 2. Ein besseres Verständnis dafür, wie Seefahrt tatsächlich funktioniert. Aber so, wie es ist…

WENIG MEERJUNGFRAU, VIEL DISNEY

Leider macht die Geschichte das alles auch nicht wett, denn sie besteht zu 90% aus Füllmaterial. Es gibt ständig Partys, Feste, Treffen am Strand, “romantische” Dialoge – Was fehlt ist Plot. Und das bisschen Plot, das da ist, wird kaum genutzt und ist voller Logikbrüche und laschen Tropes: Immer, wenn die Figuren Informationen brauchen, finden sie zufällig ein Buch, das irgendjemand rumfliegen hat, und können alles bequem nachlesen. Das passiert nicht einmal, sondern wirklich immer, wenn jemand etwas herausfinden muss. Sogar der Meereskönig hat unter Wasser Bücher, in denen man genau das nachlesen kann, was man gerade wissen muss. Ich weiß nicht, wie man unter Wasser Tagebuch führt. Magie?

Ja, auch das Magiesystem hat mich schwer enttäuscht, denn es gibt keines. Es werden ein paar dänische Wörter geflüstert und zack, Magie kann alles. Sie hat keine Grenzen und die wenigen Regeln, die es gibt, werden ständig problemlos gebrochen. Spannend geht anders. Natürlich kann Magie immer genau dann doch nicht alles, wenn sie wirklich gebraucht wird. Dann funktionieren plötzlich Dinge nicht, die vorher schonmal funktioniert haben. Das ist sehr vorhersehbar und sehr frustrierend. Am Ende wird jedoch sowieso viel mehr geflirtet, gestritten und sich missverstanden, als Magie angewendet.

Da ist noch so viel, das ich erwähnen könnte… Prinz Inker fährt mit den Walfängern raus, obwohl immer darauf bestanden wird, wie wertvoll das Leben eines Thronfolgers ist. Wieso darf er das dann? Er wird außerdem mit seinen achtzehn Jahren als erfahrener, weit gereister Seemann beschrieben. Als ob. Mette denkt sich einfach einen hohen Adelstitel aus (Friherrinde, also Comtesse) und die Königsfamilie nimmt ihr das einfach ab und lässt sie im Palast wohnen. Wäre es so einfach gewesen, mehr Leute hätten sich als Adelige ausgegeben. Es wird in den schweren Krinolinenkleidern der 1860er gerannt und sogar geschwommen, was so nicht möglich gewesen wäre.

In solchen Kleidern toben Evie und Mette durch Havnestad – Einfach nein. | Kleid, ca. 1869, Met Museum

Ich hatte generell etwas anderes erwartet, denn wer wirklich eine düstere Art Origin Story der bösen Meerhexe aus “Die kleine Meerjungfrau” erwartet, so wie die gesamte Aufmachung des Romans es andeutet, wird herb enttäuscht werden. “Sea Witch” ist die Geschichte einer sozialen Außenseiterin (die trotzdem enge Bindung zum Königshaus hat, was das stark untergräbt), die den Tod ihrer besten Freundin Anna betrauert und zwischen zwei Jungen steht, Prinz Nik und Prinz Inker (Wie alle sozialen Außenseiterinnen erfährt sie natürlich gleich von zwei Adeligen große Aufmerksamkeit). Als die rätselhafte Annemette auftaucht, die Anna zum Verwechseln ähnlich sieht, nimmt das Unheil so mehr oder weniger seinen Lauf.

Als High Fantasy, oder als weniger willkürlich “alternativer” historischer Roman, hätte “Sea Witch” halbwegs funktionieren können. Besonders der Schreibstil und die atmosphärischen Beschreibungen vom Meer und vom Leben mit dem Meer in einem Küstendorf sind ganz gelungen. Das reicht aber eben einfach leider nicht. Dazu kommt, dass es wirkt, als sei Henning in ihrer eigenen Geschichte hin und wieder verloren. Viele von Evies Handlungen und Entscheidungen ergeben leider nicht viel Sinn und das Storytelling ist lasch und voller Logikbrüche, einige dramatische Szenen sind so umständlich geschrieben, dass sie lächerlich wirken, diese magische Welt hat keine Regeln. Sachen passieren halt, auch, wenn sie unwahrscheinlich sind, weil sie passieren müssen, damit es weitergeht.

Ich weiß nicht, warum ich den Roman nicht abgebrochen habe, ehrlich gesagt. Vielleicht, weil er als YA-Fantasy doch irgendwie unterhaltsam war. Vielleicht, weil ich ihn mit Nadine gemeinsam gehört habe und ihre Kommentare mich durchgezogen haben. Empfehlen würde ich den Roman jedoch nicht. Er ist weder gute historische Fiktion, noch gute Fantasy, noch eine gute Neuerzählung von “Die kleine Meerjungfrau”, noch eine würdige Entstehungsgeschichte für die böse Meerhexe. Er ist am Ende sehr durchschnittliche YA-Fantasy mit einem historischen Setting, das flachfällt. Er ist durch und durch Disney und wer das mag, der könnte vielleicht Freude an diesem Buch finden.


BIBLIOGRAPHIE 

Sea Witch | Sea Witch #1 | Katherine Tegen Books, 2018 | 9780062438805 | 384 Seiten | Englisch

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